Die Hymnen des Rigveda, Bd. I: Metrische und textgeschichtliche Prolegomena c7.s1: Der Abhinihita Sandhi
Die Hymnen des Rigveda, Bd. I: Metrische und textgeschichtliche Prolegomena c7.s1
- Language
- German
Der Abhinihita Sandhi
c7.s1.1
Für die bezeichnete Aufgabe scheint mir zunächst eine Gruppe von Erscheinungen überaus lehrreich zu sein, bei der fast überall die Metrik mit Sicherheit zeigt, welches die wahre Gestalt einer jeden Stelle ist: die Behandlung von auslautendem e und o (resp. as) und folgendem anlautendem a. Die Ueberlieferung lässt bekanntlich in der einen Reihe von Fällen den Abhinihita Sandhi eintreten: die Verschmelzung des a mit dem e resp. o; in der andern Reihe von Fällen bleiben die Vocale unverändert neben einander bestehen. Dass auch in der ursprünglichen Gestalt des Textes beide Möglichkeiten¹ ihr Recht haben, zeigt die Metrik. Für die Beurtheilung nun der Ueberlieferung ist es wichtig zu verfolgen, wie weit es der Diaskeuase gelungen ist, die beiden Fälle richtig gegen einander abzugrenzen. Ich habe zur Veranschaulichung der betreffenden Verhältnisse die Stellen von X, 90 bis zum Ende des zehnten Maṇḍala gesammelt²). Dabei stellte sich zunächst heraus, dass zwischen der wahren Natur der betreffenden Fälle und der Gestalt, welche sie in der Ueberlieferung zeigen, ein weitgehender Zusammenhang in der That vorhanden ist. Beispielsweise ist in X, 90 überliefert Vers 3 pâdosya, 4 pâdosya, 12 brâhmaṇosya, aber 6 vasanto asya, 5 virâjo adhi u. s. w., und Fall für Fall bestätigt das Metrum die betreffende Schreibung: so kann eine gewisse Tendenz der Diaskeuase, an den einzelnen Stellen die durch ihre ursprüngliche Natur geforderte Behandlung festzuhalten, nicht verkannt werden. Im Ganzen habe ich in den bezeichneten Abschnitten gezählt:
c7.s1.2
¹ Wir verstehen dieselben hier nur nach ihrer ganz ungefähren Natur: d. h. wir sprechen, wo beide Sylben bestehen bleiben, von e + a, o + a, und haben es an dieser Stelle noch nicht damit zu thun, was die genaue Natur der ersten, hier kurzweg durch e resp. o ausgedrückten Sylbe ist.
c7.s1.3
² Uebergangen wurden dabei die Fälle, wo die beiden Vocale am Ende und Anfang zweier Pâdas zusammentreffen. Hier findet in Wirklichkeit nie, in der Ueberlieferung — wenn kein Avasâna steht — immer der Sandhi statt (Prâtiṣ. 138). Diese für sich gesondert dastehende, auf einer handgreiflichen Diaskeuastenschrulle beruhende Textentstellung durfte in der vorliegenden Erörterung bei Seite gelassen werden.
c7.s1.4
1) Fälle, wo der Abhinihita Sandhi von der Ueberlieferung richtig gesetzt ist: 19.
2) Fälle, wo der Sandhi richtig nicht gesetzt ist: 211.
3) Unrichtiges Setzen des Sandhi: 22.
4) Unrichtiges Nichtsetzen des Sandhi: 1.
c7.s1.5
Die Diaskeuase hat also alle Fälle, in welchen der Sandhi eintreten muss, bis auf einen einzigen (X, 108, 5), richtig erkannt, oder vielleicht sagen wir besser, richtig gekannt. Sie setzt ihn nur ausserdem in einer Anzahl von Fällen, wo er nicht hingehört. Dies sind die folgenden — wir ordnen sie nach Gruppen, deren Bedeutung gleich klar werden wird:
c7.s1.6
| (I). | (II). |
| X, 94, 4 kroṣantovidan | X, 95, 6 añjayoruṇayo |
| 99, 4 yahvyovanîr | 115, 9 ṛishayovocan |
| 101, 1 indrâvatovase | 126, 4 supranîtayoti |
| 102, 1 indrovatu | 126, 5 svastayeti |
| — nova | 95, 5 purûravonu |
| 107, 11 devâsovatâ | 100, 9 vasavostu |
| 109, 1 tevadan | 185, 1 avostu. |
| 113, 7 tamova | |
| 120, 7 dadhishevaram | (III). |
| 171, 2 ṣirova | X, 95, 5 mevyatyai |
| 177, 2 gandharvovadat | 99, 8 ṣyenoyopâṣṭir |
| 182, 2 novatu. | 181, 3 tevindan. |
c7.s1.7
Vergleicht man diese Fälle unter einander und mit dem Prâtiṣâkhya, so wird es klar, woher der Irrthum stammt.
c7.s1.8
In der ersten Gruppe von Fällen folgt auf das o oder e, hinter welchem ein a geschwunden ist, stets ein v und dahinter eine kurze Sylbe. In der zweiten Gruppe geht dem geschwundenen a eine der Sylben -ayo, -aye, -avo voran. Für beide Fälle schreibt das Prâtiśâkhya (139. 141) ausdrücklich den Abhinihita Sandhi vor. Hier ist also die richtige Abgrenzung der Fälle mit und ohne den Sandhi durch ein Dogma gestört — die Entstehung desselben festzustellen ist mir nicht gelungen — welches von den Ordnern des Saṃhitâpâtha ohne Rücksicht auf das Metrum dem Text aufgezwungen worden ist. Dem Prâtiśâkhya sind nicht nur die Fälle, in welchen diese unzutreffende Regel angewandt ist, sondern es ist ihm auch diese letztere selbst bekannt. Neben jenen Fällen, 19 an der Zahl, bleiben dann nur die drei übrig, welche unsre dritte Gruppe bilden: hier liegen vereinzelte, soviel ich sehe auf kein Princip zurückführbare Fehler vor (Prâtiś. 144, 4. 6; 151, 7). Weitere Fälle derartiger Fehler aus allen Theilen des Ṛigveda findet man unter den im Prâtiśâkhya 142 fgg. aufgeführten Stellen.
c7.s1.9
Man wird diese Discussion des Ueberlieferten und seiner Fehler in Bezug auf einen Punct, wo wir unsrerseits ohne Weiteres das Ursprüngliche herzustellen im Stande sind, nicht überflüssig finden: je weniger wir eben an dieser Stelle auf die Ueberlieferung angewiesen sind, um zum echten Text zu gelangen, um so viel sicherer können wir uns gerade hier einen Maassstab über die Zuverlässigkeit dieser Ueberlieferung bilden, wie wir ihn für andre, fraglichere Puncte der Textbehandlung nothwendig bedürfen. Die Kritik der Tradition aber, die wir hier angestellt haben, führt uns auf folgendes Urtheil: Im Grossen und Ganzen hält die Tradition das Richtige fest; sie müsste, wenn wir sie als solche nöthig hätten, als brauchbare Führerin bei der Aufsuchung desselben anerkannt werden. Ihre Mängel beruhen vornehmlich auf der Annahme einiger willkürlich erfundenen Grundsätze, nach denen der Text gewaltsam umgedemodelt ist. Diese Grundsätze müssten uns, als jeder denkbaren Ratio entbehrend, schon an sich verdächtig sein, auch wenn wir die Fehler, mit welchen der Text durch sie belastet wird, nicht vermittelst des Metrums als solche erweisen könnten. Es hat sich gefunden, dass das Prâtiśâkhya von jenen Grundsätzen der Diaskeuase, die in den Augen Śaunaka’s natürliche wirkliche, für den Vedatext geltende Gesetze sind, richtige Kenntniss besitzt. Endlich hat sich gefunden, dass neben jenen systematischen Entstellungen in der Ueberlieferung eine kleine Reihe einzelner Fehler übrig bleibt, deren Vorhandensein als ein nicht weiter erklärliches Factum hingenommen werden muss, und bei denen es, wie man sieht, schlechterdings keinen Sinn haben würde, eben ihre Unerklärlichkeit als ein Indicium positiver, für die Kritik unantastbarer Berechtigung zu behandeln¹).
c7.s1.10
¹ So würde es, um den hier gewonnenen Maassstab auf einige andre Fälle anzuwenden, verfehlt sein, nach dem Grund zu suchen, aus dem IX, 107, 1 (Prât. 334) parîto shiñcata, oder X, 63, 5 (Pr. 177) maho âdityân, oder VII, 33, 3 (Pr. 176) tatâreva (= tatâra eva), oder VIII, 9, 9 (Pr. 177) aṣvineva (= aṣvinâ eva) geschrieben ist. Solche Dinge gehören in das Gebiet des schlechthin Irrationellen, das, wer sich mit dem überlieferten Text beschäftigt, einfach hinzunehmen, wer nach dem ursprünglichen Text forscht, aller Wahrscheinlichkeit nach einfach zu corrigiren hat. Die beiden letzten der angeführten Fälle sind übrigens besonders characteristisch. Die anomale Contraction reicht hier über das Pâdaende hinüber; wir sehen also, dass auch bei Erscheinungen, die so sicher ursprünglich sind, wie der Sandhi an der Pâdagrenze, derartige Anomalien sich finden: ein deutliches Zeichen, wie verfehlt es wäre, denselben irgend welche historische Bedeutung beizumessen.
c7.s1.11
Freilich darf die Möglichkeit nicht ganz ausser Augen gelassen werden, dass die Ueberlieferung eben in dem hier besprochenen Puncte besser ist als im Durchschnitt, weil hier das Metrum besonders wesentlich dazu beitragen konnte, Fehler zu verhüten. In der That möchte ich meinen, dass wenigstens für die ältere Phase der Tradition, als das Bewusstsein des Metrums noch lebendiger war, diese Möglichkeit nicht unzutreffend ist; anders dürfte in Bezug auf die spätere Diaskeuase zu urtheilen sein, da diese bekanntlich durch eine überaus geringe Beachtung des Versmaasses characterisirt wird. —
c7.s1.12
Wir gehen nun zu weiteren Gruppen von Fällen über, in denen wir die Ueberlieferung des vedischen Lautbestandes prüfen und die Regeln oder Gewohnheiten, welchen die Träger dieser Ueberlieferung gefolgt sind, kennen lernen wollen.
Linked texts (2)
- Ṛgvedasaṃhitā — Sanskrit
- Ṛgvedaprātiśākhya — Śaunaka, Sanskrit