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Die Hymnen des Rigveda, Bd. I: Metrische und textgeschichtliche Prolegomena c8.5

Die Hymnen des Rigveda, Bd. I: Metrische und textgeschichtliche Prolegomena c8.5

Language
German

c8.5.1

In Max Müller's Darstellung der vedischen Literaturgeschichte wird von allen Spaltungen der vedischen Schulen diejenige der Śâkalas und Vâshkalas als die älteste hingestellt (H. A. S. L. 188. 376): nachdem sie bestand, sei erst in zweiter Linie die Bildung von Brâhmaṇaschulen wie der Aitareyiṇas, der Kaushîtakinas hinzugetreten. Ich bezweifle die Richtigkeit dieser Auffassung. Schon oben wurden in Bezug auf die Textgeschichte des Ṛigveda und insbesondere auf die Rolle des Śâkalya in derselben eine Reihe von Erwägungen vorgelegt, durch welche die grosse lautliche Durcharbeitung des Hymnentextes und vollends die jene Durcharbeitung voraussetzende Thätigkeit des Śâkalya vielmehr hinter die Brâhmaṇazeit als in oder gar vor dieselbe gerückt zu werden schien. Wenn auch über Vâshkala, das Haupt der andern Rikschule, kein ähnlicher Reichthum von Zeugnissen vorliegt wie über Śâkalya, so weist es doch auf eine von Śâkalya nicht sehr weit entfernte literargeschichtliche Stellung desselben hin, wenn die Vâshkalas als mit der Theorie des Sandhi beschäftigt erwähnt werden: der bei Śânkhâyana Śraut. XII, 3 genannte Upadruta-Sandhi wird erklärt als upadruto nâma sandhir Vâshkalânâm prasiddhaḥ (Ind. Studien IV, 231). Werfen wir ferner einen Blick auf die parallelen Śâkhâspaltungen auf dem Gebiet andrer Veden, so liefert diese Vergleichung weitere Stützen für unsre Ansicht von der Entstehungszeit der Śâkala- und Vâshkalaśâkhâ.

c8.5.2

Wie nicht erst bewiesen zu werden braucht, ist das was wir auf dem Yajurveda-Gebiet mit der Spaltung der Śâkalas und Vâshkalas zu parallelisiren haben, nicht etwa der Gegensatz der Taittirîyas, Vâjasaneyins etc., sondern vielmehr Spaltungen wie die der Kânvas und Mâdhyandinas im weissen Yv., der Âpastamba- und Âtreyaschule unter den Taittirîyas. Durchweg finden wir uns bei den Namen der Schulhäupter, nach welchen diese Śâkhâs benannt sind, auf dasselbe Zeitalter der phonetischen, schliesslich in den Prâtiśâkhyen niedergelegten Speculationen hingewiesen, dem auch Śâkalya angehört. Wie Śâkalya einen Padapâtha zum Ṛigveda, so hat nach bekannten Zeugnissen Âtreya, das Haupt der einen Taittirîyaschule, einen Padapâtha zur Taitt. Saṃhitâ verfasst. Kânva, der doctor eponymus der einen Śâkhâ des weissen Yajurveda, erscheint unter den im Vâj. Prâtiśâkhya genannten Autoritäten über phonetische Fragen (Ind. Studien IV, 70). Also durchweg treten als Urheber der Textrecensionen dieser Stufe — ich denke hier natürlich nicht an jene Recensionen, die vielmehr einen andern Veda als eine andre Recension desselben Veda bedeuten (die Vâjasaneyinas gegenüber den Taittirîyas etc.) — keineswegs rishiartige Persönlichkeiten ferner Vorzeit auf, sondern Grammatiker, die demselben Stratum der literaturgeschichtlichen Ueberlieferung angehören wie Śâkalya. Sehr deutlich ergiebt sich auch die wahre Stellung der Epoche, welche die Heimath der Śâkhâspaltungen gewesen ist, wenn wir z. B.

c8.5.3

auf dem Gebiet des weissen Yajurveda verfolgen, welche Texte von der Śâkhâtheilung der Mâdhyandinas und der Kânvas ergriffen worden sind und welche nicht. Die Saṃhitâ des weissen Yajurveda ist es nicht allein, in welcher die Spaltung der Kânvas und Mâdhyandinas zur Erscheinung kommt, sondern bekanntlich ganz ebenso das Śatapatha Brâhmaṇa. Und als das Erwachen der pantheistischen Speculation zur Entstehung der Upanishaden geführt hatte und das Textcorpus der weissen Yajusschule mit einer Upanishad, die man der Saṃhitâ (XL), und einer, die man dem Brâhmaṇa (XIV, 3 fgg.) zutheilte, ausgestattet worden war, fanden die Urheber der Mâdhyandina- und der Kâṇvaschule auch diese Texte vor, so dass dieselben ebenso wie die alten Theile der Saṃhitâ und des Brâhmaṇa von den Differenzen jener Schulen betroffen worden sind. Die Taittirîyas und die Vâjasaneyins besassen als Upanishaden zwei fundamental verschiedene Texte: denn die Spaltung der Taittirîyas und der Vâjasaneyins ist älter als die Entstehung der Upanishaden. Dagegen die Kâṇvas und die Mâdhyandinas besassen als Upanishaden zwei Redactionen derselben Texte: denn die Spaltung der Kâṇvas und der Mâdhyandinas ist jünger als die Entstehung der Upanishaden. — In der Literatur des Ṛigveda lag, als die Upanishaden verfasst wurden, die Spaltung der Aitareyins und Kaushîtakins bereits vor, und so haben sich in diesen beiden Schulen zwei wesentlich von einander verschiedene Upanishaden entwickelt.

c8.5.4

Dass hier andrerseits nicht, wie die analogen Verhältnisse des weissen Yajus erwarten lassen könnten, eine Śâkala- und eine Vâshkalarecension von Brâhmaṇa oder Upanishad entstand, hat offenbar seinen Grund eben darin, dass hier — anders als im weissen Yajurveda — auf der Basis einer und derselben Saṃhitâ eine Mehrheit von Brâhmaṇas resp. Upanishaden da war. So kam es, dass, als sich verschiedene Textrecensionen jener Saṃhitâ fixirten, sich nicht die gleiche Differenz in einem Brâhmaṇa und einer Upanishad ¹ fortsetzte, sondern die Anhänger der einen Saṃhitâśâkhâ sich diesem, die der andern sich jenem Brâhmaṇa — entsprechend bei den Upanishaden — zuwandten: wobei natürlich nicht ausgeschlossen war, dass die Upanishaden auch noch nach der Bildung jener Śâkhâs Erweiterungen aufnehmen konnten, wie dies bei dem Abschnitt von den »Saṃhitâs« wegen der dort sich findenden häufigen Nennungen des Śâkalya (oben S. 380) angenommen werden muss.