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Die Hymnen des Rigveda, Bd. I: Metrische und textgeschichtliche Prolegomena c9.16

Die Hymnen des Rigveda, Bd. I: Metrische und textgeschichtliche Prolegomena c9.16

Language
German

c9.16

Neben der Ueberlieferungslinie, welche auf unsre Saṃhitâ des Rigveda geführt hat, soll eine andere dagewesen sein, welche »der Opfertradition ihre Begründung und Erhaltung verdankte«. Dass diese Opferform der Hymnen unsrer Saṃhitâ durchaus entsprach, ist nach Hillebrandt nicht anzunehmen, »weil die Saṃhitâ wegen mancher sehr wenig ritueller Bestandtheile gewiss nicht redigirt worden ist auf Grund des bei den Opfern verwendeten Liedermaterials, andrerseits aber die bei den Opfern vorkommenden Hymnen nicht erst der Redaction in den Saṃhitâ’s bedurften, um in den Ritus eingefügt zu werden«. Dem ersten Theil dieser Aufstellung wird nicht leicht widersprochen werden. Unsre Saṃhitâ anzusehen als auf Grund rein liturgischer Agenden redigirt wäre in der That nicht viel weniger absurd, als wenn man etwa das Neue Testament für compilirt aus den sonntäglichen Evangelien und Episteln halten wollte. Aber was eigentlich besagt der zweite Theil jenes Hillebrandt’schen Satzes? Die beim Opfer zu verwendenden Hymnen bedurften dazu nicht erst der Aufnahme in eine Saṃhitâ wie die uns vorliegende? Man würde kaum den Ausdruck brauchen wollen, dass die sonntäglichen Bibellectionen zu ihrer gottesdienstlichen Geltung »nicht erst der Redaction im N. Test. bedurften«. Denkbar wären literargeschichtliche Hergänge wohl gewesen, welche die Entstehung des Opferrituals sammt allen dabei verwandten Texten ermöglicht hätten, ohne dass eine Saṃhitâ wie die überlieferte in’s Spiel gekommen wäre. Bedurft hätte das Opferritual also diese Saṃhitâ vielleicht nicht. Aber das ist nicht die Richtung, in der sich unsre Fragen zu bewegen haben. Sondern wir müssen fragen: hat die Annahme Gewissheit oder Wahrscheinlichkeit, dass bei dem Gang, den die vedische Literatur und Liturgik tatsächlich genommen hat, unsre Saṃhitâ — oder doch eine im Wesentlichen mit ihr identische — der Anordnung der Opferliturgien zu Grunde lag, so dass Saṃhitâ und liturgische Tradition nicht, wie bei Hillebrandt, zwei parallele Linien darstellen würden, sondern jene das prius, diese das posterius war?