Geschichte der indischen Litteratur v1.c7.s2.27
Geschichte der indischen Litteratur v1.c7.s2.27
- Language
- German
v1.c7.s2.27
Das Wenige, was bis zum Jahre 1830 vom Veda bekannt war, beschränkte sich auf kärgliche und ungenaue Angaben bei den älteren Schriftstellern über Indien. Die ersten zuverlässigen Mitteilungen gab Colebrooke in der schon erwähnten Abhandlung über die Vedas (1805)²). Verhältnismäſsig am meisten wuſste man noch von den Upaniṣads, den zum Veda gehörigen philosophischen Abhandlungen. Diese Upaniṣads wurden nämlich im siebzehnten Jahrhundert von dem Bruder Aurengzebs, dem unglücklichen Prinzen Mohammed Dara Schakoh¹), dem Sohn des Groſsmoguls Schah Dschehan, ins Persische übersetzt. Aus dem Persischen hat sie am Anfange des neunzehnten Jahrhunderts der französische Gelehrte Anquetil Duperron unter dem Titel »Oupnek'hat«²) ins Lateinische übersetzt. So unvollkommen und von Miſsverständnissen voll auch die lateinische Übersetzung war, so ist sie doch für die Geschichte der Wissenschaft dadurch von Wichtigkeit geworden, daſs die deutschen Philosophen Schelling und insbesondere Schopenhauer sich auf Grund derselben für die indische Philosophie begeisterten. Nicht die Upaniṣads, wie wir sie mit allen uns heute zu Gebote stehenden Mitteln der indischen Philologie und unserer genaueren Kenntnis der ganzen Philosophie der Inder verstehen und erklären, sondern das »Oupnek'hat«, die ganz und gar unvollkommene persisch-lateinische Übersetzung des Anquetil Duperron war es, welche Schopenhauer für »die Ausgeburt der höchsten menschlichen Weisheit« erklärte. Und um dieselbe Zeit, als in Deutschland Schopenhauer in die Upaniṣads der Inder seine eigenen philosophischen Gedanken mehr hineindachte, als er sie herauszulesen vermochte, lebte in Indien einer der weisesten und edelsten Männer, welche dieses Land hervorgebracht hat, Rāmmohun Roy, der Begründer der »Brahmo Samāj« (einer neuen Sekte, welche das Beste der Religionen Europas mit dem Glauben der Hindus zu vereinigen suchte), — ein Inder, der aus denselben Upaniṣads den reinsten Gottesglauben herauslas und aus denselben seinen Landsleuten zu beweisen suchte, daſs zwar der Götzendienst der jetzigen indischen Religionen verwerflich sei, daſs aber die Inder darum doch nicht das Christentum anzunehmen brauchten, sondern in ihren heiligen Schriften, in den alten Vedas, wenn sie dieselben nur verstünden, eine reine Gotteslehre finden könnten. Mit der Absicht, diese neue, wenngleich schon in den alten heiligen Schriften enthaltene Lehre zu verkünden und durch die von ihm begründete Sekte, der Brahmo Samāj oder der »Kirche Gottes«, verbreiten zu lassen, und zugleich in der Absicht, den von ihm hochgeschätzten christlichen Theologen und Missionären zu beweisen, daſs das Beste von dem, was sie lehrten, schon in den Upaniṣads enthalten sei, übersetzte er in den Jahren 1816—1819 eine gröſsere Anzahl von Upaniṣads ins Englische und gab einige derselben im Urtexte heraus¹).
Cites (3)
- Veda — Sanskrit
- Upaniṣad — Sanskrit
- Upanishads — Sanskrit