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Geschichte der indischen Litteratur v1.c7.s2: Die Anfänge des Studiums der indischen Litteratur in Europa

Geschichte der indischen Litteratur v1.c7.s2

Language
German

Die Anfänge des Studiums der indischen Litteratur in Europa

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Die ungeheure Masse von indischen Litteraturwerken, die heute kaum mehr von einem Forscher zu übersehen ist, ist erst im Laufe von wenig mehr als hundert Jahren der Forschung zugänglich gemacht worden.

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Wohl haben sich schon im siebzehnten und noch mehr im achtzehnten Jahrhundert einzelne Reisende und Missionäre eine gewisse Kenntnis indischer Sprachen angeeignet und sich mit einem oder dem anderen Werk der indischen Litteratur bekannt gemacht. Aber ihre Anregungen sind nicht auf fruchtbaren Boden gefallen. So berichtete im Jahre 1651 der Holländer Abraham Roger, der als Prediger in Paliacatta (Puliat) nördlich von Madras gelebt hatte, in seinem Werk »Offene Thür zu dem verborgenen Heidentum«¹ über die alte brahmanische Litteratur der Inder und veröffentlichte einige von einem Brahmanen für ihn ins Portugiesische übersetzte Sprüche des Bhartṛhari, aus denen später Herder für seine »Stimmen der Völker in Liedern« schöpfte. Im Jahre 1699 ging der Jesuit Pater Johann Ernst Hanxleden nach Indien und wirkte dort über dreißig Jahre in der malabarischen Mission. Er bediente sich selber indischer Sprachen, und seine »Grammatica Granthamia seu Samscrdumica« war die erste Sanskritgrammatik, die ein Europäer geschrieben hat. Sie ist nie gedruckt worden, wurde aber von Fra Paolino de St. Bartholomeo benutzt. Dieser Fra Paolino — ein österreichischer Karmelit, dessen eigentlicher Name J. Ph. Wessdin war — ist unstreitig der bedeutendste unter den Missionären, welche an der frühesten Erschliessung der indischen Litteratur arbeiteten. Er war von 1776—1789 Missionar an der Küste von Malabar und starb im Jahre 1805 in Rom. Er schrieb zwei Sanskritgrammatiken und mehrere gelehrte Abhandlungen und Bücher. Sein »Systema Brahmanicum« (Rom 1792) und seine »Reise nach Ostindien« (deutsch von J. R. Forster. Berlin 1798) beweisen eine groſse Kenntnis von Indien und der brahmanischen Litteratur, sowie ein eingehendes Studium der indischen Sprachen und insbesondere des indischen Religionswesens. Doch hat auch sein Wirken nur geringe Spuren hinterlassen.

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¹ Das Werk erschien holländisch 1651 und in deutscher Übersetzung in Nürnberg 1663.

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Um dieselbe Zeit aber hatten auch bereits die Engländer begonnen, sich um die Sprache und Litteratur der Inder zu kümmern. Kein Geringerer als Warren Hastings, der eigentliche Begründer der englischen Herrschaft in Indien, war es, von dem die erste fruchtbare Anregung zu einem seither nie wieder unterbrochenen Studium der indischen Litteratur ausging. Er hatte erkannt, was die Engländer seitdem nie vergessen haben, daſs die Herrschaft Englands in Indien nur dann gesichert sei, wenn die Beherrscher es verstünden, die sozialen und religiösen Vorurteile der Eingeborenen nach Möglichkeit zu schonen. Auf seine Veranlassung wurde daher in das Gesetz, welches die Verwaltung Indiens regeln sollte, die Bestimmung aufgenommen, daſs einheimische Gelehrte den Rechtsverhandlungen beiwohnen sollten, um es den englischen Richtern in Indien zu ermöglichen, die Satzungen der indischen Rechtsbücher bei der Abfassung ihrer Urteile zu berücksichtigen. Und als Warren Hastings im Jahre 1773 zum Generalgouverneur von Bengalen ernannt und mit den höchsten Gewalten über sämtliche englische Besitzungen in Indien betraut worden war, lieſs er von einer Anzahl rechtskundiger Brahmanen aus den alten indischen Rechtsbüchern ein Werk zusammenstellen, welches unter dem Titel Vivādārṇavasetu (»Brücke über den Ozean der Streitigkeiten«) alles Wichtige über indisches Erbrecht, Familienrecht u. dgl. enthielt. Als das Werk fertig war, fand sich aber niemand, der imstande gewesen wäre, dasselbe unmittelbar aus dem Sanskrit ins Englische zu übersetzen. Es muſste daher zuerst aus dem Sanskrit ins Persische übertragen werden, aus welchem es Nathaniel Brassey Halhed ins Englische übersetzte. Diese Übersetzung wurde unter dem Titel »A Code of Gentoo¹) Law« im Jahre 1776 auf Kosten der Ostindischen Gesellschaft gedruckt. Eine deutsche Übersetzung dieses Rechtsbuches erschien im Jahre 1778 in Hamburg unter dem Titel: »Gesetzbuch der Gentoos oder Sammlung der Gesetze der Pundits, nach einer persianischen Übersetzung des in der Shanskritsprache geschriebenen Originales. Aus dem Englischen von Rud. Erich Raspe.«

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¹ Portugiesisch für »Hindu«.

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Der erste Engländer, der sich eine Kenntnis des Sanskrit aneignete, war Charles Wilkins, der durch Warren Hastings dazu angeregt worden war, bei den Paṇḍits in Benares, dem Hauptsitz der indischen Gelehrsamkeit, Unterricht zu nehmen. Als die erste Frucht seiner Sanskritstudien veröffentlichte er im Jahre 1785 eine englische Übersetzung des philosophischen Gedichtes Bhagavadgītā, womit zum erstenmal ein Sanskritwerk direkt in eine europäische Sprache übersetzt war. Zwei Jahre später folgte eine Übersetzung des Fabelwerkes Hitopadeśa und 1795 eine Übersetzung der Śakuntalā-Episode aus dem Mahābhārata. Für seine 1808 erschienene Sanskritgrammatik wurden zum erstenmal in Europa Sanskrittypen benutzt, die er selbst geschnitten und gegossen hatte. Er war auch der erste, der sich mit indischen Inschriften befaſst und einige derselben ins Englische übersetzt hat.

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Noch wichtiger aber für die Erschlieſsung groſser Gebiete der indischen Litteratur war die Tätigkeit des berühmten englischen Orientalisten William Jones (geb. 1746, gest. 1794), der sich im Jahre 1783 nach Indien begab, um den Posten eines Oberrichters im Fort William zu übernehmen. Jones hatte sich schon in jungen Jahren mit orientalischer Poesie beschäftigt und arabische und persische Gedichte ins Englische übertragen. Kein Wunder, daſs er, in Indien angelangt, sich mit Eifer auf das Studium des Sanskrit und der indischen Litteratur verlegte. Gleich ein Jahr nach seiner Ankunft in Indien wurde er der Begründer der Asiatic Society of Bengal, welche bald durch die Herausgabe von Zeitschriften und insbesondere durch den Druck zahlreicher indischer Textausgaben eine ungemein nützliche Tätigkeit entfaltete. Im Jahre 1789 veröffentlichte er seine englische Übersetzung des berühmten Dramas »Śakuntalā« von Kālidāsa.

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Diese englische Übersetzung wurde im Jahre 1791 von Georg Forster ins Deutsche übertragen und erweckte im höchsten Grade die Begeisterung von Männern wie Herder und Goethe. Ein anderes Werk desselben Dichters Kālidāsa, das lyrische Gedicht Ṛtusaṃhāra, wurde von Jones in Kalkutta im Jahre 1792 im Urtext herausgegeben, und es war dies der erste Sanskrittext, der im Druck erschien. Von noch gröſserer Bedeutung war es, daſs W. Jones das berühmteste und in Indien angesehenste Werk der indischen Rechtslitteratur, das Gesetzbuch des Manu, ins Englische übertrug. Diese Übersetzung erschien in Kalkutta 1794 unter dem Titel »Institutes of Hindu Law, or the Ordinnances of Menu«. Eine deutsche Übersetzung dieses Werkes erschien 1797 in Weimar¹). W. Jones war endlich auch der erste, der den genealogischen Zusammenhang des Sanskrit mit dem Griechischen und Lateinischen mit voller Bestimmtheit und den mit dem Deutschen, Keltischen und Persischen vermutungsweise aussprach. Er hat auch bereits auf die Ähnlichkeiten zwischen der altindischen und der griechisch-römischen Mythologie hingewiesen.

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¹ »Hindu's Gesetzgebung, oder Menu's Verordnungen nach Culluca's Erläuterung, ein Inbegriff des indischen Systems religiöser und bürgerlicher Pflichten. Aus der Sanskritsprache wörtlich ins Englische übersetzt von W. Jones, und verdeutscht nach der Calcuttischen Ausgabe, und mit einem Glossar und Anmerkungen begleitet von Joh. Christ. Hüttner.«

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Während der schwärmerische W. Jones durch die Begeisterung, mit der er die indischen Litteraturschätze ans Licht zog, vor allem anregend wirkte, wurde der nüchterne Henry Thomas Colebrooke, der das Werk von W. Jones fortsetzte, zum eigentlichen Begründer der indischen Philologie und Altertumskunde. Colebrooke hatte im Jahre 1782 als siebzehnjähriger Jüngling seine Beamtenlaufbahn in Kalkutta angetreten, ohne sich während der ersten elf Jahre seines Aufenthalts in Indien um das Sanskrit und dessen Litteratur zu kümmern. Als aber W. Jones 1794 starb, hatte Colebrooke eben das Sanskrit erlernt und es übernommen, eine unter Jones' Leitung von eingeborenen Gelehrten gemachte Zusammenstellung der Lehren der indischen Rechtsbücher über Erbrecht und Kontrakte aus dem Sanskrit ins Englische zu übersetzen. Diese Übersetzung erschien 1797 und 1798 unter dem Titel »A Digest of Hindu Law on Contracts and Successions« in vier Foliobänden. Von da an widmete er sich mit unermüdlichem Eifer der Erforschung der indischen Litteratur. Und zwar interessierte ihn — im Gegensatz zu Jones — nicht so sehr die poetische als die fachwissenschaftliche Litteratur. Ihm verdanken wir daher nicht nur noch weitere Arbeiten über indisches Recht, sondern auch bahnbrechende Aufsätze über die Philosophie und das Religionswesen, über Grammatik, Astronomie und Arithmetik der Inder. Er war es auch, der im Jahre 1805 in dem berühmt gewordenen Aufsatze über die Vedas zum erstenmal genaue und zuverlässige Mitteilungen über die alten heiligen Bücher der Inder gab¹). Auch ist er der Herausgeber des Amarakośa und anderer indischer Wörterbücher, der berühmten Grammatik des Pāṇini, der Fabelsammlung Hitopadeśa und des Kunstepos Kirātārjunīya. Er ist ferner der Verfasser einer Sanskritgrammatik und hat eine Anzahl von Inschriften bearbeitet und übersetzt. Endlich hat er eine ungemein reichhaltige Sammlung von indischen Handschriften zusammengebracht, die ihn gegen 10000 Pfund Sterling gekostet haben soll, und die er bei seiner Rückkehr nach England der Ostindischen Gesellschaft zum Geschenk machte. Diese Handschriftensammlung gehört heute zu den kostbarsten Schätzen der Bibliothek des India Office in London.

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Unter den Engländern, welche ebenso wie Jones und Colebrooke um die Wende des achtzehnten Jahrhunderts in Indien Sanskrit lernten, war auch Alexander Hamilton. Dieser kehrte 1802 nach Europa zurück und hielt sich, über Frankreich reisend, kurze Zeit in Paris auf. Da fügte es ein für ihn selbst un-

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¹): Die im Jahre 1778 unter dem Titel »Ezour-Vedam« französisch und 1779 auch deutsch erschienene angebliche Übersetzung des Yajurveda ist eine Fälschung, eine pia fraus, welche wahrscheinlich von dem Missionar Robertus de Nobilibus herrührt. Voltaire empfing aus den Händen eines von Pondichery zurückkehrenden Beamten diese angebliche Übersetzung und übergab sie 1761 der königlichen Bibliothek in Paris. Voltaire hielt das Werk für einen alten Kommentar zum Veda, der von einem ehrwürdigen, hundertjährigen Brahmanen ins Französische übersetzt worden sei, und er beruft sich auf den »Ezour-Veda« öfters als Quelle für indische Altertümer. Schon im Jahre 1782 erklärte Sonnerat das Werk für eine Fälschung. (A. W. Schlegel, Indische Bibliothek. II, S. 50 ff.)

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angenehmer, für die Wissenschaft aber auſserordentlich günstiger Zufall, daſs gerade damals die durch den Frieden von Amiens nur auf kurze Zeit unterbrochenen Feindseligkeiten zwischen England und Frankreich aufs neue ausbrachen und Napoleon den Befehl ergehen lieſs, daſs alle Engländer, die sich zur Zeit des Ausbruchs des Krieges in Frankreich aufhielten, an der Rückkehr in ihre Heimat verhindert und in Paris zurückgehalten werden sollten. Unter diesen Engländern befand sich auch Alexander Hamilton. Im Jahre 1802 war aber gerade auch der deutsche Dichter Friedrich Schlegel nach Paris gekommen, um sich dort mit einigen Unterbrechungen bis zum Jahre 1807 aufzuhalten, — gerade während der Zeit des unfreiwilligen Aufenthalts von A. Hamilton. In Deutschland war man ja schon längst auf die Arbeiten der Engländer aufmerksam geworden. Namentlich hatte die bereits erwähnte Übersetzung der »Śakuntalā« durch W. Jones groſses Aufsehen gemacht und war auch sofort (1791) ins Deutsche übersetzt worden. In den Jahren 1795—97 waren auch schon die Abhandlungen von William Jones in deutscher Übersetzung erschienen ¹). Auch die Jonessche Übersetzung von Manus Gesetzbuch war schon im Jahre 1797 ins Deutsche übertragen worden. Die Werke des Fra Paolino de St. Bartholomeo sind in Deutschland gewiſs auch nicht unbeachtet geblieben. Vor allem aber war es die romantische Schule, an deren Spitze die Brüder Schlegel standen, für welche die indische Litteratur eine besondere Anziehungskraft hatte. Es war ja die Zeit, wo man sich für fremde Litteraturen zu begeistern begann. Herder hatte schon durch seine »Stimmen der Völker in Liedern« (1778) und durch seine »Ideen zur Geschichte der Menschheit« (1784—91) die Aufmerksamkeit der Deutschen vielfach auf den Orient gelenkt. Die Romantiker aber waren es, die sich mit höchster Begeisterung auf alles Fremde und Ferne warfen und sich von Indien ganz besonders angezogen fühlten. Von Indien her erwartete man, wie Friedrich Schlegel sagte, nichts weniger als »Aufschluſs über die bis jetzt so dunkle Geschichte der Urwelt; und die Freunde der Poesie hofften besonders seit der Erscheinung der Sokuntola von daher noch manches ähnliche schöne Gebilde des asiatischen Geistes zu sehen, wie dieses von Anmut und Liebe beseelt«. Kein Wunder daher, daſs Friedrich Schlegel, als er in Paris die Bekanntschaft des Alexander Hamilton machte, sofort die Gelegenheit ergriff, von demselben Sanskrit zu lernen. In den Jahren 1803 und 1804 genoſs er dessen Unterricht, und die weiteren Jahre seines Pariser Aufenthaltes benutzte er zu Studien in der dortigen Bibliothek, welche damals bereits gegen 200 indische Handschriften besaſs¹). Als Frucht dieser Studien erschien im Jahre 1808 jene Schrift, durch welche Friedrich Schlegel zum Begründer der indischen Philologie in Deutschland wurde: »Über die Sprache und Weisheit der Indier. Ein Beitrag zur Begründung der Altertumskunde.« Dieses Buch war mit Begeisterung geschrieben und geeignet, Begeisterung zu erwecken. Es enthielt auch Übersetzungen einiger Stücke aus dem Rāmāyaṇa, aus Manus Gesetzbuch, aus der Bhagavadgītā und aus der Śakuntalā-Episode des Mahābhārata. Es waren dies die ersten direkten Übersetzungen aus dem Sanskrit ins Deutsche; denn was vorher von indischer Litteratur in Deutschland bekannt geworden war, war aus dem Englischen übersetzt.

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¹ W. Jones, Abhandlungen über die Geschichte, Altertümer usw. Asiens. Riga 1795—97. 4 Bde.

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¹ Einen Katalog derselben veröffentlichte Alexander Hamilton (im Verein mit L. Langlès, der Hamiltons englische Notizen ins Französische übertrug) Paris 1807.

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Während aber Friedrich Schlegel vor allem anregend wirkte, war sein Bruder August Wilhelm von Schlegel der erste, der in Deutschland durch Textausgaben, Übersetzungen und andere philologische Arbeiten eine ausgedehnte Tätigkeit als Sanskritgelehrter entfaltete. Er war auch der erste Professor des Sanskrit in Deutschland, und zwar wurde er als solcher im Jahre 1818 an die eben begründete Universität Bonn berufen. Gleichwie sein Bruder hatte auch er in Paris — und zwar im Jahre 1814 — seine Sanskritstudien begonnen. Sein Lehrer war aber ein Franzose, A. L. Chézy, der erste französische Gelehrte, der Sanskrit lernte und lehrte; er war auch der erste Sanskrit-Professor am Collège de France und hat sich als Herausgeber und Übersetzer indischer Werke verdient gemacht. Im Jahre 1823 erschien der erste Band der von Aug. Wilh. von Schlegel begründeten und fast ausschlieſslich von ihm geschriebenen Zeitschrift »Indische Bibliothek«, welche zahlreiche Aufsätze zur indischen Philologie enthält. Im selben Jahre veröffentlichte er auch eine gute Ausgabe der Bhagavadgītā mit lateinischer Übersetzung, während im Jahre 1829 der erste Teil der bedeutendsten Arbeit Schlegels, seiner unvollendet gebliebenen Ausgabe des Rāmāyaṇa, erschien.

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Ein Zeitgenosse Aug. Wilh. von Schlegels war der 1791 geborene Franz Bopp, der im Jahre 1812 nach Paris ging, um sich mit orientalischen Sprachen zu beschäftigen, und dort zusammen mit Schlegel bei Chézy Sanskrit lernte. Während aber die Brüder Schlegel als die Dichter der Romantik für Indien schwärmten und die Beschäftigung mit der indischen Litteratur als eine Art »Abenteuer«¹ auffaßten, trat Bopp als durchaus nüchterner Forscher an diese Studien heran, und er war es, der durch seine im Jahre 1816 erschienene Schrift »Ueber das Conjugationssystem der Sanskritsprache in Vergleichung mit jenem der griechischen, lateinischen, persischen und germanischen Sprache« zum Begründer einer neuen Wissenschaft wurde, der vergleichenden Sprachwissenschaft, der eine so große Zukunft beschieden sein sollte. Aber auch um die Erforschung der indischen Litteratur hat sich Bopp außerordentlich verdient gemacht. Schon in seinem »Conjugationssystem« gab er als Anhang einige Episoden aus dem Rāmāyaṇa und Mahābhārata in metrischen Übersetzungen aus dem Originaltext, sowie einige Proben aus dem Veda nach Colebrookes englischer Übersetzung. Mit seltenem Geschick hat er dann aus dem Riesenepos Mahābhārata die wunderbare Geschichte vom König Nala und seiner treuen Gattin Damayanti herausgegriffen und durch eine gute kritische Ausgabe mit lateinischer Übersetzung allgemein zugänglich gemacht¹). Es war dies gerade diejenige von den zahllosen Episoden des Mahābhārata, welche am meisten ein abgeschlossenes Ganzes bildet und nicht nur zu den schönsten Stücken des groſsen Epos gehört, sondern auch als eine der reizendsten Schöpfungen indischer Dichtkunst ganz besonders geeignet ist, Begeisterung für die indische Litteratur und Liebe zum Sanskritstudium zu erwecken. Es ist denn auch geradezu traditionell geworden, an allen Universitäten, wo Sanskrit gelehrt wird, die Nala-Episode als erste Lektüre für die Studierenden zu wählen, wozu sie sich auch wegen der Einfachheit der Sprache ganz besonders eignet. Noch eine Reihe von anderen Episoden aus dem Mahābhārata hat Bopp zum erstenmal herausgegeben und ins Deutsche übersetzt. Seine Sanskritgrammatiken (1827, 1832 und 1834) und sein »Glossarium Sanscritum« (Berlin 1830) haben das Studium des Sanskrit in Deutschland mächtig gefördert.

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¹ So schreibt Friedrich Schlegel in einem Briefe an Goethe, er habe es sich zur Aufgabe gemacht, »das Vergessene und Verkannte ans Licht zu ziehen«, und sich darum von Dante zu Shakespeare, zu Petrarca und Calderon, zu den altdeutschen Heldenliedern gewandt. »Solchergestalt hatte ich die europäische Literatur gewissermaßen erschöpft und wandte mich nach Asien, um ein neues Abenteuer aufzusuchen.« (A. Hillebrandt, Alt-Indien. Breslau 1899. S. 37.) Und Aug. Wilh. von Schlegel schreibt (Indische Bibliothek I, S. 8), er wolle mit seinen Aufsätzen denen unter seinen Landsleuten, »welche das Abenteuer bestehen wollen (denn ein Abenteuer bleibt es noch immer)«, einigermaßen den Weg weisen.

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¹ Nalus, carmen Sanscritum e Mahabharato, edidit, latine vertit et adnotationibus illustravit Franciscus Bopp. London 1819.

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Ein Glück für die junge Sprachwissenschaft und das damals und noch auf lange mit ihr verbundene Sanskritstudium war es, daſs der geistvolle, vielseitige und einfluſsreiche Wilhelm von Humboldt sich für diese Wissenschaften begeisterte. Im Jahre 1821 begann er Sanskrit zu lernen, da er — wie er einmal in einem Briefe an Aug. Wilh. von Schlegel²) schrieb — eingesehen hatte, »daſs ohne möglichst gründliches Studium des Sanskrit weder in der Sprachkunde noch in derjenigen Art Geschichte, die damit zusammenhängt, das mindeste auszurichten sei«. Und als Schlegel im Jahre 1828 einen Rückblick auf die indischen Studien warf, hob er es als ein besonderes Glück für die neue Wissenschaft hervor, daſs dieselbe »an Herrn Wilhelm von Humboldt einen warmen Freund und Gönner gefunden«. Schlegels Ausgabe der Bhagavadgītā hatte Humboldts Aufmerksamkeit auf dieses theosophische Gedicht gelenkt. Er widmete demselben eigene Abhandlungen, und an Fr. von Gentz schrieb er damals (1827): »Es ist wohl das Tiefste und Erhabenste, das die Welt aufzuweisen hat.« Und als er später (1828) dem Freund seine mittlerweile von Hegel rezensierte Schrift über die Bhagavadgītā zusandte, schrieb er, so gleichgültig ihn die Beurteilung von seiten Hegels lasse, so groſsen Wert lege er auf die indische philosophische Dichtung. »Ich las das indische Gedicht«, schreibt er, »zum erstenmal in Schlesien auf dem Lande, und mein beständiges Gefühl dabei war Dank gegen das Geschick, daſs es mich habe leben lassen, dieses Werk noch kennen zu lernen«.¹)

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² Indische Bibliothek I, S. 433.

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¹ Schriften von Friedrich von Gentz. Herausgegeben von Gustav Schlesier. Mannheim 1840. Bd. V, S. 291 u. 300.

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Und noch ein groſser Heros der deutschen Litteratur ist zu nennen, der zum Glück für unsere Wissenschaft sich für indische Dichtung begeistert hat. Das ist der deutsche Dichter Friedrich Rückert, der unvergleichliche Meister der Übersetzungskunst. Von den schönsten Perlen indischer Epik und Lyrik ist gar manches,

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»Was vor Jahrtausenden gerauscht
Im Wipfel ind'scher Palmen«,

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durch ihn zum Gemeingut des deutschen Volkes geworden.

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Bis zum Jahre 1830 war es fast ausschlieſslich die sogenannte »klassische Sanskritlitteratur«, der sich die Aufmerksamkeit europäischer Forscher zuwandte. Das Drama »Šakuntalā«, das philosophische Gedicht »Bhagavadgītā«, das Gesetzbuch des Manu, die Sprüche des Bhartṛhari, die Fabelsammlung »Hitopadeśa« und einzelne Stücke aus den groſsen Epen — das waren so ungefähr die Hauptwerke, mit denen man sich beschäftigte, und die man für den Grundstock der indischen Litteratur ansah. Das groſse und allerwichtigste Gebiet der indischen Litteratur — der Veda — war beinahe ganz unbekannt, und von der ganzen groſsen buddhistischen Litteratur wuſste man noch gar nichts.

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Das Wenige, was bis zum Jahre 1830 vom Veda bekannt war, beschränkte sich auf kärgliche und ungenaue Angaben bei den älteren Schriftstellern über Indien. Die ersten zuverlässigen Mitteilungen gab Colebrooke in der schon erwähnten Abhandlung über die Vedas (1805)²). Verhältnismäſsig am meisten wuſste man noch von den Upaniṣads, den zum Veda gehörigen philosophischen Abhandlungen. Diese Upaniṣads wurden nämlich im siebzehnten Jahrhundert von dem Bruder Aurengzebs, dem unglücklichen Prinzen Mohammed Dara Schakoh¹), dem Sohn des Groſsmoguls Schah Dschehan, ins Persische übersetzt. Aus dem Persischen hat sie am Anfange des neunzehnten Jahrhunderts der französische Gelehrte Anquetil Duperron unter dem Titel »Oupnek'hat«²) ins Lateinische übersetzt. So unvollkommen und von Miſsverständnissen voll auch die lateinische Übersetzung war, so ist sie doch für die Geschichte der Wissenschaft dadurch von Wichtigkeit geworden, daſs die deutschen Philosophen Schelling und insbesondere Schopenhauer sich auf Grund derselben für die indische Philosophie begeisterten. Nicht die Upaniṣads, wie wir sie mit allen uns heute zu Gebote stehenden Mitteln der indischen Philologie und unserer genaueren Kenntnis der ganzen Philosophie der Inder verstehen und erklären, sondern das »Oupnek'hat«, die ganz und gar unvollkommene persisch-lateinische Übersetzung des Anquetil Duperron war es, welche Schopenhauer für »die Ausgeburt der höchsten menschlichen Weisheit« erklärte. Und um dieselbe Zeit, als in Deutschland Schopenhauer in die Upaniṣads der Inder seine eigenen philosophischen Gedanken mehr hineindachte, als er sie herauszulesen vermochte, lebte in Indien einer der weisesten und edelsten Männer, welche dieses Land hervorgebracht hat, Rāmmohun Roy, der Begründer der »Brahmo Samāj« (einer neuen Sekte, welche das Beste der Religionen Europas mit dem Glauben der Hindus zu vereinigen suchte), — ein Inder, der aus denselben Upaniṣads den reinsten Gottesglauben herauslas und aus denselben seinen Landsleuten zu beweisen suchte, daſs zwar der Götzendienst der jetzigen indischen Religionen verwerflich sei, daſs aber die Inder darum doch nicht das Christentum anzunehmen brauchten, sondern in ihren heiligen Schriften, in den alten Vedas, wenn sie dieselben nur verstünden, eine reine Gotteslehre finden könnten. Mit der Absicht, diese neue, wenngleich schon in den alten heiligen Schriften enthaltene Lehre zu verkünden und durch die von ihm begründete Sekte, der Brahmo Samāj oder der »Kirche Gottes«, verbreiten zu lassen, und zugleich in der Absicht, den von ihm hochgeschätzten christlichen Theologen und Missionären zu beweisen, daſs das Beste von dem, was sie lehrten, schon in den Upaniṣads enthalten sei, übersetzte er in den Jahren 1816—1819 eine gröſsere Anzahl von Upaniṣads ins Englische und gab einige derselben im Urtexte heraus¹).

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² Eine deutsche Übersetzung erschien viele Jahre später: H. Th. Colebrookes Abhandlung über die heiligen Schriften der Indier. Aus dem Englischen übersetzt von Ludwig Poley. Nebst Fragmenten der ältesten religiösen Dichtungen der Indier. Leipzig 1847

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¹ Das Schicksal dieses Prinzen bildet den Gegenstand eines schönen, leider viel zu wenig bekannten Trauerspiels von L. von Schroeder: »Dara oder Schah Dschehan und seine Söhne« (Mitau 1891).

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² Der vollständige Titel lautet: »Oupnek'hat, i. e. secretum tegendum, opus ipsa in India rarissimum, continens antiquam et arcanam s. theologicam et philosophicam doctrinam e quatuor sacris Indorum libris, Rak Beid, Djedir Beid, Sam Beid, Athrban Beid excerptam; ad verbum e persico idiomate, Sanscreticis vocabulis intermixto in latinum conversum . . . studio et opera Anquetil du Perron . . . Parisiis 1801—1802. 4. 2 vol.« Teilweise ins Deutsche übersetzt unter dem Titel: »Versuch einer neuen Darstellung der uralten indischen All-Eins-Lehre; oder der berühmten Sammlung τῶν Oupnekhatῶν erstes Stück: Oupnek'hat Tschehandouk genannt. Nach dem lateinischen der persischen Uebersetzung wörtlich getreuen Texte des Hrn. Anquetil du Perron frey ins Deutsche übersetzt und mit Anmerkungen versehen von Th. A. Rixner, Nürnberg 1808.« »Oupnek'hat« ist eine Verstümmelung von »Upaniṣad«, und »Rak Beid« usw. sind Verballhornungen von »Ṛg-veda«, »Yajur-veda«, »Sāma-veda« und »Atharva-veda«.

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¹ Kleinere Bruchstücke der Upaniṣads erschienen auch in Othmar Franks »Chrestomathia Sanscrita« (1820—1821) und in desselben »Vyāsa, über Philosophie, Mythologie, Literatur und Sprache der Hindu« (1826—1830).

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Die eigentliche philologische Erforschung des Veda begann jedoch erst mit der im Jahre 1838 in Calcutta erschienenen Ausgabe des ersten Achtels des Rigveda von Friedrich Rosen, der nur durch einen vorzeitigen Tod an der Vollendung seiner Ausgabe verhindert wurde. Insbesondere aber war es der groſse französische Orientalist Eugène Burnouf, der im Anfang der vierziger Jahre am Collège de France lehrte und, indem er einen Kreis von Schülern um sich versammelte, welche später hervorragende Vedagelehrte wurden, den Grund zum Vedastudium in Europa legte. Einer dieser Schüler war Rudolph Roth, der mit seiner im Jahre 1846 erschienenen Schrift »Zur Litteratur und Geschichte des Weda« das Studium des Veda in Deutschland begründete. Roth selbst und eine stattliche Anzahl seiner Schüler widmeten sich in den folgenden Jahren und Jahrzehnten mit Feuereifer der Erforschung der verschiedenen Zweige dieser ältesten Litteratur Indiens. Ein anderer berühmter Schüler Burnoufs war F. Max Müller, der gleichzeitig mit Roth durch Burnouf in das Vedastudium eingeführt worden war. Von Burnouf dazu angeregt, fafste Max Müller den Plan, die Hymnen des Rigveda mit dem groſsen Kommentar des Sāyaṇa herauszugeben. Diese für alle weiteren Forschungen unentbehrliche Ausgabe erschien in den Jahren 1849—1875¹). Noch ehe dieselbe vollendet war, machte sich Th. Aufrecht durch seine handliche Ausgabe des vollständigen Textes der Hymnen des Rigveda (1861 und 1863) um diese Forschungen auſserordentlich verdient.

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¹ Eine zweite, verbesserte Ausgabe erschien 1890—1892.

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Derselbe Eugène Burnouf, der an der Wiege des Vedastudiums gestanden, hat auch durch den im Verein mit Chr. Lassen 1826 veröffentlichten »Essai sur le Pâli« und durch seine 1844 erschienene »Introduction à l'histoire du Bouddhisme indien« zum Pālistudium und zur Erforschung der buddhistischen Litteratur den Grund gelegt.

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Mit der Eroberung des groſsen Gebietes der Vedalitteratur und mit der Erschlieſsung der Litteratur des Buddhismus hat aber die Kindheitsgeschichte der indischen Philologie ihr Ende erreicht. Sie ist zu einem groſsen Wissensgebiete erstarkt, auf dem die Mitarbeiter sich von Jahr zu Jahr mehren. Nun erscheinen Schlag auf Schlag die kritischen Ausgaben der wichtigsten Texte, und Gelehrte aller Länder bemühen sich im edlen Wetteifer²) um die Interpretation derselben. Was aber in den letzten sechzig Jahren für die einzelnen Gebiete der indischen Litteratur geleistet worden ist, wird zum groſsen Teil in den einzelnen Kapiteln dieser Litteraturgeschichte zu erwähnen sein. Hier seien nur noch die Hauptetappen auf dem Wege der Indologie, die allerwichtigsten Ereignisse in der Geschichte derselben kurz gestreift.

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² Schon 1823 hatte A. W. v. Schlegel sehr hübsch gesagt: »Sollten die Engländer etwan auf ein Monopol mit der Indischen Litteratur Anspruch machen? Das wäre zu spät. Der Zimmet und die Gewürznelken mögen ihnen bleiben; diese geistigen Schätze sind ein Gemeingut der gebildeten Welt.« (Ind. Bibl. I, 15.)

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Da ist vor allem ein Schüler Aug. Wilh. von Schlegels, Christian Lassen, zu nennen, der in seiner groſs angelegten »Indischen Altertumskunde«, welche im Jahre 1843 zu erscheinen begann und vier dicke Bände umfafste, von denen der letzte 1862 erschien, das gesamte Wissen seiner Zeit über Indien zusammenzufassen suchte. Daſs dieses Werk heute bereits veraltet ist, ist nicht die Schuld seines Verfassers, sondern nur ein glänzender Beweis für die ungeheuren Fortschritte, welche unsere Wissenschaft in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts gemacht hat.

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Der mächtigste Hebel aber für diese Fortschritte und vielleicht das Hauptereignis in der Geschichte der Sanskritforschung war das Erscheinen des von Otto Böhtlingk und Rudolph Roth bearbeiteten »Sanskrit-Wörterbuchs«, herausgegeben von der Akademie der Wissenschaften in St. Petersburg. Der erste Teil desselben erschien im Jahre 1852, und im Jahre 1875 lag das Werk — ein glänzendes Denkmal deutschen Fleißes — in sieben Foliobänden vollendet vor.

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Und in demselben Jahre 1852, wo das groſse »Petersburger Wörterbuch« zu erscheinen begann, machte Albrecht Weber zum erstenmal den Versuch, eine vollständige Geschichte der indischen Litteratur zu schreiben. Das Werk erschien unter dem Titel »Akademische Vorlesungen über indische Litteraturgeschichte« — eine zweite Auflage erschien 1876 —, und es bezeichnet nicht nur einen Markstein in der Geschichte der Indologie, sondern es ist auch heute noch — ungeachtet seiner stilistischen Mängel, die es für den Laien unverdaulich machen — das zuverlässigste und vollständigste Handbuch der indischen Litteratur, das wir besitzen.

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Wenn man aber eine Vorstellung gewinnen will von den geradezu erstaunlichen Fortschritten, welche die Erforschung der indischen Litteratur in der verhältnismäſsig kurzen Zeit ihres Bestandes gemacht hat, so lese man den im Jahre 1819 von Aug. Wilh. von Schlegel geschriebenen Aufsatz »Ueber den gegenwärtigen Zustand der Indischen Philologie«, in welchem wenig mehr als ein Dutzend Sanskritwerke als durch Ausgaben oder Übersetzungen bekannt aufgezählt werden. Man werfe dann einen Blick in das im Jahre 1830 in St. Petersburg erschienene Buch von Friedrich Adelung: »Versuch einer Literatur der Sanskrit-Sprache«¹), in welchem bereits die Titel von über 350 Sanskritwerken angeführt werden. Man vergleiche damit Webers »Indische Literaturgeschichte«, welche im Jahre 1852 (nach einer ungefähren Schätzung) nahe an 500 Werke der indischen Litteratur bespricht. Und dann sehe man sich den in den Jahren 1891, 1896 und 1903 von Theodor Aufrecht herausgegebenen »Catalogus Catalogorum« an, welcher ein alphabetisches Verzeichnis aller Sanskritwerke und Autoren auf Grund der Durchforschung sämtlicher vorhandener Handschriftenverzeichnisse enthält. In diesem monumentalen Werke, an welchem Aufrecht über vierzig Jahre gearbeitet hat, sind die Kataloge der Sanskrithandschriften von allen gröfseren Bibliotheken in Indien und Europa verarbeitet, und die Zahl der vorhandenen Sanskritwerke beläuft sich nach diesem »Catalogus Catalogorum« auf viele Tausende. Und dabei schliefst dieser Katalog die ganze buddhistische Litteratur und alle nicht im Sanskrit, sondern in anderen indischen Sprachen abgefafsten Litteraturwerke nicht ein.

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¹ Es ist dies mehr eine Bibliographie als eine Litteraturgeschichte.

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Die Erforschung der buddhistischen Litteratur ist durch die im Jahre 1882 von T. W. Rhys Davids begründete »Pāli Text Society« mächtig gefördert worden. Und Albrecht Weber hat mit seiner grofsen Abhandlung »Ueber die heiligen Schriften der Jaina«¹) (1883 und 1885) noch einen neuen grofsen Litteraturzweig, das Schrifttum der dem Buddhismus an Alter nicht nachstehenden Sekte der Jainas, für die Wissenschaft erschlossen.

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¹ Indische Studien, Bd. 16 u. 17.

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So sehr ist aber die nach und nach bekannt gewordene indische Litteratur angewachsen, daſs es heutzutage kaum mehr möglich ist, daſs ein Gelehrter alle Gebiete derselben beherrscht, und daſs sich schon vor einigen Jahren die Notwendigkeit herausgestellt hat, in einem zusammenfassenden Werk einen Gesamtüberblick über alles zu geben, was in den einzelnen Zweigen der Indologie bisher geleistet worden ist. Der Plan zu diesem Werke, welches unter dem Titel »Grundriſs der indo-arischen Philologie und Altertumskunde« seit dem Jahre 1897²) erscheint, wurde von Georg Bühler, dem bedeutendsten und vielseitigsten Sanskritforscher der letzten Jahrzehnte, entworfen. Dreifsig Gelehrte aus Deutschland, Österreich, England, Holland, Indien und Amerika haben sich unter Bühlers Leitung — und nach dessen allzu frühem Tode unter der von Franz Kielhorn — zusammengetan, um die einzelnen Teile dieses Werkes zu bearbeiten. Das Erscheinen dieses »Grundrisses« ist zugleich das jüngste und erfreulichste Hauptereignis in der Entwicklungsgeschichte der Indologie. Wenn wir das Wissen über Indien und dessen Litteratur, welches in den fünfzehn Heften dieses »Grundrisses«, welche bis jetzt erschienen sind und noch nicht einmal die Hälfte des Ganzen ausmachen, niedergelegt sind, etwa mit dem vergleichen, was nur wenige Jahrzehnte vorher Lassen in seiner »Indischen Altertumskunde« über Indien zu sagen imstande war, so können wir mit berechtigtem Stolz auf die Fortschritte blicken, welche die Wissenschaft in einem verhältnismäſsig kurzen Zeitraum gemacht hat.

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² Bei Karl J. Trübner in Straſsburg.

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