Geschichte der indischen Litteratur v1.c7.s5: Die indischen Sprachen in ihrem Verhältnis zur Litteratur
Geschichte der indischen Litteratur v1.c7.s5
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- German
Contents
- v1.c7.s5.t1 I. Das Altindische — 12 parts
- v1.c7.s5.t2 II. Die mittelindischen Sprachen und Dialekte — 12 parts
- v1.c7.s5.t3 III. Die neuindischen Sprachen und Dialekte — 8 parts
Die indischen Sprachen in ihrem Verhältnis zur Litteratur
v1.c7.s5.1
Diese ganze groſse Litteratur, die uns so überliefert ist, ist gröſstenteils im Sanskrit abgefaſst. Dennoch decken sich die Begriffe »indische Litteratur« und »Sanskritlitteratur« keineswegs. Die Geschichte der indischen Litteratur im umfassendsten Sinne des Wortes ist die Geschichte nicht nur einer über groſse Zeitläufte und über einen ungeheuren Flächenraum sich erstreckenden, sondern auch einer vielsprachigen Litteratur.
v1.c7.s5.2
Die zur indogermanischen Sprachenfamilie gehörigen Sprachen Indiens haben drei groſse, zum Teil zeitlich aufeinanderfolgende, aber zum Teil auch parallel nebeneinander herlaufende Entwicklungsphasen durchgemacht. Es sind dies: I. das Altindische, II. die mittelindischen und III. die neuindischen Sprachen und Dialekte.
I. Das Altindische
v1.c7.s5.t1.1
Die Sprache der ältesten indischen Litteraturdenkmäler, der Lieder, Gebete und Zauberformeln des Veda, bezeichnet man zuweilen als »Altindisch« im engeren Sinne, zuweilen auch als »Vedisch« (unpassend wohl auch als »vedisches Sanskrit«). »Althochindisch«¹ wäre vielleicht die beste Bezeichnung für diese Sprache, welche zwar auf einem gesprochenen Dialekt beruht, aber doch schon nicht mehr eine eigentliche Volkssprache, sondern eine im Kreise priesterlicher Sänger von Geschlecht zu Geschlecht vererbte und absichtlich in ihrer Altertümlichkeit erhaltene Litteratursprache ist. Der diesem Althochindischen zugrundeliegende Dialekt, wie er von den arischen Einwanderern im nordwestlichen Indien gesprochen wurde, war dem Altpersischen und Altbaktrischen sehr nahe verwandt und von der indo-iranischen Grundsprache¹ nicht allzu weit entfernt. Ja, der Abstand zwischen der Sprache des Veda und dieser indo-iranischen Grundsprache scheint geringer zu sein, als etwa der zwischen den indischen Sprachen Sanskrit und Pāli. Vom Sanskrit unterscheidet sich das Vedische fast gar nicht in seinem Lautbestand, sondern nur durch eine viel gröfsere Altertümlichkeit, insbesondere durch einen reicheren Formenschatz. So besitzt z. B. das Althochindische einen Konjunktiv, der dem Sanskrit fehlt; es hat ein Dutzend verschiedener Infinitivendungen, von denen im Sanskrit eine einzige übriggeblieben ist. Die in der vedischen Sprache sehr zahlreich vertretenen Aoriste verschwinden im Sanskrit mehr und mehr. Auch die Kasus- und Personalendungen sind in der ältesten Sprache noch viel vollkommener als im späteren Sanskrit.
v1.c7.s5.t1.2
¹ »Ancient High Indian« nennt sie Rhys Davids, Buddhist India. S. 153.
v1.c7.s5.t1.3
¹ Das ist die aus der Vergleichung der Sprache des Veda mit dem Altpersischen der Keilinschriften und dem Altbaktrischen des Avesta zu erschliefsende Grundsprache.
v1.c7.s5.t1.4
Eine jüngere Phase des Althochindischen erscheint bereits in den Hymnen des X. Buches des Rigveda und in manchen Teilen des Atharvaveda und der Sammlungen des Yajurveda. Hingegen hat die Sprache der vedischen Prosawerke, der Brāhmaṇas, Āraṇyakas und Upaniṣads, nur noch einzelne Altertümlichkeiten des Althochindischen bewahrt; im grofsen und ganzen ist die Sprache dieser Werke bereits das, was man »Sanskrit« nennt, während die Sprache der zu den Vedāṅgas gehörigen Sūtras nur noch ganz ausnahmsweise vedische Formen darbietet, im wesentlichen aber reines Sanskrit ist. Nur die zahlreichen, den alten vedischen Hymnen entnommenen Mantras, d. h. Verse, Gebete, Sprüche und Zauberformeln, die wir in den vedischen Prosawerken und den Sūtras zitiert finden, gehören der Sprache nach zum Althochindischen.
v1.c7.s5.t1.5
Das Sanskrit dieser ältesten Prosalitteratur — der Brāhmaṇas, Āraṇyakas, Upaniṣads und der Sūtras — ist wenig verschieden von dem Sanskrit, welches in der berühmten Grammatik des Pāṇini (der nach der Ansicht der meisten Forscher ungefähr um 350 v. Chr. anzusetzen wäre) gelehrt wird. Man kann es vielleicht am besten als »altes Sanskrit« bezeichnen. Es ist die Sprache, welche zu Pāṇinis Zeit und gewiſs auch schon früher von den Gebildeten, namentlich in den Kreisen der Priester und Gelehrten, gesprochen wurde. Es ist das Sanskrit, von welchem noch Patañjali, ein Grammatiker des zweiten vorchristlichen Jahrhunderts, sagt, daſs man es, um es richtig zu lernen, von den »Śiṣṭas«, d. h. von den gelehrten und in der Litteratur bewanderten Brahmanen, hören müsse. Daſs sich aber der Kreis der Sanskritsprechenden viel weiter — auf alle »Gebildeten« überhaupt — erstreckte, erfahren wir von demselben Patañjali, der uns eine Anekdote erzählt, in welcher ein Grammatiker sich mit einem Wagenlenker im Sanskrit unterhält und die beiden über Etymologien disputieren. Und wenn in den indischen Dramen die Sprachen so verteilt sind, daſs der König, die Brahmanen und vornehme Leute Sanskrit sprechen, während die Frauen und alle Leute aus dem Volk sich der Volkssprachen bedienen, nur mit der beachtenswerten Ausnahme, daſs einige gebildete Frauen (Nonnen und Hetären) gelegentlich auch Sanskrit sprechen, ungebildete Brahmanen hingegen Volksdialekte redend eingeführt werden, so spiegelt sich darin gewiſs der Gebrauch der Sprachen im wirklichen Leben — und nicht nur der nachchristlichen Zeit, aus welcher diese Dramen stammen, sondern auch schon früherer Jahrhunderte — wider. Eine eigentliche Volkssprache war das Sanskrit gewiſs nicht, aber es war eine in weiten Kreisen der Gebildeten gesprochene und in noch weiteren Kreisen verstandene Hochsprache. Denn so wie im Drama Dialoge zwischen Sanskritsprechenden und Prākritsprechenden vorkommen, so muss auch im wirklichen Leben das Sanskrit von jenen, die es selbst nicht sprachen, verstanden worden sein¹). Auch die Rhapsoden, welche die volkstümlichen Epen in den Palästen der Könige und in den Häusern der Reichen und Vornehmen zum Vortrage brachten, müssen verstanden worden sein. Und die Sprache der Epen ist ebenfalls Sanskrit. Wir nennen es »episches Sanskrit«, und es unterscheidet sich vom »klassischen Sanskrit« nur wenig, teils, indem es manches Altertümliche bewahrt hat, noch mehr aber dadurch, daſs es sich weniger streng an die Regeln der Grammatik hält und sich mehr der Sprache des Volkes nähert, so daſs man es als eine volkstümlichere Form des Sanskrit bezeichnen kann. Nie aber hätte es im Sanskrit gedichtete Volksepen gegeben¹), wenn nicht das Sanskrit einmal eine in weiten Kreisen verstandene Sprache gewesen wäre, — etwa so, wie bei uns heutzutage das Neuhochdeutsche allgemein verstanden wird, obwohl es von allen gesprochenen Dialekten wesentlich abweicht.
v1.c7.s5.t1.6
¹ Die sprachlichen Verhältnisse im alten Indien, von denen uns die Dramen eine so gute Vorstellung geben, haben sich bis heute wenig verändert. Noch heute kommt es vor, daſs in einem vornehmen Hause mit zahlreicher Dienerschaft, die aus verschiedenen Gegenden zusammengewürfelt ist, ein Dutzend verschiedener Sprachen und Dialekte gesprochen und allgemein verstanden wird. G. A. Grierson schildert einen ihm bekannten Fall, wo in einem Hause in Bengalen nicht weniger als dreizehn verschiedene Sprachen und Dialekte gesprochen werden. Der Herr des Hauses spricht mit Europäern in der vornehmen bengalischen Hochsprache, während er im gewöhnlichen Leben das von der Litteratursprache stark abweichende Bengālī der Umgangssprache gebraucht. Seine Frau stammt aus einem hundert englische Meilen entfernten Ort und spricht den eigentümlichen Frauendialekt jener Gegend. Seine Nebenfrau, deren gewöhnliche Umgangssprache das Urdu von Lucknow ist, verfällt in Jargon, wenn sie sich ärgert. Sein Geschäftsführer spricht Dhākī, während von den Dienern die einen Uriyā, andere Bhojpuri, Awadhi, Maithilī, Ahirī und Chatgaiyā sprechen. Alle verständigen sich vollkommen untereinander, obwohl jeder nur seinen eigenen Dialekt spricht. Daſs einer den Dialekt der von ihm angesprochenen Person gebraucht, kommt selten vor (Indian Antiquary XXX. 1901. S. 556).
v1.c7.s5.t1.7
¹ Daſs die Volksepen ursprünglich im Dialekt gedichtet und erst später ins Sankrit übersetzt worden seien, ist vermutet worden. Diese Vermutung entbehrt aber jeder tatsächlichen Stütze, wie H. Jacobi (ZDMG 48, 407 ff.) dargetan hat.
v1.c7.s5.t1.8
Daſs das Sanskrit eine »Hochsprache« oder »Standessprache« oder »Litteratursprache« ist — wie immer wir es im Gegensatz zur eigentlichen Volkssprache nennen mögen —, drücken die Inder selbst durch den Namen »Sanskrit« aus, denn »Sanskrit« — saṃskṛta, so viel wie »zurechtgemacht, geordnet, präpariert, vollkommen, rein, heilig« — bedeutet die vornehme oder heilige Sprache, im Gegensatz zu »Prākrit« — prākṛta, so viel wie »ursprünglich, natürlich, gewöhnlich, gemein« —, welches die »gemeine Volkssprache« bedeutet.
v1.c7.s5.t1.9
Dennoch darf man vom Sanskrit nicht als einer »toten« Sprache reden. Eher als einer »gefesselten« Sprache, insofern ihre natürliche Entwicklung dadurch gehemmt wurde, daſs sie durch die Regeln der Grammatiker auf einer gewissen Stufe festgehalten worden ist. Denn durch die Grammatik des Pāṇini wurde im vierten Jahrhundert v. Chr. oder schon früher eine feste Norm geschaffen, welche für alle künftigen Zeiten für die Sanskritsprache maſsgebend blieb. Was wir »klassisches Sanskrit« nennen, bedeutet Pāṇinisches Sanskrit, d. h. das Sanskrit, welches nach den Regeln der Grammatik des Pāṇini allein richtig ist¹). In den »Fesseln« dieser Grammatik lebte aber die Sprache doch fort. Ist doch die groſse Masse der poetischen und wissenschaftlichen Litteratur durch ein Jahrtausend hindurch in dieser Sprache, dem »klassischen Sanskrit«, geschaffen worden. Eine „tote“ Sprache ist aber das Sanskrit auch heute noch nicht. Es gibt noch heute mehrere Sanskritzeitschriften in Indien, und Tagesfragen werden in Sanskritflugschriften erörtert. Auch das Mahābhārata wird noch heute öffentlich vorgelesen, was doch wenigstens ein teilweises Verständnis voraussetzt. Man dichtet und schreibt noch heute im Sanskrit, und es ist die Sprache, in welcher sich die indischen Gelehrten noch heute über wissenschaftliche Fragen unterhalten. Sanskrit spielt mindestens noch dieselbe Rolle in Indien wie das Lateinische während des Mittelalters in Europa oder wie das Hebräische bei den Juden²).
v1.c7.s5.t1.10
¹ Die Inder bezeichnen als »Sanskrit« nur diese durch die indischen Grammatiker fixierte Litteratursprache. Wenn man, wie dies oft geschieht, von »vedischem Sanskrit« spricht, so dehnt man den Begriff Sanskrit auf das Altindische überhaupt aus.
v1.c7.s5.t1.11
² Interessante Aufschlüsse über die weite Verbreitung des Sanskrit im heutigen Indien gibt Paul Deussen in seinem schönen Buche »Erinnerungen an Indien« (Kiel 1904. S. 2 f.): »Nicht nur die Gelehrten von Fach, wie namentlich die einheimischen Sanskritprofessoren der indischen Universitäten, sprechen Sanskrit mit groſser Eleganz, nicht nur ihre Zuhörer wissen dasselbe ebensogut zu handhaben wie bei uns ein Studierender der klassischen Philologie das Lateinische, auch die zahlreichen Privatgelehrten, Heiligen, Asketen, ja selbst weitere Kreise sprechen und schreiben Sanskrit mit Leichtigkeit; mit dem Mhârâja von Benares habe ich mich wiederholt stundenlang darin unterhalten; Fabrikanten, Industrielle, Kaufleute sprechen es zum Teil oder verstehen doch das Gesprochene; in jedem kleinen Dorfe war meine erste Frage nach einem, der Sanskrit spreche, worauf sich denn alsbald der eine oder andere einstellte, der gewöhnlich mein Führer, ja, nicht selten mein Freund wurde.« Wenn er Vorträge in englischer Sprache hielt, wurde er oft aufgefordert, das Gesagte nochmals in Sanskrit zu wiederholen. »Nachdem dies geschehen, folgte eine Diskussion, bei der die einen Englisch, die andern Sanskrit, noch andere Hindi sprachen, welches sich denn auch der Hauptsache nach verstehen liefs, da das reine Hindi sich vom Sanskrit kaum durch viel mehr als durch den Verlust der Flexionsendungen unterscheidet. Daher versteht jeder Hindu vom Sanskrit ungefähr ebensoviel wie ein Italiener vom Lateinischen, namentlich da im eigentlichen Hindostan die Schrift die nämliche geblieben ist; und ein Anflug des Sanskrit läfst sich bis hinab in die Kreise der Dienerschaft und des geringen Volkes antreffen, daher auch ein Brief nach Benares mit bloſser Sanskritadresse durch jeden Postboten ohne Schwierigkeit seine Bestellung findet.«
v1.c7.s5.t1.12
Zusammenfassend möchte ich also das Altindische in seinem Verhältnis zur Litteratur folgendermaßen einteilen:
1. Althochindisch:
a) Sprache der ältesten Hymnen und Mantras, insbesondere der des Rigveda.
b) Sprache der jüngeren Hymnen und Mantras, insbesondere der der anderen Vedas, sowie der in den Brāhmaṇas und Sūtras enthaltenen Mantras.
2. Sanskrit:
a) Altes Sanskrit, die Sprache der vedischen Prosawerke (mit Ausschluſs der Mantras) und des Pāṇini.
b) Episches Sanskrit, die Sprache der volkstümlichen Epen.
c) Klassisches Sanskrit, die Sprache der klassischen Sanskritlitteratur nach Pāṇini.
II. Die mittelindischen Sprachen und Dialekte
v1.c7.s5.t2.1
Gleichzeitig und parallel mit der Entwicklung des Sanskrit ging auch die mehr natürliche Weiterentwicklung der von den arischen Indern gesprochenen Volksdialekte vor sich. Und die Sprachen und Dialekte, die man als »Mittelindisch« bezeichnet, sind nicht etwa direkt vom Sanskrit abzuleiten, sondern vielmehr von den dem Althochindischen und dem Sanskrit zugrundeliegenden oder denselben nahestehenden indo-arischen Volkssprachen. Bei der Gröfse Indiens ist es nicht zu verwundern, daſs mit der allmählichen Ausbreitung der arischen Einwanderer vom Westen nach dem Osten und Süden eine groſse Anzahl voneinander abweichender Dialekte sich bildete. Von der Mannigfaltigkeit dieser Dialekte geben uns die ältesten Inschriften, die sämtlich in Mittelindisch und nicht im Sanskrit geschrieben sind, eine Vorstellung. Eine ganze Reihe von solchen Volkssprachen ist aber auch zum Range von Litteratursprachen erhoben worden. Nur diese sollen hier kurz aufgezählt werden:
v1.c7.s5.t2.2
1. Die wichtigste der mittelindischen Litteratursprachen ist das Pāli, die Kirchensprache der Buddhisten von Ceylon, Birma und Siam, die Sprache, in welcher die älteste Sammlung der uns erhaltenen heiligen Schriften des Buddhismus abgefaſst ist. Die Buddhisten selbst erzählen uns, daſs der Buddha nicht wie die Brahmanen in dem gelehrten Sanskrit gepredigt, sondern in der Sprache des Volkes zum Volke selbst geredet habe. Und da der Buddha in dem Lande Magadha (dem südlichen Bihār) zuerst gepredigt und dort seine vorzüglichste Wirksamkeit entfaltet hat, so sagen uns die Buddhisten, Pāli sei dasselbe wie Māgadhī, die Sprache der Provinz Magadha. Das kann aber nicht richtig sein, da der uns anderweitig bekannte Dialekt von Magadha mit dem Pāli nicht übereinstimmt. Wahrscheinlicher ist es, daſs der Dialekt von Ujjayinī (Ujjein) dem Pāli zugrunde liegt. Wie immer dem auch sein mag, sicher ist, daſs der im Pāli abgefaſste buddhistische Kanon die zuverlässigste Quelle für unsere Kenntniss des alten Buddhismus, der ursprünglichen Lehre des Buddha bildet. Das Wort »Pāli« bedeutet eigentlich »Reihe«, dann »Ordnung, Anordnung, Regel«, daher auch »heiliger Text« und schlieſslich die Sprache der heiligen Texte, im Gegensatz zum Altsinghalesischen, der Sprache, in welcher die Kommentare zu diesen Texten abgefaſst waren.
v1.c7.s5.t2.3
2. Neben der Pālilitteratur gibt es aber auch eine buddhistische Sanskritlitteratur. In diesen buddhistischen Werken ist nun häufig nur die Prosa Sanskrit, während die eingestreuten metrischen Stücke, die sogenannten »Gāthās« (d. h. »Lieder« oder »Verse«), in einem mittelindischen Dialekt abgefaſst sind. Man hat daher diesen Dialekt »Gāthādialekt« genannt. Die Bezeichnung ist jedoch nicht ganz zutreffend, da derselbe Dialekt sich auch in Prosastücken findet und auch ganze Prosawerke denselben aufweisen. Es ist dies ein alter mittelindischer Dialekt, welcher durch Einfügung von Sanskritendungen und sonstige Sanskritismen in ziemlich unbeholfener Weise dem Sanskrit angenähert worden ist, weshalb Senart für denselben die Bezeichnung »gemischtes Sanskrit« vorgeschlagen hat.
v1.c7.s5.t2.4
3. Ähnlich wie die Buddhisten so haben auch die Jainas für ihre heiligen Schriften nicht das Sanskrit, sondern mittelindische Dialekte verwendet, und zwar zwei verschiedene Prākrits¹):
v1.c7.s5.t2.5
¹ Mit dem Ausdruck »Prākrit« bezeichnen die Inder nicht die Volkssprachen schlechthin, sondern nur die in der Litteratur verwendeten Volkssprachen. Vgl. zu diesem ganzen Abschnitt R. Pischel, Grammatik der Prākrit-Sprachen (im »Grundriss« I, 8), Einleitung.
v1.c7.s5.t2.6
a) das Jaina-Prākrit (auch Ardhamāgadhī oder Ārṣa genannt), die Sprache der älteren Werke des Jaina-Kanons, und
v1.c7.s5.t2.7
b) die Jaina-Mahārāṣṭrī, die Sprache, in welcher die Kommentare zum Jaina-Kanon und die nichtreligiösen poetischen Werke der Jainas abgefasst sind. Dieser Dialekt ist sehr nahe verwandt mit jenem Prākrit, welches am häufigsten als Litteratursprache für weltliche Dichtung verwendet worden ist, nämlich
v1.c7.s5.t2.8
4. der Mahārāṣṭrī, der Sprache von Mahārāṣṭra, dem Lande der Marāṭhen. Diese gilt allgemein als das beste Prākrit, und wenn die Inder von Prākrit schlechthin sprechen, so meinen sie die Mahārāṣṭrī. Sie wurde hauptsächlich für lyrische Dichtung verwendet, insbesondere auch für die lyrischen Partien in den Dramen. Es gibt aber auch epische Gedichte in Mahārāṣṭrī. Andere wichtige Prākritdialekte, die im Drama verwendet werden, sind:
v1.c7.s5.t2.9
5. Die Śaurasenī, welche in der Prosa der Dramen hauptsächlich von vornehmen Frauen gesprochen wird. Ihre Grundlage bildet der Dialekt des Śūrasenalandes, dessen Hauptstadt Mathurā ist.
v1.c7.s5.t2.10
6. Leute niedrigen Standes sprechen in den Dramen Māgadhī, den Dialekt von Magadha, und
v1.c7.s5.t2.11
7. Paiśācī wird im Drama von den Angehörigen der niedrigsten Volksklassen gesprochen. Das Wort bezeichnet wahrscheinlich ursprünglich den Dialekt eines Volksstammes der Piśācas, obwohl es die Inder als die Sprache der Piśācas genannten Dä- monen erklären. In diesem Paiśācidialekt ist auch ein berühmtes Werk der Erzählungslitteratur — Guṇāḍhyas Bṛhatkathā — abgefasst.
v1.c7.s5.t2.12
8. Endlich wird noch unter dem Namen »Apabhraṁśa« eine Anzahl von Prākritdialekten, die im Drama gelegentlich vorkommen, zusammengefasst. Das Wort Apabhraṁśa bezeichnet ursprünglich alles, was vom Sanskrit abweicht, dann insbesondere die lebenden Volkssprachen, und in letzter Linie gewisse Prākritdialekte.
III. Die neuindischen Sprachen und Dialekte
v1.c7.s5.t3.1
Vom zehnten Jahrhundert an beginnt sich die dritte Entwicklungsstufe des Indischen, die der neuindischen Sprachen, bemerkbar zu machen, und vom zwölften Jahrhundert an haben auch diese Sprachen eine eigene Litteratur aufzuweisen, die zum Teil selbständig, zum Teil von der Sanskritlitteratur abhängig ist. Die wichtigsten der lebenden neuindischen Sprachen, die sich aus den mittelindischen Dialekten entwickelt haben, sind die folgenden:
v1.c7.s5.t3.2
Sindhī, Gujarātī, Panjābī und West-Hindī im westlichen Indien; Gaṛhwālī (gesprochen zwischen dem Satlaj und Ganges), Kumaōnī (zwischen Ganges und Gogari), Kaśmīrī und Naipālī (Sprache von Nepal) in Nordindien; Marāṭhī in Südindien und Bihārī, Bengālī, Uriyā und Asāmī im östlichen Indien. Dazu kommt noch das Urdū oder Hindustānī, ein mit persisch-arabischen Elementen¹ stark versetztes Hindī. Es entstand im zwölften Jahrhundert in der Gegend von Delhi, dem damaligen Mittelpunkt der mohammedanischen Macht, in den Lagern (urdu) der Soldaten (daher »Urdu«, d. h. »Lagersprache«). Im 16. Jahrhundert begann es auch eine Litteratur hervorzubringen. Es ist heutzutage die allgemeine Verkehrssprache Indiens.
v1.c7.s5.t3.3
¹ Auch die Schrift ist persisch-arabisch.
v1.c7.s5.t3.4
Ein aus dem Mittelindischen hervorgegangener indogermanischer Dialekt ist endlich auch das Singhalesische, die Sprache von Ceylon. Durch die Einführung des Buddhismus und der buddhistischen Pālilitteratur auf Ceylon begann hier schon früh eine litterarische Tätigkeit, die sich zunächst auf die Erklärung der religiösen Texte beschränkte. In den späteren Jahrhunderten finden wir auch eine von der Sanskritpoesie beeinfluſste weltliche Litteratur¹).
v1.c7.s5.t3.5
¹ Vgl. Wilhelm Geiger, Literatur und Sprache der Singhalesen, im »Grundriss« I, 10.
v1.c7.s5.t3.6
Alle bisher erwähnten indischen Sprachen gehören zur indogermanischen Sprachenfamilie. Auſserdem aber haben wir in Südindien²) auch eine Anzahl von nichtindogermanischen Sprachen. Diese Sprachen bezeichnet man als draviḍische, und sie bilden eine eigene Sprachengruppe. Wenigstens ist es der Sprachwissenschaft bis jetzt noch nicht gelungen, eine Verwandtschaft der draviḍischen Sprachen mit irgendeiner andern der groſsen Sprachenfamilien nachzuweisen. Die wichtigsten dieser Sprachen sind: Tamil, Telugu, Malayalam und Kanaresisch. Obwohl diese Sprachen nicht indogermanisch sind, so sind doch zahlreiche Sanskritismen in dieselben eingedrungen, und auch die nicht unbedeutende Litteratur dieser Sprachen ist von der Sanskritlitteratur in hohem Maſse abhängig.
v1.c7.s5.t3.7
² Auch im äuſsersten Nordwesten Indiens haben sich einige dravidische Dialekte (von etwa 2 Millionen Menschen gesprochen) erhalten.
v1.c7.s5.t3.8
In diesem Buche werden wir uns im wesentlichen auf die Sanskrit-, Pāli- und Prākritlitteratur beschränken müssen. Auf die neuindische Litteratur einzugehen, wird höchstens nur anhangsweise möglich sein.
Cites (13)
- Aṣṭādhyāyī — Pāṇini, Sanskrit
- Pāṇinīya Dhātupāṭha — Pāṇini, Sanskrit
- Yajurveda — Sanskrit
- Mahābhārata — Vyāsa, Sanskrit
- Veda — Sanskrit
- Vedāṅga
- Ṛgvedasaṃhitā — Sanskrit
- Brāhmaṇa — Sanskrit
- Bṛhatkathā
- Āraṇyaka — Sanskrit
- Atharvavedasaṃhitā — Atharvan & Aṅgiras, Sanskrit
- Lohaśāstra (Patañjali) — Patañjali, Sanskrit
- Upanishads — Sanskrit