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Geschichte der indischen Litteratur v1.c8.s10.12

Geschichte der indischen Litteratur v1.c8.s10.12

Language
German

v1.c8.s10.12

Der Sanskrittext enthält also nur die nicht-eingeklammerten Worte. Der Schüler lernte nur diese aphoristischen Sätze auswendig; die notwendigen Erklärungen erhielt er vom Lehrer. In späteren Zeiten wurden diese Erklärungen der Lehrer auch niedergeschrieben, und sie sind uns in den umfangreichen Kommentaren erhalten, die es zu allen Sūtratexten gibt, und ohne welche die Sūtras für uns zumeist unverständlich sein würden. Hervorgegangen ist dieser eigentümliche Sūtrastil aus der Prosa der Brāhmaṇas. Diese aus fast lauter kurzen Sätzen bestehende Prosa der Brāhmaṇas, welcher die indirekte Rede ganz fehlt, in welcher die Aufeinanderfolge von Hauptsätzen nur selten durch einen Relativsatz oder Konditionalsatz unterbrochen wird, und deren Eintönigkeit bloſs durch Partizipialkonstruktionen eine gewisse Abwechslung erfährt; in denen ferner — trotz einer gewissen Weitschweifigkeit, die sich namentlich in unbeholfenen Wiederholungen zeigt — vieles ungesagt bleibt, was sich beim mündlichen Vortrag und Unterricht von selbst versteht, während wir es in unseren Übersetzungen ergänzen müssen¹), — diese Prosa konnte leicht durch eine mehr und mehr übertriebene Vereinfachung zu solchen lapidarischen, abgehackten, bloſs durch die allernotwendigsten Partikeln aneinandergereihten Sätzen umgemodelt werden, wie sie uns in den Sūtras vorliegen. Zum Zweck der gröſseren Silbenersparnis und einer noch knapperen Zusammenfassung trat nur noch ein neues Element hinzu: die Bildung langer Komposita, denen wir in den Sūtras zum erstenmal begegnen, und die dann für die klassische Sanskritlitteratur besonders charakteristisch geworden ist und in späterer Zeit immer mehr überhandgenommen hat. Daſs der Sūtrastil sich aus der Prosa der Brāhmaṇas entwickelt hat, kann man noch deutlich daraus ersehen, daſs in den ältesten Sūtratexten häufig Zitate aus den Brāhmaṇas vorkommen und öfters auch, ohne dafs zitiert wird, brāhmaṇaartige Stellen sich mitten unter den Sūtras finden¹).