Geschichte der indischen Litteratur v1.c8.s2.44.1
Geschichte der indischen Litteratur v1.c8.s2.44.1
- Language
- German
v1.c8.s2.44.1
Daſs wir aber den Rigveda noch nicht richtig verstehen, und daſs eine vollständige Übersetzung desselben notwendigerweise Unrichtiges enthalten muſs, ist nicht ganz unsere Schuld. Der Grund ist eben gerade das hohe Alter dieser Hymnen, welche den Indern selbst schon in sehr früher Zeit unverständlich geworden sind. Innerhalb der vedischen Litteratur finden wir bereits manche Verse des Rigveda miſsverstanden und falsch aufgefaſst. Und schon frühzeitig haben sich indische Gelehrte mit der Auslegung des Rigveda abgegeben. Es wurden Sammlungen von seltenen und dunklen Wörtern, welche in den Hymnen vorkommen, veranstaltet, sogenannte Nighaṇṭus oder »Glossare«. Und der erste Exeget des Rigveda, dessen Werk uns erhalten ist, war Yāska, der auf Grundlage der Nighaṇṭus in seinem Werk Nirukta (d. h. »Etymologie«) eine groſse Anzahl vedischer Verse erklärt. Dieser Yāska, welcher jedenfalls älter als Pāṇini ist, zitiert bereits nicht weniger als siebzehn Vorgänger, deren Meinungen einander oft widersprechen. Ja, einer der von Yāska zitierten Gelehrten behauptete geradezu, daſs die ganze Vedenexegese nichts tauge, da die Hymnen dunkel, sinnlos und einander widersprechend seien, — wozu Yāska allerdings bemerkt, es sei nicht die Schuld des Balkens, wenn der Blinde ihn nicht sehe.