Geschichte der indischen Litteratur v1.c8.s2.86
Geschichte der indischen Litteratur v1.c8.s2.86
- Language
- German
v1.c8.s2.86
Die Lieder lassen keinen Zweifel darüber, daſs es sich bei dem Mythos vom Drachenkampf des Indra um ein gewaltiges Naturphänomen handelt. Himmel und Erde erzittern, wenn Indra den Vṛtra erschlägt. Er vernichtet den Drachen nicht nur einmal, sondern wiederholt, und er wird aufgefordert, auch in der Zukunft immer den Vṛtra zu töten und die Wasser zu befreien. Schon die alten indischen Veda-Erklärer sagen uns, daſs Indra ein Gewittergott ist, daſs wir unter den Bergen, in welchen die Wasser eingeschlossen sind, die Wolken zu verstehen haben, in denen Vṛtra — der Dämon der Dürre — die Wasser eingekerkert hält. Und die meisten europäischen Mythologen schlossen sich dieser Meinung an und sahen in dem donnerkeilbewehrten Indra ein Gegenstück des germanischen Thunar, der den Donnerhammer Mjölnir schwingt, einen in die indogermanische Vorzeit zurückreichenden Gewittergott, und in dem Drachenkampf eine mythologische Darstellung des Gewitters. Neuerdings hat aber Hillebrandt zu beweisen gesucht, daſs Vṛtra nicht ein Wolkendämon und nicht ein Dämon der Dürre, sondern ein Winterriese ist, dessen Macht durch den Sonnengott Indra gebrochen wird; die »Ströme«, welche von Vṛtra gefangengehalten und von Indra befreit werden, sind nach ihm nicht die Regengüsse, sondern die Ströme des nordwestlichen Indiens, welche im Winter versiegen und sich erst füllen, wenn die Sonne die Schneemassen der Berge des Himalaja zum Schmelzen bringt.