Geschichte der indischen Litteratur v1.c8.s3.65
Geschichte der indischen Litteratur v1.c8.s3.65
- Language
- German
v1.c8.s3.65
Das Wort amhas aber, welches wir hier durch »Drangsal« übersetzen, vereinigt in sich die Bedeutungen »Not, Bedrängnis« einerseits und »Schuld, Sünde« anderseits. Daher kann die eben erwähnte Litanei auch zu jener Klasse von Hymnen des Atharvaveda gerechnet werden, die mit Sühnzeremonien (prāyašcittāni) in Verbindung stehen. Diese Entsühnungsformeln und Sprüche zur Reinigung von Schuld und Sünde sind von den Heilzaubersprüchen weniger verschieden, als man glauben möchte. Denn nach indischen Begriffen ist eine Entsühnung, ein prāyašcitta, nicht nur für »Sünden« in unserem Sinne, d. h. Vergehen gegen das Sittengebot oder Verstöſse gegen die Religion, erforderlich, sondern neben Entsühnungsformeln für mangelhaft vollzogene Opfer und Zeremonien, für wissentlich und unwissentlich begangene Verbrechen, für Gedankensünden, für Nichtbezahlung von Schulden, insbesondere Spielschulden, für die im Gesetz verbotene Verheiratung eines jüngeren Bruders vor dem älteren und neben allgemein gehaltenen Gebeten um Befreiung von Schuld und Sünde und deren Folgen finden wir auch Sühnformeln und mit Sühnzeremonien verbundene Lieder und Sprüche, durch welche geistige und körperliche Gebrechen, unglückbedeutende Vorzeichen (z. B. durch Vogelflug oder die Geburt von Zwillingen oder die Geburt eines Kindes unter einem unglücklichen Stern), böse Träume und plötzliche Unglücksfälle »entsühnt«, d. h. abgewehrt oder in ihrer Wirkung abgeschwächt werden sollen. Die. Begriffe »Schuld«, »Sünde«, »Unheil«, »Unglück« gehen fortwährend ineinander über. Es gilt eben alles Böse — Krankheit und Unglück ebenso wie Schuld und Sünde — als von übelwollenden Dämonen, von bösen Geistern veranlaſst.
Linked texts (1)
- Atharvavedasaṃhitā — Atharvan & Aṅgiras, Sanskrit