Geschichte der indischen Litteratur v1.c8.s3.7
Geschichte der indischen Litteratur v1.c8.s3.7
- Language
- German
v1.c8.s3.7
Hingegen gibt es andere Tatsachen, welche unwiderleglich beweisen, daſs unsere Redaktion der Atharvaveda-Saṃhitā jünger ist als die der Rigveda-Saṃhitā. Zunächst führen uns die geographischen und kulturellen Verhältnisse, wie sie sich im Atharvaveda widerspiegeln, in eine jüngere Zeit. Die vedischen Arier sind nun bereits weiter nach Südosten vorgedrungen und schon im Gangeslande ansässig. Der in den Sumpfwaldungen Bengalens einheimische und daher im Ṛigveda noch unbekannte Tiger erscheint im Atharvaveda schon als das mächtigste und gefürchtetste aller Raubtiere, und bei der Königsweihe tritt der König auf ein Tigerfell, das Symbol königlicher Macht. Der Atharvaveda kennt nicht nur die vier Kasten — Brāhmaṇas, Kṣatriyas, Vaiśyas und Śūdras —, sondern in einer Reihe von Hymnen werden schon (wie das später mehr und mehr der Fall ist) von der Priesterkaste die höchsten Ansprüche erhoben, und die Brahmanen werden bereits oft als die »Götter«[^1) dieser Erde bezeichnet. Die Zauberlieder des Atharvaveda, die ja gewifs ihren Hauptbestandteilen nach volkstümlich und uralt sind, haben auch in der Saṃhitā nicht mehr ihre ursprüngliche Gestalt, sondern sie sind brahmanisiert. Diese alten Sprüche und Formeln, deren Verfasser ebenso unbekannt sind wie die der Zaubersprüche und Zauberlieder anderer Völker, und die ursprünglich ebensosehr »Volksdichtung« waren, wie die Zauberpoesie es ja überall ist, haben in der Atharvaveda-Saṃhitā ihren volkstümlichen Charakter zum Teil schon eingebüſst. Wir sehen auf Schritt und Tritt, daſs die Sammlung von Priestern zusammengestellt worden ist, und daſs auch viele der Hymnen von Priestern verfaſst sind. Dieser priesterliche Horizont der Redakteure und zum Teil auch der Verfasser der Hymnen des Atharvaveda verrät sich in gelegentlichen Vergleichungen und Beiworten, wie etwa, wenn es in einem Spruch gegen Feldungeziefer heifst, es solle das Getreide unberührt lassen »wie der Brahmane unfertige Opferspeise«. Eine ganze Klasse von Hymnen des Atharvaveda — wir kommen unten auf sie zu sprechen — beschäftigt sich nur mit den Interessen der Brahmanen, der Priesterspeisung, der Opferlöhnung u. dgl., und sie sind selbstverständlich das Werk von Priestern.