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Geschichte der indischen Litteratur v1.c8.s5.6

Geschichte der indischen Litteratur v1.c8.s5.6

Language
German

v1.c8.s5.6

Der erste Teil unserer Sāmaveda-Saṃhitā, das Ārcika, besteht nämlich aus 585 Einzelstrophen (ṛc), zu welchen die verschiedenen Sangweisen (sāman) gehören, welche beim Opfer verwendet wurden. Das Wort sāman, wenn auch oft zur Bezeichnung des für den Gesang hergerichteten oder bestimmten Textes gebraucht, bedeutet ja ursprünglich nur »Sangweise« oder »Melodie«. Wie wir sagen, daſs eine Strophe »nach einer bestimmten Melodie« gesungen wird, so sagen die Inder umgekehrt: Diese oder jene Melodie (sāman) wird »auf einer gewissen Strophe« gesungen. Die vedischen Theologen fassen aber das Verhältnis von Melodie und Strophe so auf, daſs sie sagen, die Melodie sei aus der Strophe entstanden. Die Strophe (ṛc) wird daher als die Yoni, d. h. »der Mutterschoſs«, bezeichnet, woraus die Sangweise entsprungen sei. Und obwohl natürlich eine Strophe nach verschiedenen Melodien und eine Melodie zu verschiedenen Strophen gesungen werden kann, so gibt es doch gewisse Strophen, die in der Regel als die Texte — die »Yonis«, wie der indische Kunstausdruck lautet — zu bestimmten Melodien gelten können. Es ist etwa so, wie wir bei den Worten: »Stimmt an mit hellem, hohem Klang« oder »Es steht ein Baum im Odenwald« u. s. w. an bestimmte Melodien denken. Das Ārcika ist also nichts anderes als eine Sammlung von 585 »Yonis« oder Einzelstrophen, welche nach ebenso vielen verschiedenen Melodien gesungen werden. Man denke sich etwa ein Liedertextbuch, in welchem von jedem Lied bloſs der Text der ersten Strophe als Gedächtnisstütze für die Melodie gegeben wäre.

Cites (1)