Geschichte der indischen Litteratur v1.c8.s5: Die Sāmaveda-Saṃhitā
Geschichte der indischen Litteratur v1.c8.s5
- Language
- German
Die Sāmaveda-Saṃhitā
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Von den vielen Saṃhitās des Sāmaveda, die es einmal gegeben haben soll — die Purāṇas sprechen gar von tausend Saṃhitās²) —, ist nur eine auf uns gekommen. Diese uns erhaltene Sāmaveda-Saṃhitā³) besteht aus zwei Teilen, dem Ārcika oder der »Strophensammlung« und dem Uttarārcika, der »zweiten Strophensammlung«. Beide Teile bestehen aus Versen, die fast alle im Rigveda wiederkehren. Von den 1810 — oder, wenn man die Wiederholungen abrechnet, 1549 — Versen, welche beide Teile zusammen enthalten, stehen alle bis auf 75 auch in der Rigveda-Saṃhitā, und zwar größtenteils im VIII. und IX. Buche derselben. Die meisten dieser Verse sind im Gāyatrīmetrum oder in den aus Gāyatrī- und Jagatīzeilen zusammengesetzten Pragāthastrophen abgefaßt, und ohne Zweifel waren die in diesen Versmaßen gedichteten Strophen und Lieder von Anfang an für den Gesang bestimmt¹). Die 75 Verse, die nicht im Rigveda vorkommen, finden sich zum Teil in anderen Saṃhitās, zum Teil in verschiedenen Ritualwerken; einige mögen aus einer uns unbekannten Rezension stammen, manche sind aber auch bloſs aus verschiedenen Versen des Rigveda zusammengestoppelt, ohne einen rechten Sinn zu geben. Die Verse des Rigveda begegnen uns im Sāmaveda zum Teil auch mit abweichenden Lesarten, und man hat geglaubt, in denselben einen altertümlicheren Text sehen zu dürfen. Doch hat schon Theodor Aufrecht²) nachgewiesen, daſs die abweichenden Lesarten des Sāmaveda bloſs auf willkürlichen, absichtlichen oder zufälligen Änderungen beruhen, — Änderungen, wie sie auch sonst vorkommen; wo Worte für Musik zurechtgemacht werden. Der Text ist ja beim Sāmaveda — sowohl beim Ārcika, wie beim Uttarārcika — nur Mittel zum Zweck. Das Wesentliche ist immer die Melodie, und der Zweck beider Teile ist es, die Melodien zu lehren. Der Schüler, der sich in den Schulen des Sāmaveda zum Udgātarpriester ausbilden wollte, muſste zuerst die Sangweisen lernen: dies geschah mit Hilfe des Ārcika; dann erst konnte er die Stotras, wie sie beim Opfer gesungen wurden, auswendig lernen, wozu das Uttarārcika diente.
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² Auch von tausend Schulen des Sāmaveda ist bei späteren Schriftstellern die Rede. Vgl. R. Simon, Beiträge zur Kenntnis der vedischen Schulen (Kiel 1889) S. 27, 30 f.
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³ Es ist dies die erste von allen vedischen Saṃhitās, die herausgegeben und vollständig übersetzt worden ist: Die Hymnen des Sâma-Veda, herausgegeben, übersetzt und mit Glossar versehen von Theodor Benfey. Leipzig 1848.
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¹ Dies beweisen schon die Namen »Gāyatrī« und »Pragātha«, die von dem Zeitwort gā (resp. pragā) »singen« abgeleitet sind. Vgl. darüber und zu dem Folgenden die wichtige Abhandlung von H. Oldenberg, »Rigveda-Saṃhitā und Sāmavedārcika« in ZDMG XXXVIII, 1884, S. 439 ff., 464 ff.
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² In der Vorrede zu seiner Ausgabe der Hymnen des Rigveda (zweite Aufl., Bonn 1877) II, S. XXXVIII ff.
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Der erste Teil unserer Sāmaveda-Saṃhitā, das Ārcika, besteht nämlich aus 585 Einzelstrophen (ṛc), zu welchen die verschiedenen Sangweisen (sāman) gehören, welche beim Opfer verwendet wurden. Das Wort sāman, wenn auch oft zur Bezeichnung des für den Gesang hergerichteten oder bestimmten Textes gebraucht, bedeutet ja ursprünglich nur »Sangweise« oder »Melodie«. Wie wir sagen, daſs eine Strophe »nach einer bestimmten Melodie« gesungen wird, so sagen die Inder umgekehrt: Diese oder jene Melodie (sāman) wird »auf einer gewissen Strophe« gesungen. Die vedischen Theologen fassen aber das Verhältnis von Melodie und Strophe so auf, daſs sie sagen, die Melodie sei aus der Strophe entstanden. Die Strophe (ṛc) wird daher als die Yoni, d. h. »der Mutterschoſs«, bezeichnet, woraus die Sangweise entsprungen sei. Und obwohl natürlich eine Strophe nach verschiedenen Melodien und eine Melodie zu verschiedenen Strophen gesungen werden kann, so gibt es doch gewisse Strophen, die in der Regel als die Texte — die »Yonis«, wie der indische Kunstausdruck lautet — zu bestimmten Melodien gelten können. Es ist etwa so, wie wir bei den Worten: »Stimmt an mit hellem, hohem Klang« oder »Es steht ein Baum im Odenwald« u. s. w. an bestimmte Melodien denken. Das Ārcika ist also nichts anderes als eine Sammlung von 585 »Yonis« oder Einzelstrophen, welche nach ebenso vielen verschiedenen Melodien gesungen werden. Man denke sich etwa ein Liedertextbuch, in welchem von jedem Lied bloſs der Text der ersten Strophe als Gedächtnisstütze für die Melodie gegeben wäre.
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Das Uttarārcika, der zweite Teil der Sāmaveda-Saṃhitā, besteht aus 400 Gesängen, gröſstenteils zu je drei Strophen¹), aus denen die bei den Hauptopfern gesungenen Stotras gebildet werden. Während im Ārcika die Strophen teils nach den Versmaſsen, teils nach den Göttern, an die sie gerichtet sind — und zwar in der Reihenfolge Agni, Indra, Soma —, angeordnet erscheinen, sind die Gesänge im Uttarārcika nach der Folge der hauptsächlichen Opfer angeordnet²). Ein Stotra besteht also aus mehreren, gewöhnlich drei Strophen, die alle nach derselben Melodie gesungen werden, und zwar nach einer der Melodien, welche das Ārcika lehrt. Wir können das Uttarārcika mit einem Liedertextbuch vergleichen, in welchem der Text der Lieder vollständig gegeben ist, während die Melodien als bekannt vorausgesetzt werden. Man nimmt gewöhnlich an, daſs das Uttarārcika späteren Ursprungs sei als das Ārcika. Für diese Annahme spricht der Umstand, daſs das Ārcika viele »Yonis«, also auch viele Sangweisen kennt, die in den Gesängen des Uttarārcika gar nicht vorkommen, und daſs auch das Uttarārcika manche Gesänge enthält, für die das Ārcika keine Sangweise lehrt. Anderseits ist doch das Uttarārcika eine notwendige Ergänzung des Ārcika: dieses ist gleichsam der erste, jenes der zweite Kurs in dem Unterricht des Udgātar.
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¹ 287 Gesänge bestehen aus je 3 Versen, 66 aus je 2, 13 aus je 1 Vers, 10 aus je 6, 9 aus je 4, 4 aus je 5, 3 aus je 9, ebenso viele aus je 10, 2 aus je 7 und ebenso viele aus je 12, und 1 Gesang besteht aus 8 Versen.
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² Über die Stotras des Sāmaveda und deren Verwendung beim Opfer vgl. A. Hillebrandt, Rituallitteratur, S. 99 ff. im »Grundriſs« III, 2.
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Beide Teile der Saṃhitā geben uns nur die Texte, wie sie gesprochen werden. Die Sangweisen selbst wurden in ältester Zeit jedenfalls nur durch den mündlichen und wohl auch instrumentalen Vortrag gelehrt. Erst aus späterer Zeit stammen die sogenannten Gānas oder eigentlichen »Gesangbücher« (von gā »singen«), welche die Melodien durch Noten bezeichnen, und in denen die Texte in der Gestalt aufgezeichnet sind, welche sie beim Gesang haben, d. h. mit allen Silbendehnungen, Wiederholungen und Einschiebungen von Silben und selbst von ganzen Wörtern — den sogenannten »Stobhas«, wie hoyi, huvā, hōi u. s. w., die zum Teil unseren Jauchzern und Jodlern nicht unähnlich sind. Die älteste Notenbezeichnung ist wahrscheinlich die vermittelst Silben, wie ta, co, ṇa u. s. w. Häufiger aber ist die Bezeichnung der sieben Noten mittelst der Ziffern 1, 2, 3, 4, 5, 6 und 7, denen F, E, D, C, B, A, G unserer Tonleiter entsprechen. Beim Singen markieren die Priester diese verschiedenen Noten durch Bewegungen der Hand und der Finger¹. Es scheint, daſs die Sangweisen bei den im Dorf gefeierten Somaopfern andere waren als bei den Opfern der Waldeinsiedler, denn es gibt zum Ārcika ein Grāmageyagāna (»Dorfgesangbuch«) und ein Āraṇyagāna (»Waldgesangbuch«). Wenn wir die Ārcikas mit Liedertextbüchern verglichen haben, so können wir die Gānas mit Notenbüchern vergleichen, in denen die Worte mit allen Dehnungen, Silbenwiederholungen u. dgl., wie sie der Gesang erfordert, unter die Noten geschrieben sind.
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¹ Näheres über diese älteste Musik der Inder findet man bei A. C. Burnell, The Ārsheya Brāhmaṇa . . . of the Sāma Veda (Mangalore 1876) Introd. p. XXVIII, XLI—XLVIII.
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Die Zahl der bekannten Sangweisen muſs eine sehr groſse gewesen sein¹), und schon in sehr alter Zeit hatte jede Melodie einen besonderen Namen. Unter diesen Namen werden sie nicht nur in den Ritualbüchern oft genannt, sondern es werden ihnen auch verschiedene symbolische Bedeutungen zugeschrieben, und sie spielen in der Symbolik und Mystik der Brāhmaṇas, Āraṇyakas und Upaniṣads keine geringe Rolle, namentlich einige derselben, wie die beiden schon im Ṛigveda vorkommenden Sangweisen »Bṛhat« und »Rathantara«. Gewiſs haben auch die Priester und Theologen diese Melodien nicht alle selbst erfunden. Die ältesten derselben waren vermutlich volkstümliche Weisen, nach denen in uralter Zeit bei Sonnwendfeiern und anderen Volksfesten halbreligiöse Lieder gesungen wurden, und noch andere mögen bis auf jene lärmende Musik zurückgehen, mit welcher vorbrahmanische Zauberpriester — den Zauberern, Schamanen und Medizinmännern der Naturvölker nicht unähnlich — ihre wilden Lieder und Riten begleiteten²). Spuren dieses volkstümlichen Ursprungs der Sāmanweisen zeigen sich schon in den oben erwähnten Stobhas oder Jauchzern, und besonders darin, daſs die Melodien des Sāmaveda noch in brahmanischer Zeit als zauberkräftig galten³). Und es gibt ein zum Sāmaveda gehöriges Ritualbuch — es nennt sich Sāmavidhāna-Brāhmaṇa —, dessen zweiter Teil geradezu ein Handbuch der Zauberei ist, in welchem die Verwendung verschiedener Sāmans zu Zauberzwecken gelehrt wird. Auch darin kann man noch eine Erinnerung an den Zusammenhang der Sāmanweisen mit dem vorbrahmanischen Volksglauben und Zauberwesen sehen, dafs die brahmanischen Gesetzbücher lehren, dafs man die Rezitation des Rigveda und des Yajurveda unterbrechen müsse, sobald man den Klang eines Sāman hört. Besonders deutlich ist Āpastambas Gesetzbuch¹), wo Hundegebell, Eselgeschrei, das Heulen von Wölfen und Schakalen, das Schreien der Eule, der Klang von Musikinstrumenten, Weinen und der Ton von Sāmans als Geräusche aufgezählt werden, bei denen das Vedastudium unterbrochen werden mufs.
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¹ Ein späterer Schriftsteller gibt die Zahl der Sāmans auf 8000 an! (R. Simon a. a. O. S. 31.)
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² Vgl. A. Hillebrandt, Die Sonnwendfeste in Alt-Indien. (Sep. aus der Festschrift für Konrad Hofmann), Erlangen 1889, S. 22 ff. 34 ff. M. Bloomfield, The god Indra and the Sāma-veda, in WZKM XVII, 1903, S. 156 ff.
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³ Wahrscheinlich ist die Grundbedeutung von sāman »Besänftigungslied«, »ein Mittel zur Beschwichtigung von Göttern und Dämonen«. Das Wort sāman kommt auch in der Bedeutung »Milde, freundliches Entgegenkommen« vor. Wenn in der älteren Litteratur der Sāmaveda zitiert wird, so geschieht dies gewöhnlich mit den Worten: »Die Chandogas sagen.« Chandoga heiſst »Chandassänger«, und chandas vereinigt in sich die Bedeutungen »Zauberlied«, »heiliger Text« und »Metrum«. Es muſs also etwa »die rhythmisch bewegte Rede« die Grundbedeutung des Wortes sein; es dürfte mit der Wurzel chand »gefallen, befriedigen oder gefallen machen« (vgl. chanda »gefällig, verlockend, einladend«) zusammenhängen.
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¹ I, 3, 10, 19.
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So ist denn die Sāmaveda-Saṃhitā für die Geschichte des indischen Opfer- und Zauberwesens nicht ohne Wert, und die zu ihr gehörigen Gānas sind gewifs für die Geschichte der indischen Musik sehr wichtig, wenn auch noch keineswegs für diesen Zweck ausgebeutet, — als litterarisches Erzeugnis aber ist diese Saṃhitā für uns so gut wie wertlos.
Linked texts (4)
- Āpastambadharmasūtra — Āpastamba, Sanskrit
- Paṭhamamahaddhanasutta — Pāli
- Ṛgvedasaṃhitā — Sanskrit
- Sāmavidhānabrāhmaṇa — Sanskrit