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Geschichte der indischen Litteratur v1.c8.s9.23

Geschichte der indischen Litteratur v1.c8.s9.23

Language
German

v1.c8.s9.23

Was uns vor diesen alten Denkern Indiens die höchste Achtung einflöſsen muſs, das ist der Ernst und der Eifer, mit dem sie das göttliche Prinzip oder was Kant das Ding-an-sich nennen würde — ob sie es nun »das Eine« oder »das Seiende«, ob sie es das Brahman oder den Ātman nannten — zu ergründen suchten. So lesen wir in einem Dialog, der in zwei Upaniṣads in zwei verschiedenen Versionen wiederkehrt¹), wie Gārgya Bālāki, ein stolzer und gelehrter Brahmane zu Ajātaśatru, dem König von Benares, kommt und sich anheischig macht, ihm das Brahman zu erklären. Der Reihe nach erklärt er den Puruṣa, d. h. den persönlichen Geist, in der Sonne, im Monde, im Blitze, im Äther, im Winde, im Feuer, im Wasser, sodann den Geist, der als Spiegelbild oder Schatten, der im Echo, im Tone, im Traume, im menschlichen Körper oder im Auge erscheint, für das Brahman. Ajātaśatru ist aber von keiner dieser Erklärungen befriedigt, so daſs schlieſslich der gelehrte Brahmane zum König selbst in die Lehre geht, der ihm dann auseinandersetzt, daſs das wahre Brahman nur in dem erkennenden Geist (Puruṣa) im Menschen, d. h. im Ātman, im Selbst, zu suchen sei. »Wie eine Spinne mit ihrem Gewebe aus sich herausgeht, wie von einem Feuer die kleinen Fünkchen nach allen Richtungen auseinanderfliegen, so gehen aus diesem Ātman alle Lebensgeister, alle Welten, alle Götter und alle Wesen hervor.«