Geschichte der indischen Litteratur v1.c8.s9.35
Geschichte der indischen Litteratur v1.c8.s9.35
- Language
- German
v1.c8.s9.35
Sowie die Lehre vom Prāṇa und den Prāṇas mit der Grundlehre vom Ātman zusammenhängt, so gibt dieselbe Lehre den Dichterphilosophen der Upaniṣads auch Anlaſs zu groſsartigen philosophischen Dichtungen, wie man sie wohl am besten bezeichnen kann, über die Schicksale des individuellen Ātman, d. h. der menschlichen Seele, in den Zuständen des Wachens und des Träumens, des Schlafes und des Sterbens, und auf ihren Wanderungen ins Jenseits bis zu ihrer endlichen »Erlösung«, d. h. ihrem völligen Aufgehen in dem Brahman. So entwirft vor allem die Bṛhadāraṇyaka-Upaniṣad (IV, 3—4) von den Schicksalen der Seele ein Bild, welches, wie Deussen¹) mit Recht bemerkt, »an Reichtum und Wärme der Darstellung wohl einzig in der indischen Litteratur und vielleicht in der Litteratur aller Völker dasteht.« Hier finden wir auch die Lehre von der Seelenwanderung und die mit ihr aufs engste zusammenhängende ethische Lehre vom Karman, der Tat, die mit der Sicherheit eines Naturgesetzes ihre Folgen haben muſs, zum erstenmal klar und deutlich entwickelt. Diese groſse, später — namentlich im Buddhismus — auf allen Gassen und Straſsen gepredigte Lehre von der Tat ist in den Upaniṣads noch ein groſses Mysterium. Ārtabhāga fragt den Yājñavalkya: