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Geschichte der indischen Litteratur v1.c8.s9.49

Geschichte der indischen Litteratur v1.c8.s9.49

Language
German

v1.c8.s9.49

Dafs uns aber solche ethische Lehren in den Upaniṣads nur selten begegnen, ist begreiflich genug. Nach der Lehre der Upaniṣads ist das höchste zu erstrebende Ziel die Vereinigung mit dem Brahman, und diese Vereinigung ist nur zu erreichen durch Aufgeben des Nichtwissens, durch Erkenntnis. Nur wer die Einheit des Ātman mit dem Brahman, die Einheit der Seele mit Gott erkannt hat, wird der Erlösung, d. h. der völligen Vereinigung mit dem Brahman, teilhaftig. Um aber dieses höchste Ziel zu erreichen, ist es notwendig, alle Werke, sowohl gute wie böse, aufzugeben. Opfer und fromme Werke führen ja immer nur zu neuen Wiedergeburten, das Wissen allein führt hinaus aus diesem Irrsal zum Einzigen und Ewigwahren. »Wie an dem Lotosblütenblatt das Wasser nicht haftet, so haftet keine böse Tat an dem, der solches weifs¹).« Schon in den Brāhmaṇas und Āraṇyakas ist oft und oft von den Vorteilen die Rede, die demjenigen zuteil werden, der irgendeine Geheimlehre der Opferwissenschaft kennt, — »der dieses weifs«. Für die Upaniṣads aber ist nichts bezeichnender, als die unzählige Male wiederkehrende Verheifsung von Glück und Seligkeit, von irdischen Gütern und himmlischen Wonnen als Lohn für den, »der dieses weifs«. Der Gedanke, dafs Wissen nicht blofs Macht, sondern das höchste zu erstrebende Ziel sei, zieht sich durch alle Upaniṣads. Nicht nur Indra dient dem Prajāpati 101 Jahre als Schüler, sondern auch von Menschen wird oft berichtet, dafs sie jahrelang als Schüler einem Lehrer dienen, um von ihm irgendein Wissen überliefert zu erhalten. Könige sind bereit, Tausende von Kühen und Haufen Goldes dem Brahmanen zu schenken, der ihnen die Lehre vom wahren Ātman oder Brahman zu verkünden weiſs. Aber auch Brahmanen demütigen sich vor Königen, Reiche vor Bettlern, wenn diese, wie das nicht selten der Fall ist, im Besitze höherer Weisheit sind¹). Ihren ergreifendsten Ausdruck hat aber diese Sehnsucht nach Wissen in der herrlichen Dichtung von Naciketas gefunden, welche uns die Kāṭhaka-Upaniṣad überliefert hat.