Geschichte der indischen Litteratur v2.c16.s5.7
Geschichte der indischen Litteratur v2.c16.s5.7
- Language
- German
v2.c16.s5.7
Allerdings gilt dieses Lob, ebenso wie die von mir angenommene Datierung, nicht für das ganze Werk, wie es uns im Pālitext vorliegt, sondern nur für das Werk in seiner ursprünglichen Gestalt. Denn es kann kein Zweifel darüber sein, daß von den sieben Büchern, aus denen unser Text besteht, nur ein kleiner Teil des ersten einleitenden Buches und das II. und III. Buch alt und echt sind. Auch in das III. Buch haben sich schon manche spätere Zusätze eingeschlichen. Weitaus der größte Teil des Werkes — mehr als fünf Sechstel — ist erst viel später auf Ceylon hinzugefügt worden. Der schlagendste Beweis für die Unechtheit der Bücher IV—VII ist deren Fehlen in der chinesischen Übersetzung, die zwischen 317 und 420 n. Chr. entstanden sein soll²). Aber auch inhaltlich unterscheiden sich die Bücher IV—VII von den vorhergehenden ganz wesentlich. Während in dem alten und echten Dialog nur die allgemeinsten und wichtigsten Fragen der Religion erörtert werden, Grundfragen, die für jeden Laien von Interesse sind, beginnt mit dem IV. Buch eine buddhistische Apologetik, die nur für gründliche Kenner der kanonischen Texte ein Interesse haben konnte. Es werden in diesen späteren Büchern mit Vorliebe Dilemmata aufgeworfen, die dadurch entstehen, daß widersprechende Texte einander gegenübergestellt werden. Dabei wird jedes Wort des Kanons — selbst die nebensächlichste Bemerkung in den profansten Geschichten des Jātakabuches — als ein heiliges Buddhawort aufgefaßt, das unbedingt wahr und gut sein muß. Hat der Bodhisatta in irgendeiner seiner früheren Geburten, von denen die Jātakas berichten, Fehler und Untugenden gehabt, so bemüht sich der Verfasser des IV. Buches des Milindapañha, ihn reinzuwaschen. Denn für ihn ist der Bodhisatta ganz identisch mit dem vollkommenen Buddha. Von einer derartigen Auffassung ist in den echten Büchern (ebensowenig wie im Tipiṭaka) auch nicht eine Spur zu finden. Ebenso stechen die späteren Bücher in litterarischer Beziehung von den echten Teilen des Werkes stark ab. Wohl finden sich auch in diesen späteren Büchern noch hie und da hübsche Gleichnisse und geistreiche Bemerkungen, aber an die Schönheit und Originalität der ersten Bücher reichen sie nicht heran. Schließlich bildet auch das Ende des dritten Buches einen guten Abschluß des Werkes, das jeder für vollständig halten würde, wenn die Bücher IV—VII nicht folgten¹).
Cites (3)
- Jātaka — Pāli
- Milindapañha — Pāli
- Tipiṭaka (Theravāda) — Pāli