Geschichte der indischen Litteratur v2.c16.s8: Die heiligen Texte der Jainas
Geschichte der indischen Litteratur v2.c16.s8
- Language
- German
Contents
- v2.c16.s8.t1 Der Kanon (Siddhānta) der Jainas — 122 parts
- v2.c16.s8.t2 Die nichtkanonische Jainalitteratur — 205 parts
Die heiligen Texte der Jainas
v2.c16.s8.1
Als Nebenbuhler und Gegner des Gotama Buddha wird in den buddhistischen Texten öfters der Nigaṇṭha Nātaputta genannt. Dieser ist niemand anderer als der unter dem Namen Mahāvīra, d. h. »der große Held«, bekannte und verehrte Heilige, Stifter oder Reformator der Sekte der Jainas, die sich aus der viel älteren Sekte der Nigaṇṭhas (d. h. der »Fessellosen«) unter Führung des Vardhamāna Mahāvīra wahrscheinlich kurz vor dem Auftreten Gotamas entwickelt hatte¹). Die Jainareligion hat so viel mit dem Buddhismus gemein, daß sie lange Zeit nur für eine buddhistische Sekte gehalten wurde. Sie unterscheidet sich aber doch in so wesentlichen Punkten scharf von der Religion des Buddha, daß sie als ein selbständiges Glaubensbekenntnis angesehen werden muß. Viel stärker als der Buddhismus betont der Jinismus²) die Askese und allerlei Kultübungen, und im Gegensatz zu Buddha lehrte Mahāvīra einen sehr ausgebildeten Seelenglauben. Was den beiden Religionen gemeinsam ist, ist nichts anderes als die von uns schon öfter gekennzeichnete altindische »Asketenmoral«, und auch die Berührungspunkte zwischen buddhistischer und jinistischer Litteratur sind eben diejenigen, die beide mit der allgemein indischen Asketendichtung gemein haben.
v2.c16.s8.2
¹ Daß Buddha und Mahāvīra Zeitgenossen waren, kann auf Grund der einstimmigen Überlieferung von Buddhisten und Jainas als sicher gelten. Zweifelhaft ist aber das Todesjahr des Mahāvīra. Es wird von Jacobi (SBE 45, p. XIII ff.) auf 467 v. Chr. berechnet. Charpentier (Ind. Ant. 43, 118 ff., 125 ff.) sucht diese Datierung durch neue Gründe zu stützen. Nach anderer Überlieferung wird 527 v. Chr. als Todesjahr des Mahāvīra angesetzt (s. K. B. Paṭhak, Ind. Ant. 12, 1883, 21 f.). Hoernle (ERE 1, 261) nimmt im Anschlusse an die Überlieferung der Jainas an, daß Gosāla Makkhaliputta, der Stifter der Sekte der Ājīvikas, 500 v. Chr., Mahāvīra 484 v. Chr. und Buddha 482 v. Chr. starb. Vgl. auch Smith, Early History, p. 46. Jacobi (Ind. Ant. 9, 1880, 158 ff.; SBE 45, p. XX ff.) hat es wahrscheinlich gemacht, daß Mahāvīra nicht der Begründer, sondern nur der Reformator einer älteren, schon etwa 250 Jahre früher von Pārśva gegründeten Sekte der Nigaṇṭhas gewesen ist. Ebenso wie Gotama Buddha legte sich auch Mahāvīra den Ehrentitel Jina, d. h. »der Sieger«, bei. Daher nannten sich seine Anhänger Jainas, d. h. »Jinaverehrer«.
v2.c16.s8.3
² Es ist üblich geworden, die Ausdrücke »Jainismus« und »jainistisch« zu gebrauchen. Da man aber nicht »Bauddhismus« und »bauddhistisch« sagt, sollte man ebenso wie »Buddhismus« und »buddhistisch« auch »Jinismus« und »jinistisch« sagen. Noch Gelehrte wie A. Weber und Th. Benfey hielten die Jainas für eine buddhistische Sekte. Daß diese Auffassung falsch ist, hat Jacobi (SBE 22, Introd., und in der Einleitung zu seiner Ausgabe des Kalpasūtra) nachgewiesen. Eine kurze, aber sehr gute Darstellung der Lehren des Jinismus gibt G. Bühler, Über die indische Sekte der Jainas (Almanach der Kais. Akademie der Wissenschaften, Wien 1887). Über die Geschichte der Jainas und ihrer Kirche unterrichtet auch A. Guérinot, Répertoire d'Épigraphie Jaina précédé d'une esquisse de l'histoire du Jainisme d'après les inscriptions, Paris (Publ. de l'École française d'Extrème-Orient) 1908.
v2.c16.s8.4
Ein Hauptunterschied zwischen den beiden Religionen ist aber auch der, daß die Religion der Jainas immer eine nationalindische geblieben ist, während der Buddhismus sich zu einer Weltreligion entwickelt hat. Muß schon deshalb der buddhistischen Litteratur eine größere Bedeutung zuerkannt werden, so kann sich die heilige Litteratur der Jainas auch an innerem Gehalte nicht mit der buddhistischen vergleichen. Ihre Texte sind im allgemeinen in einem trockenen, belehrenden Tone abgefaßt und nur selten von jenem allgemein menschlichen Interesse, das so vielen buddhistischen Texten zukommt.
v2.c16.s8.5
Aus allen diesen Gründen dürfen wir uns über diese Litteratur kürzer fassen¹).
v2.c16.s8.6
¹ Ausführlich berichtete über die Litteratur der Jainas zuerst A. Weber, Ind. Stud. 16, 1883, S. 211—479; 17, 1885, 1—90; HSS. Verz., II, 2. und 3. Abt., 1888—1891. Wichtig sind auch die Berichte über Jaina-Handschriften von R. G. Bhandarkar, Report 1883/4; P. Peterson, 3 Reports, Report IV und Rep. V; von Jacobi, Klatt und Leumann, ZDMG 33, 693 ff., 478 ff.; 45, 454 ff.; 47, 308 ff; WZKM 11, 1897, 297 ff.; F. L. Pullé, Catalogo dei manoscritti giainici della Bibliotheca n. c. di Firence 1894 und OC X, 1894, II, p. 15 ff.; A. B. Keith, Catalogue of Prākrit Manuscripts in the Bodleian Library, Oxford 1911, col. 1—45; das große Werk von A. Guérinot, Essai de bibliographie Jaina, Paris 1906 (Annales du Musée Guimet, Bibl. d'études, t. 22); Nachträge dazu JA 1909, s. 10, t. XIV, 47—148; 1912, s. 10, t. XIX, 373 ff. und B. Geiger, GGA 1908, 124 ff. Wichtige Daten über Jaina-Schriftsteller bei J. Klatt, Ind. Ant. 11, 1882, 245 bis 256 und Specimen of a Literary-Bibliographical Jaina-Onomasticon, Leipzig 1892. Über die in der großen Sammlung von Jaina-Texten Śrī-Jaina-Jaso-Vijaya-Granthamālā (herausg. von Vijayadharma Sūri) erschienenen Werke vgl. E. Hultzsch, Ind. Ant., Oct. 1910. Über die von der Jaina-Dharma-Prasāraka-Sabhā und anderen Gesellschaften herausgegebenen Texte s. Jacobi in AR 18, 275 f. Wertlos ist U. D. Barodia, History and Literature of Jainism, Bombay 1909.
Der Kanon (Siddhānta) der Jainas
v2.c16.s8.t1.1
¹ Über den Kanon und seine Geschichte vgl. Jacobi in den Einleitungen zu seiner Ausgabe des Kalpasūtra, S. 14 ff. und zu SBE, vols. 22 und 45, und ZDMG 28, 1 ff.; Hoernle in der Einleitung zu seiner Übersetzung des Uvāsagadasāo, p. VII ff. und Proceedings ASB 1898, p. 39 ff. (französisch Le Muséon, N. S., VII, 1906, 109 ff.); G. Bühler, WZKM 1, 1887, 165 ff.; 2, 1888, 141 ff.; 3, 1889, 233 ff.; 4, 1890, 313 ff.; A. Barth, RHR 3, 1881, 89 ff.; 11, 1885, 185; 19, 1889, 280 ff.; 20, 332; 29, 1894, 25 ff.; 45, 1902, 178. Eine Übersicht über den Kanon gibt auch Charpentier in der Einleitung zu seiner im Druck befindlichen Ausgabe des Uttarajjhayaṇa. Der Herausgeber hatte die Freundlichkeit, mir die Korrekturbogen zuzusenden, wofür ich ihm auch hier meinen verbindlichsten Dank ausspreche.
v2.c16.s8.t1.2
Schon im ersten Jahrhundert n. Chr. hat die wichtigste Spaltung innerhalb der Jainareligion stattgefunden, die in die zwei großen Sekten der Śvetāmbaras, d. h. der »Weißgekleideten«, und der Digambaras, d. h. der »in Luft Gekleideten« oder »Nackten«. Die Gesamtheit der heiligen Bücher wird von den Jainas als Siddhānta oder Āgama bezeichnet. Beide Sekten stimmen darin überein, daß sie als den ersten und wichtigsten Teil ihres Kanons die zwölf Aṅgas, d. h. »Glieder« (des Körpers der Religion) bezeichnen. Wir kennen aber bisher nur den Siddhānta der Śvetāmbaras näher. Dieser besteht aus folgenden Texten:
v2.c16.s8.t1.3
I. Die zwölf Aṅgas: 1. Āyāraṃgasutta²) (Ācārāṅgasūtra); 2. Sūyagaḍaṃga (Sūtrakṛtāṅga); 3. Ṭhāṇaṃga (Sthānāṅga); 4. Samavāyaṃga; 5. Bhagavatī Viyāhapaññatti (Vyākhyāprajñapti); 6. Nāyādhammakahāo (Jñātādharmakathāḥ); 7. Uvāsagadasāo (Upāsakadaśāḥ); 8. Aṃtagaḍadasāo (Antakṛddaśāḥ); 9. Aṇuttarovavāiyadasāo (Anuttaraupapātikadaśāḥ); 10. Paṇhāvāgaraṇāiṃ (Praśnavyākaraṇāni); 11. Vivāgasuyaṃ (Vipākaśrutam); 12. Diṭṭhivāya (Dṛṣṭivāda).
v2.c16.s8.t1.4
² Die Titel sind in ihrer Prākritform gegeben, daneben in Klammern die Sanskritübersetzung.
v2.c16.s8.t1.5
II. Die zwölf Upāṅgas (»Nebenglieder«): 1. Ovavāiya (Aupapātika); 2. Rāyapaseṇaïjja (Rājapraśnīya); 3. Jīvâbhigamasūtra; 4. Paṇṇavaṇā oder Paṇṇāpaṇā (Prajñāpanā); 5. Sūriyapaṇṇatti (Sūryaprajñapti); 6. Jambuddīvapaṇṇatti (Jambūdvīpaprajñapti); 7. Caṃdapaṇṇatti (Candraprajñapti); 8. Nirayāvalī; 9. Kappāvaḍaṃsiāo (Kalpāvataṃsikāḥ); 10. Pupphiāo (Puṣpikāḥ); 11. Pupphacūliāo (Puṣpacūlikāḥ); 12. Vaṇhidasāo (Vṛṣṇidaśāḥ).
v2.c16.s8.t1.6
III. Die zehn Païṇṇa (Prakīrṇa, d. i. »zerstreuten Stücke«): 1. Caüsaraṇa (Catuḥśaraṇa) von Vīrabhadra; 2. Āurapaccakkhāṇa (Āturapratyākhyāna); 3. Bhattapariṇṇā (Bhaktaparijñā); 4. Saṃthāra (Saṃstāra); 5. Taṃḍulaveyāliya (Taṇḍulavaitālika); 6. Caṃdāvijjhaya; 7. Deviṃdatthava (Devendrastava); 8. Gaṇivijjā (Gaṇitavidyā); 9. Mahāpaccakkhāṇa (Mahāpratyākhyāna); 10. Vīratthava (Vīrastava).
v2.c16.s8.t1.7
IV. Die sechs Chedasūtras: 1. Nisīhajjhayaṇa; 2. Mahānisīha; 3. Vavahāra (Vyavahāra); 4. Āyāradasāo (Ācāradaśāḥ) oder Dasāsuyakkhandha (Daśāśrutaskandha); 5. Bṛhatkalpasūtra; 6. Pañcakalpa.
v2.c16.s8.t1.8
V. Die vier Mūlasūtras: 1. Uttarajjhayaṇa (Uttarādhyayana); 2. Āvassaya (Āvaśyaka); 3. Dasaveyāliya (Daśavaikālika); 4. Piṇḍanijjutti (Piṇḍaniryukti).
v2.c16.s8.t1.9
VI. Einzelne Texte: 1. Nandisutta (Nandīsūtra); 2. Aṇuogadāra (Anuyogadvāra); 3. Oghaniryukti; 4. Pākṣikasūtra¹).
v2.c16.s8.t1.10
¹ Die Liste der kanonischen Texte wird nicht immer gleich angegeben, und in den Texten selbst gibt es Nachrichten in bezug auf den Siddhānta, aus denen wir das Vorhandensein noch anderer Texte entnehmen können, die wir heute in unserem Kanon nicht mehr finden. Noch mehr solcher Werke werden in nichtkanonischen Werken erwähnt. (Charpentier, Uttarajjhayaṇa, Introd. p. 10 f.)
v2.c16.s8.t1.11
Die Sprache dieses Kanons ist ein Prākrit, das Ārṣa (d. h. »die Sprache der Ṛṣis«) oder Ardhamāgadhī (d. h. »Halb-Māgadhī«) genannt wird. In dieser Sprache soll Mahāvīra selbst gepredigt haben. Es ist aber ein Unterschied zwischen der Sprache der Prosa und der der Verse. Die letzteren zeigen — ähnlich wie die Pāliverse im buddhistischen Kanon — altertümlichere Formen. Die altertümlichste Sprache findet sich im Āyāraṃgasutta, nach diesem im Sūyagaḍaṃgasutta und im Uttarajjhayaṇa. Ganz verschieden ist die Ardhamāgadhī von der Jaina-Māhārāṣṭrī, dem Dialekt der nichtkanonischen Jaina-Texte¹).
v2.c16.s8.t1.12
¹ R. Pischel, Grammatik der Prakrit-Sprachen (Grundriß I, 8) §§ 16—21. Vgl. Jacobi, Kalpasūtra, S. 17 ff.; Weber, Ind. Stud. 16, 232 ff. Nach dem Glauben der frommen Jainas wurde Mahāvīra von allen Geschöpfen verstanden, was immer ihre Sprache war.
v2.c16.s8.t1.13
Über das Alter und die Autorität des Kanons haben die Śvetāmbara-Jainas selbst folgende Überlieferung:
v2.c16.s8.t1.14
Die ursprüngliche Lehre war in den 14 Puvvas (Sansk. Pūrvas, d. h. »alten Texten«) enthalten, die Mahāvīra selbst seine Jünger, die Gaṇadharas oder »Schulhäupter«, gelehrt hatte. Die Kenntnis der »alten Texte« ging aber bald verloren. Nur einer von Mahāvīras Jüngern überlieferte sie weiter, und sie blieben nur noch weitere sechs Generationen erhalten. Nun brach im 2. Jahrhundert nach Mahāvīras Tode im Lande Magadha eine furchtbare Hungersnot aus, die zwölf Jahre lang dauerte. Damals war der Maurya Candragupta König von Magadha, und der Thera Bhadrabāhu war das Oberhaupt der Jainagemeinde. Dieser wanderte infolge der Hungersnot mit einer Schar seiner Anhänger nach Karṇāṭa im südlichen Indien aus, und Sthūlabhadra — der letzte, der noch alle 14 Puvvas kannte — wurde das Oberhaupt der in Magadha zurückgebliebenen Gemeinde. Während der Abwesenheit des Bhadrabāhu zeigte es sich, daß die Kenntnis der heiligen Texte in Vergessenheit zu geraten drohte. Daher wurde ein Konzil zu Pāṭaliputra veranstaltet, auf welchem die 11 Aṅgas zusammengestellt und die Überreste der 14 Puvvas in einem zwölften Aṅga, dem Diṭṭhivāya, vereinigt wurden. Als die Anhänger des Bhadrabāhu wieder nach Magadha zurückkehrten, war eine große Kluft zwischen den Ausgewanderten und den Zurückgebliebenen vorhanden. Die letzteren hatten sich daran gewöhnt, weiße Kleider zu tragen, während die ersteren, der strengen Forderung des Mahāvīra folgend, daran festhielten, nackt zu gehen. So entstand die große Spaltung zwischen Digambaras und Śvetāmbaras. Infolgedessen weigerten sich auch die Digambaras, den Kanon anzuerkennen, indem sie erklärten, daß für sie die Puvvas und die Aṅgas verloren seien. Im Laufe der Zeit geriet der Kanon der Śvetāmbaras in Unordnung und sogar in Gefahr verloren zu gehen. Da wurde im Jahre 980 (oder 993) nach dem Tode des Mahāvīra (also um die Mitte des 5. Jahrhunderts n. Chr.) unter dem Vorsitz des Schuloberhauptes Devarddhi Kṣamāśramaṇa ein Konzil zu Vallabhī in Gujarat abgehalten, um die heiligen Texte zu sammeln und niederzuschreiben. Das zwölfte Aṅga, das die Reste der Puvvas enthielt, war damals bereits verlorengegangen. Daher finden wir in der uns erhaltenen Redaktion, die mit der des Devarddhi identisch sein soll, nur elf Aṅgas.
v2.c16.s8.t1.15
Nach der Überlieferung der Śvetāmbara-Jainas selbst reicht also die Autorität ihrer heiligen Texte nicht über das 5. Jahrhundert n. Chr. hinaus. Allerdings nehmen sie an, daß die Texte, die auf dem Konzil von Vallabhī niedergeschrieben wurden, auf jene alten Texte zurückgehen, die auf dem Konzil von Pāṭaliputra zusammengestellt worden waren und die in letzter Linie auf Mahāvīra und seine Jünger zurückgehen. Daß die ersten Jünger des Mahāvīra 14 Puvvas und 11 Aṅgas kannten, geben auch die Digambaras zu. Sie erzählen aber, daß nicht nur die Kenntnis der 14 Puvvas frühzeitig verloren ging, sondern daß auch schon 436 Jahre nach Mahāvīras Nirvāṇa der letzte Kenner aller 11 Aṅgas starb und die nach ihm folgenden Lehrer immer weniger Aṅgas kannten, bis deren Kenntnis 683 Jahre nach Mahāvīras Nirvāṇa schon ganz erloschen war.
v2.c16.s8.t1.16
Scheint so die Überlieferung der Jainas selbst für ein verhältnismäßig nicht sehr hohes Alter ihrer heiligen Texte zu sprechen, so gibt es doch gute Gründe dafür, ihre erste Entstehung zum Teile wenigstens einer früheren Zeit zuzuweisen und anzunehmen, daß Devarddhis Tätigkeit nur darin bestand, teils mit Hilfe von alten Handschriften, teils auf Grund mündlicher Überlieferung einen Kanon heiliger Schriften zusammenzustellen. Inschriften aus dem ersten und zweiten Jahrhundert nach Christus beweisen nämlich, daß die Jainas damals schon in Śvetāmbaras und Digambaras gespalten waren, und daß es Schulen (gaṇa) gab, in denen die Aufeinanderfolge der Lehrer ähnlich wie in unseren Texten aufgezeichnet war. Da in denselben Inschriften auch Mönche mit dem Titel Vācaka, d. h. »Vorleser«, erwähnt werden, muß es damals jedenfalls auch schon heilige Texte gegeben haben. Inschriften und Basreliefs beweisen, daß im ersten Jahrhundert nach Christi die Mahāvīralegende ähnlich wie in unseren Texten erzählt wurde. Daß die Śvetāmbaras in ihrem Siddhānta jene Regeln nicht geändert haben, die das Nacktgehen der Jainamönche vorschreiben, beweist, daß sie in den Texten keine willkürlichen Änderungen vorzunehmen wagten, sondern diese so treu als möglich überlieferten¹). Endlich spricht es auch sehr für die Glaubwürdigkeit der Jaina-Überlieferung, daß diese in vielen bemerkenswerten Einzelheiten mit der buddhistischen genau übereinstimmt²).
v2.c16.s8.t1.17
¹ Jacobi, ZDMG 40, 97; SBE 22, XXXVII ff.; Charpentier, Uttarajjhayaṇa, Introd. 25 ff.
v2.c16.s8.t1.18
² Jacobi, SBE 45, XV ff.; Oldenberg, Buddha, 5. Aufl., S. 95 f. — Bhandarkar (Report 1883/4, 124 ff.) glaubt mit Rücksicht auf die Tradition der Digambaras, daß die Jainas erst 683 Jahre nach Mahāvīras Tod (das wäre 216 n. Chr., nach Bhandarkar aber 139 n. Chr.) geschriebene heilige Bücher erhielten, als der letzte der Lehrer, die irgendeinen Teil der heiligen Schriften auswendig konnten, gestorben war. Hingegen glaubt Jacobi (SBE 22, XXXVII ff.), die Abfassung der Werke des Jainakanons gegen Ende des 4. oder Anfang des 3. Jahrhunderts v. Chr ansetzen zu dürfen.
v2.c16.s8.t1.19
Soviel ist sicher: die Werke des Siddhānta können nicht zu einer Zeit entstanden sein. Der von Devarddhi zusammengestellte und uns erhaltene Kanon ist das Endergebnis einer litterarischen Tätigkeit, die eingesetzt haben muß, sobald die Organisation des Ordens und das Klosterleben feste Gestalt angenommen hatten. Das dürfte aber nicht lange nach Mahāvīras Tode schon der Fall gewesen sein. Die ältesten Bestandteile des Kanons mögen daher sehr wohl bis in die Zeit der ersten Jünger des Mahāvīra selbst, oder wenigstens ins zweite Jahrhundert nach Mahāvīras Tod — die Zeit des Maurya Candragupta, in welche die Tradition das Konzil von Pāṭaliputra setzt — zurückreichen, während die jüngsten Bestandteile der Zeit des Devarddhi näher liegen dürften³).
v2.c16.s8.t1.20
³ Da die Kommentare Varianten und verloren gegangene Bücher erwähnen, ist uns nicht einmal die Redaktion des Devarddhigaṇi ganz unversehrt erhalten, und einzelne Zusätze sind gewiß auch noch später gemacht worden. Vgl. Weber, Ind. Stud. 16, 229 ff.
v2.c16.s8.t1.21
Wir wenden uns nunmehr der Betrachtung der einzelnen Werke des Kanons zu, indem wir nur bei den auch litterarisch wichtigeren Texten etwas länger verweilen werden.
v2.c16.s8.t1.22
Das erste Aṅga ist das Āyāraṃgasutta⁴). Es handelt in zwei größeren Abschnitten (śrutaskandha) von der Lebensweise (āyāra, Sansk. ācāra) des Mönches. Der erste Abschnitt, der im ganzen einen sehr altertümlichen Eindruck macht, ist entschieden älter als der zweite, doch ist auch der erste ein Mosaik aus ungleichen Bestandteilen. Wir begegnen hier wieder der Mischung von Prosa und Versen, die wir in der buddhistischen Litteratur so oft gefunden haben. Bald haben wir längere Strophenfolgen, bald längere Strecken Prosa ohne Vers und bald wieder einen raschen Wechsel zwischen Prosa und Vers.
v2.c16.s8.t1.23
⁴ Herausgegeben von H. Jacobi, London PTS 1882 und von demselben übersetzt in SBE 22. Der erste Śrutaskandha (mit einer wichtigen Analyse des Stils), neu herausgegeben von W. Schubring, AKM XII, 4, Leipzig 1910. Vgl. dazu Jacobi in AR. 18, 1915, 283 ff.
v2.c16.s8.t1.24
Den Hauptinhalt dieser Predigten bilden Ermahnungen und Warnungen, z. B. die Warnung vor jeder Art von Tötung oder Verletzung von Lebewesen, wie:
v2.c16.s8.t1.25
»Also spreche ich. Alle Heiligen (Arhats) und Ehrwürdigen (Bhagavats) in der Vergangenheit, in der Gegenwart und in der Zukunft, sie alle sagen so, reden so, künden so und erklären so: Keinerlei Lebewesen, keinerlei Geschöpfe, keinerlei beseelte Dinge, keinerlei Wesen darf man töten, noch mißhandeln, noch beschimpfen, noch quälen, noch verfolgen. Das ist das reine, ewige, beständige Religionsgebot, das von den Weisen, die die Welt verstehen, verkündet worden ist.«
»Wie es dir zumute wäre, so ist es dem, den du töten willst; wie es dir zumute wäre, so ist es dem, den du mißhandeln willst; ... den du beschimpfen willst; ... den du quälen willst; ... den du verfolgen willst. Der Rechtschaffene, der dieser Erkenntnis entsprechend lebt, wird weder töten, noch töten lassen.« [^1)
v2.c16.s8.t1.26
Wesentlich unterscheiden sich die jinistischen Mönchsregeln von den buddhistischen dadurch, daß sie weit mehr die strengste Askese betonen und selbst den religiösen Selbstmord .empfehlen. Der Mönch soll lieber zu Tode frieren, als sein Gelübde brechen, wenn er Kälte leidet. Er soll, wenn er noch so krank und schwach ist, eher sterben, als sein Fastengelübde brechen. Er soll nackt gehen, um sich dem Stechen der Grashalme, den Unbilden der Witterung und den Stichen der Fliegen und Moskitos auszusetzen. Bezeichnend ist ein großes Versstück (I, 8, 8), wo zwar auch die bekannte (auch buddhistische) Mönchsregel vorkommt: »Er verlange nicht nach dem Leben, er sehne sich nicht nach dem Tode«, aber gleich nachher die verschiedenen Methoden gelehrt werden, nach denen der vollendete Weise sich langsam
v2.c16.s8.t1.27
[^1): I, 4, 11; 5, 5, 4. Derartige Wiederholungen und Anhäufungen von synonymen oder fast synonymen Ausdrücken sind in den jinistischen Predigten ebenso beliebt wie in den buddhistischen.
v2.c16.s8.t1.28
zu Tode hungern soll. An dieses Stück schließt sich ein längeres erzählendes Gedicht — eigentlich ein Mosaik von Versen, bei denen es oft zweifelhaft ist, ob sie Verse sind, — das Uvahāṇasuyam, das den asketischen Wandel des »großen Helden« sehr anschaulich schildert:
v2.c16.s8.t1.29
Nackt und hauslos zog er herum. Man schlug ihn und höhnte ihn — unbekümmert ging er seinen Meditationen nach. In Lāḍha verfolgten ihn die Einwohner und hetzten Hunde auf ihn. Sie schlugen ihn mit dem Stock, mit der Faust, bewarfen ihn mit Früchten, Erdschollen und Topfscherben. Sie störten ihn durch alle möglichen Quälereien in seinen Meditationen. Aber »wie ein Held an der Spitze der Schlacht« hielt Mahāvīra allem stand. Ob verwundet oder nicht, nie suchte er ärztliche Hilfe. Er nahm keinerlei Arznei, er wusch sich nie, badete nicht und reinigte nie seine Zähne. Im Winter meditierte er im Schatten, in der Hitze des Sommers setzte er sich in die Sonnenglut. Oft trank er monatelang kein Wasser. Manchmal aß er nur jede sechste, achte, zehnte oder zwölfte Mahlzeit und verharrte ohne Begierde in der Meditation usw.
v2.c16.s8.t1.30
Der zweite Abschnitt des Āyāramga ist ein viel späteres Werk, wie auch schon daraus hervorgeht, daß die Unterabteilungen Cūlās, d. h. »Appendices«, genannt werden. Den Inhalt der beiden ersten Cūlās bilden trockene Regeln für das Betteln und Wandern und das tägliche Leben der Mönche und Nonnen. Die dritte Cūlā enthält die Materialien für eine Biographie des Mahāvīra, die in Bhadrabāhus Kalpasūtra verarbeitet worden sind und dort zum Teile wiederkehren. Den Schluß des Buches bilden zwölf Verse, deren Inhalt einigermaßen an die buddhistischen Theragāthās erinnert.
v2.c16.s8.t1.31
Das zweite Aṅga, das Sūyagaḍamga¹), handelt von dem frommen Wandel der Mönche und ist hauptsächlich der Bekämpfung ketzerischer Ansichten gewidmet. Auch dieses Aṅga besteht aus zwei Büchern, von denen das zweite wahrscheinlich nur ein später hinzugefügter Appendix zum alten Aṅga ist, das im ersten Buch vorliegt. Dieses ist in Versen, Ślokas und auch künstlicheren Versmaßen²), abgefaßt und auch die Gleichnisse zeigen, daß der Verfasser sich als Dichter betätigen wollte. Manche dieser Gleichnisse sind ganz hübsch ausgeführt, wenn es z. B. heißt: Wie Raubvögel sich auf die jungen, noch nicht flüggen Vögel stürzen und sie fortschleppen, so suchen gewissenlose Menschen die jungen Mönche zu verführen (I, 14, 2 ff.). Der ausgesprochene Zweck des Buches ist, die jungen Mönche vor den ketzerischen Lehren fremder Meister zu schützen, sie vor allen Gefahren und Versuchungen zu warnen, sie im Glauben zu befestigen und sie so zum höchsten Ziele zu führen. Das Werk beginnt mit einer Verurteilung der Lehren der Buddhisten und anderer Ketzer, denen die Hauptlehren des Mahāvīra gegenübergestellt werden. Was hier über Karman und Saṃsāra gesagt wird, ist allerdings von den »ketzerischen« Lehren nicht sehr verschieden. So könnten auch in einem buddhistischen Texte Sätze wie die folgenden stehen (I, 2, 1, 13):
v2.c16.s8.t1.32
¹ Mit verschiedenen Kommentaren herausgegeben im Āgamasamgraha, Bd. 2, Bombay 1880. Übersetzt von Jacobi in SBE, vol. 45.
v2.c16.s8.t1.33
² Es kommen Vaitālīyastrophen und Yamakas vor; vgl. Jacobi, ZDMG 38, 593; 40, 101.
v2.c16.s8.t1.34
»Nicht leide ich allein, es leiden die Geschöpfe alle:
Der Weise, wenn er dies bedenkt, erträgt, was ihn befällt,
Geduldig, und er fällt nicht in der Leidenschaft Gewalt.«
v2.c16.s8.t1.35
In lebendiger Weise werden die Mühen und Gefahren geschildert, die das Mönchsleben mit sich bringt, und durch die der Noviz sich nicht abschrecken lassen soll. Die Freunde und Verwandten suchen ihn zurückzuhalten und stellen ihm die Freuden des Familienlebens in lockender Weise dar. Könige und Minister, Brahmanen und Krieger suchen ihn zur Rückkehr zur Welt zu verführen: allen diesen Versuchungen soll er widerstehen. Tadler und Ketzer greifen ihn an: ihnen soll er mutig entgegentreten. Ganz besonders aber hüte sich der junge Mönch vor den Lockungen der Frauen, die ihn auf alle mögliche Weise zu bestricken suchen. Zur Warnung wird nicht ohne Humor geschildert, wie es den Männern ergeht, wenn sie den Frauen in die Falle gegangen sind. Dann drehen sie ihn herum, wie der Wagner die Felge des Rades. Und wie es ihm weiter ergeht, schildern die Verse:
v2.c16.s8.t1.36
»Bring' Holz, daß wir's Gemüse kochen,
Das Feuer für die Nacht entzünden!
Bestreich' die Füße mir mit Farbe,
Schnell komm' und reib' den Rücken mir!«
»Reich' mir die Lippensalbe, hol' den Schirm!
Wo sind die Schuhe? Wo das Messer,
Daß ich den Faden schneid' entzwei?
Das Kleid mußt blau mir färben lassen.«
v2.c16.s8.t1.37
»Hol' mir die Schere! Schnell den Kamm!
Das Band, das Haar mir aufzubinden,
Reich' mir den Spiegel her! Wo ist
Denn nur die Bürste für die Zähne?«
»Und ist zum Lohne ihm ein Söhnlein erst geboren,
Dann heißt's das Kindlein halten, es der Mutter reichen, —
Und manche stolzen Sohnerhalter
Sind Lastenträger wie Kamele.«
»Sie müssen aufsteh'n mitten in der Nacht, das Kind
In Schlaf zu wiegen, ganz wie eine Kinderfrau;
Und mögen sie auch noch so sehr sich schämen, —
Sie müssen, wie die Wäscher, Kleider waschen«.¹
v2.c16.s8.t1.38
¹ I, 4, 1, 9; 2, 5; 9; 11; 16; 17.
v2.c16.s8.t1.39
Wie die Verfasser so mancher Purāṇatexte und buddhistischer Suttas, verweilt auch ein Abschnitt dieses Jaina-Aṅga mit wahrhaft sadistischem Behagen bei der phantastischen Schilderung der Höllen und der grausigsten Höllenqualen (I, 5, 1 f.). Immer wieder kehrt aber der Verfasser zur Polemik zurück. So greift er z. B. das brahmanische Rituell an, indem er sagt (I, 7): Wenn es wahr wäre, daß man durch Waschungen mit kaltem Wasser Vollkommenheit erlangt, so würden Fische, Schildkröten und Schlangen die höchste Vollkommenheit erreichen; und wenn das Wasser die böse Tat hinwegwüsche, so müßte es auch die gute Tat wegwaschen. Brahmanen behaupten, daß man durch das tägliche Entzünden des Feuers vollkommen werde; wenn das wahr wäre, dann würden ja die Schmiede und ähnliche Handwerker die höchste Heiligkeit erlangen.
v2.c16.s8.t1.40
Es ist möglich, daß dieses Buch das Werk eines Verfassers ist. Wahrscheinlicher aber ist es, daß ein Redaktor verschiedene Dichtungen und Predigten über dasselbe Thema zu einem Buch vereinigt hat. Hingegen ist das zweite, in Prosa geschriebene Buch nur eine ziemlich ungeschickte Zusammenstellung von Appendices. Auch sie sind zum großen Teil polemischen Inhalts und wurden nur deshalb angefügt, weil sie ähnliche Gegenstände behandeln, wie das alte Aṅga. Für die Kenntnis des indischen Sektenwesens ist aber auch dieses Buch von Wichtigkeit²).
v2.c16.s8.t1.41
² Über die im Sūyagaḍaṁga behandelten ketzerischen Lehren s. Jacobi, SBE 45, p. XXIII ff.
v2.c16.s8.t1.42
In dem dritten Aṅga, dem Ṭhāṇaṃga¹), werden ähnlich wie im Aṅguttaranikāya der Buddhisten verschiedene Gegenstände der Religion in zahlenmäßiger Ordnung von 1—10 behandelt. Diese Aufzählungen enthalten manchmal Gleichnisse *in nuce*, wenn es z. B. heißt: Es gibt vier Arten von Körben, so auch von Lehrern; es gibt vier Arten von Fischen, so auch von Bettlern; es gibt vier Arten von Kugeln, so auch von Männern, usw. Wichtig ist eine in diesem Aṅga enthaltene Inhaltsangabe des verloren gegangenen Diṭṭhivāya.
v2.c16.s8.t1.43
¹ Herausgegeben im Āgamasaṃgraha, Bd. 3, Benares 1880, mit einem Sanskrit- und einem Prākrit-Kommentar. Vgl. E. Leumann, GGA 1899, 588, 592.
v2.c16.s8.t1.44
Das vierte Aṅga, das Samavāyaṃga²), schließt sich unmittelbar an das dritte an, und der Inhalt der ersten zwei Drittel des Werkes ist ebenso nach Kategorien angeordnet, wie das Ṭhāṇaṃga, nur daß hier die Zahlen über zehn, ja über hundert weit hinausgehen bis zu einer Million.
v2.c16.s8.t1.45
² Herausgegeben mit Kommentar im Āgamasaṃgraha, Bd. 4, Benares 1880.
v2.c16.s8.t1.46
Das letzte Drittel des Werkes ist ohne Zweifel ein späterer Nachtrag. Es enthält genaue Angaben über Inhalt und Umfang sämtlicher zwölf Aṅgas, deren Vorhandensein also schon vorausgesetzt wird, ferner allerlei Angaben über die Lehre, die Hagiologie usw. Daß aber dieses Aṅga überhaupt erst spät entstanden ist, wird auch dadurch bewiesen, daß wir z. B. unter der Zahl 18 die Aufzählung der achtzehn Arten der Brāhmī-schrift, unter der Zahl 36 die Aufzählung der sechsunddreißig Abschnitte des Uttarajjhayaṇa und andere wichtige Angaben über den Kanon finden³).
v2.c16.s8.t1.47
³ In § 88 wird auf die Nandī verwiesen. Die Angaben über den Umfang der Aṅgas stimmen nicht zu deren jetzigem Umfang. Weber, Ind. Stud. 16, S. 285 ff.
v2.c16.s8.t1.48
Einer der wichtigsten Texte ist das fünfte Aṅga, die Bhagavatī Viyāha- oder Vivāhapaṇṇatti, gewöhnlich kurz »die Bhagavatī« genannt⁴). Das Werk enthält eine umständliche und umfängliche Darstellung der Dogmatik des Jinismus, teils katechismenartig vorgetragen, teils in der Form von Dialoglegenden (itihāsasaṃvāda). Ein legendarischer Teil berichtet auch über die Vorgänger des Mahāvīra und über fromme Asketen, die durch strenge Kasteiungen zu großer Götterwürde gelangt sind. Auch die Schilderungen der Götterwelten, die den Frommen als Lohn verheißen werden, und der Höllen mit ihren Qualen, die den Bösewicht erwarten, nehmen einen großen Raum ein. Unter den Legenden sind besonders diejenigen von Wichtigkeit, welche von den Vorgängern und Zeitgenossen des Mahāvīra handeln, so von den Jüngern des Pārśva und den Sektenstiftern Jāmāli und Gosāla Makkhaliputta, denen das XV. Buch der Bhagavatī gewidmet ist. Dieser Abschnitt ist ein gutes Beispiel von der Art und Weise, wie eine Sekte das Leben des Stifters einer feindlichen Sekte darstellt. Als geschichtlicher Kern scheint der Darstellung die Tatsache zugrunde zu liegen, daß die beiden feindlichen Sekten, die Nigaṇṭhas, die Anhänger des Pārśva und des Mahāvīra, und die Ājīvikas, die Anhänger des Gosāla, einander ursprünglich sehr nahe gestanden haben, ehe sie getrennte Wege gingen¹). Es scheint, daß dieses XV. Buch der Bhagavatī ursprünglich ein selbständiger Text war, wie denn überhaupt das fünfte Aṅga als ein Mosaik erscheint, in das nach und nach verschiedene Texte eingeschoben worden sind.
v2.c16.s8.t1.49
⁴ Vgl. A. Weber, Ein Fragment der Bhagavatī, ABA 1865, 367—444; 1866, 155—352.
v2.c16.s8.t1.50
¹ Im Appendix zu seiner Übersetzung des Uvāsagadasāo hat Hoernle die Geschichte des Gosāla Makkhaliputta aus Bhagavatī XV übersetzt. Vgl. auch Hoernle, ERE 1, 261.
v2.c16.s8.t1.51
Das sechste Aṅga führt den Titel Nāyādhamma-kahāo (Sansk. Jñātādharmakathā)²), was wahrscheinlich »Beispiele und religiöse Erzählungen« bedeutet³). Das erste Buch dieses Aṅga besteht aus 21 Kapiteln, deren jedes in der Regel eine für sich abgeschlossene Erzählung darstellt. Die meisten dieser Erzählungen sind von der Art, daß es bei ihnen mehr auf ein in ihnen enthaltenes Gleichnis als auf die Erzählung selbst ankommt; oder es sind überhaupt nur etwas breit ausgesponnene und zu Erzählungen umgestaltete Gleichnisse. Von der Art ist z. B. das 7. Kapitel, in dem erzählt wird:
v2.c16.s8.t1.52
² Vgl. P. Steinthal, Specimen der Nâyâdhammakahâ. Diss. Leipzig 1881; W. Hüttemann, Die Jñāta-Erzählungen im sechsten Aṅga des Kanons der Jinisten. Straßburg 1907.
v2.c16.s8.t1.53
³ So wird der Titel von den Jainas selbst erklärt. Die nāya (Sansk. jñāta) sind nämlich eine bestimmte Art von Erzählungen, »sie sollen entweder einen bestimmten Gegenstand ihrer Handlung oder eine bestimmte Stelle in der Erzählung so stark hervorheben, daß der Zuhörer erkennt, es komme auf diesen Punkt der Erzählung alles an« (Hüttemann a. a. O., S. 47 f.). Anders will Weber den Titel erklären: »Erzählungen zum Dharma des Nāya«, d. h. des Jñātṛ; Mahāvīra heißt nämlich nach seiner Abkunft auch Jñātṛputra oder Nāya-putta (in den buddhistischen Pālitexten Nātaputta).
v2.c16.s8.t1.54
Ein Kaufmann hatte vier Schwiegertöchter. Um diese auf die Probe zu stellen, gibt er jeder von ihnen fünf Reiskörner mit dem Auftrag, sie so lange sorgfältig aufzubewahren, bis er sie wieder zurückverlangen werde. Die eine wirft nun die Körner weg, indem sie denkt: In der Vorratskammer gibt es Körner genug, ich werde ihm andere dafür geben. Ebenso denkt die zweite und ißt die Körner auf. Die dritte verwahrt sie sorgfältig in ihrem Juwelenkästchen. Die vierte aber sät die Körner aus und erntet; die Ernte sät sie wieder aus und erntet wieder, bis nach fünf Jahren ein großer Vorrat von Reis angesammelt ist. Da kehrt der Kaufmann zurück und bestraft die beiden ersten Schwiegertöchter, indem er ihnen die niedrigsten Beschäftigungen im Hause anweist; die dritte beauftragt er mit der Behütung des gesamten Besitzes; aber die Oberleitung des großen Hauswesens überträgt er der vierten Schwiegertochter. — Diesen vier Frauen gleichen die Mönche, von denen die einen die fünf großen Gelübde gar nicht halten, die anderen sie vernachlässigen, die besseren sie gewissenhaft beobachten, die besten aber sich nicht damit begnügen, sie zu beobachten, sondern sie auch weiter verbreiten¹).
v2.c16.s8.t1.55
¹ E. Leumann (WZKM 3, 1889, 331 f.; GGA 1899, 588) hat das Gleichnis von den Talenten bei Matth. 25 und Luk. 19, 12 ff. verglichen. Ein historischer Zusammenhang zwischen dem jinistischen und dem christlichen Gleichnis ist aber schwerlich anzunehmen. So auch Garbe, Indien und das Christentum, S. 43 f. Anm.
v2.c16.s8.t1.56
Neben Legenden und Gleichnissen dieser Art finden wir aber auch förmliche Novellen, Geschichten von Reiseabenteuern, Seefahrermärchen, Räubergeschichten und dergleichen, wo dann das Gleichnis nur in Form einer ungeschickt angehängten Moral erscheint²). Im 8. Kapitel wird die wenig geschmackvolle, aber sehr charakteristische Legende von Mallī, dem einzigen weiblichen Tīrthakara³), erzählt. Interessant ist das 16. Kapitel, in dem die Sage von Dovaī, d. i. Draupadī, in Form einer Wiedergeburtsgeschichte erzählt wird. Es ist dies eine mönchische Verballhornung der Sage des Mahābhārata von der Fünfmännerheirat der Draupadī¹).
v2.c16.s8.t1.57
² In dem Seefahrermärchen der neunten Jñāta-Erzählung kommt auch das geflügelte Pferd vor, wie im Valāhassa-Jātaka (Nr. 196). Vgl. oben II, 105 f. und Charpentier, WZKM 27, 1913, 93.
v2.c16.s8.t1.58
³ Es gibt nach der Hagiologie der Jainas 24 Tīrthakaras oder »Kirchenstifter« von Ṛṣabha bis auf Mahāvīra, den letzten, die alle vollkommene Einsicht (kevalajñāna) und Gotteswürde besessen haben.
v2.c16.s8.t1.59
¹ E. Leumann, OC VI Leiden 1883, 3, 539 ff., glaubt, daß in der jinistischen Form der Sage eine altertümliche Überlieferung stecke. Das ist gewiß nicht der Fall. Vgl. auch Weber, HSS. Verz. II, 2, 473 f. Leumann (a. a. O. 551 f.) bespricht das 14. Kapitel des Aṅga, das er als indische »Herodessage« mit jenem Teil der Kṛṣṇalegende vergleicht, der in Bhāgavata-Purāṇa 10, 2—4 erzählt wird. Aber die Sage vom Kindermord hängt nur ganz lose mit der frommen jinistischen Legende zusammen.
v2.c16.s8.t1.60
Das zweite Buch des Aṅga weicht in Form und Inhalt von dem ersten ganz ab und steht in engerer Beziehung zum siebenten und zum neunten Aṅga.
v2.c16.s8.t1.61
Größtenteils erzählenden Inhalts ist auch das siebente Aṅga, Uvāsagadasāo²), d. h. »die zehn (Kapitel über die Pflichten) des Laienanhängers«. Es werden hier Legenden von zehn frommen Hausvätern erzählt, die zumeist reiche Kaufleute sind, sich gewisse Beschränkungen auferlegen, die von Mahāvīra aufgezählten Gelübde auf sich nehmen und fromme Laienanhänger werden. Durch Askese bringen sie es schließlich so weit, daß sie schon als Laienanhänger mit Wunderkräften ausgestattet sind. Schließlich sterben sie als echte Jainaheilige den freiwilligen Hungertod und werden als Götter im Himmel der Frommen wiedergeboren. Zehn Geschichten dieser Art sind — ähnlich wie in den Purāṇas und in den buddhistischen Mahāyānasūtras — von einem gemeinsamen Rahmen eingeschlossen, indem der ehrwürdige Suhamma sie dem Jambū mitteilt. Die Legenden sind alle in eintönigster Weise nach einer Schablone erzählt, so sehr, daß in den späteren Geschichten oft nur mit einigen Stichworten auf die früheren Geschichten verwiesen wird. Am interessantesten ist noch das siebente Kapitel, in dem die Geschichte des reichen Töpfers Saddālaputta erzählt wird, der ein Anhänger des Gosāla Makkhaliputta gewesen war und von diesem zum Mahāvīra überging. Wie Mahāvīra den Töpfer von der Wahrheit seiner Lehre überzeugt, wird in einer Weise geschildert, die manchmal an die besten buddhistischen Dialoge erinnert. Das ganze Werk ist aber offenbar nur für Andachtszwecke zusammengestellt¹). Es ist nicht eine religiöse Dichtung, sondern nur ein Beispiel theologischer Mache.
v2.c16.s8.t1.62
² Ed. in the original Prākṛt with the Sanskrit Commentary of Abhayadeva and an English Translation with notes by A. F. R. Hoernle, Calcutta, Bibl. Ind. 1885—1888. Vgl. Leumann, WZKM 3, 1889, 328 ff.; Barth, RHR 19, 1889, 284. Eine metrische, ausgeschmückte Bearbeitung des Inhalts dieses Aṅga ist die Vardhamānadeśanā in Prākrit-Gāthās (mit Interlinearversion in Sanskrit); s. Weber HSS. Verz. II, 2, 492.
v2.c16.s8.t1.63
¹ Das wird am Schlusse des Buches auch ausdrücklich gesagt: »Das siebente Aṅga, Uvāsagadasāo, bildet ein Buch der heiligen Schrift. Seine zehn Kapitel … werden genau in zehn Tagen rezitiert. So wird das ganze Buch vollständig gelesen. Es ist jedoch gestattet, dasselbe mit dem Aṅga in zwei Tagen zu tun.«
v2.c16.s8.t1.64
Ebensowenig litterarischen Wert können die beiden folgenden, nach demselben Plane gemachten Aṅgas beanspruchen. Das achte Aṅga, Aṁtagaḍadasāo²), d. h. »die zehn (Kapitel) über die (frommen Asketen), welche ein Ende gemacht haben«, bestand ursprünglich auch aus zehn Kapiteln, ist aber jetzt in acht Abschnitte eingeteilt. Auch das neunte Aṅga, Aṇuttarovavāiyadasāo, d. h. »die zehn (Kapitel) über die (frommen Asketen), die zu den allerhöchsten (Himmelswelten) gelangt sind«, hat statt der ursprünglichen zehn Lektionen jetzt eine Einteilung in drei Abschnitte mit dreiunddreißig Lektionen. Schon um ihrer Form willen können diese Werke nicht auf litterarische Wertung Anspruch erheben. Die Legenden werden nämlich nicht nur nach einer Schablone erzählt, sondern sie stellen oft nur ein Gerippe dar, dessen Ausfüllung mit klischeeartig festgelegten Worten und Sätzen dem Erzähler überlassen wird. Es heißt z. B.: »Es war einmal eine Stadt Namens Campā, ein Heiligtum Puṇṇabhadda, ein Wald. Beschreibung.«³) Gemeint ist, daß hier eine vollständige Beschreibung der Stadt, des Heiligtums und des Waldes einzufügen ist, wie sie sich im ersten Upāṅga findet. Oder es ist von dem Thera Suhamma, einem der Jünger des Mahāvīra, die Rede, und es wird wieder nur angedeutet, daß eine längere Beschreibung dieses heiligen Mannes nach dem Klischee zu geben ist, das man im sechsten Aṅga finden kann. Diese »Beschreibungen« (vaṇṇaka) sind übrigens in einem durch Anhäufung langer Komposita gekennzeichneten Kunststil abgefaßt. Wahrscheinlich gehören sie zu den älteren poetischen Bestandteilen des Kanons¹). Aber auch, wo die Schilderungen im Texte selbst gegeben sind, z. B. die der Hochzeit des Prinzen Goyama, sind sie sehr langweilig und bestehen meist nur in endlosen Aufzählungen. Etwas schwungvoller wird die Erzählung nur, wo der Prinz seinen Entschluß kundgibt, Mönch zu werden, und die Eltern ihn von seinem Entschluß abzubringen suchen. An die berühmte »Feuerpredigt« des Buddha erinnern die Worte, mit denen Goyama im achten Aṅga um Aufnahme in den Orden bittet: »Die Welt steht in Flammen, die Welt brennt durch Alter und Tod.« Für die indische Mythologie und Religionsgeschichte wichtig ist dieses Aṅga dadurch, daß es die Kṛṣṇa-legende in einer jinistischen Verballhornung aufgenommen hat. Die Geschichte vom Untergang der Stadt Dvāravatī und vom Tode Kṛṣṇas wird ähnlich wie im Mahābhārata erzählt, nur daß Kṛṣṇa zu einem frommen Jaina gemacht wird.
v2.c16.s8.t1.65
² The Antagaḍa-dasāo and Aṇuttarovavāiyadasāo translated from the Prakrit by L. D. Barnett, London OTF 1907.
v2.c16.s8.t1.66
³ Etwas Ähnliches finden wir im Kanon der Sarvāstivādins; s. oben II, 218 f., 222 und Speyer, Avadānaśataka II, p. XVI f.
v2.c16.s8.t1.67
¹ Nach Jacobi, Indische Hypermetra und hypermetrische Texte, Ind. Stud. 17, 389 ff., wären diese Varṇakas metrisch zu lesen, trotzdem die ältesten Kommentatoren sie nur mehr als Prosa aufgefaßt haben, und trotzdem das Metrum ein solches wäre, wie es in der ganzen indischen Litteratur sonst nirgends vorkommt und in den Lehrbüchern der Metrik unbekannt ist. Die scharfsinnigen Ausführungen Jacobis haben mich daher nicht überzeugt, daß der Stil der Varṇakas etwas anderes ist als die durch lange Komposita gekennzeichnete Kunstprosa. Die Varṇakas sind übrigens in allen Texten des Kanons zu finden.
v2.c16.s8.t1.68
Im neunten Aṅga wird mit trostloser Eintönigkeit erzählt, wie die Heiligen immer wieder zur höchsten Vollendung dadurch eingehen, daß sie sich — zu Tode hungern. Und für uns wenigstens ist es wenig erbaulich, wenn die »Schönheit der Askese« eines Mönchs in der Weise geschildert wird, daß von jedem einzelnen Körperteile durch drastische Vergleiche veranschaulicht wird, wie abgemagert und heruntergekommen er war. Es ist ein merkwürdiger Widerspruch: Diese krankhafte Liebe zum Tode bei dem Jainaheiligen und andererseits die ebenso krankhafte Furcht, irgendein Lebewesen — und sei es auch nur ein Wurm oder selbst ein grünes Kraut — zu töten.
v2.c16.s8.t1.69
Das zehnte Aṅga, Paṇhāvāgaraṇāiṃ (»Fragen und Erklärungen«), handelt in zehn »Pforten« (dāra) von den zehn sittlichen Pflichten, Geboten und Verboten. Es ist ein rein dogmatisches Werk¹).
v2.c16.s8.t1.70
¹ Weder der Titel noch die Angaben des sechsten Aṅga über den Inhalt des Werkes stimmen zu unserem jetzigen Text, der also nicht mehr der ursprüngliche sein kann; vgl. Weber, Ind. Stud. 16, 326 ff.
v2.c16.s8.t1.71
Das elfte Aṅga, Vivāgasuyaṁ, d. h. »der Text vom Reifen (der Handlungen)«, enthält Legenden über die Vergeltung guter und böser Taten nach Art der buddhistischen Karman-geschichten im Avadānaśataka und Karmaśataka. Indabhūti sieht verschiedene unglückliche Menschen, und Mahāvīra erklärt auf dessen Bitte, durch welche Handlungen in einer früheren Geburt die Person solches Unglück verdient habe, was für schlechte Wiedergeburten sie schon durchgemacht, was ihr noch bevorsteht, und wie sie schließlich wieder zu einer guten Wiedergeburt gelangen könne. Da ist z. B. ein gewisser Umbaradatta, der von allen möglichen widerlichen Krankheiten heimgesucht ist. Warum? Weil er in einem früheren Dasein als Arzt einem Patienten Fleischkost verordnet und dadurch die Tötung zahlreicher Lebewesen veranlaßt hat. Er wird später noch schlechtere Wiedergeburten als Hund usw. erlangen, aber schließlich doch wieder als Kaufmann wiedergeboren werden.
v2.c16.s8.t1.72
Über den Inhalt des verloren gegangenen zwölften Aṅga, des Diṭṭhivāya (»Lehre von den verschiedenen Ansichten«), gibt es nur allerlei Nachrichten in anderen Texten²). Daß es aber ursprünglich zwölf Aṅgas gegeben hat, folgt auch aus dem Vorhandensein von zwölf Upāṅgas.
v2.c16.s8.t1.73
² So im vierten Aṅga, in der Nandī und in den Chedasūtras. Ein kleiner Tantra-artiger Text scheint an der Spitze dieses Aṅga gestanden zu haben; s. Leumann OC VI Leiden 1883, III, 2, 558 ff. Ein Karmagrantha von Candrarṣi und ein Karmaprakṛti genanntes Werk von Śivaśarmasūri, alte Texte in Prākrit-Gāthās über die Karmanlehre, sollen dem Diṭṭhivāya entnommen sein; s. H. von Glasenapp, Die Lehre vom Karman in der Philosophie der Jainas nach den Karmagranthas dargestellt, Leipzig 1915, S. 9 f. Ein Auszug aus dem Diṭṭhivāya in 50 Gāthās ist die Siddhapañcāśikā des Devendra Sūri; siehe Weber, HSS. Verz. II, 2, 534 ff.
v2.c16.s8.t1.74
Zu jedem Aṅga gehört nämlich ein Upāṅga. Doch ist der Zusammenhang nur ein ganz äußerlicher. Der Inhalt der zwölf Upāṅgas ist rein dogmatisch und mythologisch, und sie haben nur geringes litterarisches Interesse.
v2.c16.s8.t1.75
Das erste Upāṅga ist das Ovavāiya oder Ovāiya¹), ein aus ungleichen Bestandteilen zusammengeschweißtes Werk. Der erste Teil enthält die Schilderung der Wallfahrt eines Königs zu einem Heiligtum, wo Mahāvīra eine Predigt hält. Damit hängt der zweite Teil, der von dem »Erlangen der Existenzen« (daher der Titel) in den zwölf Götterwelten handelt, gar nicht zusammen.
v2.c16.s8.t1.76
¹ Das Aupapātika Sūtra, erstes Upāṅga der Jaina, 1. Teil. Einleitung, Text und Glossar von E. Leumann, AKM VIII, 2, Leipzig 1883. Über den Titel vgl. auch S. Lévi, JA 1912, s. 10, t. XX, 502 f.
v2.c16.s8.t1.77
Als Litteraturwerk ist nur das zweite Upāṅga, das Rāya-paseṇaïjja²), interessant. Es beginnt zwar mit einer langen und langweiligen, an die Purāṇas erinnernden Geschichte von der Wallfahrt des Gottes Sūriyābha zum Mahāvīra, aber den Kern des Werkes bildet der in diese Geschichte eingefügte Dialog zwischen dem König Paësi und dem Mönch Kesi, der mit der Bekehrung des freigeistigen Königs endet. Dies ist ein prächtiger, lebendig geführter Dialog, in welchem Kesi dem Paësi beweisen will, daß es eine vom Körper unabhängige Seele gibt, während Paësi das Gegenteil durch Experimente festgestellt zu haben glaubt. Er sagt z. B., er habe einen Dieb hinrichten, zerschneiden, zerhacken lassen und von seiner Seele nichts gefunden; worauf Kesi ihm erwidert, er sei noch einfältiger als gewisse Leute, die Feuer machen wollten und die Feuerreibhölzer zerhackten.
v2.c16.s8.t1.78
² Über den Inhalt s. Leumann OC VI, Leiden 1883, III, 2, 490 ff. Die Sanskritübersetzung des Titels, Rājaprašnīya, ist wahrscheinlich unrichtig. Vermutlich handelte das Werk ursprünglich von einem König Prasenajit, für den Paësa eingesetzt worden ist; vgl. Weber, Ind. Stud. 16, 382 ff. Über eine buddhistische Version des Paësi-Dialogs im Dīghanikāya s. oben II, 33.
v2.c16.s8.t1.79
Das vierte Upāṅga unterscheidet sich von der Mehrzahl der kanonischen Texte dadurch, daß es einem Verfasser, Ayya Sāma³), zugeschrieben wird.
v2.c16.s8.t1.80
³ Sansk. Ārya Šyāma. Er gilt als der 23. Heilige nach Mahāvīra und ist identisch mit Kālakācārya, der unter Gardabhila (74—61 v. Chr.) gelebt haben soll (Charpentier, Uttarajjhayaṇa, Introd. p. 26).
v2.c16.s8.t1.81
Das fünfte, sechste und siebente Upāṅga sind »wissenschaftliche« Werke, die über Astronomie, Geographie, Kosmologie und Zeiteinteilung handeln. Doch enthält die Sūriyapaṇṇatti⁴)
v2.c16.s8.t1.82
⁴ Weber, Ind. Stud. 10, 254 ff.; 16, 401 ff.; HSS. Verz. II, 2, 573 ff.; Thibaut, JASB 1880, 49, 107 ff., 181 ff.
v2.c16.s8.t1.83
viel mehr Phantastereien über die Himmelskörper, als wirkliche Beobachtungen, und in den geographischen Abschnitten der Jaṁbuddīvapaṇṇatti nehmen bei der Beschreibung des Bharatavarṣa die Legenden vom König Bharata einen großen Umfang ein¹).
v2.c16.s8.t1.84
¹ Nach Leumann (ZDMG 48, 82) können diese Legenden »geradezu ein Paralleltext zu Viṣṇupurāṇa II und Bhāgavatapurāṇa V genannt werden«.
v2.c16.s8.t1.85
Die Upāṅgas 8—12 werden auch als fünf Abschnitte eines Textes unter dem Namen Nirayāvalīsuttaṁ zusammengefaßt. Das achte Upāṅga, Nirayāvaliyāo²), »die Reihen der Höllen«, berichtet, wie die zehn Halbbrüder des Königs von Campā, Kūṇiya oder Ajātaśatru, in der Schlacht gegen ihren Großvater Ceḍaga von Vesālī von diesem getötet und nach ihrem Tode in den verschiedenen Höllen (niraya) wiedergeboren wurden. Die Buddhisten erzählen von Ajātaśatru, daß er seinen Vater Bimbisāra, den Zeitgenossen des Buddha, tötete und überhaupt ein schlechter, grausamer Herrscher war. Die Jainas suchen ihn, offenbar, weil er ihren Orden begünstigte, reinzuwaschen. Der Bericht im achten Upāṅga ist daher wahrscheinlich eher Geschichtsfälschung, als Geschichte.
v2.c16.s8.t1.86
² Nirayāvaliyāsuttam, een Upāṅga der Jaina's. Met inleiding . . . van S. Warren, Amsterdam 1879.
v2.c16.s8.t1.87
Die zehn Païṇṇa oder »zerstreuten Stücke« entsprechen den vedischen Pariśiṣṭas, sind wie diese größtenteils metrisch und handeln über allerlei Gegenstände der Jainareligion, so über die Gebete, mittels deren man sich in den vierfachen Schutz (der Arhats, Siddhas, Sādhus und der Religion) begibt, über das Sterben des Weisen, über das Leben des Embryos, über die Eigenschaften des Lehrers und der Schüler, über die Götter usw.
v2.c16.s8.t1.88
Die sechs Chedasūtras³) bildeten vielleicht erst spät eine Gruppe im Kanon, da ihr nicht immer dieselben Texte zugerechnet werden. Aber der Kern dieser Gruppe, die Chedasūtras 3—5, gehört zum ältesten Bestand des Kanons. Diese drei Texte werden auch oft zusammen Dasā-kappa-vavahārā genannt. Den Inhalt der Chedasūtras bildet nebst mancherlei Legendenwerk das, was wir bei den Buddhisten als Vinaya kennen gelernt haben, nämlich die Lebensregeln für die Mönche und Nonnen und die Vorschriften über Sühnen und Bußen, überhaupt die ganze Ordensdisziplin. Das vierte Chedasūtra, Āyāradasāo (»die zehn Abschnitte über das Betragen«), auch Dasāo oder Daśāśrutaskandha genannt, wird von der Überlieferung dem Bhadrabāhu zugeschrieben, und der achte Abschnitt dieser Dasāo ist unter dem Titel »Kalpasūtra des Bhadrabāhu« längst bekannt¹).
v2.c16.s8.t1.89
³ Die Bedeutung des Wortes ist nicht klar. Cheda bedeutet »Schnitt«. Da cheda und mūla in der Jaina-Disziplin zwei Arten von Bußen bedeuten, vermutet Schubring (Kalpa-sūtra, S. 8), daß die Ausdrücke Chedasūtra und Mūlasūtra daher stammen. Aber die Mūlasūtras haben wenigstens in ihrer jetzigen Gestalt mit den Bußen doch nichts zu tun.
v2.c16.s8.t1.90
¹ Eine sehr mangelhafte Übersetzung von J. Stevenson erschien schon 1848, eine kritische Ausgabe von H. Jacobi, AKM VII, 1, Leipzig 1879, eine englische Übersetzung von demselben in SBE, vol. 22.
v2.c16.s8.t1.91
Bhadrabāhu gilt als einer der ältesten Lehrer und hervorragendsten Schriftsteller bei den Jainas. Er soll der sechste Thera nach Mahāvīra gewesen und 170 Jahre nach dessen Nirvāṇa gestorben sein. Nach der Überlieferung war er der letzte, der die verloren gegangenen Puvvas kannte, und er soll das dritte und vierte Chedasūtra aus dem neunten Puvva ausgezogen haben. Außer den Dasāo werden ihm auch die Niryuktis, knappe metrische Erläuterungen zu einzelnen Teilen des Kanons, zugeschrieben.
v2.c16.s8.t1.92
In dem Kalpasūtra sind drei verschiedene Texte zu einem Ganzen vereinigt, und es scheint nicht gut möglich, daß sie alle den Bhadrabāhu zum Verfasser haben. Der erste Abschnitt enthält das Jinacaritra, »die Lebensbeschreibungen der Jinas«²). Der Hauptteil dieses Abschnittes ist die Lebensbeschreibung des Mahāvīra, die sehr ausführlich, mit großer epischer Breite, mit Schilderungen im Kāvyastil und mit maßlosen Übertreibungen in einer an den Lalitavistara erinnernden Weise erzählt wird. Empfängnis, Embryoübertragung³) und Geburt des Mahāvīra werden ähnlich wie im Āyāraṁgasutta dargestellt. Es folgen dann die vierzehn Träume der Devānandā, der Mutter des Mahāvīra, und deren Deutung; das Leben des Mahāvīra im Hause, sein zwölfjähriges Asketenleben und seine nicht ganz dreißig Jahre währende Tätigkeit, die er als vollendeter Weiser (Kevalin) ausübte. Die hierauf folgenden Lebensbeschreibungen der Vorgänger des Mahāvīra, der übrigen Jinas bis auf Pārśva, sind ganz und gar nach der Schablone der Mahāvīrabiographie gemacht, und zwar für liturgische Zwecke¹).
v2.c16.s8.t1.93
² Eine im Berliner Museum für Völkerkunde aufbewahrte Handschrift dieses Jinacaritra enthält sehr interessante Miniaturen, welche die Hauptereignisse im Leben des Mahāvīra darstellen. Sie sind beschrieben von W. Hüttemann im Baeßler-Archiv, Bd. 4, 1914, S. 47 ff.
v2.c16.s8.t1.94
³ Diese Embryoübertragung ist aus der Kṛṣṇalegende entlehnt, wird aber schon im 1. Jahrhundert n. Chr. auf Skulpturen der Jainas in Mathurā dargestellt.
v2.c16.s8.t1.95
¹ Wenn die Bilder der Jinas oder Tīrthakaras in den Jainatempeln verehrt werden, so werden Hymnen an sie gerichtet, von denen einer die glücklichen Momente ihres Lebens zusammenfaßt, und eben mit diesen beschäftigen sich die Lebensbeschreibungen der Jinas.
v2.c16.s8.t1.96
Den zweiten Teil des Kalpasūtra bildet die Therāvalī, eine Liste von Schulen (gaṇa), deren Abzweigungen (śākhā) und Schulhäuptern (gaṇadhara). Diese Liste geht weit über Bhadrabāhu hinaus, kann also unmöglich von ihm verfaßt sein. Aber Inschriften aus dem 1. Jahrhundert n. Chr. beweisen, daß die Namen in dieser Liste nicht erfunden, sondern historisch sind.
v2.c16.s8.t1.97
Der dritte Teil ist wahrscheinlich der älteste Kern des Kalpasūtra. Er enthält die Sāmācārī oder »Regeln für die Asketen«, und zwar die Regeln für die Regenzeit (Pajjusan). Daß dieses Stück den ältesten Teil des Werkes darstellt, wird auch dadurch wahrscheinlich, daß der vollständige Titel des »Kalpasūtra« Pajjosavaṇākappa (Sansk. Paryuṣaṇākalpa) lautet, aber in Wirklichkeit nur auf diesen dritten Teil paßt. Die Tradition wird wohl recht haben, die besagt, daß Jinacaritra, Therāvalī und Sāmācārī unter dem Titel »Kalpasūtra« im ursprünglichen Kanon nicht enthalten waren, sondern erst von Devarddhi dem Siddhānta angeschlossen wurden²).
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Linked texts (126)
- Āyāraṃga — Sudharman, Ardhamāgadhī Prakrit
- Padmapurāṇa — Vyāsa, Sanskrit
- Jātaka — Pāli
- Bhāgavatapurāṇa — Vyāsa, Sanskrit
- Brahmapurāṇa — Vyāsa, Sanskrit
- Paümacariu — Svayambhū, Apabhraṃśa
- Theragāthā — Pāli
- Suttanipāta — Pāli
- Kauṭilīya Arthaśāstra — Kauṭilya, Sanskrit
- Mānava Dharmaśāstra — Manu & Bhṛgu, Sanskrit
- Uttarajjhayaṇa — Ardhamāgadhī Prakrit
- Śiśupālavadha — Māgha, Sanskrit
- Samarāiccakahā — Haribhadra Sūri, Māhārāṣṭrī Prakrit
- Ṭhāṇaṃga — Sudharman, Ardhamāgadhī Prakrit
- Dharmaśarmābhyudaya — Haricandra, Sanskrit
- Nisīha — Viśākhagaṇi, Ardhamāgadhī Prakrit
- Avadānaśataka — Sanskrit
- Gauḍavaho — Vākpatirāja, Māhārāṣṭrī Prakrit
- Nāyādhammakahāo — Sudharman, Ardhamāgadhī Prakrit
- Piṇḍanijjutti — Bhadrabāhu & Bhadrabāhu II, Māhārāṣṭrī Prakrit
- Dasaveyāliya — Śayyambhava, Ardhamāgadhī Prakrit
- Aṇuogaddārāiṃ — Āryarakṣita, Ardhamāgadhī Prakrit
- Dhammapada — Pāli
- Sūyagaḍa — Sudharman, Ardhamāgadhī Prakrit
- Bihā Kappa — Bhadrabāhu, Ardhamāgadhī Prakrit
- Isibhāsiyāiṃ — Ardhamāgadhī Prakrit
- Nandī — Devavācaka, Ardhamāgadhī Prakrit
- Meghadūta (Vikrama) — Vikrama, Sanskrit
- Āptamīmāṃsā — Samantabhadra, Sanskrit
- Sūryaśataka — Mayūra, Sanskrit
- Śṛṅgāravairāgyataraṅgiṇī — Somaprabhācārya, Sanskrit
- Kādambarī — Bāṇabhaṭṭa, Sanskrit
- Bhaktāmarastotra — Mānatuṅga, Sanskrit
- Kalyāṇamandirastotra — Siddhasena Divākara & Kumudacandra, Sanskrit
- Devadattasutta — Pāli
- Causaraṇa — Vīrabhadra, Māhārāṣṭrī Prakrit
- Dīghanikāya — Pāli
- Kalpasūtra — Bhadrabāhu, Ardhamāgadhī Prakrit
- Mahābhārata — Vyāsa, Sanskrit
- Meghadūta — Kālidāsa, Sanskrit
- Uvavāiya — Ardhamāgadhī Prakrit
- Āvassayanijjutti — Bhadrabāhu & Bhadrabāhu II, Māhārāṣṭrī Prakrit
- Āyāradasāo — Bhadrabāhu, Ardhamāgadhī Prakrit
- Harivaṃśa — Vyāsa, Sanskrit
- Pavayaṇasāra — Kundakunda, Śaurasenī Prakrit
- Rāyapaseṇaijja — Ardhamāgadhī Prakrit
- Uttarapurāṇa — Guṇabhadra, Sanskrit
- Āurapaccakkhāṇa — Vīrabhadra, Māhārāṣṭrī Prakrit
- Jīvājīvābhigama — Ardhamāgadhī Prakrit
- Mahāpaccakkhāṇa — Māhārāṣṭrī Prakrit
- Sarasvatī — Sanskrit
- Vavahāra — Bhadrabāhu, Ardhamāgadhī Prakrit
- Āvassaya — Ardhamāgadhī Prakrit
- Aṅguttaranikāya — Pāli
- Bhattapariṇṇā — Vīrabhadra, Māhārāṣṭrī Prakrit
- Pannavaṇā — Śyāmārya, Ardhamāgadhī Prakrit
- Purāṇa — Sanskrit
- Samavāyaṃga — Sudharman, Ardhamāgadhī Prakrit
- Viṣṇupurāṇa — Vyāsa, Sanskrit
- Jīyakappa — Jinabhadragaṇi Kṣamāśramaṇa, Māhārāṣṭrī Prakrit
- Ohanijjutti — Bhadrabāhu & Bhadrabāhu II, Māhārāṣṭrī Prakrit
- Sūriyapannatti — Ardhamāgadhī Prakrit
- Viyāhapannatti — Sudharman, Ardhamāgadhī Prakrit
- Harivaṃśapurāṇa — Jinasena (Punnāṭa), Sanskrit
- Jambuddīvapannatti — Ardhamāgadhī Prakrit
- Mahānisīha — Haribhadra Sūri, Ardhamāgadhī Prakrit
- Upamitibhavaprapañcā Kathā — Siddharṣi, Sanskrit
- Vetālapañcaviṃśatikā — Sanskrit
- Vālmīkirāmāyaṇa — Vālmīki, Sanskrit
- Candapannatti — Ardhamāgadhī Prakrit
- Mahāpurāṇa — Jinasena (II) & Guṇabhadra, Sanskrit
- Navya Kammagantha — Devendrasūri, Māhārāṣṭrī Prakrit
- Pañcakappa — Bhadrabāhu, Ardhamāgadhī Prakrit
- Uvāsagadasāo — Sudharman, Ardhamāgadhī Prakrit
- Aṃtagaḍadasāo — Sudharman, Ardhamāgadhī Prakrit
- Aṇuttarovavāiyadasāo — Sudharman, Ardhamāgadhī Prakrit
- Deviṃdatthaa — Māhārāṣṭrī Prakrit
- Kahakosu — Śrīcandra (Apabhraṃśa), Apabhraṃśa
- Kappāvaḍaṃsiāo — Ardhamāgadhī Prakrit
- Paṇhāvāgaraṇa — Sudharman, Ardhamāgadhī Prakrit
- Pupphiāo — Ardhamāgadhī Prakrit
- Triṣaṣṭiśalākāpuruṣacarita — Hemacandra, Sanskrit
- Caṃdāvejjhaya — Māhārāṣṭrī Prakrit
- Pupphacūliāo — Ardhamāgadhī Prakrit
- Vivāgasuya — Sudharman, Ardhamāgadhī Prakrit
- Diṭṭhivāya — Sudharman, Ardhamāgadhī Prakrit
- Vaṇhidasāo — Ardhamāgadhī Prakrit
- Vīratthava — Māhārāṣṭrī Prakrit
- Bhavisattakaha — Dhanapāla (Dhaṇavāla), Apabhraṃśa
- Jñānārṇava — Śubhacandra, Sanskrit
- Neminirvāṇa — Vāgbhaṭa (I), Sanskrit
- Kāmaśāstra — Sanskrit
- Vimalapraśnottararatnamālānama — Sanskrit
- Uvaesapaya — Haribhadra Sūri, Māhārāṣṭrī Prakrit
- Subhāṣitaratnasaṃdoha — Amitagati, Sanskrit
- Yogaśāstra — Hemacandra, Sanskrit
- Praśamaratiprakaraṇa — Umāsvāti, Sanskrit
- Karmaśataka — Sanskrit
- Ujjayinī
- Pariśiṣṭaparvan — Hemacandra, Sanskrit
- Pāṇḍavapurāṇa (Vādicandra) — Vādicandra 1572, Sanskrit
- Pūrvadhāricaritra — Sanskrit
- Dharmaparīkṣā — Amitagati, Sanskrit
- Prameyakamalamārtaṇḍa (Jinmati Mata, Lala Mussaddilal Jain Charitable Trust Delhi) — Sanskrit
- Yaśastilaka — Somadevasūri, Sanskrit
- Aṭṭhapāhuḍa — Kundakunda, Śaurasenī Prakrit
- Sukhabodhā (Umangsuri, Nemichandrasuri, Pushpchandra Kshemchandra, 1937) — Sanskrit
- Pārśvābhyudaya — Jinasena (II), Sanskrit
- Jīvandharacampū — Haricandra, Sanskrit
- Niyamasāra — Kundakunda, Śaurasenī Prakrit
- Tilakamañjarī — Dhanapāla, Sanskrit
- Prabandhakośa — Rājaśekhara Sūri, Sanskrit
- Kammapayaḍi — Śivaśarman, Māhārāṣṭrī Prakrit
- Śrāvakaprajñapti — Umāsvāti
- Prabandhacintāmaṇi — Merutuṅga, Sanskrit
- Jasaharacariu — Puṣpadanta, Apabhraṃśa
- Tattvārthasūtra — Umāsvāti, Sanskrit
- Śīladūtakāvya — Cāritrasundara, Sanskrit
- Gadyacintāmaṇi — Vādībhasiṃha, Sanskrit
- Samyaktvakaumudi — Maṅgarasa III, Kannada
- Sūktamuktāvalī (Somaprabhasūri) — Somaprabhasūri, Sanskrit
- Caturviṃśatijinastutiḥ (śobhanamunipraṇītā) — Sanskrit
- Praśnottararatnamālā (Śaṅkara) — Śaṅkara, Sanskrit
- Usahapaṃcāsiyā — Dhanapāla, Māhārāṣṭrī Prakrit
- Mahāvīrasvāmistotram (jinavallabhasūriviracitam) — Sanskrit
- Namiṇastava — Mānatuṅga, Prakrit