Geschichte der indischen Litteratur v2.c16.s8.t2: Die nichtkanonische Jainalitteratur
Geschichte der indischen Litteratur v2.c16.s8.t2
- Language
- German
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- v2.c16.s8.t2.60 — 3 parts
Die nichtkanonische Jainalitteratur
v2.c16.s8.t2.1
Die nichtkanonische religiöse Litteratur der Jainas besteht einerseits aus einer Unmasse von Kommentaren, andererseits aus selbständigen Werken. Die letzteren sind teils gelehrte Werke über Dogmatik, Ethik und Mönchsdisziplin, teils dichterische Erzeugnisse, von denen wieder die einen Hymnen zur Verherrlichung der Jinas sind, während die anderen der bei den Jainas zu einem ungeheueren Umfang angewachsenen Erzählungslitteratur angehören. In der Mitte zwischen den gelehrten Werken und den Werken der Dichtkunst stehen die lehrhaften Dichtungen, die Litteratur der Heiligenlegenden und die kirchengeschichtlichen Werke. Die Sprache dieser Litteratur ist teils Prākrit, und zwar die sogenannte Jaina-Māhārāṣṭrī, teils Sanskrit.
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Lange bevor die endgültige Zusammenstellung des Kanons unter Devarddhi stattfand, müssen die Jainamönche damit begonnen haben, Erklärungen zu den heiligeu Texten zu verfassen. Denn die ältesten Kommentare, die Nijjuttis oder Niryuktis, sind in einigen Fällen mit den Sūtras aufs engste verwoben oder haben diese verdrängt. Piṇḍa- und Oghanijjutti erscheinen im Kanon selbst, und Oghanijjutti soll sogar aus einem der Pūrvas entnommen sein¹). Und die einstimmige Überlieferung nennt Bhadrabāhu, der 170 Jahre nach dem Tode Mahāvīras gestorben sein soll, als den Verfasser von Niryuktis zu zehn Werken des Kanons²). Diese Niryuktis, von denen uns einige erhalten sind, bestehen aus äußerst knappen Erklärungen in Āryā-Versen in Jaina-Māhārāṣṭrī. Wahrscheinlich sind es Memorialverse, die den Lehrern für die mündliche Ausdeutung der Texte als Gedächtnisstütze dienten. Später wurden diese Niryuktis zu umfangreicheren Kommentaren in Prākrit, Bhāṣyas und Cūrṇis, erweitert. Diese bildeten wieder die Grundlage für die Sanskritkommentare (Ṭīkās, Vṛttis), die zwischen dem neunten und zwölften Jahrhundert verfaßt worden sind. Diese verschiedenen Kommentarschichten sind oft so ineinander gearbeitet, daß es schwer ist, sie voneinander zu sondern³).
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¹ Über Oghanijjutti vgl. Charpentier, ZDMG 70, 219 f.
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² Nämlich zu: Āyāraṁga, Sūyagaḍaṁga, Sūriyapaṇṇatti, Uttarajjhayaṇa, Āvassaya, Dasaveyāliya, Dasāsuyakkhandha, Kalpasūtra, Vavahāra und Ṛṣibhāṣitasūtra. Vgl. Bhandarkar, Report 1883/4, p. 131 f; Peterson, Report IV, p. LXXXIV.
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³ Vgl. Leumann, ZDMG 46, 586 ff.
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Einer der ältesten Kommentatoren ist der auch sonst als Dichter und gelehrter Schriftsteller berühmte Haribhadra, der in der zweiten Hälfte des neunten Jahrhunderts n. Chr.
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lebte¹). Er war ein Brahmane, der die Grammatik und alle anderen brahmanischen Wissenschaften gründlich beherrschte. Stolz erklärte er — so erzählt die Sage —, er werde Schüler desjenigen werden, dessen Worte er nicht verstehen könne. Einst hörte er eine Jaina-Nonne eine Strophe hersagen, deren Bedeutung er nicht verstand. Nachdem ihm ein Jainalehrer die Strophe erklärt hatte, wurde er dessen Schüler, lernte die heiligen Texte und wurde ein Sūri²). Er soll das Wort der Arhats durch seine 1444 Werke, wie eine Mutter ihr Kind, beschützt haben. Seine Kommentare zu den beiden Mūlasūtras Āvassaya und Dasaveyāliya sind uns erhalten.
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¹ Vgl. Leumann, ZDMG 43, 1889, 348 f. Zu den Legenden über Haribhadra vgl. auch Hertel, Jinakīrtis »Geschichte von Pāla und Gopāla«, S. 141 ff.
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² Sūri, »Herr«, ist ein Ehrentitel gelehrter Jainamönche.
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Ein Zeitgenosse des Haribhadra war Śīlāṅka, der Kommentare zu den beiden ersten Aṅgas schrieb (um 862 oder 872 n. Chr.). Während dieser alle von ihm benutzten älteren Kommentare ins Sanskrit übersetzte, ließ Haribhadra manches, insbesondere Erzählungen, in Prākrit stehen.
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Im 11. Jahrhundert schrieben Śāntisūri oder Śāntyācārya und Devendragaṇi ihre inhaltsreichen Kommentare zum Uttarajjhayaṇa³), und der berühmte Abhayadeva seine Kommentare zu neun Aṅgas. Sein Kommentar zum sechsten Aṅga ist 1064 n. Chr. verfaßt⁴).
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³ Über die Kommentare zu diesem Sutta handelt ausführlich Charpentier, Uttarādhyayana, Introd., p. 48 ff.
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⁴ Es gibt nicht weniger als sechs Jainaschriftsteller des Namens Abhayadeva; s. Peterson, Report IV, p. III ff.
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Was uns alle diese Kommentare so wertvoll macht, ist der Umstand, daß sie uns einerseits sehr viele alte, historische oder halbhistorische Überlieferungen, andererseits eine große Menge von volkstümlichen Erzählungsstoffen erhalten haben. Gleich den buddhistischen Mönchen haben es nämlich auch die Jainamönche zu allen Zeiten geliebt, ihre Predigten durch Geschichtenerzählen zu beleben, weltliche Geschichten in Heiligenlegenden umzugestalten, jinistische Lehren durch »Beispiele« zu erläutern und so durch Ausnützung der indischen Lust am Fabulieren ihrer Religion möglichst viele Anhänger zu gewinnen und zu erhalten. Ein Teil dieser Geschichten hat, wie wir gesehen haben, in Form von Legenden und Balladen schon in manche Texte des Kanons Aufnahme gefunden. Der größere Teil findet sich in großen Mengen verstreut in der durch die Jahrhunderte sich hinziehenden Kommentarenlitteratur. Daß auch die in den späteren Sanskritkommentaren erhaltenen Erzählungen auf ältere Quellen zurückgehen, beweist schon der Umstand, daß die Verfasser sie nicht in dem ihnen geläufigen Sanskrit erzählen, sondern im Prākrit, d. h. in der Sprache, in der sie ihnen von ihren Vorgängern überliefert worden waren¹). Außer in den Kommentaren, in denen diese Erzählungen (ähnlich wie die buddhistischen Erzählungen in der Jātakaṭṭhavaṇṇanā und im Dhammapadakommentar) eingebettet sind, wurden manche größere Erzählungen (Kathās und Kathānakas) auch selbständig abgeschrieben und überliefert, und endlich haben die Jainas auch eine große Anzahl von Sammlungen solcher Erzählungen veranstaltet.
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¹ Eine ältere Form der Jaina-Māhārāṣṭrī erscheint in den Cūrṇis, Kathānakas und Āvaśyaka-Erzählungen. Außerdem ist die Sprache der Verse verschieden von der der Prosa. Vgl. H. Jacobi, Über das Prakrit in der Erzählungs-Litteratur der Jainas (RSO, Vol. II, Roma 1909, p. 231 ff.).
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Mit den buddhistischen Jātakas hat diese umfangreiche jinistische Erzählungslitteratur das gemein, daß sie viele Stoffe enthält, die auch in anderen indischen und außerindischen Litteraturen sich wiederfinden und zum Gemeinbesitz der Weltlitteratur gehören. Schon in den Niryukti-Erzählungen findet sich manches der Art. Ein Beispiel sind die folgenden Zeilen, die Leumann²) aus der Niryukti zum Dasaveyāliya übersetzt hat:
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² ZDMG 46, 607. Ein ähnlicher singhalesisch-buddhistischer Dialog bei J. E. Seneviratne, The Life of Kalidas, Colombo 1901, p. 20 f. Vgl. die Geschichte »Ein Wort gibt das andere« in J. P. Hebel, Schatzkästlein, Stuttgart 1888, S. 168 f.
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„Ehrwürden, warum ist die Kutte so faltig?“
„Sie dient mir zum Fischen.“ „Die Fische wozu?“
„Den Kater vertreiben sie.“ „Was! Du bekneipst dich?“
„Nur wenn ich beim Liebchen.“ „Ein Liebchen hast du?“
„Um mich zu erholen vom Streit mit den Feinden.“ „Und diese woher?“
„Ich breche mal ein.“ „Ein Dieb bist du auch?“
„Ich brauche doch Spielgeld.“ „Und Spieler?“
„Da müßt’ ich kein Hurenkind sein.““
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Von großem Interesse für die Geschichte des indischen Sektenwesens sind die Berichte über die Schismen in den Kommentaren des Haribhadra zum Āvassaya und des Šāntisūri zum Uttarajjhayaṇa¹). Wenn hier in einem dieser Berichte ein Wandermönch auftritt, der um sein Gewand einen kupfernen Draht gebunden hat und mit dem Ast eines Jambubaumes herumläuft und dies damit begründet, daß ihm infolge der Fülle seines Wissens das Kleid bersten könnte, und daß er in der ganzen Jambuweltinsel (d. h. in ganz Indien) nicht seinesgleichen habe, so erinnert uns das an ähnliche Bilder aus dem Leben indischer Sophisten in den Upaniṣads und in buddhistischen Texten.
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¹ E. Leumann, Ind. Stud. 17, 91 ff. Von den Āvaśyaka-Erzählungen (hauptsächlich nach Haribhadras Kommentar zum Āvassaya) hat Leumann ein Heft herausgegeben in AKM X, 2, Leipzig 1897.
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Durch außerordentlichen Reichtum an Erzählungsstoffen zeichnen sich die Kommentare zum Uttarajjhayaṇa aus²). Der älteste Kommentar ist die aus nahezu 600 Versen bestehende, dem Bhadrabāhu zugeschriebene Nijjutti. Jünger ist die Cūrṇi von einem unbekannten Verfasser. Am wichtigsten sind aber die Kommentare von Šāntisūri und Devendragaṇi. Der ältere von beiden ist der um 1040 n. Chr. verstorbene Šāntisūri. In seinem Kommentar, Šiṣyahitā genannt, sind die Erzählungen nur ganz kurz wiedergegeben. Aber auf ihm fußt die im Jahre 1073 n. Chr. vollendete Sukhabodhā des Devendragaṇi, der die Geschichten mit großer Behaglichkeit und Breite erzählt. Eine Sanskritbearbeitung der Erzählungen dieses Kommentars enthält der Kommentar des Lakṣmīvallabha.
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² Die interessantesten Erzählungen aus diesen Kommentaren hat H. Jacobi, Ausgewählte Erzählungen in Māhārāṣṭrī, Leipzig 1886, herausgegeben und J. J. Meyer, Hindu Tales, London 1909, ins Englische übersetzt. S. auch Jacobi, ZDMG 42, 493 ff. und Appendix zu Hemacandras Pariśiṣṭaparvan pp. 1—28; J. Charpentier, ZDMG 64, 397 ff.; 66, 38 ff.; 67, 668 ff. Die Legende des heiligen Pārśva, des 23. Tīrthakara, hat Charpentier aus Devendragaṇis Kommentar herausgegeben und übersetzt in ZDMG 69, 1915, 321—359.
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Mehr als die Buddhisten waren die Jainas bemüht, sich aus der brahmanischen und allgemeinindischen Litteratur alles anzueignen, was volkstümlich und beliebt war, um ihren Anhängern auf diese Weise innerhalb ihrer Glaubensgemeinde alles zu bieten, was sie auch anderswo fanden. Dabei haben sie die alten Stoffe zum Teil nur lose mit der Jainareligion verknüpft, zum Teil aber auch ganz und gar verballhornt, um ihnen ein jinistisches Ansehen zu geben. Jedenfalls ist uns aber in der jinistischen Kommentaren- und Erzählungslitteratur manche Perle altindischer Erzählungskunst erhalten geblieben, die uns sonst verloren gegangen wäre, und von zahlreichen bekannten Sagen, Legenden und Erzählungen haben uns die Jainas interessante Fassungen erhalten.
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Schon sehr früh haben die Jainas z. B. den Kṛṣṇakult ihrer Religion einverleibt und daher auch die Kṛṣṇalegende in ihre eigene Legendenlitteratur verwoben. Eine jinistische Form der Legende vom Untergang der Stadt Dvāravatī und vom Tode des Kṛṣṇa begegnete uns schon im achten Aṅga. Ausführlicher wird sie in Devendras Kommentar zum Uttarajjhayaṇa erzählt¹). In demselben Kommentar finden wir auch die alte, aus den Epen bekannte Sage von der Herabkunft der Gaṅgā und dem Untergang der sechzigtausend Söhne des Sagara²). Was den Jainaerzähler an dieser epischen Sage reizte, war der Umstand, daß sich an den Tod der Söhne Trostreden mit frommen Gedanken über die Vergänglichkeit alles Irdischen knüpfen ließen. Auch wird ihr Tod durch das Karman im jinistischen Sinne gerechtfertigt. Bei dieser Gelegenheit wird auch eine Trostgeschichte angebracht, die nur eine Variante der buddhistischen Legende von Kisā-Gotamī und dem Senfkorn ist³). Berührungen mit der buddhistischen Litteratur zeigen die Paccekabuddhageschichten, die Devendra in seinem Kommentar im Zusammenhang erzählt. In die Geschichte des vierten dieser Königsheiligen, des Königs Naggaï, ist die Geschichte der Kaṇayamañjarī eingefügt, in der man ein Vorbild der Scheherezade gesehen hat⁴). Eine der reizendsten Novellen, die uns Devendra aufbewahrt hat, ist die von Mūladeva, dem Tausendkünstler, und der Hetäre Devadattā¹). Mit Mūladeva, der übrigens wirklich gelebt zu haben und der Verfasser eines Kāmaśāstra gewesen zu sein scheint²), hängt auch die interessante Räubergeschichte von Maṇḍiya zusammen, der bei Tage als Bettler das Mitleid der Leute herausfordert, während er bei Nacht als Raubmörder und Einbrecher die Stadt in Schrecken setzt. Eine Räubergeschichte ist auch die Prosaerzählung von Agaladatta, von der uns aber in Devendras Kommentar auch eine viel schönere und zweifellos ältere poetische Fassung erhalten ist³).
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¹ S. oben II, 305; Jacobi in OC VII, Wien, 1886, Berichte S. 75 ff.; ZDMG 42, 1888, 493 ff. und E. Hardy, ZDMG 53, 1899, 41 ff.
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² R. Fick, Eine jainistische Bearbeitung der Sagara-Sage. Diss. Kiel 1888. Nach dem Mahābhārata (III, 100—109) hat A. Holtzmann, Indische Sagen (Nr. VI: »Das Meer«), die Sage bearbeitet. Über dieselbe Sage im Rāmāyaṇa s. oben I, S. 408 f.
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³ Oben II, 154.
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⁴ Vgl. P. E. Pavolini in GSAI 12, 159 ff.; Charpentier, Paccekabuddha-Geschichten, S. 146 ff. und J. J. Meyer, Two Twice-Told Tales, Chicago (Decennial Publications) 1903. Den Text nach Bhāvavijayas Kommentar zum Uttarajjhayaṇa teilt Charpentier (JA 1911, s. 10, t. XVIII, 201—255) mit. Die Geschichte der Kaṇayamañjarī ist auch übersetzt von Hertel, Indische Märchen, Jena 1919, S. 271 ff.
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¹ Übersetzt von Charpentier, Paccekabuddhageschichten, S. 62 ff.
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² Vgl. Charpentier, a. a. O., S. 57 ff.; P. E. Pavolini, GSAI 9, 175 ff. und M. Bloomfield, The Character and Adventures of Mūladeva: Proceedings of the American Philosophical Society, Vol. 52, 1913, 616—650.
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³ In deutsche Verse übersetzt von J. J. Meyer, Kavyasaṃgraha, S. 72 ff. Italienische Übersetzung von A. Ballini, Agaḍadatta, Firenze 1903.
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Manche interessante Erzählungen finden sich auch in Haribhadras Kommentaren. In den Āvaśyaka-Erzählungen begegnet uns z. B. die hübsche Legende von Vāsudeva, der in allen Dingen nur das Gute sieht:
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Eine Gottheit verwandelt sich in ein auf der Straße liegendes Hundeaas mit schönen Zähnen. Alle Leute, die vorübergehen, weichen vor dem Aasgeruch entsetzt zurück. Da kommt Vāsudeva des Weges, blickt ruhig auf das Aas und ruft aus: »Wie herrlich doch die Zähne dieses Hundes strahlen!«⁴)
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⁴ J. J. Meyer, Hindu Tales, p. 88 n. 1. Dieselbe Legende, in der Jesus die Rolle des Vāsudeva übernimmt, hat Goethe nach dem persischen Dichter Nisami übersetzt (in den »Noten und Abhandlungen zum besseren Verständnis des westöstlichen Diwans«). Die Erzählung von Śatānīka und Pradyota aus Haribhadras Kommentar zu den Āvaśyakas hat Hertel, Jinakīrtis »Geschichte von Pāla und Gōpāla«, S. 98 ff. mitgeteilt.
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Von den selbständig aufgezeichneten Kathānakas verdienen einige erwähnt zu werden. Eine Heiligenlegende in Prosa und Versen, die von den Mönchen gewöhnlich am Schlusse der Vorlesung des Kalpasūtra erzählt wird, ist das Kālakācāryakathānaka¹). Es ist die Geschichte von dem Königssohn Kālaka, der zur Jainareligion bekehrt wird und es bis zum Oberhaupt des Ordens bringt. Seine jüngere Schwester, die Nonne Sarasvatī, wird von Gardabhilla, dem Herrscher von Ujjayinī, ins Serail geschleppt. Kālaka stellt sich wahnsinnig, wiegelt das Volk gegen den Herrscher auf und wandert nach Śakakūla, dessen Herrscher, die Schāhis, er veranlaßt, gegen Gardabhilla zu Felde zu ziehen und Ujjayinī zu erobern. Es ist möglich, daß in dieser Legende ein historischer Kern steckt²). Doch ist weder der Verfasser noch die Abfassungszeit des Werkchens bekannt. Während in den erzählenden Teilen die Sprache einfach ist, sind manche Schilderungen in kunstvollem Kāvystil gehalten.
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¹ Herausgegeben und übersetzt von H. Jacobi, ZDMG 34, 1880, 247—318; Nachträge dazu ZDMG 35, 675 ff. und Leumann, ZDMG 37 493 ff. Es gibt auch ein Kālakācāryakathānaka von Bhāvadevasūri in 102 Prākritversen. Über dieselbe Legende in Sanskrit vgl. Bháu Dáji in JBRAS 9, 1867, 139 ff.
v2.c16.s8.t2.37
² Dies glaubt Sten Konow, SBA 1916, S. 812 f.
v2.c16.s8.t2.38
Ein Märchen voll der wunderbarsten Abenteuer ist das Uttamacaritrakathānaka, »die Geschichte von dem Leben des (Prinzen) Trefflichst«³). Der unbekannte Verfasser dieser Erzählung wollte offenbar die Märchenlust seiner Zuhörer befriedigen und sie gleichzeitig durch die an manchen Stellen dick aufgetragene jinistische Tendenz zur Jainareligion erziehen.
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³ Herausgegeben und übersetzt von A. Weber in SBA 1884, 1, 269—310. Eine epische Bearbeitung des Werkes ist das Uttamakumāracaritra in 686 Ślokas von Cārucandra (Weber, HSS. Verz. II, 3, 1080 f.).
v2.c16.s8.t2.40
Das uns schon bekannte, weltweit verbreitete Märchen von dem Glückskind, das durch einen vertauschten Uriasbrief vom Untergang gerettet wird, begegnet uns bei den Jainas im Campakaśreṣṭhikathānaka, der »Geschichte vom Kaufmann Campaka«, von Jinakīrtisūri, der in der Mitte des 15. Jahrhunderts schrieb⁴). Hier bildet sie die Rahmenerzählung für drei Schalterzählungen. Die erste von diesen ist das Märchen von König Rāvaṇa, der vergebens einer Schicksalsfügung trotzen will. Nicht ohne Humor ist die dritte Geschichte von dem Kaufherrn, der bis dahin alle betrogen hatte, aber schließlich selbst von einer Hetäre betrogen wird¹). Von demselben Verfasser stammt das Pālagopālakathānaka, die »Geschichte von Pāla und Gopāla«, eine fromme Jainalegende, in die allerlei wohlbekannte Novellen- und Märchenmotive (von den zwei Brüdern, die auf die Wanderung gehen und nach vielen Abenteuern zu Ehre und Ruhm gelangen; von den dankbaren und hilfreichen Tieren; von der Frau, die den keuschen Jüngling verführen will und, da es ihr nicht gelingt, ihn eines Angriffs auf ihre Ehre beschuldigt usw.) hineinverflochten sind²).
v2.c16.s8.t2.41
⁴ Zuerst bearbeitet von A. Weber in SBA 1883, S. 567 ff., 885 ff., neuerdings herausgegeben und übersetzt von J. Hertel, ZDMG 65, 1911, S. 1—51, 425—470. Beide geben Parallelen aus der Weltlitteratur. S. oben II, 160, wo in Anm. 2 noch hinzuzufügen ist: Grierson und M. Gaster in JRAS 1910, 292 ff., 449 ff.; Tawney, Ind. Ant. 10 190 f.; und Em. Cosquin, La Légende du page de sainte Elisabeth de Portugal et les nouveaux documents orientaux, Paris 1912 (Extrait de la Revue de questions historiques). Über den Verfasser s. Klatt, Specimen of a lit.-bibl. Jaina-Onomasticon, p. 15; Duff, p. 254; Peterson, Report IV, p. XXXIII und Hertel, a. a. O., S. 1 f. — Zur selben Klasse von Texten gehört auch das Pāpabuddhi-Dharmabuddhi-Kathānaka, herausgegeben von E. Lovarini in GSAI 3, 94—127; s. Hertel, Jinakīrtis »Geschichte von Pāla und Gōpāla«, S. 66 ff.
v2.c16.s8.t2.42
¹ Ähnlich Gesta Romanorum, cap. 118. Vgl. Köhler und Gildemeister bei Weber a. a. O., S. 591 f. und 890 f.
v2.c16.s8.t2.43
² Joh. Hertel, Jinakīrtis »Geschichte von Pāla und Gōpāla«. Leipzig 1917 (BSGW 69. Bd., 1917. 4. Heft).
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In späterer Zeit haben die Jainas auch Sammlungen von Erzählungen veranstaltet, in denen entweder die Erzählungen nach der beliebten indischen Art in eine Rahmenerzählung eingeschachtelt erscheinen oder einfach nacheinander erzählt werden. Von der ersteren Art ist die Samyaktvakaumudī, »der Mondschein der Vollkommenheit«, von einem unbekannten Verfasser³). Zur Jainareligion steht diese Sammlung von Märchen und Erzählungen nur durch den Rahmen in Beziehung, in welchem der Kaufmann Arhaddāsa seinen acht Frauen und diese wieder ihm erzählen, wie sie zur Vollkommenheit (samyaktva) in der Religion gelangten. Diese Erzählungen werden gleichzeitig von einem König, der mit seinem Minister nach Art des Harun al Raschid des Nachts herumstreift, und von einem Dieb belauscht. An »Tausend und eine Nacht« und noch mehr an das Buch Sindbad erinnert auch die Geschichte von dem König Suyodhana, der, um seinem treuen Stellvertreter eine Falle zu stellen, in seine eigene Schatzkammer einbricht, von diesem als Dieb erkannt und durch sieben an aufeinander folgenden Tagen erzählte Geschichten gewarnt, aber schließlich als Dieb entlarvt und vom Volke abgesetzt wird¹).
v2.c16.s8.t2.45
³ A. Weber, Über die Samyaktvakaumudī, eine eventualiter mit Tausendundeinenacht auf gleiche Quelle zurückgehende indische Erzählung, SBA 1889, 731 ff.
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¹ Die Ähnlichkeit mit »Tausend und eine Nacht« ist eine sehr entfernte. Sehr ähnlich ist aber Jātaka Nr. 432. Vgl. auch Pullé, GSAI 4, 161 ff.
v2.c16.s8.t2.47
Eine reiche Fundgrube von Erzählungen, die zum Teil auch der Weltlitteratur angehören, findet sich im Kathākośa, der »Schatzkammer der Erzählungen«, von einem unbekannten Kompilator zusammengestellt²). Die Sprache der Erzählungen ist schlechtes Sanskrit mit Versen in Prākrit. Die jinistische Tendenz ist überall stark hervorgehoben. Eine Seefahrergeschichte voll wunderbarer Abenteuer ist z. B. in eine fromme Legende umgewandelt. Die letzte Geschichte des Buches von Nala und Davadantī ist eine seltsame jinistische Verballhornung und Erweiterung der Nala-Episode des Mahābhārata. Manche Geschichten sind durch ihre Tendenz geradezu albern und geschmacklos. Aber daneben finden sich auch manche reizende Märchen, wie z. B. das von dem Mädchen Gartenschön:
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² Translated from Sanskrit MSS. by C. H. Tawney, London OTF 1895. Ein Kathānakakośa von Jineśvara (11. Jahrh.) wird von Bhandarkar, Report 1883/84, p. 41 ff., verzeichnet.
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Diese hat eine böse Stiefmutter, die sie zu allerlei schwerer Arbeit verwendet. Einst, als sie die Kühe auf die Weide getrieben hat und eingeschlafen ist, wird sie von einer schwarzen Schlange geweckt, die sie bittet, sie vor dem Schlangenbeschwörer zu schützen. Das Mädchen beschützt die Schlange, und diese stellt ihr einen Wunsch frei. Sie sagt: »Mache einen Schatten über meinem Haupt, damit ich bequem die Kühe hüten kann.« Da zaubert die Schlange einen schönen Garten herbei, der Gartenschön überallhin begleitet. In diesem Garten findet sie einmal der König, verliebt sich in sie und macht sie zu seiner Gemahlin. Die Stiefmutter stellt ihr nach, um ihre eigene Tochter zur Königin zu machen, aber die Schlange rettet Gartenschön aus allen Gefahren.
v2.c16.s8.t2.50
Wie in anderen indischen Erzählungswerken sind auch im Kathākośa Sprüche eingefügt. Einer von diesen verdient, angeführt zu werden:
v2.c16.s8.t2.51
»Sein Söhnchen soll der Vater herzen, bis es fünf,
Und strafen, bis es fünfzehn Jahre alt geworden;
Doch hat der Sohn des Lebens sechzehnt Jahr erreicht,
Dann soll der Vater ihn wie einen Freund behandeln.«
v2.c16.s8.t2.52
Verschieden von diesem Werk ist der Kathākośa des Śubhaśīlagaṇi, von dem es auch eine im Jahre 1465 veranstaltete Sammlung von mehr als 500 Erzählungen unter dem Titel Pañcaśatīprabodhasambandha gibt¹). Nur wenig bekannt sind zahlreiche andere derartige Sammlungen, wie der Antarakathāsaṃgraha von Rājaśekhara²), der 1448 geschriebene Kathāmahodadhi von Somacandra³), der 1600/01 zusammengestellte Kathāratnākara von Hemavijaya⁴) u. a.
v2.c16.s8.t2.53
¹ Vgl. Pavolini, GSAI 13, 89 ff. und A. Ballini, SIFI, vol. VI, Firenze 1904 (Text und Übersetzung der ersten 50 Erzählungen des Pañcaśatīprabodhasambandha). Trotz des Titels enthält das Werk fast 600 Erzählungen. Vgl. Weber, Ind. Stud. 16, 159 f. und HSS. Verz. II, 3, 1112 ff.
v2.c16.s8.t2.54
² Die Erzählungen 7—14 hat F. L. Pullé, Uno progenitore Indiano del Bartoldo, Venezia 1888, mitgeteilt und übersetzt. Den Text der 22 ersten Erzählungen hat Pullé herausgegeben in SIFI I, 1 ff.; II, 1 ff., Firenze 1897/98. Vgl. auch Weber, HSS. Verz. II, 3, 1077 ff. Die Geschichte vom »Salomonischen Urteil« nach dem Antarakathāsaṃgraha hat L. P. Tessitori, Ind. Ant. 42, 1913, 148 ff., mit einer anderen jinistischen Fassung (aus Malayagiris Kommentar zum Nandīsutta) zusammen übersetzt. Hertel (Geist des Ostens 1, 1913, 189 ff.) vergleicht die jinistischen Fassungen mit der hebräischen und will beweisen, was sich meiner Ansicht nach unmöglich beweisen läßt, daß die Jainafassung »inhaltlich die ursprünglichste ist, aus der sich die anderen Varianten ableiten lassen«. Rājaśekhara schrieb im 14. Jahrhundert.
v2.c16.s8.t2.55
³ Teils in Prākrit, teils in Sanskrit mit Prākritversen gemischt; s. Weber, HSS. Verz. II, 3, 1101 ff.; Peterson, 3 Reports, 18 f., 316 ff.
v2.c16.s8.t2.56
⁴ Vgl. Weber, HSS. Verz. II, 3, 1104 ff.; Hertel, Ein altindisches Narrenbuch, S. 37 ff.; Das Pañcatantra, S. 140 f., 249; Jinakīrtis »Geschichte von Pāla und Gōpāla«, S. 58 ff. Drei von den 258 Geschichten der Sammlung hat Hertel, Geist des Ostens 1, 1913, 249 ff., übersetzt, wo auch einige Erzählungen aus dem Kommentar zu Haribhadras Upadeśapada und aus dem Upadeśaratnākara des Munisundara (schrieb 1117/18) übersetzt sind. S. auch Hertel, Indische Märchen, Jena 1919, S. 90 f., 169 ff., 374 f., 377. Eine deutsche Übersetzung des Kathāratnākara von Hertel ist im Druck. Viele andere Erzählungen und Sammlungen von Erzählungen sind angeführt bei Weber, HSS. Verz. II, 3, 1090—1136. Manche interessante Erzählungen enthält der Dharmakalpadruma, »der Wunschbaum der (Jaina-)Religion«, von dem Hertel, ZDMG 65, 1911, 429 ff., 441 ff., und Indische Märchen, S. 111 ff. (vgl. 375 f.), Proben gegeben hat.
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Eine besondere Art der erzählenden Dichtung bildet die überaus umfangreiche Litteratur der Caritras und Prabandhas. Die ersteren sind Lebensbeschreibungen der Tīrthakaras oder Jinas, der mythischen Herrscher (Cakravartins) und Heiligen (Ṛṣis) der Vorzeit, während die Prabandhas Erzählungen von Mönchen und Laien der historischen Zeit sind. Der Zweck beider Klassen von Werken ist die Erbauung. Sie sollen die Größe und Herrlichkeit der Jainareligion dartun, den Mönchen Stoff für ihre Predigten bieten und nebenbei die Zuhörer unterhalten. Daher sind die Prabandhas, wenn sie auch von historischen Persönlichkeiten handeln, doch mehr Anekdotensammlungen, als eigentliche Biographien oder geschichtliche Aufzeichnungen¹). Unter den Caritras gibt es solche, die das Leben einzelner Heiligen beschreiben²), und andere, in denen das Leben aller Tīrthakaras oder aller Heiligen überhaupt nacheinander beschrieben wird. Ein Werk der letzteren Art ist das Triṣaṣṭiśalākāpuruṣacarita des berühmten Jainamönches Hemacandra.
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¹ Immerhin sind sie als Geschichtsquellen nicht ganz zu verwerfen, wenn auch nur mit größter Vorsicht zu gebrauchen; s. G. Bühler, Hemachandra, S. 4 ff.
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² So behandelt Vardhamāna Sūri im Vāsupūjyacarita (s. A. Ballini in RSO 1, 41 ff., 1169 ff.; 2, 54 ff.) die Legende des zwölften Tīrthakara.
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Hemacandra³) ist einer der vielseitigsten und fruchtbarsten Schriftsteller, der sich ebenso sehr als Gelehrter wie als Dichter vielfach betätigt hat. Ihm ist es zu danken, daß Gujarat ein Hauptsitz der Jainas geworden ist. Er war aber nicht nur der Verfasser jinistischer Werke, sondern er hat seine Glaubensgenossen auch mit wichtigen Textbüchern der weltlichen Wissenschaften (Grammatik, Lexikographie, Poetik und Metrik) versehen, so daß er »der Allwissende des ehernen Zeitalters« (Kalikālasarvajña) genannt wurde. Er ist in Dhundhūka, einer Stadt in der Nähe von Ahmedabad (Gujarat) im Jahre 1089 n. Chr. als Sohn eines Kaufmanns geboren. Seine Eltern waren fromme Jainas, und er wurde schon in früher Kindheit dem geistlichen Stande gewidmet. Als Jainalehrer verbrachte er den größten Teil seines Lebens in der Hauptstadt von Gujarat. Sein Gönner war zuerst der Caulukyakönig Jayasiṃha Siddharāja (1094—1143). Dieser König war ein Freund der Litteratur und Wissenschaft, ein gläubiger Śivaverehrer, aber ein so großer Freund der Philosophie, daß er Lehrer verschiedener Sekten an seinen Hof zog. Unter diesen war auch Hemacandra, der durch seine große Gelehrsamkeit nicht nur die Aufmerksamkeit des Königs auf sich lenkte, sondern auch dessen Sympathien für die Jainareligion zu gewinnen suchte, wobei er es sich angelegen sein ließ, insbesondere die Übereinstimmungen der Jainareligion mit maßgebenden brahmanischen Werken zu betonen.
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Jayasiṃhas Nachfolger war Kumārapāla, der ursprünglich auch ein Śivaverehrer war, aber von Hemacandra zur Jainareligion bekehrt wurde. Nach seiner Bekehrung war er bemüht, Gujarat zu einem jinistischen Musterstaat zu machen. Er verzichtete für seine Person auf die Jagd und verbot in seinem ganzen Reich die Tötung von Tieren, den Genuß von Fleisch und geistigen Getränken, das Würfelspiel, Tierkämpfe und Wetten. Außerdem errichtete er Jainatempel und begünstigte die litterarischen und wissenschaftlichen Bestrebungen der Jainas. In der Regierungszeit dieses Königs schrieb nun Hemacandra (zwischen 1160 und 1172, in welchem Jahre er starb) sein großes Werk Triṣaṣṭiśalākāpuruṣacarita, »das Leben der dreiundsechzig besten Männer«¹), das in zehn Parvans die Legenden über die vierundzwanzig Jinas, die zwölf Cakravartins, die neun Vāsudevas, die neun Baladevas und die neun Viṣṇudviṣas (Feinde der neun Inkarnationen des Viṣṇu) enthält. Die Sprache des Werkes, das Hemacandra selbst als ein Mahākāvya, »ein großes Kunstepos«, bezeichnet, und das wenigstens durch seinen Umfang mit dem Mahābhārata zu wetteifern scheint²), ist einfach und ungekünstelt. Aber der Inhalt des Werkes dürfte kaum außerhalb des Kreises der frommen Jainas großes Interesse erwecken.
v2.c16.s8.t2.60.3
— Wichtig ist jedoch der zehnte Parvan, der auch als selbständiger Text unter dem Titel Mahāvīracaritra in Handschriften erscheint¹), nicht nur, weil er die Lebensbeschreibung des Mahāvīra enthält, sondern auch wegen der darin enthaltenen Angaben des Verfassers über sein eigenes Leben. Aber vom litterargeschichtlichen Standpunkt viel wichtiger als das große Hauptwerk ist für uns der Nachtrag dazu, Pariśiṣṭaparvan oder Sthavirāvalicarita²), d. h. »Nachtrags-Abschnitt« oder »Leben der Reihe der Ältesten« betitelt. Dieses Buch behandelt die Geschichte der Daśapūrvins, d. h. der ältesten Lehrer der Jainareligion, die noch Kenner der zehn Pūrvas waren. Während die Persönlichkeiten des Triṣaṣṭiśalākāpuruṣacarita mit Ausnahme der beiden letzten Tīrthakaras, Pārśvanātha und Mahāvīra, durchweg der Mythologie oder der epischen Dichtung angehören, enthält das Sthavirāvalicarita die Lebensbeschreibungen der Ältesten (Sthaviras, Theras), d. h. der Jünger des Mahāvīra, deren Namen und Reihenfolge nach der einstimmigen Überlieferung der Śvetāmbaras wohl als geschichtlich gelten dürfen. Die Erzählungen selbst haben allerdings nur selten irgendeinen geschichtlichen Kern. Hemacandra hat sie älteren Legendenwerken und Kommentaren, namentlich denen des Haribhadra, entnommen. Die Geschichten, häufig durch Sprichwörter und volkstümliche Redensarten belebt, verraten deutlich ihren volkstümlichen Ursprung. Hemacandra hat sie, ohne viel daran zu ändern, aus dem Prākrit übersetzt.
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³ Vgl. G. Bühler, Über das Leben des Jaina-Mönches Hemachandra, des Schülers des Devachandra aus der Vajraśākhā: Denkschriften der Kais. Akademie der Wissenschaften in Wien 1889; auch Jacobi, ERE VI, 591.
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¹ Herausgegeben von der Jainadharmaprasārakasabhā, Bombay, saṃvat 1961, 2nd Ed. Das erste Buch, Ādīśvaracaritra, behandelt L. Suali in SIFI VII, 3 ff.
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² Auch die Einteilung in Parvans scheint den stolzen Vergleich mit dem Mahābhārata anzudeuten.
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¹ Peterson, Report IV, p. 6 f.
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² Edited by H. Jacobi, Calcutta, Bibl. Ind. 1891. Auszugsweise ins Deutsche übersetzt von J. Hertel, Erzählungen aus Hēmacandras Pariśiṣṭaparvan, Leipzig 1908.
v2.c16.s8.t2.66
Unter den Erzählungen des Pariśiṣṭaparvan finden sich manche interessante Parallelen sowohl zu Erzählungen, die wir aus anderen indischen Werken kennen, als auch zu solchen, die der Weltlitteratur angehören. Eine Art Oedipustragödie ist die Erzählung von den Zwillingsgeschwistern Kuberadatta und Kuberadattā, den Kindern der Hetäre Kuberasenā. Noch mehr als in der christlichen Legende vom heiligen Gregorius ist hier das alte Motiv der unbewußt begangenen Blutschande zu einer frommen Mönchslegende abgeschwächt. Dem indischen Erzähler ist es weniger um die Tragik, als um das Raffinement des verwickelten Verwandtschaftsverhältnisses zu tun. Wenn ein Mönch Geschichten schreibt, ist es begreiflich, daß die Schlechtigkeit der Weiber ihm unerschöpflichen Stoff zu den raffiniertesten Ehebruchsgeschichten bietet. Solche Erzählungen finden sich reichlich im Pariśiṣṭaparvan, darunter manche, deren einzelne Motive in der Weltlitteratur oft wiederkehren¹). Eine charakteristische Mönchsgeschichte ist auch die von Sthūlabhadra und der Nonne Kośā (VIII, 110—193):
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¹ So das Motiv vom Gottesurteil der Ehebrecherin nebst anderen in der Erzählung II, 446—640, übersetzt von J. J. Meyer, Isoldes Gottesurteil, Berlin 1914, S. 130 ff. Die Ṛṣyaśṛṅgasage ist nachgeahmt in der Erzählung von Valkalacīrin, I, 90—258.
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Drei Mönche taten jeder ein Gelübde vor dem Meister. Der erste sagte, er wolle die vier Monate der Regenzeit hindurch vor einer Löwenhöhle sitzen; der zweite, er wolle ebenso lange vor dem Loch einer Schlange, deren bloßer Anblick tötet, verweilen. Der dritte erklärte, er wolle die ganze Regenzeit hindurch auf einem Schöpfrad sitzen. Da kommt der Mönch Sthūlabhadra herbei und erklärt, er wolle die vier Monate im Hause der Hetäre Kośā (deren Liebhaber er gewesen war, bevor er Mönch wurde) zubringen, ohne das Keuschheitsgelübde zu verletzen. Dieses gelingt ihm nicht nur, sondern Kośā wird auch zum Jainaglauben bekehrt. Nach Verlauf der Regenzeit kehren die vier Mönche zum Meister zurück, und dieser erklärt, daß Sthūlabhadra die größte Leistung vollbracht habe. Darob sind die anderen Mönche eifersüchtig, und der eine, der vor der Löwenhöhle gesessen hatte, gelobt, vor Beginn der nächsten Regenzeit dasselbe Kunststück zu vollbringen wie Sthūlabhadra. Er begibt sich zu Kośā, wird von dieser, die ihn durchschaut, leicht verführt, schließlich aber von dieser selbst wieder zur Reue und zum Mönchsleben zurückgeführt. Kośā selbst wird Nonne.
v2.c16.s8.t2.69
Neben solchen Geschichten finden sich auch rein jinistische Legenden, von denen manche sich wie geschichtliche oder biographische Berichte geben. So wird im V. Buch erzählt, wie Śayyambhava das Daśavaikālikasūtra verfaßte, um seinem Sohne, von dem er weiß, daß er in sechs Monaten sterben werde, die Möglichkeit zu bieten, den Kern der Jainalehre in kürzester Frist zu erfassen, ohne die anderen heiligen Texte zu studieren. Auch die im IX. und im XIII. Buch erzählten Sagen beziehen sich auf die Zusammenstellung des Kanons. Von einigem historischen Interesse sind auch die auf das Königsgeschlecht der Nandas bezüglichen Erzählungen im VIII. Buch, wenn auch in den Sagen selbst nur wenig Historisches stecken dürfte. Geschichtlich ist jedenfalls die Tatsache, daß der letzte Nandafürst von Candragupta, dem Begründer der Mauryadynastie (326 v. Chr.), gestürzt wurde. Nach der Sage gelang es dem Candragupta, der mütterlicherseits von niedriger Herkunft war, nur dadurch zur Herrschaft zu gelangen und seinen Thron zu befestigen, daß er den schlauen Brahmanen Cāṇakya zu seinem Minister hatte. Von diesem waren viele volkstümliche Erzählungen im Umlauf, die sich auch Hemacandra nicht entgehen ließ, trotzdem gerade dieser Mann so wenig wie möglich zu einem Musterbeispiel für einen frommen Jaina geeignet war. Die Jainas waren aber von jeher bestrebt, jeden Helden volkstümlicher Erzählungen zu einem der Ihren zu machen. Daß sie das auch mit Cāṇakya, diesem durchtriebenen, rücksichtslosen, vor keinem Mittel zurückschreckenden Ränkeschmied und Machtpolitiker, getan haben, ist aber doch so merkwürdig, daß man glauben möchte, daß Candragupta wirklich, wie es die Überlieferung will, den Jainaglauben begünstigte und daß er deshalb von den Jainas samt seinem berühmten Minister gefeiert wurde. Allerdings versteht es Hemacandra, auch diesen Mann zu einem frommen Jaina zu machen. Ja, dieser durchaus weltlichgesinnte Mann, der sich noch vor seinem Tode an seinem Feinde rächt, zieht sich doch am Ende seiner Tage wie ein echter Jainaheiliger in die Nähe eines Düngerhaufens zurück, um sich zu Tode zu hungern. Durch eine Tücke seines Nebenbuhlers, der den Düngerhaufen in Brand steckt, wird er allerdings gegen seinen Willen verbrannt. Nach seinem Tode wird er sonderbarerweise zu einer Göttin.
v2.c16.s8.t2.70
So sagenhaft alle diese Geschichten von historischen Königsgeschlechtern und Persönlichkeiten sowie von Personen der Kirchengeschichte auch sein mögen, so zeigen sie doch immerhin ein geschichtliches Interesse. Schon in einigen der kanonischen Texte selbst fanden wir die Anfänge einer Biographie des Mahāvīra und seiner ersten Jünger, im Kalpasūtra des Bhadrabāhu auch eine Liste der Sthaviras, ihrer Schulen und deren Abzweigungen. Solche Lehrerlisten (Paṭṭāvalis) gibt es viele aus späteren Jahrhunderten¹). Halbhistorische Sagen über die Schismen werden in den Kommentaren von Haribhadra und Śāntisūri erzählt¹). Rein kirchengeschichtlichen Inhalts sind Werke wie das Gurvāvalīsūtra von Dharmasāgaragaṇi²) und die Therāvalī des Merutuṅga³).
v2.c16.s8.t2.71
¹ Paṭṭāvalis sind herausgegeben bzw. ausgezogen von J. Klatt, Ind. Ant. 11, 245 ff.; 293 f.; 23, 169 ff.; Hoernle, Ind. Ant. 19, 233 ff.; 20, 341 ff.; 21, 57 ff.
v2.c16.s8.t2.72
¹ Vgl. oben II, 320, und Leumann, Ind. Stud. 17, 91 ff.; Jacobi, ZDMG 38, 1 ff. Auch dem Bhadrabāhucarita des Ratnanandin (15. oder 16. Jahrhundert) schreibt Jacobi historischen Wert zu.
v2.c16.s8.t2.73
² Weber, HSS. Verz. II, 997 ff.; Klatt a. a. O.; Guérinot, JA 1912, s. 10, t. XIX, 605 ff.
v2.c16.s8.t2.74
³ Bhāu Dāji, JBRAS 9, 1867, 147 ff.
v2.c16.s8.t2.75
Eine Fortsetzung von Hemacandras Pariśiṣṭaparvan ist das Prabhāvakacaritra, »Leben der Leuchten (des Glaubens)«, von Prabhācandra und Pradyumnasūri um 1250 n. Chr. verfaßt. Es enthält Lebensbeschreibungen von 22 Jainalehrern, darunter auch des Hemacandra⁴).
v2.c16.s8.t2.76
⁴ Vgl. Bühler, Hemachandra, S. 4, 52 ff. und Shankar Pandit, Gaüdavaho, Introd. p. CXLVIII ff.
v2.c16.s8.t2.77
Nur als quasi-historisch-biographische Werke können der 1306 n. Chr. vollendete Prabandhacintāmaṇi oder »Wunschedelstein der Geschichten« des Merutuṅga⁵) und der 1349 vollendete Prabandhakośa (»Schatz der Geschichten«) des Rājaśekhara⁶) bezeichnet werden. Das Werk des Merutuṅga enthält unter dem Schein von »Geschichte« eine kunterbunte Sammlung von Geschichten, Sagen und Anekdoten, die an geschichtliche und litterarische Persönlichkeiten anknüpfen. Die Könige Bhoja, Vikramāditya und Śīlāditya werden als die Gönner der hervorragendsten Dichter und Gelehrten gefeiert, wobei der Verfasser vor keinem Anachronismus zurückschreckt. So wird z. B. der grosse Astronom des 6. Jahrhunderts n. Chr. Varāhamihira ohne weiteres zu einem Zeitgenossen des Königs Nanda im 4. Jahrhundert v. Chr. gemacht. Neben vielen einfältigen Geschichtchen finden sich doch auch manche geistreiche und witzige Anekdoten. Das Leben und Treiben an den indischen Fürstenhöfen, insbesondere die an diesen sich abspielenden litterarischen Wettkämpfe werden sehr anschaulich geschildert. Einigen geschichtlichen Wert haben auch die Erzählungen über die der Zeit des Verfassers nicht fernen Persönlichkeiten Hemacandra und den König Kumārapāla. Der Prabandhakośa des Rājaśekhara enthält die Lebensbeschreibungen von 24 Personen, nämlich zehn Jainalehrern (darunter Hemacandra), vier Dichtern (Śrīharṣa, Harihara, Amaracandra und dem Digambara Madanakīrti), sieben Königen und drei anderen Persönlichkeiten.
v2.c16.s8.t2.78
⁵ Translated from Sanskrit by C. H. Tawney, Calcutta, Bibl. Ind., 1901.
v2.c16.s8.t2.79
⁶ Vgl. E. Hultzsch, Reports of Sanskrit Manuscripts in Southern India III, Madras 1905, p. VI f.
v2.c16.s8.t2.80
Bei den Digambara-Jainas heißen die Caritras zuweilen auch Purāṇas. So gibt es ein Padmacarita oder Padma-purāṇa von Vimalasūri in Jaina-Māhārāṣṭrī und ein Padma-purāṇa von Raviṣeṇa in Sanskrit¹). Es gibt auch ein Mahā-purāṇa, dessen erster Teil das Ādipurāṇa des Jinasena ist, dessen Schüler Guṇabhadra den zweiten Teil, das Uttara-purāṇa, schrieb. Jinasena ist auch der Verfasser des 784 n. Chr. vollendeten Harivaṁśapurāṇa. Das Ādipurāṇa erzählt die Geschichte des ersten Tīrthakara Ṛṣabha, enthält aber, ähnlich wie die brahmanischen Purāṇas, auch Abschnitte über allerlei Riten und Zeremonien. Das Uttarapurāṇa gibt die Lebensbeschreibungen der übrigen Tīrthakaras²). Ein Werk ganz nach der Art der zu den Purāṇas gehörigen Māhātmyas ist das Šatruñjaya-Māhātmya, eine Verherrlichung des heiligen Berges Šatruñjaya. Zahlreiche jinistische Legenden und brahmanische Sagen, zum Teil sehr entstellt, sind in die aus 14 Sargas bestehende epische Dichtung aufgenommen¹).
v2.c16.s8.t2.81
¹ Nach Haridās Šāstrī, Ind. Ant. 19, 1890, 378 f., wäre der Verfasser des Padmacarita derselbe Vimala, dem die Praśnottararatnamālā zugeschrieben wird, und der 532 Jahre nach dem Nirvāṇa des Mahāvīra geschrieben haben soll. »Jedenfalls ist Vimalasūri ein alter Schriftsteller, sicher nicht jünger als Haribhadra. Das Padmacarita ist in reiner Jaina-Māhārāṣṭrī geschrieben« (Jacobi in RSO, vol. 2, Roma 1909, 233 f.). Raviṣeṇa gibt als das Datum der Abfassung des Sanskrit-Padmapurāṇa 1204 Jahre nach dem Nirvāṇa des Mahāvīra an (Bhandarkar, Report 1883/84, pp. 117 f., 417 ff.).
v2.c16.s8.t2.82
² Bhandarkar, Report 1883/4, 118 f., 422 ff., 121 f., 430 ff.; Peterson, Report IV, 167 ff; K. B. Pathak, Ind. Ant. 15, 1886, 141 ff. Jinasena wurde von dem südindischen König Amoghavarṣa sehr geehrt. (Bhandarkar, Early History of the Dekkan, 2nd Ed., Bombay 1895, 65, 68 f.) Das Uttarapurāṇa wurde von Lokasena, dem Schüler des Guṇabhadra, 898 n. Chr. fortgesetzt. Vgl. T.-S. Kuppuswāmi Šāstrī, Ind. Ant. 36, 1907, 285 ff. Es gibt auch ein Harivaṁśa von Jinadāsa, einem Schüler des Sakalakīrti (Bhandarkar a. a. O. 123, 433 ff.). Über ein Mahāpurāṇa von Malliṣeṇa, das 1047 n. Chr. verfaßt ist, s. K. B. Pathak, Ind. Ant. 40, 1911, 46 ff. Ein Jainagedicht, das den Titel Uttamaśikharapurāṇa führt und von Siddhasūri verfaßt ist, findet sich in einer 1176 n. Chr. eingegrabenen Felseninschrift; s. F. Kielhorn, JRAS 1906, 701 f. Über ein Pāṇḍavapurāṇa oder »Jaina-Mahābhārata« von Šubhacandra s. Bhandarkar a. a. O., 117 f., 417 ff.
v2.c16.s8.t2.83
¹ A. Weber, Über das Çatrunjaya Mâhâtmyam, AKM I, Nr. 4, Leipzig 1858. Übersetzt mit Zusätzen von J. Burgess, Ind. Ant. 30, 1901, 239 ff., 288 ff.
v2.c16.s8.t2.84
Die Grenze zwischen religiösen Erbauungswerken und anspruchsvolleren Werken der Dichtkunst ist in der Jaina-litteratur schwer zu ziehen. Hemacandra nannte, wie schon bemerkt, sein großes Legendenwerk ein Mahākāvya. Und es gibt eine ganze Anzahl von epischen Gedichten und Romanen, die der Kunstdichtung und zugleich der Erbauungslitteratur angehören.
v2.c16.s8.t2.85
Ein religiöser Roman in Prākritprosa mit eingestreuten Versen (gāthās) ist die Samarāiccakahā des uns schon bekannten Haribhadra²). Nach dem Vorbild der Samarāiccakahā gedichtet ist wahrscheinlich auch die Bhavisattakahā³) von Dhaṇavāla (aus dem Geschlecht der Dharkaṭa). Das ist ein romantisches Epos im Apabhraṃśadialekt. Den Kern der Dichtung bildet ein Märchen, dessen Held wundersame Abenteuer erlebt, in eine verlassene Stadt kommt und schließlich eine Prinzessin heimführt. Im zweiten Teil werden Kämpfe nach Art des Mahābhārata und Rāmāyaṇa geschildert, während ein dritter Teil die Geschichten der Hauptpersonen in früheren Geburten enthält, wie das in Jaina-Erzählungen üblich ist.
v2.c16.s8.t2.86
² Ed. by H. Jacobi in Bibl. Ind. Vgl. auch Jacobi in RSO II, Roma 1909, 233, 236, und Peterson, 3 Reports 118 ff. Einen Auszug aus Haribhadras Werk hat Pradyumna im Jahre 1214 n. Chr. in seinem Samarādityasaṃkṣepa gemacht (Ed. by H. Jacobi, Part I, Ahmedabad, 1905). Vgl. A. Guérinot, JA 1909, s. 10, t. XIV, nr. 1078.
v2.c16.s8.t2.87
³ Herausgegeben von H. Jacobi in ABayA, XXIX. Bd., 4. Abt., München 1918.
v2.c16.s8.t2.88
Von Haribhadra beeinflußt ist Siddha, gewöhnlich Siddharṣi genannt, einer der berühmtesten Dichter bei den Jainas, der 906 n. Chr. seine Upamitibhavaprapañcākathā, »die Erzählung, in der das Menschenleben im Gleichnis dargestellt wird«, verfaßt hat¹). Von dem Dichter wird im Prabhāvakacarita folgende Anekdote erzählt:
v2.c16.s8.t2.89
¹ H. Jacobi, Upamitabhavaprapañcae Kathae specimen, Bonnae 1891 (Festschrift der Universität). Ed. by P. Peterson and H. Jacobi, Bibl. Ind., 1899 ff. Ins Italienische übersetzt von A. Ballini in GSAI, vol. 17—19 und 21—24. Vgl. auch A. Ballini, Contributo allo studio della Upamitibhavaprapañcā Kathā di Siddharṣi (Rendiconti della Reale Accademia dei Lincei, Scienze morali, storiche e filol., s. V, vol 15, Roma 1906.
v2.c16.s8.t2.90
Siddha war ein Vetter des Dichters Māgha. Eines Tages sah seine Mutter ihre junge Schwiegertochter weinen und fragte sie um die Ursache ihres Schmerzes. Die junge Frau erzählte, daß ihr Gatte nie vor Mitternacht nach Hause komme. Die Schwiegermutter tröstete sie und versprach, ihren Sohn zu ermahnen. Als Siddha das nächste mal spät in der Nacht heimkehrte, öffnete sie ihm nicht die Tür, sondern sagte ihm, er möge hingehen, wo man die Türen so spät nachts offen habe. Da ging Siddha zu den Jainamönchen, deren Türen stets offen sind. Sie erkannten in ihm den künftigen Prabhāvaka und nahmen ihn feierlich auf. Er wurde Jainamönch, und sein Vater bemühte sich vergebens, ihn von seinem Entschluß abzubringen. Nachdem er eine Zeitlang bei den Buddhisten gelernt hatte und ihr Anhänger geworden war, wurde er nachher wieder von seinem alten Lehrer zum Jainaglauben zurückgeführt.
v2.c16.s8.t2.91
Das Werk ist eine Erzählung (kathā) in Prosa mit zahlreichen größeren und kleineren Stücken in Versen. In halb dialogischer, halb erzählender Form stellt der Dichter das ganze Menschenleben allegorisch vom Standpunkt der Jainareligion dar und zeigt, wie der durch Sünden verstockte Mensch zur Annahme der Religion geführt werden kann. Die Erzählung ist ziemlich weitschweifig. Am Ende der Einleitung (pīṭhā) wird die Allegorie kurz erklärt (vv. 349—366):
v2.c16.s8.t2.92
Die Stadt »Ohne Anfang und ohne Ende«, in der die Geschichte sich abspielt, ist der unendliche Saṃsāra. Der Bettler »Tugendlos«, der von großer Verblendung geschlagen und von allem möglichen Unglück heimgesucht ist, das ist meine Seele. Die Topfscherbe, in der er seine Almosen sammelt, ist das Behältnis der Tugenden und Fehler des Lebens der Seele, die Dummköpfe sind die Ketzer, der Schmerz ist die Sündhaftigkeit des Geistes, die Krankheiten sind die Leidenschaften usw. Der König »Feststehend« ist der allwissende Herr Jina. Sein Palast ist die Lehre des Jina. Der Türsteher ist, wie sein Name besagt, »der Auflöser des eigenen Karman«. Die Fürsten sind die Lehrer, die Minister die Nebenlehrer. Der Koch »Religionserkenntniserwecker« ist der ehrwürdige Meister (sūri), der mich zur Erkenntnis erweckt hat usw.
v2.c16.s8.t2.93
Wie beliebt diese Dichtung bei den Jainas war, geht daraus hervor, daß schon hundert Jahre nach ihrem Erscheinen Auszüge und Abkürzungen aus ihr gemacht wurden¹).
v2.c16.s8.t2.94
¹ Solche gibt es von Vardhamāna (der um 1032 n. Chr. durch freiwilligen Hungertod endete), Devendrasūri und Haṃsaratna. Vgl. Jacobi, JRAS 1909, 421; über Vardhamāna Peterson, Report IV, p. CX.
v2.c16.s8.t2.95
Eine Dichtung, die zur Gattung der Campūs gehört, ist das 959 n. Chr. verfaßte Yaśastilaka des Digambara-Jaina Somadeva²). Der Inhalt dieser religiösen Dichtung in Prosa und Versen ist kurz folgender:
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² Mit einem Kommentar herausgegeben in Km. 70, 1901. Vgl. Peterson, Report II, 33 ff., 147 ff.
v2.c16.s8.t2.97
Der König Māridatta ist jung auf den Thron gekommen und ist ganz der Sinnenlust ergeben. Auf den Rat seines Hauspriesters schickt er sich an, seiner Hausgöttin Caṇḍamāridevatā ein großes Opfer darzubringen, bestehend aus einem Paar von jedem Lebewesen, einschließlich des Menschen. Māridatta selbst soll das Opfer vollziehen. Da bringen die Diener einen Jüngling und ein Mädchen herbeigeschleppt, ein Asketenpaar, das sie zum Menschenopfer ausersehen haben. Bei deren Anblick kommt eine Wandlung über den König. Es fällt ihm ein, daß diese beiden die Zwillingskinder seiner eigenen Schwester sein könnten, von denen er gehört hatte, daß sie der Welt entsagt und sich der Jainagemeinde angeschlossen hätten. Er läßt sich von den beiden ihre Geschichte erzählen, und es stellt sich heraus, daß sie tatsächlich seine Verwandten sind. Mit ihren Erlebnissen in verschiedenen Wiedergeburten beschäftigt sich der größte Teil der Erzählung, in die aber auch viele Erörterungen über die Lehren der Jainareligion eingeflochten sind. Dabei werden viele bekannte Dichter, wie Bhāravi, Bhavabhūti, Bhartṛhari, Guṇāḍhya, Vyāsa, Bhāsa, Kālidāsa, Bāṇa u. a. angeführt, die alle der Jainareligion Ehre erwiesen haben sollen. Die drei letzten Abschnitte bilden auch ein selbständiges, Upāsakādhyayana (»Lektionen für Laien«) genanntes Buch, das als Erbauungsbuch für Jainalaien dient. Mit der Bekehrung des Māridatta und seiner Hausgöttin zur Jainareligion endet das Werk.
v2.c16.s8.t2.98
Dem Somadeva diente Bāṇas »Kādambarī« als Vorbild. Nach demselben Muster dichtete der Śvetāmbara-Jaina Dhanapāla (um 970 n. Chr.) seine Tilakamañjarī³). Ein anderer Roman nach Art der »Kādambarī«, der auch eine Jainalegende behandelt, ist der Gadyacintāmaṇi, »Wunschedelstein der Prosa«, des Oḍayadeva mit dem Beinamen Vādībhasiṃha¹). Der Verfasser war ein Digambara-Jaina, ein Schüler des Puṣpasena. Den Inhalt des Romans bildet die Legende von Jīvaka oder Jīvandhara²). Interessanter ist der bei den Jainas beliebte Märchenroman Malayasundarīkathā, den irgendein Jainamönch aus einem oder mehreren volkstümlichen Märchen in eine Jainalegende umgearbeitet hat. Eine wahre Flut der phantastischesten Wunder und Zauberstücke läßt hier den Leser kaum zu Atem kommen. Fast alle in der Märchenlitteratur bekannten Motive werden in den Roman hineinverflochten, der erzählt, wie Prinz Mahābala und Prinzessin Malayasundarī sich auf wunderbare Weise finden, wie sie immer wieder voneinander getrennt und immer wieder vereinigt werden. Erst ganz zum Schluß kommt der jinistische Aufputz, der aus dem volkstümlichen, sich mehr in tantrischen Zauberkulten bewegenden Märchen eine fromme Jainalegende macht³).
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³ Herausgegeben in Km. 85, Bombay 1903. Vgl. Jacobi, GGA 1905, 379. Über die Entstehung des Werkes erzählt Merutuṅga (Prabandhacintāmaṇi, Transl. by Tawney, p. 60 f.) eine hübsche Geschichte.
v2.c16.s8.t2.100
¹ Ed. by T. S. Kuppuswami Śāstrī and S. Subrahmanya Śāstrī, Madras 1902 (s. E. Hultzsch, Ind. Ant. 32, 1903, 240); über den Verfasser s. Hultzsch, ZDMG 68, 697 f.
v2.c16.s8.t2.101
² Haricandras Jīvandharacampū behandelt dieselbe Legende.
v2.c16.s8.t2.102
³ Die Malayasundarīkathā ist eine Prākritdichtung. Ein Auszug daraus ist der im 14. Jahrhundert von Dharmacandra gemachte Malayasundarīkathoddhāra in Sanskritprosa mit eingestreuten Versen in Sanskrit und Prākrit, ins Deutsche übersetzt von Hertel, Indische Märchen, Jena 1919, S. 185—268; vgl. S. 377 f.
v2.c16.s8.t2.103
Eine Nachahmung von Māghas Śiśupālavadha ist das große Epos (mahākāvya) Dharmaśarmābhyudaya⁴) des Dichters Haricandra, das in 21 Gesängen die Geschichte des Dharmanātha, des fünfzehnten Tīrthakara, behandelt. Derselbe Digambara-Jainadichter ist wohl auch der Verfasser der Jīvandharacampū, in welcher auf Grund von Guṇabhadras Uttarapurāṇa die Legende des Jīvandhara behandelt wird⁵). Die Geschichte eines anderen Heiligen, des Neminātha, behandelt ein Mahākāvya in 15 Gesängen, das Neminirvāṇa von Vāgbhaṭa¹). Dieselbe Legende hat Vikrama, der Sohn des Sāṅgaṇa, in seinem überaus kunstvollen Gedicht Nemidūta²) bearbeitet. Den Inhalt bildet die Klage der Rājīmatī, nachdem ihr Bräutigam Mönch geworden war. Das Werk ist ein Beispiel der »Strophenergänzung«: die letzte Zeile jeder Strophe ist aus Kālidāsas Meghadūta genommen, während die ersten drei Zeilen vom Dichter selbst gedichtet sind. Ein älteres Werk derselben Gattung ist der Pārśvābhyudaya, eine dichterische Lebensbeschreibung des Pārśvanātha, von Jinasena. In dieser Dichtung ist der ganze Meghadūta in der Weise eingeschlossen, daß in jeder Strophe eine oder zwei Zeilen aus dem Meghadūta entlehnt sind, während Jinasena selbst das übrige hinzugedichtet hat³).
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- Āvassayanijjutti — Bhadrabāhu & Bhadrabāhu II, Māhārāṣṭrī Prakrit
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