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Geschichte der indischen Litteratur v3.c22.s5.32

Geschichte der indischen Litteratur v3.c22.s5.32

Language
German

v3.c22.s5.32

Auch in Europa hatten die ersten Gelehrten, die mit der Manu-Smṛti bekannt wurden, ziemlich abenteuerliche Vorstellungen über Alter und Entstehung des Werkes¹). Der erste, der über die Entstehung und die Zeit der Manu-Smṛti eine haltbare Hypothese aufstellte, war Max Müller, der annahm, daß die metrischen Dharmaśāstras überhaupt nichts anderes seien, als Umarbeitungen und Erweiterungen älterer Dharmasūtras. Was aber Max Müller nur vermuten konnte, das hat G. Bühler durch zahlreiche Beweisgründe zu einer wissenschaftlichen Tatsache erhoben, indem er für die Manu-Smṛti die Entdeckung machte, daß es tatsächlich ein Mānava-Dharmasūtra gegeben hat. Es findet sich nämlich im Vāsiṣṭha-Dharmaśāstra (Kap. IV) ein längeres Zitat, das mit den Worten endet: »also das Mānavam«. Diese teils prosaische, teils metrische Stelle ist ganz im Stile der alten Dharmasūtras gehalten und kann nur aus einem Mānava-Dharmasūtra stammen. Der Inhalt des Zitats stimmt zum Teil mit einer Stelle in unserer Manu-Smṛti überein, so daß wir annehmen dürfen, das von Vāsiṣṭha zitierte Werk habe die Grundlage des heutigen Mānava-Dharmaśāstra gebildet. Nicht erwiesen, aber immerhin wahrscheinlich ist es, daß jenes alte Mānava-Dharmasūtra zur Mānava-Schule der Maitrāyaṇīyas gehörte²). Im Stil der Manu-Smṛti sind oft noch die Spuren des alten Sūtrawerkes erkennbar, aus dem sie hervorgegangen ist: nämlich in manchen schwer verständlichen Versen, von denen auch die indischen Kommentatoren verschiedene Erklärungen geben, und deren Rätselhaftigkeit und Unklarheit darauf zurückzuführen ist, daß sie nur Versifikationen alter Sūtras sind. Sehr wahrscheinlich ist es, daß die Manu-Smṛti einen der frühesten Versuche der Umwandlung eines alten Dharmasūtra in ein metrisches Dharmaśāstra darstellt. Doch läßt sich bisher ihre Entstehungszeit nur innerhalb ziemlich weiter Grenzen — zwischen dem 2. Jahrhundert v. Chr. und dem 2. Jahrhundert n. Chr. — mit einiger Wahrscheinlichkeit feststellen¹).

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