Pramāṇa · Search · About · API

Der Jainismus: Eine indische Erlosungsreligion c10.s2.t2: 2. Die Laienschaft

Der Jainismus: Eine indische Erlösungsreligion c10.s2.t2

Language
German

2. Die Laienschaft

c10.s2.t2.1

Der fromme Laie ist verpflichtet, die oben S. 202 genannten ,,kleinen Gelübde“ auf sich zu nehmen. Dadurch wird seine ganze Lebensführung aufs stärkste beeinflußt. Er darf keine Nahrung zu sich nehmen, durch die er sich der Tötung lebender Wesen schuldig machen würde, er darf kein Fleisch und keinen Honig essen, bestimmte Pflanzen wie Kürbisse, Kartoffeln, Zwiebeln, Knoblauch, Mohrrüben, Rettiche nicht genießen, weil in ihnen mehrere Seelen wohnen, und nur Früchte verzehren, die reif sind. Alkoholische Getränke sind streng verboten, das Wasser, das zum Trinken dient, muß vor der Benutzung durchgeseiht und gekocht werden, damit keine Lebewesen in ihm sind, wenn es getrunken wird. Die Mahlzeiten müssen vor Sonnenuntergang eingenommen werden, weil in der Dunkelheit versehentlich kleine Tiere zusammen mit der Speise verschluckt werden könnten. Auch in der Wahl des Lebensberufes setzt die Religion dem Laien Schranken: verboten sind ihm infolge der mit ihnen verbundenen Verletzung von Lebewesen eine Reihe von Beschäftigungen, wie Kriegshandwerk, Jagd, Fischfang, Ackerbau, die Verfertigung und der Verkauf von Waffen, von Elfenbeinarbeiten, von Dingen, zu denen Knochen und Haare verwendet werden, das Graben von Teichen und Brunnen, das Treiben von Mühlen und Maschinen, der Handel mit Tieren und Sklaven u. a. Die Gebote sind nie ganz beobachtet worden, da wir in der Geschichte ja auch Jaina-Feldherrn begegnen und es noch heute Jaina-Ackerbauer gibt; im allgemeinen aber haben sie dahin gewirkt, daß sich die große Mehrzahl der Jainas dem Handel zuwandten, vornehmlich dem Handel mit Perlen, Tuchen und Getreide, sowie vor allem dem Bankiergewerbe.

c10.s2.t2.2

Aufgabe der Laien ist es, für den Unterhalt der Asketen und der religiösen Institutionen Sorge zu tragen. Dieser Aufgabe sind sie stets voll gerecht geworden. Die Freigebigkeit und Opferwilligkeit vermögender Jainas hat sich oftmals als wahrhaft großartig erwiesen. Sie haben nicht nur beständig zahllosen Dienern der Religion das Führen ihres weltabgewandten Lebens ermöglicht, sondern auch Gemeindehäuser und Tempel erbaut. Daß Eitelkeit und Ruhmsucht bisweilen einen starken Teil an dem Wohltätigkeitssinn großer Kaufherren hatten, ist menschlich begreiflich; daß Jaina-Lehrer gegen Spenden aus irdischen Motiven ankämpften, ergibt sich aus einer Bemerkung in Mànavijayas „Dharmasangraha“, nach der es achtmal verdienstlicher sein soll, einen zerfallenen Tempel ausbessern zu lassen, als einen neuen zu bauen, weil der, welcher eine Reparatur bezahle, weniger die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich lenke, als ein Mann, der ein neues Gebäude errichte 57. Noch heutzutage werden viele Tempel von freigebigen Spendern erbaut; modern-denkende Jainas meinen allerdings, daß sich hier oft ein irregeleiteter Wohltätigkeitssinn betätige. Denn oftmals seien später nicht genügend Mittel vorhanden, um den Tempel und den Kult in ihm zu erhalten, und häufig bestehe ein Bedürfnis nach neuen Andachtsstätten nicht, schreibt doch die Jaina-Gazette, daß in einem Orte wie Arrah die Zahl der Kultbilder die der erwachsenen männlichen Jainas übertreffe 58.

c10.s2.t2.3

Zu jeder Zeit haben „Dânavîras“ („Helden im Geben“), wie die großen Donatoren von den Jainas genannt werden, auch große Summen für gemeinnützige Zwecke der verschiedensten Art hergegeben. Entsprechend dem universellen Geiste des Jainismus beschränkt sich die Wohltätigkeit der Shrâvakas nicht auf Menschen, sondern richtet sich gleicherweise auch auf Tiere. Bei festlichen Gelegenheiten pflegen Jainas den Fleischern zur Schlachtung bestimmte Tiere abzukaufen und in Freiheit zu setzen. Die eigenartigste Institution des Jaina-Tierschutzes sind aber die Tierhospitäler, die sog. Pânjrâpols.

c10.s2.t2.4

Die Pânjrâpols nehmen Tiere der verschiedensten Art auf. Das Tierhospital von Ahmedâbâd enthielt z. B. Anfang 1875: 265 Kühe und Ochsen, 130 Büffel, 5 blinde Kälber, 894 Ziegen, 20 Pferde, 7 Katzen, 2 Affen, 274 Hühner, 290 Enten, 2000 Tauben, 50 Papageien, 25 Sperlinge, 5 Gabelweihe und 33 andere Vögel. Die Tiere wurden entweder von ihren Besitzern im Asyl eingeliefert oder gekauft. Letzteres geschieht häufig durch Privatpersonen, die ein gutes Werk tun wollen, indem sie das Schlachten von Tieren verhüten. Bei Tiermärkten erscheint auch zuweilen ein Beamter der Pânjrâpols, um nach Maßgabe der vorhandenen Mittel Vierfüßler vor dem Tode zu retten. Die Tiere werden zumeist im Heim verpflegt, für die Rinder stehen Weideplätze zur Verfügung. Tiere, die im Pânjrâpol geboren werden, werden gewöhnlich nicht verkauft, sondern zum Besten des Heims verwendet. Die Kadaver von Tieren, die im Asyl sterben, werden zumeist Dheds überlassen oder verkauft; diese Abdecker tragen sie fort und verscharren sie, nachdem sie ihnen die Häute abgezogen haben.

c10.s2.t2.5

Fast alle Pânjrâpols, mit Ausnahme der kleinsten, enthalten auch ein Insektarium (Jivât Khâna). Dieses wird in Ahmedâbâd von einem Beamten ergänzt, der, zumal in der Regenzeit, wenn in Fäulnis übergegangene Stoffe häufig sind, einen Sack durch die Straßen trägt und in diesem Maden und anderes Ungeziefer sammelt. In den für die Insekten bestimmten Raum werden Körner usw. als Nahrungsmittel für die Bewohner hineingelegt. Am Ende jedes Jahres wird ein neuer Raum eröffnet, der alte wird dann für 10—12 Jahre geschlossen. Wenn diese Zeit vorüber, glaubt man, daß alles Leben in ihm abgestorben sei; er wird dann entleert und sein Inhalt als Dünger verkauft⁵⁹.

Linked texts (1)