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Der Jainismus: Eine indische Erlosungsreligion c6: Erster Abschnitt. Einleitung

Der Jainismus: Eine indische Erlösungsreligion c6

Language
German

Erster Abschnitt. Einleitung

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Die Jainas sind, wie ihr Name besagt, Anhänger der Jinas, d. h. „Sieger“, bestimmter großer Asketen, welche durch Überwindung aller Leidenschaftchaften die Allwissenheit erlangten und eine Heilslehre verkündeten, die aus dem Leid der Seelenwanderung heraus zur überirdischen Seligkeit der ewigen Erlösung führen soll. Der Jainismus*) nahm Jahrhunderte vor Gautama Buddha (starb um 480 v. Chr.) in Nordindien seinen Ursprung und breitete sich allmählich bis in den entferntesten Süden der vorderindischen Halbinsel aus. Nach einer Zeit außerordentlicher Blüte, während welcher er das religiöse Denken und kulturelle Leben der Bewohner weiter Landstriche beherrschte, wurde er durch den wiedererstarkenden Hinduismus und den siegreich vordringenden Islâm nach und nach aus vielen seiner Sitze vertrieben und büßte die Vorrangstellung ein, die er namentlich im 5. bis 12. Jahrhundert im Westen und Süden innegehabt hatte; er verfügt aber auch heute noch über eine über ganz Indien verstreute, kleine, aber rührige Zahl von Bekennern, die vermöge ihrer Bildung, ihrer sozialen Stellung und ihres Reichtums einen nicht unbeträchtlichen Einfluß besitzen.

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∗ Einige deutsche Gelehrte schreiben nach Analogie von Buddhismus („Religion des Buddha“) „Jinismus“. Die Jainas, wie die Inder überhaupt, verwenden stets die Form „Jainismus“, wenn sie sich einer europäischen Sprache bedienen, und dieser Übung folgt auch die Mehrzahl der abendländischen Forscher. Da das Wort „Jainismus“ eine fast allgemeine internationale Annahme gefunden hat, wird es im vorliegenden Buche ausschließlich verwendet; seiner Bildung nach gehört es zu den Benennungen religiöser Bewegungen, die nicht unmittelbar von dem Namen ihres Begründers (wie Platonismus, Spinozismus), sondern von der Bezeichnung ihrer Bekenner abgeleitet sind, wie Mohammedanismus, Arianismus, Kantianismus, Manichäismus, das lateinische „Christianismus“ usw.

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Die ersten Europäer, welche mit Jainas in Berührung kamen, scheinen die Griechen gewesen zu sein, die zur Zeit Alexanders des Großen und der Diadochen nach Indien gelangten. Berichte über die Jainas sind uns aus dieser Zeit aber nicht erhalten; die Vermutung mancher Forscher, daß unter den „Gymnosophisten“, den „nackten Weisen“ der griechischen Historiker Jaina-Mönche der nacktgehenden Konfession der Digambaras zu verstehen seien, hat wenig Wahrscheinlichkeit für sich. Schon Christian Lassen bemerkte hierüber: „Was die Zeugnisse der klassischen Schriftsteller betrifft, so können solche Stellen, in welchen die Γυμνοσοφισταί genannt werden, hier gar nicht in Betracht kommen, weil dieser Name die brahmanischen Büßer und Philosophen bezeichnet, die nicht wegen ihrer völligen Nacktheit, sondern nur wegen ihrer dürftigen Kleidung so benannt worden sind. Nach dieser Ausscheidung bleibt nur die Glosse des vor dem Ende des 5. Jahrhunderts lebenden Hesychios: Γέννοι, οἱ Γυμνοσοφισταί“ 1.

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Auch in den Schriften der wenigen europäischen Reisenden, welche während des Mittelalters die Länder des Ostens besuchten, sind keine näheren Nachrichten über die Jainas auf uns gekommen, und selbst die Angehörigen der westlichen Kolonialmächte, die nach Vasco da Gamas Entdeckung des Seeweges nach Ostindien gelangten, haben uns wenig über sie überliefert, obwohl einzelne hervorstechende Charakterzüge derselben, wie ihren ausgedehnten Tierschutz und die bei ihnen bestehende Einrichtung der Tierhospitäler bemerkt haben.

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Eingehend haben sich mit den Jainas zuerst Offiziere und Beamte der englischen East India Company beschäftigt 2; die erste knappe, aber alles umfassende Darstellung ihres Systems, die sich auf indische Originalwerke gründete, gab der auf so vielen Gebieten der Indologie bahnbrechende H. T. Colebrooke (1765—1837). Colebrookes Angaben wurden erweitert und ergänzt durch Horace Hayman Wilson (1784 bis 1860) 3; die Schriften beider hochverdienter Männer waren lange Zeit fast die einzigen zuverlässigen Quellen, aus denen während der ganzen ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts Kenntnis über das Jainatum gewonnen werden konnte. Das Verdienst, die ersten Jainatexte übersetzt zu haben, gebührt Otto Böhtlingk, dem Altmeister deutscher Sanskrit- Lexikographie, der 1847 Hemacandras „Abhidhânacintâmani“ gemeinsam mit Ch. Rieu verdeutschte, und dem Rev. J. Stevenson, der 1848 das „Kalpa-sûtra“ und „Nava-tattva“ ins Englische übertrug. 1858 folgte ihnen der Berliner Sanskritprofessor Albrecht Weber mit Auszügen aus dem „Shatrunjaya-Mâhâtmya“, dem er 1866 solche aus der „Bhagavatî“ folgen ließ. Derselbe Gelehrte beschäftigte sich als erster auch eingehend mit dem Kanon der Shvetâmbaras und wirkte durch viele seiner Abhandlungen und Einzeluntersuchungen bahnbrechend auf den verschiedensten Gebieten der Jaina-Forschung⁴. Von ihm angeregt, haben sich in der Folgezeit namentlich H. Jacobi, E. Leumann, J. Klatt, G. Bühler, R. Hoernle, E. Windisch mit Jainatexten der verschiedensten Art beschäftigt, während L. Rice, E. Hultzsch, F. Kielhorn, P. Peterson, J. Fergusson, J. Burgess sich der Untersuchung der Manuskripte, Inschriften und Kunstdenkmäler der Jainas widmeten.

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Seit ihren Anfängen hat sich die Jaina-Forschung nicht damit begnügt, Material zu sammeln und zu verwerten, sondern hat versucht, die historische Stellung des Jainismus zu bestimmen. Die ersten Hypothesen, die in dieser Hinsicht aufgestellt wurden, waren sehr phantastisch; so wollte man den Namen „Jaina“ mit dem Brudermörder Kain, mit dem römischen Gott Janus oder dem aus der jüdischen Tradition (2. Timoth. 3, 8; 2. Mose 7, 11) bekannten ägyptischen Zauberer Jannes in Verbindung bringen; der an Jainatempeln reiche Ort Pâlitânâ sollte in seinem Namen zu dem Worte „Palästina“ in Beziehung stehen usw. Mehr in den Grenzen der Wahrscheinlichkeit hielten sich diejenigen Gelehrten, welche einen Zusammenhang zwischen Jainismus und Buddhismus zu konstruieren suchten. Die Ansichten gingen in diesem Punkte stark auseinander: während die einen (wie Colebrooke) den Buddhismus aus dem Jainatun hervorgegangen lassen sein wollten, waren die meisten wie Wilson, Lassen, A. Weber davon überzeugt, daß die Jainas buddhistische Schismatiker seien. Die letztgenannte Hypothese, die sich auf belanglose Äußerlichkeiten und zufällige Übereinstimmungen in Eigennamen stützte, wurde 1879 von H. Jacobi endgültig widerlegt. Jacobi hat überzeugend gezeigt, daß

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Jainas und Baudhas zwei völlig voneinander unabhängige Religionsgemeinden sind und daß ihre Propheten Mahâvîra und Gautama Buddha zwei verschiedene Persönlichkeiten waren, die zur gleichen Zeit lebten.

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Trotz der Ausbreitung, welche die Kenntnis der Geschichte und Literatur der Jainas durch die Arbeit einer Reihe von Gelehrten erfahren hatte, blieb das eigentliche Herz des Jainatums, seine Lehre, noch lange dem Abendlande in seinem wahren Wesen verschlossen. Diese eigentümliche Erscheinung findet ihre Erklärung einmal in der Tatsache, daß bei den meisten Forschern das antiquarisch-philologische Interesse das philosophisch-kulturelle bei weitem überwog, und sodann vor allem in dem Umstande, daß die ersten Jainologen ihre Kenntnisse von der Lehre teils aus gegnerischen brahmanischen Schriften, teils aus den kanonischen Jaina-Werken gewinnen wollten — ein Unternehmen, das bei der Ungenauigkeit der ersteren und dem unsystematischen Charakter der letzteren gleicherweise von selbst zur Erfolglosigkeit verdammt war. Es bedeutete daher einen epochemachenden Fortschritt, als H. Jacobi 1906 dazu überging, eine systematische Jaina-Dogmatik aus späterer Zeit, Umâsvâtis Tattvârthâdhigama-Sûtra zu übersetzen. Diese Arbeit ermöglichte zum ersten Male einen klaren und vollständigen Überblick über das Gesamtgebiet der Jainalehre und eröffnete dadurch das Verständnis für viele wichtige Einzelheiten, die bisher dunkel geblieben waren. Jacobis Arbeit ist von seinen Schülern in den verschiedensten Richtungen fortgesetzt worden.

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In der Gegenwart wird die Jaina-Forschung in den meisten abendländischen Staaten, wenn auch in verschiedenem Umfange gepflegt. In Deutschland betätigen sich in ihr Leumanns Schüler W. Hüttemann (†), F. O. Schrader, W. Schubring, Jacobis Schüler W. Kirfel und H. v. Glasenapp, weiterhin J. Hertel und seine Schülerin Charlotte Krause, ferner E. Hultzsch, R. Schmidt und andere Forscher; an der deutschen Universität in Prag wirken M. Winternitz und O. Stein. In Schweden wird die Jainologie durch J. Charpentier, in Holland durch B. Faddegon, in England durch L. D. Barnett, J. F. Fleet, V. A. Smith, Frau M. Stevenson, C. H. Tawney (†), F. W. Thomas, in Frankreich durch A. Guérinot, L. de Milloué, J. Vinson, in Italien durch A. Ballini, F. Belloni-Filippi, P. E. Pavolini, F. L. Pullé, L. Suali, L. Tessitori (†), in der Tschechoslowakei durch V. Lesny und O. Pertold, in Rußland durch N. Mironow, in Nordamerika durch M. Bloomfield vertreten.

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In den letzten Dezennien des vorigen Jahrhunderts haben auch die Jainas in Indien selbst angefangen, ihre heiligen und profanen Texte der Wissenschaft in gedruckten Ausgaben zugänglich zu machen. Mit der Zeit begannen sie auch Bücher und Aufätze in englischer Sprache über ihre Religion zu veröffentlichen, um ihre Glaubensgenossen über das Wesen der Lehre aufzuklären und der letzteren neue Anhänger zu gewinnen. Auch Hindus haben sich in steigendem Maße mit dem Jainatum beschäftigt (R. G. Bhandarkar, Bhagavanlal Indraji, Bhâu Daji, Satis Chandra Vidyabhusana, S. N. Dasgupta u. a.).

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Für die Zukunft ist ein immer enger werdendes Hand-in-Hand-Arbeiten zwischen westlichen und indischen Gelehrten zu erhoffen. Durch das Vertrautwerden mit den Methoden europäischer Textkritik werden die indischen Pandits zu sachlicher und kritischer Arbeit erzogen, die abendländische Forschung aber wird durch das Zusammengehen mit den Indern ihrerseits auch wieder in mannigfacher Hinsicht gefördert werden. Durch den Verkehr mit Jainas, denen die ererbte Tradition noch eine lebendige Kraft, nicht bloßes historisch-interessantes Buchwissen ist, wird sie davor bewahrt werden, daß ihr der Kontakt mit der Wirklichkeit abhanden kommt und ihr Studium in uferlose Spekulation und unfruchtbare Kleinigkeitskrämerei ausartet. Wenn es durch das Zusammenarbeiten von West und Ost gelungen sein wird, das heutige Jainatum in der Fülle seiner Erscheinungen zu begreifen und zuverlässig darzustellen, dann wird es auch möglich sein, vom Bekannten allmählich zum Unbekannten fortschreitend, die einzelnen Phasen des Prozesses zu verfolgen, durch welchen das Gegenwärtige aus dem Früheren hervorging, und das Vergangene bis zu seinen entfernten Ursprüngen hin vor dem geistigen Auge zu neuem Leben erstehen zu lassen.

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