Der Jainismus: Eine indische Erlosungsreligion c7.s2.t1.10
Der Jainismus: Eine indische Erlösungsreligion c7.s2.t1.10
- Language
- German
c7.s2.t1.10
Wenngleich die neue Vorstellung von dem Vorhandensein unvergänglicher individueller Seelen im ganzen Brahmanismus und darüber hinaus zur Anerkennung gelangte, blieb doch die ältere Anschauung vom zusammengesetzten Charakter des Psychischen auch weiterhin von hervorragender Bedeutung für die Geistesgeschichte des alten Indien. Auf sie geht letzten Endes — das ist mir H. Jacobi und Th. Stcherbatsky wahrscheinlich⁵ — die buddhistische Lehre zurück, daß es kein Selbst, keine Seele gäbe, sondern daß das, was als psychisch-physisches Individuum in die Erscheinung tritt, in Wahrheit durch fünf „Gruppen“ (Skandha) gebildet werde. So verschieden diese fünf Skandhas (nämlich: 1. die fünf Sinne und ihre Objekte, 2. Empfindung, 3. Ideen, 4. Anlagen und Triebe, 5. Bewußtsein) auch von den fünf Prāṇas der älteren Upanishaden sein mögen, so ist doch die beiden Lehren zugrundeliegende Vorstellung dieselbe: daß das Individuum nur ein Bündel von fünf derartigen Faktoren sei, daß die Verbindung dieser Elemente sich im Tode auflöse und daß durch die Kraft der Tat eine neue Vereinigung derselben hervorgebracht werde, bis durch Vernichtung des Karma die Erlösung erreicht wird. Von der primitiven Prāṇa-Theorie der alten Zeit bis zu der tiefsinnigen Skandha-Lehre Gautama Buddhas ist freilich ein weiter Weg, und wir müssen eine lange Entwickelung während der etwa fünf Jahrhunderte, die zwischen der Aufstellung beider Theorien liegen, annehmen — eine lange Entwickelung, von der wir, wenigstens soweit unser heutiges Wissen reicht, keine Urkunden besitzen. Trotzdem spricht ein hohes Maß von Wahrscheinlichkeit für die Richtigkeit dieser Hypothese. Denn sie ist die einzige, welche die grandiose buddhistische Anattâ-Lehre mit früheren, primitiveren Vorstellungen zu verknüpfen und die von den Buddhisten behauptete, bisher meist in das Reich der Fabel verwiesene Existenz von Vorläufern Gautamas, von früheren Buddhas, zu rechtfertigen vermag⁶. Eine Stütze findet die Behauptung, daß zwischen der upanishadischen Prāṇa-Lehre und der Skandha-Theorie Gautamas Vorstufen des buddhistischen Anâtmavâda anzunehmen sind, in einer merkwürdigen Stelle der (wohl um 800 v. Chr. anzusetzenden) Kâthaka-Upanishad (IV 14), auf welche Th. Stcherbatsky⁷ aufmerksam macht und welche vielleicht als eine Ablehnung der Lehre vom Psychischen als einer Verbindung einzelner Daseinselemente (prithag-dharma) aufzufassen ist. Es wäre dies die früheste bekannte Stelle, in der von dem Gegensatz der beiden philosophischen Anschauungen die Rede ist, deren Kampf in der Geschichte der indischen Metaphysik über ein Jahrtausend lang eine so hervorragende Rolle gespielt hat.
Cites (1)
- Kaṭhopaniṣad — Sanskrit