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Der Jainismus: Eine indische Erlosungsreligion c7.s2.t1.4

Der Jainismus: Eine indische Erlösungsreligion c7.s2.t1.4

Language
German

c7.s2.t1.4

Der Glaube, daß jedes Dasein nicht für sich stehe, sondern das Glied in einer Kette anderer sei, mußte mit Notwendigkeit den tiefer veranlagten Naturen die Frage nahelegen, ob das Leben wert sei, im unaufhörlichen Wechselspiel von Geburt und Tod erneuert zu werden. Das grüblerische Denken konnte diese Frage nur verneinen, es suchte nach einem Zustande, der erhaben ist über Werden und Vergehen, nach einer Seligkeit, die nicht wie irdische Wonnen nach kurzer Dauer dahinschwindet, um neuem Begehren, neuem Leid Platz zu machen. In der Sehnsucht nach einem ewigen, beständigen, unverlierbaren Glück wandte sich Streben und Sinnen ab vom Diesseits mit seinen vergänglichen Freuden, ab vom Opferdienst mit seinen äußerlichen und deshalb für das Gemüt letzthin unbefriedigenden Riten. Losgelöst von den Fesseln des Weltlebens, forschten stille Denker in der Zurückgezogenheit des Asketentums nach etwas Höherem, Überirdischem. So allgemein war der Drang nach Erkenntnis, daß es bei den oberen Kasten üblich, ja Pflicht wurde, daß der im Alter gereifte Mann sich in die Einsamkeit des Waldes zurückzog, um hier über die höchsten Fragen des Lebens zu meditieren. Nach der brahmanischen Theorie von den 4 Âshramas, den Lebensstadien, soll der Brahmane, nachdem er den Veda gelernt und eine Familie begründet, sich fern von der Welt in das Brahma versenken und schließlich als heimatloser Bettler umherwandern. Wie weit diese theoretische Vorschrift stets in die Wirklichkeit umgesetzt wurde, ist nicht zu sagen; sicher aber hat sie ernste Beachtung gefunden, sicher ist sie von eifrigen Leuten auch strenger beobachtet worden, als es das Gebot besagte: nicht erst, wenn der Haushalter sein Haar ergrauen, seine Haut welk werden und Enkel um sich spielen sah, verließ er das Hausleben, sondern schon früher zog er in die Heimatlosigkeit, um seine ganze Kraft der Erkenntnis zu weihen. Der Zusammenschluß Gleichgesinnter führte zur Bildung von asketischen Gemeinschaften, die durch feste Ordnungen miteinander verbunden waren und ihren Lebensunterhalt durch die Spenden mildtätiger Frommer erhielten.

Cites (1)