Der Jainismus: Eine indische Erlosungsreligion c7.s2.t2: 2. Pârshva
Der Jainismus: Eine indische Erlösungsreligion c7.s2.t2
- Language
- German
2. Pârshva
c7.s2.t2.1
Pârshva wurde der Überlieferung zufolge als Sohn des Königs Ashvasena aus dem berühmten Ikshvâku-Geschlechte und seiner Gattin Vâmâ in Benares geboren. Nach einer glücklichen Jugend, die er am glanzvollen Hofe seines Vaters verlebte, im Alter von dreißig Jahren von dem Gedanken an die Unbeständigkeit alles Irdischen im Innersten ergriffen, entsagte er der Welt und ihren Freuden und wurde Asket. In kurzer Zeit erlangte er die erlösende Erkenntnis und widmete sich fortan der Verbreitung der von ihm gefundenen Wahrheiten. Als er hundert Jahre alt geworden war, bestieg er den Sameta Shikhara in Bihâr (der nach ihm heute Mount Pârasnâth genannt wird), woselbst er, nachdem er einen Monat lang keine Speise zu sich genommen und kein Wasser getrunken hatte, in das Nirvâna einging.
c7.s2.t2.2
Ob und wie weit diese biographischen Daten, welche uns die Jainas in ihren heiligen Büchern inmitten eines bunten Legendenkranzes übermittelt haben, den historischen Tatsachen entsprechen, läßt sich nicht entscheiden, doch besteht m. E. keinerlei Grund dafür, die Richtigkeit der Tradition in Frage zu stellen, welche uns Pârshva als einen Mann aus edlem Geschlecht schildert, der in der Blüte der Jugend alle irdischen Güter von sich warf und das Heil seiner Seele in dem entbehrungsreichen, aber friedevollen Leben eines wandernden Asketen suchte und fand. Die Erscheinung eines Jünglings aus vornehmem Hause, der unbefriedigt von den Genüssen, die ihm Rang und Vermögen zuteil werden ließen, sein Leben ganz dem Erringen und Verkünden philosophischer Erkenntnisse weihte, ist in Indien von der Zeit der Upanishaden bis auf unsere Tage hin keine seltene, mag auch die Machtstellung und der Reichtum, welche der junge Asket aufgegeben hatte, von seinen Anhängern später mit den Mitteln morgenländischer Phantasie übertreibend ausgeschmückt worden sein, um die Größe des Verzichts des Helden recht eindringlich hervortreten zu lassen.
c7.s2.t2.3
Nach den Berichten der Jainas waren die Hauptpunkte der Lehre Pârshvas etwa folgende: Das ganze, unerschaffene und unvergängliche Universum ist in seinen drei Abteilungen, der Oberwelt der Götter, der Mittelwelt der Menschen, Tiere, Pflanzen und der Unterwelt der Dämonen und Höllenwesen angefüllt mit einer unendlichen Zahl von ewigen, unzerstörbaren individuellen Seelen. Diese Seelen (Jîva) sind an sich rein geistig, körperlos, selig; sie besitzen unendliches Wissen, unbeschränkte Kräfte, höchste sittliche Vollkommenheit und stehen alle einander im Range gleich. Die den Jîvas von Natur innewohnenden Eigenschaften kommen bei den meisten von ihnen jedoch nicht zur Entfaltung; die meisten Seelen in der Welt sind vielmehr mit den Körpern von mehr oder weniger langlebigen Wesen, mit den Leibern von Göttern, Menschen, Tieren, Pflanzen oder Höllenwesen bekleidet, sie sind dem Wechsel von Lust und Leid unterworfen, ihre Erkenntnis, ihre Kraft, ihr moralischer Zustand ist unvollkommen und ein unentrinnbares Schicksal hebt sie auf die Höhen des Lebens, gibt ihnen Genuß, Macht, Reichtum oder stürzt sie in die Tiefen von Elend, Knechtschaft und Armut herab. Die gänzliche Veränderung der Eigenschaften der Seelen, oder richtiger: die völlige Verhüllung ihrer natürlichen Qualitäten ist eine Folge ihrer Verbindung mit einem andersgearteten, ihnen fremden Element — mit der Materie. Beständig dringen feine Stoffe, dem Auge unsichtbar, in die Seelen ein, versehen sie mit den verschiedenen Arten von Leibern und Organen, beschränken sie in ihrem Wissen, Wollen und Tun und lassen sie bald süße Wonnen, bald bittere Schmerzen kosten. Die unentrinnbare Vergeltungskausalität des Karma, das unaufhörliche Spiel von Tod und Leben, der Strom des Daseins mit seinem Auf- und Abwogen von Glück und Mißgeschick, ja der ganze Weltprozeß selbst ist nach Pârshva nichts anderes als eine Folge der verhängnisvollen Verbindung der beiden heterogenen Substanzen Geist und Stoff. Seit anfangsloser Zeit zieht jede verkörperte Seele durch ihre Gedanken, Worte und Taten materielle Atome in ihren Bereich, die in ihr zu Karma werden, in ihr festhaften und nicht eher weichen, als bis sie ihre mehr oder minder schädliche Wirkung getan haben und andere, neue an ihre Stelle treten.
c7.s2.t2.4
Die Seelen bleiben solange mit Stoffen infiziert, als sie sich ungehemmt ihren Lüsten überlassen, als sie durch ihr ungezügeltes Tun immer wieder Stoffe attrahieren und sich assimilieren. Der Beschmutzung der Seelen durch die in Karma verwandelten Stoffe kann nur dann ein Ende bereitet werden, wenn es gelingt, das Einströmen neuen Stoffes in die Seele aufzuhalten und die in ihr vorhandene Materie zu vernichten oder auszustoßen. Dies ist nur möglich durch eine vollständige Regulierung alles Denkens und Handelns und eine Umstellung der ganzen Lebensführung. Die Tore der fünf Sinne dürfen nicht mehr achtlos äußeren Eindrücken überlassen bleiben, das Denken muß strenger Norm unterworfen werden, die vier Leidenschaften Zorn, Stolz, Trug und Gier sind zu unterdrücken und der Wille zum Leben, der wie eine giftige Pflanze im Herzen wuchert, ist mit der Wurzel auszuroden. Der Verwirklichung dieses Zieles dient die Befolgung der vier Vorschriften, welche die Grundlage der Ethik Pârshvas bilden. Diese Vorschriften verbieten dem Gläubigen, lebende Wesen zu verletzen, Unwahres zu reden, sich Dinge anzueignen, die ihnen nicht gegeben wurden, und Eigentum zu besitzen, welch letzteres Verbot gleichzeitig dasjenige jeglichen geschlechtlichen Verkehrs in sich schließt. Die vier Vorschriften Pârshvas sind in ihrer vollen Strenge von Leuten, die in der Welt leben, nicht ausführbar; die Voraussetzung für ihre vollkommene Beobachtung ist die Weltentsagung. Die drei Edelsteine des rechten Wissens, des rechten Glaubens, des rechten Wandels erstrahlen nur an dem in vollem Glanze, der alle irdischen Triebe in sich ertötet hat. Unentwegt strenger Kasteiung hingegeben, soll der Fromme über das wahre Wesen der Seele meditieren, bis sich ihm in frommer Beschauung alle Zweifel lösen, bis er die wahre Natur des Geistes in seiner fleckenlosen Reinheit erkennt. Wenn durch das Wasser aus der Wolke des Wissens das Feuer jeder Leidenschaft erloschen ist, dann nimmt die Seele keinen neuen Stoff mehr auf, und sie tilgt das Karma, das sich an ihr noch nicht realisierte. Ist alles Karma, das die Seele belastete, restlos vernichtet, alle Materie, die sie erfüllte und umgab, geschwunden, dann leuchtet die Seele in ihrer unendlichen Herrlichkeit, dann ist sie erlöst. Von allem Stoff unbeschwert steigt sie zum Gipfel der Welt empor, um am Wohnsitz der Seligen in ewiger Allwissenheit und unvergänglicher Wonne zu weilen, wie auf einem Eiland, das den brandenden Wogen des Meeres des Sansâra auf immer entrückt ist.
c7.s2.t2.5
Die Lehren, welche die Tradition Pârshva in seinen Predigten verkünden läßt und die wir hier kurz skizziert haben, sind die Grundlehren des Jainismus überhaupt. Ob die Anschauungen, welche die Berichte einer späteren Zeit Pârshva zuschreiben, wirklich schon die seinigen waren, läßt sich nicht streng erweisen. Doch ist es sehr wahrscheinlich, daß das System der späteren Zeit in seinen fundamentalen Sätzen auf Pârshva zurückgeht. Denn die Theorien, die dem Jaina-Glauben zugrunde liegen, tragen einen Zug primitiver Altertümlichkeit an sich, der deutlich auf eine Entstehungszeit hinweist, welche der Periode komplizierterer Begriffsdichtungen, wie sie im Buddhismus und den klassischen Philosophemen des Brahmanismus vorliegen, vorausging.
c7.s2.t2.6
Nach dem Kalpa-Sûtra gewann Pârshva seiner Lehre eine nach Tausenden zählende Gefolgschaft; 164000 Männer und 327000 Frauen schlossen sich ihm als Laienanhänger an, indem sie seine Prinzipien als wahr anerkannten und, so weit dies für Leute, die in der Welt leben, möglich war, befolgten. 16000 Männer und 38000 Frauen aber suchten seine asketische Moral mit allen ihren Konsequenzen in die Wirklichkeit umzusetzen und bildeten Mönchs- und Nonnenorden. Die Personen, die so alle Fesseln von Liebe und Haß, von Familie, Besitz und Konvention von sich warfen und ihr ganzes Leben der Gewinnung überirdischen Heils widmeten, wurden „Nirgranthas“, d. h. „Entfesselte“ genannt. Ihr Orden war das eigentliche Rückgrat der Gemeinde und Hüter ihres Erbes. Von den acht Hauptschülern des Meisters (Shubhadatta, Âryaghosha, Vasishta, Brahmacârî, Soma, Shridhara, Virabhadra, Yashas) übernahm Shubhadatta nach Pârshvas Tode die Leitung der Kirche; ihm folgten in dieser Stellung der Reihe nach Haridatta, Âryasamudra, Prabha und Keshis.
c7.s2.t2.7
In den 250 Jahren, die zwischen dem Nirvâna Pârshvas und der Amtszeit Keshis gelegen haben sollen, scheinen die von Pârshva erlassenen Vorschriften nicht fest eingehalten worden zu sein, namentlich scheint hinsichtlich des Keuschheitsgelübdes der Asketen eine laxe Auffassung Platz gegriffen zu haben. Es war daher ein großes Glück für die Nirgranthas, daß eine Persönlichkeit von überragender Bedeutung ihren Orden von Grund aus reformierte — Mahâvîra, den die Jainas den letzten Tirthankara unserer Weltperiode nennen.
Linked texts (1)
- Kalpasūtra — Bhadrabāhu, Ardhamāgadhī Prakrit