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Der Jainismus: Eine indische Erlosungsreligion c7.s2.t2.4

Der Jainismus: Eine indische Erlösungsreligion c7.s2.t2.4

Language
German

c7.s2.t2.4

Die Seelen bleiben solange mit Stoffen infiziert, als sie sich ungehemmt ihren Lüsten überlassen, als sie durch ihr ungezügeltes Tun immer wieder Stoffe attrahieren und sich assimilieren. Der Beschmutzung der Seelen durch die in Karma verwandelten Stoffe kann nur dann ein Ende bereitet werden, wenn es gelingt, das Einströmen neuen Stoffes in die Seele aufzuhalten und die in ihr vorhandene Materie zu vernichten oder auszustoßen. Dies ist nur möglich durch eine vollständige Regulierung alles Denkens und Handelns und eine Umstellung der ganzen Lebensführung. Die Tore der fünf Sinne dürfen nicht mehr achtlos äußeren Eindrücken überlassen bleiben, das Denken muß strenger Norm unterworfen werden, die vier Leidenschaften Zorn, Stolz, Trug und Gier sind zu unterdrücken und der Wille zum Leben, der wie eine giftige Pflanze im Herzen wuchert, ist mit der Wurzel auszuroden. Der Verwirklichung dieses Zieles dient die Befolgung der vier Vorschriften, welche die Grundlage der Ethik Pârshvas bilden. Diese Vorschriften verbieten dem Gläubigen, lebende Wesen zu verletzen, Unwahres zu reden, sich Dinge anzueignen, die ihnen nicht gegeben wurden, und Eigentum zu besitzen, welch letzteres Verbot gleichzeitig dasjenige jeglichen geschlechtlichen Verkehrs in sich schließt. Die vier Vorschriften Pârshvas sind in ihrer vollen Strenge von Leuten, die in der Welt leben, nicht ausführbar; die Voraussetzung für ihre vollkommene Beobachtung ist die Weltentsagung. Die drei Edelsteine des rechten Wissens, des rechten Glaubens, des rechten Wandels erstrahlen nur an dem in vollem Glanze, der alle irdischen Triebe in sich ertötet hat. Unentwegt strenger Kasteiung hingegeben, soll der Fromme über das wahre Wesen der Seele meditieren, bis sich ihm in frommer Beschauung alle Zweifel lösen, bis er die wahre Natur des Geistes in seiner fleckenlosen Reinheit erkennt. Wenn durch das Wasser aus der Wolke des Wissens das Feuer jeder Leidenschaft erloschen ist, dann nimmt die Seele keinen neuen Stoff mehr auf, und sie tilgt das Karma, das sich an ihr noch nicht realisierte. Ist alles Karma, das die Seele belastete, restlos vernichtet, alle Materie, die sie erfüllte und umgab, geschwunden, dann leuchtet die Seele in ihrer unendlichen Herrlichkeit, dann ist sie erlöst. Von allem Stoff unbeschwert steigt sie zum Gipfel der Welt empor, um am Wohnsitz der Seligen in ewiger Allwissenheit und unvergänglicher Wonne zu weilen, wie auf einem Eiland, das den brandenden Wogen des Meeres des Sansâra auf immer entrückt ist.