Der Jainismus: Eine indische Erlosungsreligion c7.s3.t4: 4. Das große Schisma
Der Jainismus: Eine indische Erlösungsreligion c7.s3.t4
- Language
- German
4. Das große Schisma
c7.s3.t4.1
Zur Zeit, da der Jaina-Glaube im Maurya-Reiche blühte, vollzogen sich in der Kirche bedeutsame Veränderungen. Während der Regierung Candraguptas entstand im Lande Bihâr eine große Hungersnot. Bhadrabâhu, der damalige Führer der Gemeinde, erkannte, daß es unter diesen Umständen weder der Bevölkerung möglich sei, eine große Zahl von Mönchen zu ernähren, noch den Asketen, alle Vorschriften zu befolgen. Er hielt es daher für geraten, mit einem Teil seiner Anhänger nach dem Karnâta-Lande, dem heutigen Maisûr, auszuwandern, während ein anderer Teil der Mönche unter der Leitung seines Schülers Sthûlabhadra in Magadha zurückblieb. Die Ungunst der Zeit lastete schwer auf den letzteren, so daß sie die heiligen Bräuche nicht mehr streng beobachteten und die heiligen Schriften nicht mehr treu bewahrten. Es erwies sich deshalb als notwendig, den Kanon neu zu sammeln. Zu diesem Zweck wurde in Pâtaliputra ein Konzil abgehalten. Dieser Kirchenversammlung gelang es jedoch nicht mehr, den ganzen Kanon zusammenzubringen; die von ihr herausgegebene Sammlung blieb ein Stückwerk, und als die nach Maisûr ausgewanderten Mönche in die Heimat zurückkehrten, wurden von ihnen die Konzilsbeschlüsse nicht anerkannt. Dazu trat der Überlieferung zufolge gerade in dieser Zeit zwischen den Emigranten und den Daheimgebliebenen ein Gegensatz in der asketischen Lebensführung hervor. Wie wir gesehen hatten, war den Anhängern Pârshvas das Tragen von Gewändern erlaubt gewesen, während Mahâvîra die Kleidung abgelegt hatte. Die Schüler Mahâvîras waren dem Beispiel ihres Meisters gefolgt, doch scheint das Nacktgehen der Asketen nicht allgemein durchgeführt, sondern nur als besonders verdienstlich betrachtet worden zu sein. Die Mönche, welche in Magadha zurückblieben, gaben das Nacktgehen gänzlich auf und gewöhnten sich, weiße Gewänder zu tragen. Die Auswanderer hingegen behielten den von Mahâvîra geübten Brauch nicht nur bei, sondern machten ihn sogar allgemein verbindlich. Als sie wieder nach Magadha kamen und ihre Brüder in weißen Kleidern vorfanden, mußten ihnen diese als Leute erscheinen, die von der heiligen Sitte abgefallen waren, während die Daheimgebliebenen in den nackten Emigranten Eiferer sahen, welche der überlieferten Vorschrift eine übertriebene Auslegung gaben. Es trat daher eine Entfremdung zwischen den beiden Richtungen, der strengeren der „Digambaras“ (in den Luftraum Gekleideten) und der freieren der „Shvetâmbaras“ (der Weißgekleideten) ein, die schließlich, wiewohl erst viel später, zur vollständigen Trennung führte.
c7.s3.t4.2
Ob der Keim des großen Zwiespalts, der noch heute in der Jaina-Gemeinde klafft, tatsächlich auf die mit der zwölfjährigen Hungersnot zusammenhängenden Verhältnisse zurückgeht oder nicht, steht dahin. Möglicherweise hat es seit jeher zwei Richtungen im Jainatum gegeben, eine strengere, die sich genau an Mahâvîras Regel hielt, und eine mildere, welche Pârshvas freiere Vorschriften befolgte. Die Tatsache, daß wir aus alter Zeit Vorschriften für Nonnen besitzen, denen natürlich das Nacktgehen verboten war, beweist jedenfalls, daß das Gebot der Nacktheit nie allgemein Anerkennung gefunden hatte. Die im Laufe der Zeit vor sich gehende Zuspitzung des Gegensatzes zwischen den beiden Parteien wurde zweifellos dadurch begünstigt, daß der Jainismus sich über weite Gebiete Indiens ausdehnte und die einzelnen Gemeinden, voneinander räumlich getrennt, ihre Eigenart immer mehr ausbilden konnten. Im Verlaufe dieser Entwicklung mußte schließlich ein Punkt erreicht werden, wo eine Überbrückung der Gegensätze nicht mehr möglich schien und eine Scheidung der Geister von selbst eintrat. Wie und wo die förmliche Trennung erfolgte, läßt sich nicht sagen. Das, was die beiden Parteien darüber berichten, weicht völlig voneinander ab, weil jede Konfession darzutun sucht, daß sie allein das alte Jainatum repräsentiere und die gegnerische durch einen Abfall vom reinen Glauben entstanden sei. Der Umstand, daß die Shvetâmbaras die Entstehung der Digambara-sekte in das Jahr 83 n. Chr., die Digambaras den Ursprung der Shvetâmbara-Partei in das Jahr 80 n. Chr. verlegen, macht es wahrscheinlich, daß die endgültige Spaltung erst zu Ende des 1. Jahrhunderts unserer Zeitrechnung erfolgte²¹.
c7.s3.t4.3
Seit jener Zeit ist jeder der beiden Zweige der Jaina-Kirche seinen eigenen Weg gegangen. Trotz der Spaltung sind die trennenden Unterschiede zwischen beiden nur verhältnismäßig gering. Der augenfälligste dieser Unterschiede, der die Asketenkleidung betrifft, tritt heute nicht mehr stark in die Erscheinung, weil nackte Digambara-Mönche in der Gegenwart nur an Zahl gering sind und sich nur an abgelegenen Orten aufhalten. Hingegen bestehen in der sozialen Organisation beider Konfessionen noch jetzt bedeutende Abweichungen, die auf die ursprünglichen Differenzen in der Kleiderfrage zurückgehen. Dazu kommen noch Verschiedenheiten in Glaube und Ritus: die Digambaras meinen, daß kein Weib die Erlösung erlangen könne; ihre Kultbilder zeigen die Tīrthankaras nackt und ohne den Schurz und die Schmuckstücke, welche die Shvetāmbaras ihren Idolen umhängen. Bemerkenswert sind die Abweichungen hinsichtlich der heiligen Legende. Die Digambaras glauben nicht wie ihre Gegner, daß Mahāvīra, bevor er von der Königin Trishalā geboren wurde, im Schoße der Devānandā geweilt habe und daß er vor seiner Weltentsagung verheiratet gewesen sei; sie sind auch nicht der Ansicht, daß ein Tīrthankara Speise zu sich nehme, sondern glauben, daß er derselben nicht bedürfe.
c7.s3.t4.4
Von einschneidender Bedeutung ist die verschiedene Stellung, welche beide Konfessionen zu der heiligen Tradition einnehmen. Beide lehren sie, daß Bhadrabāhu der letzte Shrutakevalī gewesen sei, und daß die Lehrer nach ihm keine Kenntnis sämtlicher heiliger Schriften mehr besessen hätten. Während jedoch die Digambaras glauben, daß der Kanon allmählich vollständig abhanden gekommen sei, so daß er heutzutage nicht mehr existiere, nehmen die Shvetāmbaras an, der Hauptteil desselben sei bis auf die Gegenwart überliefert worden. Als die Gefahr drohte, daß die Sammlung der heiligen Texte, soweit sie noch durch die stürmischen Zeiten gerettet worden war, verloren gehen könne, hielten die Shvetāmbaras im Jahre 980 (oder 993) nach Mahāvīras Nirvāna unter dem Vorsitz von Devarddhi Gani in der Stadt Valabhī in Gujarāt ein Konzil ab, welches den Kanon endgültig redigierte und ihm so die Form gab, die er im wesentlichen noch heute besitzen soll.
c7.s3.t4.5
Obwohl die Shvetâmbaras einen Kanon haben und die Digambaras nicht, und obwohl in der Dogmatik und im Kultus zwischen beiden Konfessionen Unterschiede bestehen, ist die Trennungslinie zwischen beiden Parteien, trotz aller Gegnerschaft und allen mitunter hervortretenden Sektenhasses, niemals sehr stark gewesen. Beide Richtungen sind sich der Gemeinsamkeit ihres Ursprungs und ihrer Ziele stets bewußt geblieben und haben den geistigen Zusammenhang zu einander nie verloren. Dies zeigt sich aufs deutlichste darin, daß vielfach die Mitglieder der einen Gruppe philosophische und wissenschaftliche Werke der anderen benutzen und daß Shvetâmbaras Kommentare zu Digambara-Werken geschrieben haben und umgekehrt.