Der Jainismus: Eine indische Erlosungsreligion c7.s5.t4: 4. Reformbewegungen
Der Jainismus: Eine indische Erlösungsreligion c7.s5.t4
- Language
- German
4. Reformbewegungen
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Unter dem Einfluß der bilderfeindlichen Tendenzen des Islâm traten bei den Hindus eine Reihe von Reformatoren auf, welche die Verwendung von Kultidolen und die ihnen geweihte Verehrung aufs heftigste bekämpften. Die Bestrebungen dieser Männer, von denen nur die hervorragendsten wie Kabîr (um 1470), Nânak (um 1500), Dâdû (um 1575) genannt seien, fanden in Nordindien einen begeisterten Widerhall und veranlaßten die Stiftung einer Reihe von Sekten, welche den Kampf gegen den äußeren Werkdienst auf ihre Fahne geschrieben hatten.
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Auch unter den Jainas entstand in derselben Zeit eine Richtung, welche den Bilderdienst ablehnte⁵⁸. Der Begründer derselben war ein einflußreicher Kaufmann in Ahmedâbâd mit Namen Lonkâ Shâ, welcher der Shvetâmbara-Konfession angehörte. Dieser besuchte einst im Jahre 1451/52 einen Tempel, in welchem der Mönch Jnânajî damit beschäftigt war, Handschriften zu ordnen. Beim Anblick der unter dem Einfluß der Zeit zerfallenden Manuskripte erbot er sich, durch Übernahme des frommen Werkes des Abschreibens zu ihrer Erhaltung beizutragen. Jnânajî übergab ihm darauf einige Bücher, und Lonkâ machte sich daran, sie zu kopieren. Bei der Lektüre der heiligen Schriften entdeckte er, daß in ihnen von der in den Tempeln betriebenen Bilderverehrung nicht die Rede war, und fand auch sonst in ihnen manches, das mit dem Jainatum, wie es in seiner Zeit von den berufenen Vertretern gelehrt wurde, nicht übereinstimmte. Er forschte daher weiter und schrieb die Sûtras, die er zum Kopieren erhielt, auch für sich selbst ab. Unter dem Eindruck seiner Entdeckungen faßte er den Entschluß, den seiner Ansicht nach verderbten Jaina-Glauben zu reformieren und in seiner ursprünglichen Reinheit wiederherzustellen. Er konnte zwar nicht Jnânajî bekehren, und viele andere, mit denen er über seine Anschauungen sprach, verhielten sich ebenfalls ablehnend, schließlich setzte er sich aber doch durch, denn es gelang ihm, eine Schar von Pilgern, die von Shatrunjaya kommend durch Ahmedâbâd zogen, für sich zu gewinnen. Die Gründung einer Sekte war aber solange nicht möglich, als kein Mönch da war, der ihr Meister (Âcârya) sein konnte. Um diesem Mangel abzuhelfen, wurde ein Laie namens Bhâna Asket, indem er sich (im Jahre 1467) selbst ordinierte. Er war das erste geistliche Oberhaupt der Gemeinde der Lonkâs (Lûnkâs) oder Lumpâkas, und sein Amt vererbte sich auf seine Schüler weiter.
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In der Lonkâ-Sekte entstanden später Spaltungen und Parteiungen. Bedeutsam von diesen wurde die Reform des Lavajî, Sohnes des Vîra, eines Asket gewordenen Laien aus Surât. Dieser fand, daß das Leben der Lonkâs an Strenge hinter den Vorschriften der heiligen Schriften zurückbliebe, er stiftete daher eine neue Sekte, die mit der Zeit eine solche Verbreitung fand, daß sie später die wesentlichste Hüterin der Lehren Lonkâs wurde. Diese Gemeinde, die im Jahre 1653 entstand, erhielt von der Bevölkerung von Gujarât den Spitznamen Dhûndiyâ (die Sucher), eine Bezeichnung, die ihr zum Ehrennamen wurde. Die Dhûndiyâ selber nennen sich Sthânakavâsîs, weil alle religiösen Handlungen nicht in Tempeln, sondern im Gemeindehause (Sthânaka = Upâshraya) vor sich gehen. Sowohl den Digambaras als auch den bilderverehrenden Shvetâmbaras an Zahl heutzutage ungefähr gleich, sind die Sthânakavâsîs in der Gegenwart gewissermaßen a dritte Konfession der Jainakirche zu betrachten. Sie rechnen sich selber aber zu den Shvetâmbaras, von denen sie in der Lehre, abgesehen von einigen nebensächlichen Punkten, nur darin abweichen, daß sie nur 32 kanonische Schriften anerkennen. (Lonkâ hatte nur 31 heilige Schriften anerkannt; das Vyavahâra-Sûtra, das er warf, wurde jedoch von den Sthânakavâsîs als autoritativ angesehen.) Im Kultus unterscheiden sie sich hingegen sehr wesentlich von ihnen dadurch, daß sie keine Idole verehren, keine Tempel besitzen und Pilgerfahrten keine Bedeutung beilegen. In ihren Reihen entstanden auch wieder verschiedene Zweige, die eine strengere Ordnung des Lebens der Mönche durchführten.
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Die Reformen von Lonkâ und seinen Nachfolgern richteten sich nicht allein gegen Bilderkult und Werkdienst, sondern erstrebten eine allgemeine Besserung von Zucht und Sitte. So sehr Lonkâs Gegner auch seine Neuerungen in Kult und Ritual bekämpften, die Tatsache, daß dem Jainatum eine Reform an Haupt und Gliedern nottat, konnten sie nicht umhin, anzuerkennen. Denn im Laufe dieser Zeit hatte die Disziplin in den Mönchsorden zum Teil bedenklich nachgelassen. Laxe Auffassungen waren an die Stelle der strengen Vorschriften Mahâvîras getreten, so daß diese zum Teil geradezu in ihr Gegenteil verkehrt worden waren. Das Verbot, sich (außer während der Regenzeit) lange an einem Orte aufzuhalten, war beiseite gesetzt worden, und das Gesetz des „Aparigraha“, der völligen Besitzlosigkeit, wurde nicht beachtet. Die Mönche frönten nur zu oft den Lüsten der Welt, eigneten sich den Besitz der Kirche an und vernachlässigten ihre geistlichen Pflichten. Die Oberen mancher Klöster traten nach der Art der Shankarâcâryas und anderer hinduistischer Kirchenfürsten mit Elefanten und Sänften, Trabanten und Dienern auf und benutzten die reichlich fließenden Almosen ihrer Laienanhänger dazu, um ein komfortables Wohlleben zu führen. Gegen diese Mißstände hatten einsichtige Führer wiederholt schon anzukämpfen versucht, ohne freilich einen bleibenden Erfolg zu erzielen. Im 17. Jahrhundert scheint der Materialismus unter den Shvetâmbaras in Gujarât besonders stark um sich gegriffen zu haben, was teilweise wohl durch die allgemeine Unsicherheit und die dadurch entstandene Verwilderung der Sitten zu erklären ist. Einer Reihe von hochbegabten, von echter Frömmigkeit erfüllten Männern gelang es, einen kräftigen Stamm von Anhängern heranzubilden, welche das alte asketische Ideal wieder zu Ehren brachten. Die Führer der auf Verwirklichung der alten, strengen Mönchsregeln gerichteten Bewegung waren Ânandaghana, Satyavijaya, Vinayavijaya und Yashovijaya (1624—1688)⁵⁹. Die beiden zuletzt Genannten entfalteten auch als Schriftsteller eine äußerst fruchtbare Tätigkeit; Vinayavijaya verdanken wir das große Kompendium Lokaprakâsha (Weltfackel), eine Gesamtdarstellung der Jaina-Lehre in ihren verschiedenen Zweigen, während Yashovijaya sich als Verfasser von an hundert Werken in Sanskrit und Gujarâtî einen Namen gemacht hat. Die diesen Meistern folgenden Asketen kleideten sich in safrangelbe Gewänder, wodurch sie sich von den weißgekleideten anderen unterschieden. Auch heute besteht die Gemeinde der „Samvegìs“ noch und erfreut sich wegen ihrer mustergültigen Lebensführung überall des höchsten Ansehens.
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Bei den Digambaras vollzogen sich ebenfalls bedeutende Umwälzungen. Die alte, harte Disziplin des nackten Asketentums hatte bereits in den letzten Jahrhunderten des 1. Jahrtausends n. Chr. manche Lockerung erfahren, wie aus den beweglichen Klagen von Schriftstellern jener Zeit hervorgeht. Die mohammedanische Herrschaft machte den Mönchen das Nacktgehen unmöglich, da die Muselmanen die unbekleideten Yatis verfolgten. Es kam daher vielfach der Brauch auf, daß die Munis sich in der Öffentlichkeit umhüllten. Diese Übung soll in Vasantakìrti (um 1200) ihren Wortführer gefunden haben; die Digambaras, die ihm folgten, wurden später Vishva- (Visa- oder Bisa-) panthìs genannt, die Anhänger des „universalen“ d. h. allgemein-zugänglichen, leichten Pfades. Gegen diese Praxis opponierten die Freunde der älteren, strengeren Anschauungen. Ihren Hauptvertreter fanden diese später in dem Pandit Banârsidâs, der um 1626 in Âgrâ die Sekte der Terâpanthìs gründete⁶⁰.
Cites (2)
- Vavahāra — Bhadrabāhu, Ardhamāgadhī Prakrit
- Lokaprakāśa — Kṣemendra, Sanskrit