Der Jainismus: Eine indische Erlosungsreligion c8.10
Der Jainismus: Eine indische Erlösungsreligion c8.10
- Language
- German
c8.10
In dem Maße, in welchem sich die in lebendiger Entwicklung fortschreitenden Volksdialekte von dem ihnen nahe verwandten, aber durch seine künstliche Stabilisierung von ihnen geschiedenen Sanskrit entfernten, vergrößerte sich der Abstand zwischen den beide Sprachen nebeneinander gebrauchenden Gebildeten und den anderen Teilen der Bevölkerung, welche das Sanskrit zum Teil wohl noch verstehen, aber nicht mehr reden konnten. Es ist daher begreiflich, daß sich die religiösen Reformatoren des 5. vorchristlichen Jahrhunderts, welche in Opposition zu der Priesterweisheit der Gelehrten einen der Gesamtheit des Volkes zugänglichen Erlösungsweg lehrten, für ihre Predigten nicht mehr der Hochsprache des Sanskrit, sondern der Volkssprache bedienten. Der Dialekt, der in Mahâvîras Heimat Magadha gesprochen wurde, hieß Mâgadhî. Diese Sprache unterscheidet sich vom Sanskrit vornehmlich in dreifacher Hinsicht: R wird zu L, S zu Sh, und der Nom. Sing. endet auf „e“ (statt „as“). Die Sprache, die im Jaina-Kanon verwendet wird, weist hingegen nur das zuletzt genannte Charakteristikum, also nur die Hälfte der besonderen Merkmale der Mâgadhî auf und heißt deshalb „Ardha-Mâgadhî“, d. h. „Halb-Mâgadhî“. Alle Jaina-Texte lehren übereinstimmend, daß Mahâvîra in der letzteren Sprache gepredigt habe, die somit eine Abwandlung der eigentlichen „Mâgadhî“ darstellt. Ardha-Mâgadhî soll eine Mischsprache sein, die zum großen Teil aus Mâgadhî besteht, jedoch auch Elemente aus fremden Dialekten in sich aufnahm; Mahâvîra soll sich dieser Mischsprache bedient haben, um allen Leuten, mit denen er zu tun hatte, also auch den Bewohnern der Grenzgebiete seiner engeren Heimat, verständlich zu sein. Ein solches Vorgehen wäre nicht ohne Parallele: predigen doch heute noch im Panjâb religiöse Lehrer in einem Gemisch von Panjâbî und Hindî⁴. Nach der Tradition soll der Shvetâmbara-Kanon genau in der Sprache geschrieben sein, die Mahâvîra gesprochen hat; da seine uns heute vorliegende Form einer viele Jahrhunderte später liegenden Zeit entstammt, ist dies jedoch nicht glaubhaft. Tatsächlich steht die Mundart, in der er geschrieben ist, der Mâhârâshtrî näher als der Mâgadhî, weshalb die europäische Forschung für sie die Bezeichnung „Jaina-Prâkrit“ vorgeschlagen hat. Die Jainas nennen die Sprache des Kanon gewöhnlich „Ârsha“, d. h. die Sprache der „Rishis“ (heiligen Seher) und betrachten sie als die Sprache der Götter und die Grundlage, aus der das Sanskrit und alle anderen Sprachen hervorgegangen sein sollen.