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Der Jainismus: Eine indische Erlosungsreligion c8: Dritter Abschnitt. Schrifttum

Der Jainismus: Eine indische Erlösungsreligion c8

Language
German

Contents

Dritter Abschnitt. Schrifttum

c8.2

Die Jainas haben zu allen Zeiten eine reiche literarische Tätigkeit entfaltet. Die Jaina-Schriftsteller gehören in ihrer Mehrzahl dem geistlichen Stande an, sie sind entweder Mönche, welche die vier Monate der Regenzeit, während welcher das ihnen sonst zur Pflicht gemachte Umherwandern verboten ist, für literarische Arbeiten benutzen, oder solche, die sich seßhaft gemacht haben, wie Hemacandra und andere Größen der Jaina-Literaturgeschichte. Dem Überwiegen des klerikalen Elements unter den Autoren entspricht auch Wesen und Inhalt des Jaina-Schrifttums; es trägt in der Hauptsache einen religiösen Charakter, worin es sich im übrigen auch in Übereinstimmung mit den indischen Literaturen überhaupt befindet. Theologisch-philosophische Abhandlungen, Heiligenlegenden, Erbauungsschriften und Preislieder auf die Tīrthankaras nehmen den Hauptplatz in ihm ein; aber auch in den Werken mit weltlichem Inhalt, wie in wissenschaftlichen Büchern, in Dichtungen und Werken der Erzählungsliteratur, in Dramen sowie in Inschriften tritt der religiöse Grundzug mehr oder weniger stark hervor.

c8.3

Die Jaina-Literatur ist in den verschiedensten indischen Sprachen und Mundarten abgefaßt, in arischen sowohl als in nichtarischen, dravidischen.

c8.4

Die indo-arischen Sprachen liegen uns bekanntlich in drei Entwicklungsstufen vor. Es sind dies:

c8.5

1. das Altindische oder Sanskrit,
2. das Mittelindische oder Prâkrit und Apabhransha,
3. das Neuindische oder Bhâshâ.

c8.6

Die Jainas haben sich der Sprachen aller drei Stufen bedient; die ältesten Jainawerke sind jedoch nicht, wie man erwarten sollte, im Altindischen, im Sanskrit, abgefaßt, sondern in Prâkrit. Wir haben daher zunächst einige Worte über das Verhältnis von Sanskrit und Prâkrit zueinander zu sagen.

c8.7

Das älteste uns erhaltene Sprachdenkmal der arischen Inder sind die Hymnen des Rigveda. Die Sprache, in der sie abgefaßt sind, war jedoch zweifellos nicht die zur Zeit ihrer Entstehung im Panjâb allgemein gebrauchte Umgangssprache, sondern eine Dichtersprache, die in priesterlichen Kreisen gepflegt wurde. Durch ihren literarisch-künstlerischen Schliff wich sie ab von den im täglichen Verkehr gebrauchten Mundarten der arischen Stämme, die, wenn auch nahe miteinander verwandt, doch schon dialektisch differenziert gewesen sein mögen. Das in den älteren Hymnen des Rigveda enthaltene Sanskrit erfuhr in den Liedern des 10. Buches dieses ältesten Werkes der indischen Literatur sowie in einzelnen Teilen der andern Veden und weiterhin in den auch noch zur Offenbarung gerechneten Ritualwerken (Brâhmana) und theosophischen Traktaten (Âranyaka und Upanishad) sowie den theologischen Lehrbüchern (Sûtra) eine weitere Ausbildung. Das Sanskrit dieser letztgenannten Gruppen von Prosawerken wurde von dem berühmten Grammatiker Pânini (4. Jahrh. v. Chr.?) grammatisch fixiert und gewann dadurch die feste Gestalt, die es bis auf den heutigen Tag im wesentlichen behalten hat. Das Sanskrit der nationalen Epen und der klassischen Literatur richtet sich zumeist nach diesem Standard. Dadurch ist es zwar in seiner Reinheit erhalten geblieben, entfernte sich aber immer mehr von der Umgangssprache und wurde zu einer Hochsprache, die nur von Gebildeten gebraucht und verstanden werden konnte.

c8.8

Die gewöhnliche Verkehrssprache muß schon in vedischer Zeit von der in den heiligen Schriften der Brahmanen gebrauchten in mancher Hinsicht abgewichen sein. Wir müssen daher schon für die älteste Zeit ein Nebeneinander von einer künstlichen Hochsprache und einer Umgangssprache, einem „Prâkrit“ annehmen. H. Jacobi¹ sagt darüber:

c8.9

„Von dem Bestehen einer solchen Volksmundart, eines Urprâkrits, das von dem vedischen Sanskrit dialektisch verschieden war, haben wir deutliche Anzeichen. Denn manche Wörter im Veda haben schon eine prâkritische Lautform, die mit den sanskritischen Lautgesetzen nicht vereinbar ist: es sind also Lehnwörter aus einem Urprâkrit, welches zur Abfassungszeit der Hymnen des Rigveda im Panjâb gesprochen wurde. Wenn nun dieses Prâkrit aus dem vedischen Sanskrit selbst sich nach natürlichen Gesetzen der Sprachgeschichte entwickelt hätte, so wäre es, wie Walter Petersen² mit Recht betont hat, undenkbar, daß sich die vedischen Dichter den allmählichen und dem Redenden selbst nicht zum Bewußtsein gelangende Veränderungen der Sprache entzogen und die ältere Sprachstufe festgehalten hätten. Aber die Untersuchung der uns erhaltenen Prâkrit-Sprachen zeigt, daß sie weder auf das vedische, noch auf das klassische Sanskrit zurückgehen. Darüber sagt J. Wackernagel³: ‚Daß es in der Tat indische Mundarten gab, die eine von der vedischen Sprache unabhängige indische Entwicklung des indoirânischen Erbteils darstellen, zeigt das in den mittelindischen Denkmälern bewahrte Sprachgut in zahlreichen und deutlichen Belegen.‘“

c8.10

In dem Maße, in welchem sich die in lebendiger Entwicklung fortschreitenden Volksdialekte von dem ihnen nahe verwandten, aber durch seine künstliche Stabilisierung von ihnen geschiedenen Sanskrit entfernten, vergrößerte sich der Abstand zwischen den beide Sprachen nebeneinander gebrauchenden Gebildeten und den anderen Teilen der Bevölkerung, welche das Sanskrit zum Teil wohl noch verstehen, aber nicht mehr reden konnten. Es ist daher begreiflich, daß sich die religiösen Reformatoren des 5. vorchristlichen Jahrhunderts, welche in Opposition zu der Priesterweisheit der Gelehrten einen der Gesamtheit des Volkes zugänglichen Erlösungsweg lehrten, für ihre Predigten nicht mehr der Hochsprache des Sanskrit, sondern der Volkssprache bedienten. Der Dialekt, der in Mahâvîras Heimat Magadha gesprochen wurde, hieß Mâgadhî. Diese Sprache unterscheidet sich vom Sanskrit vornehmlich in dreifacher Hinsicht: R wird zu L, S zu Sh, und der Nom. Sing. endet auf „e“ (statt „as“). Die Sprache, die im Jaina-Kanon verwendet wird, weist hingegen nur das zuletzt genannte Charakteristikum, also nur die Hälfte der besonderen Merkmale der Mâgadhî auf und heißt deshalb „Ardha-Mâgadhî“, d. h. „Halb-Mâgadhî“. Alle Jaina-Texte lehren übereinstimmend, daß Mahâvîra in der letzteren Sprache gepredigt habe, die somit eine Abwandlung der eigentlichen „Mâgadhî“ darstellt. Ardha-Mâgadhî soll eine Mischsprache sein, die zum großen Teil aus Mâgadhî besteht, jedoch auch Elemente aus fremden Dialekten in sich aufnahm; Mahâvîra soll sich dieser Mischsprache bedient haben, um allen Leuten, mit denen er zu tun hatte, also auch den Bewohnern der Grenzgebiete seiner engeren Heimat, verständlich zu sein. Ein solches Vorgehen wäre nicht ohne Parallele: predigen doch heute noch im Panjâb religiöse Lehrer in einem Gemisch von Panjâbî und Hindî⁴. Nach der Tradition soll der Shvetâmbara-Kanon genau in der Sprache geschrieben sein, die Mahâvîra gesprochen hat; da seine uns heute vorliegende Form einer viele Jahrhunderte später liegenden Zeit entstammt, ist dies jedoch nicht glaubhaft. Tatsächlich steht die Mundart, in der er geschrieben ist, der Mâhârâshtrî näher als der Mâgadhî, weshalb die europäische Forschung für sie die Bezeichnung „Jaina-Prâkrit“ vorgeschlagen hat. Die Jainas nennen die Sprache des Kanon gewöhnlich „Ârsha“, d. h. die Sprache der „Rishis“ (heiligen Seher) und betrachten sie als die Sprache der Götter und die Grundlage, aus der das Sanskrit und alle anderen Sprachen hervorgegangen sein sollen.

c8.11

In großem Umfange haben die Jainas die „Mâhârâshtrî“ verwendet, den mittelindischen Dialekt, der in Mâhârâshtra, dem heutigen Marâthenlande an der indischen Westküste, gesprochen wurde. Die Mâhârâshtrî nimmt unter allen literarischen Prâkrits den ersten Rang ein und wurde auch von brahmanischen Dichtern in lyrischen Strophen gebraucht. Die Jainas haben sich derselben nicht nur in poetischen Werken, sondern auch in der Prosa-Literatur und in Kommentaren zu ihren kanonischen Schriften bedient.

c8.12

Die Digambaras haben in metrischen Werken ein Prâkrit verwendet, das zwar im wesentlichen mit dem der jüngeren Teile des Shvetâmbara-Kanons übereinstimmt, jedoch in einem wichtigen Punkte (dem lautgesetzlichen Wandel von t in d) der Shaurasenî entspricht. R. Pischel⁵ nannte daher dieses Prâkrit „Jaina-Shaurasenî“. Nach H. Jacobi⁶ würde die Heimat dieser Sprache Hindostân und Panjâb gewesen sein, in welchem Gebiet ja auch die Shaurasenî gesprochen wurde.

c8.13

Der Apabhransha wird von einigen indischen Grammatikern als eine Art Prâkrit, von anderen als eine Sprache für sich, als ein gleichberechtigtes Glied neben Sanskrit und Prâkrit gerechnet, tatsächlich nimmt er eine Mittelstellung zwischen dem Prâkrit und den neuindischen Sprachen ein. In ihm sind einige von Jainas herrührende Dichtungen abgefaßt worden, doch ist unsere Kenntnis der Apabhransha-Literatur bisher nur auf wenige Werke beschränkt, die dem 10.—12. Jahrh. n. Chr. entstammen.

c8.14

Wenn die Jainas ihre literarischen Werke in mittelindischen Volkssprachen und nicht in Sanskrit schrieben, so beabsichtigten sie damit, größeren Volkskreisen ihr Schrifttum zugänglich zu machen. Im Laufe der Zeit erstarrten die Prâkrit-Dialekte selbst zu Literatursprachen, die nicht mehr allgemein verstanden wurden; für den wissenschaftlichen Gebrauch aber hatte sich die Vorrangstellung des Sanskrit in ganz Indien so befestigt, daß auch die Jainas dazu übergehen mußten, sich derselben zu bedienen.

c8.15

Die Digambaras haben schon sehr früh in Sanskrit geschrieben, die Shvetâmbaras haben solange das Prâkrit für ihre exegetischen Werke benutzt, bis Haribhadra (um 750 n. Chr.) Kommentare in Sanskrit abzufassen begann; vor Haribhadra sind nur wenige Sanskritschriften bei ihnen nachweisbar. Das Sanskrit der Jaina-Schriftsteller ist sehr verschiedenartig; während sich manche Autoren bemühen, die Sprache korrekt und den klassischen Normen der Grammatik entsprechend zu handhaben, bestreben sich andere, möglichst allgemeinverständlich zu schreiben, und durchsetzen deshalb ihre Werke mit der Volkssprache entlehnten Ausdrücken.

c8.16

Aus den Prâkrit-Dialekten entwickelten sich allmählich die neuindischen Sprachen, welche im modernen Indien im Gebrauch sind. Dieselben wurden seit dem Anfang des zweiten Jahrtausends nach Chr. literaturfähig und verdrängten zuerst das Prâkrit vollständig, machten dem Sanskrit auch in immer höherem Grade seine Vorrangstellung streitig, so daß dieses heutzutage immer mehr von seinem Charakter als einer von den Gebildeten der höheren Stände verstandenen allgemein-indischen Hochsprache verloren hat; sind doch gegenwärtig nur noch wenige Gelehrte imstande, das Sanskrit zu sprechen, und nur eine immer kleiner werdende Zahl von Gebildeten in der Lage, es ohne Schwierigkeit zu lesen.

c8.17

Die modernen indo-arischen Sprachen sind sehr zahlreich und weisen trotz ihrer Verwandtschaft untereinander große Verschiedenheiten voneinander auf. Die wichtigsten derselben, die heutzutage von zusammen an 230 Millionen Menschen gesprochen werden, sind: Panjâbî, Râjasthânî, Hindî, Bihârî, Oriyâ, Bengâlî, Gujarâtî und Marâthî. Von ihnen haben namentlich Râjasthânî, Hindî und Gujarâtî, für die Jaina-Literatur Bedeutung gewonnen. Alle diese Sprachen zerfallen wieder in eine Reihe von Mundarten und Dialekten; sie weisen zudem verschiedene Entwicklungsstufen auf, von denen einige ältere auch heute noch literarische Verwendung finden, obwohl sie nicht mehr im täglichen Umgang gesprochen werden.

c8.18

Von den nicht-arischen Sprachen der Ganges-Halbinsel haben die dravidischen des Südens für und durch den Jainismus Bedeutung erlangt. Wie bereits oben S. 59 erwähnt wurde, haben die Jainas diese Sprachen früh gepflegt, ja teilweise überhaupt erst zu Literatursprachen gemacht. Die ältesten Dichter, die sich des Kanaresischen bedienten, waren Jainas; die Vorherrschaft des Jainatums in der kanaresischen Literatur währte bis zur Mitte des 12. Jahrh. n. Chr., zu welcher Zeit der aufkommende Kult der Lingâyats ihm das Feld streitig zu machen begann, doch haben die Jainas auch noch späterhin den Kanaresen bedeutende Autoren geschenkt. Eine ähnliche Stellung nahmen die Jainas auch in der Geschichte des tamilischen Schrifttums ein; so haben einige der großen klassischen Werke der Tamil-Literatur Jainas zu Verfassern. Die Zurückdrängung des Jainismus durch den Shiva- und Vishnu-Glauben hat auch hier die literarische Tätigkeit der Jainas stark vermindert.

c8.19

Die in den Randländern Indiens gesprochenen irânischen und mongolischen Sprachen haben für den Jainismus nie Bedeutung besessen. Das durch die britische Herrschaft in Indien verbreitete Englische hat in neuerer Zeit ein Jaina-Schrifttum aufzuweisen, das sich allerdings vorläufig in der Hauptsache auf Darstellungen der Lehre nach älteren Quellen, auf Streitschriften und Zeitungsartikel über aktuelle Themen beschränkt.

c8.20

Gleich den Hindus und Buddhisten haben die Jainas in den frühesten Zeiten ihrer Geschichte ihre heiligen Texte mündlich überliefert. Die ältesten geschriebenen Dokumente, die uns erhalten sind, sind wohl die S. 42 erwähnten Inschriften von Mathurâ, welche bis in das 2. Jahrhundert v. Chr. zurückgehen. Handschriften aus jener Zeit besitzen wir nicht, denn die klimatischen Verhältnisse Indiens wirkten stets überaus ungünstig auf die Erhaltung von beschriebenen Palmblättern. So kommt es, daß alle Manuskripte, die wir heute von Jaina-Werken haben, jungen Datums sind, gehören doch Handschriften aus dem 14. Jahrhundert bereits zu Seltenheiten. Die ältesten Manuskripte, die in Indien selbst gefunden wurden, stammen aus dem 11. Jahrh. n. Chr.; viel ältere indische Handschriften wurden in Nepâl, Ostturkestan und Japan entdeckt; sie gehen bis in die ersten Jahrhunderte unserer Zeitrechnung zurück. Diese ältesten indischen Handschriften sind buddhistischen Ursprungs; Jaina-Manuskripte, die mit ihnen an Alter wetteifern könnten, sind bisher nicht gefunden worden.

c8.21

Als Schrift verwendeten die Jainas die Vorläufer, Derivate und Abarten des Devanâgarî-Alphabets sowie die verschiedenen südindischen Alphabete. Seit der mohammedanischen Eroberung bedienen sie sich in Ausnahmefällen für die Wiedergabe von Texten in dem stark mit persisch-arabischen Worten durchsetzten Hindî, dem sog. Urdû, auch des arabischen Alphabets, neuerdings auch der lateinischen Schrift.

c8.22

Als Schreibmaterialien dienten für die Inschriften Steine und Metallplatten, für die Handschriften neben Birkenrinde, Holztafeln und Tüchern namentlich Palmblätter und Papier; das letztere wurde erst durch die Mohammedaner eingeführt. Die älteste auf Papier geschriebene Jaina-Handschrift soll nach G. Bühler eine solche des Âvashyaka-Sûtra sein, welche das Datum 1132 n. Chr. trägt.

c8.23

Die Jaina-Manuskripte zeichnen sich meist durch ihre saubere und korrekte Schrift vorteilhaft vor anderen Handschriften aus; die Verwendung mehrfarbiger Tinten und die Einschaltung von Miniaturen verleiht manchen Werken einen besonderen Reiz. Die Bücher bestehen in der Mehrzahl aus oblongen Blättern, die übereinander gelegt, durch einen festen Deckel oben und unten geschützt und dann mit einer Schnur zusammengebunden werden; in alten Manuskripten befindet sich in der Mitte vielfach ein Loch, durch welches ein Faden gezogen wurde, an welchen dann die einzelnen Blätter gewissermaßen aufgereiht wurden.

c8.24

Die äußere Gestalt der Handschrift ist auch noch heute bei manchem der Jaina-Drucke gewahrt worden, die seit dem vorigen Jahrhundert erschienen sind, doch hat sich jetzt auch vielfach die europäische Form der Bücher eingeführt.

c8.25

Da die Jainas von jeher große Literaturfreunde waren, zudem das Abschreiben von heiligen Schriften als ein religiös-verdienstliches Werk galt, ist die Zahl der auf uns gekommenen Jaina-Manuskripte sehr bedeutend, und seit der Einführung der Druckerpresse hat sich die Zahl der Jaina-Publikationen ins Ungemessene vermehrt. Klöster und Tempel besitzen große Bibliotheken (Sarasvatî-bhândâgâra, „Schatzhaus der Göttin der Rede“, heute auch kurz Bhândâr genannt). Über die Einrichtung der Klosterbüchereien in Anhilvâda Pattana schreibt H. Jacobi⁷:

c8.26

„Die Bhândârs, die ich besuchte, waren alle in bestem Zustand, die Manuskripte sind in Bündel verschnürt, gegen Insektenfraß durch geeignete Mittel geschützt (früher bediente man sich dazu der Wurzel der Ghodavaj-Pflanze) und in starken Holzkisten verpackt, die in einem sicheren, möglichst trockenen Gelasse aufgestellt sind. Namentlich der Sanghaviyapâdâ Bhândâr, der sich durch den Besitz von 384 alten

c8.27

Palmblätter-Manuskripten auszeichnet, schien mir allen vernünftigen Anforderungen zu entsprechen. Auch die Handschriften-Sammlungen, die ich in Upâshrayas anderwärts sah, sind in vorzüglichem Zustand der Aufbewahrung; die Manuskripte sind in Paketen mit langen, festen Baumwolltüchern sorgfältig umwickelt, was allerdings ihre Benutzung etwas umständlich macht.“ —

c8.28

Wenn im folgenden versucht werden soll, auf gedrängtem Raum eine Vorstellung von dem reichen Schrifttum der Jainas zu geben, so muß sich die Darstellung hierbei darauf beschränken, nur das Allgemeinste und Wichtigste anzuführen. Eine Geschichte der Jaina-Literatur zu bieten, ist vorläufig bei unserer lückenhaften Kenntnis der Materie noch nicht möglich. Eine solche Arbeit würde zudem bei dem Mangel an Vorarbeiten und der Fülle der Probleme die Kraft eines einzelnen ebenso überschreiten wie den Rahmen dieses Buches. Betreffs weiterer Details verweise ich auf den Abschnitt „Die heiligen Texte der Jainas“ in der „Geschichte der Indischen Literatur“ von M. Winternitz (Band II, S. 289—356), auf die Angaben in Guérinots „Essai de Bibliographie Jaina“ und auf die nützliche chronologische Zusammenstellung in J. N. Farquhars „Outline of the Religious Literature of India“.

I. Die kanonische Literatur

1. Die Entstehung des Kanons

c8.s1.t1.1

Nach der Anschauung der Jainas sind die Lehren der heiligen Religion bereits zur Zeit des ersten Tirthankara Rishabha in Werken niedergelegt worden; zu den Zeiten, in welchen die Kirchen der einzelnen Tirthankaras blühten, waren stets heilige Schriften vorhanden; in den Intervallen (zwischen den Perioden einiger Tirthankaras), während welcher die Lehre verschwand, gerieten sie zwar in Vergessenheit, wurden dann aber wieder von jedem Propheten neu verkündet.

c8.s1.t1.2

Nach einer heute verbreiteten Tradition der Orthodoxen sollen die heiligen Schriften aus der Zeit aller Tirthankaras im wesentlichen miteinander übereinstimmen (so wie auch die Lebensgeschichten der Tirthankaras in allen Hauptpunkten übereinstimmen), und nur die Namen sollen in ihnen variieren.

c8.s1.t1.3

Gleich den Lehren seiner Vorgänger haben auch diejenigen Mahâvîras in bestimmten Werken ihren literarischen Niederschlag gefunden. Seine Jünger, die Ganadharas, überlieferten sie der Nachwelt in den 12 Angas (Glieder), von denen das letzte die sog. 14 „Pûrvas“ („frühere“ Werke) umfaßte. Nach einer Tradition⁸ sollen die Apostel den Inhalt der Vorträge des Meisters zuerst in den 14 Pûrvas in Textform gebracht und dann zu den Angas verarbeitet haben. Der aus diesen und anderen Werken bestehende Kanon wurde unter den ersten Nachfolgern Mahâvîras von der Leitung der Gemeinde treu bewahrt; mit der Zeit gerieten jedoch die Teile des Kanons in Unordnung.

c8.s1.t1.4

Um den Kanon neu zu sammeln, wurde nach der Überlieferung der Shvetâmbaras um 300 v. Chr. in Pâtaliputra ein Konzil einberufen (vgl. S. 38). Bei diesem stellte sich heraus, daß die letzte der großen heiligen Schriften, das sog. 12. Anga, welches die 14 Pûrva genannten Werke umfaßte, nicht mehr in authentischer Überlieferung vorlag. Da dieses dem abwesenden Bhadrabâhu völlig bekannt war, sandte die Gemeinde zwei Mönche zu ihm, die ihn veranlassen sollten, beim Konzil zu erscheinen. Bhadrabâhu, der sich damals in Nepâl aufhielt, woselbst er ein zwölfjähriges Bußgelübde zur Ausführung brachte, erklärte sich außerstande, nach Pâtaliputra zu kommen, war aber bereit, an Ort und Stelle Schüler in den Pûrvas zu unterrichten. Sthûlabhadra wurde deshalb mit 500 Mönchen damit beauftragt, von ihm die Pûrvas zu erlernen. Während sich seine Begleiter hierfür als ungeeignet erwiesen, hörte Sthûlabhadra bei Bhadrabâhu alle 14 Pûrvas; dies kam der Gemeinde jedoch nur teilweise zugute, weil der Heilige von ihm verlangte, daß er die letzten vier Pûrvas niemandem mitteile. So blieb denn der Kanon trotz aller aufgewandten Mühe fortan unvollständig. In dieser unvollkommenen Gestalt überdauerte er sieben Lehrergenerationen nach Sthûlabhadra, dann kam die Kenntnis der 10 Pûrvas ganz abhanden. Die übrigen heiligen Werke aber blieben erhalten und wurden schließlich auf dem Konzil von Valabhî im Jahre 980 nach Vîra unter der Leitung von Devarddhi neu redigiert und erstmalig schriftlich fixiert (bis dahin sollen alle heiligen „Schriften“ nur mündlich vom Lehrer auf den Schüler übermittelt worden sein). Das Konzil von Mathurâ soll dann (993 nach Vîra?) unter Skandila eine Schlußrevision vorgenommen haben³. Der Kanon der heutigen Shvetâmbaras ist nach ihrer Meinung das Corpus von Werken, das damals festgesetzt wurde.

c8.s1.t1.5

Die Digambaras stimmen mit den Shvetâmbaras darin überein, daß sie Bhadrabâhu als den letzten Lehrer der 14 Pûrvas betrachten. Nach ihnen ist jedoch der echte Kanon in der Folgezeit ebenso in Vergessenheit geraten wie das 12. Anga mit seinen 14 Pûrvas. Elf Generationen nach Bhadrabâhu kannten noch 11 Angas und 10 Pûrvas, fünf weitere dann nur noch 11 Angas und schließlich vier nur noch 1 Anga, das Âcârânga. Einer anderen Tradition zufolge kannten diese vier noch 10, 9, 8 bzw. 7 Angas, und auf sie folgten noch fünf Personen, welche noch ein Anga kannten. Die beiden letzten von diesen, Pushpadanta und Bhûtavalyâcârya sollen den Kanon schriftlich niedergelegt haben, sein Verschwinden dadurch aber nicht haben verhindern können. Nach dieser Überlieferung soll der letzte Kenner aller 11 Angas im Jahre 436, Bhûtavalyâcârya 683 nach Mahâvîras Nirvâna gestorben sein¹⁰. Seitdem kann alles Wissen über die von Mahâvîra verkündete Lehre nicht mehr aus den Angas oder andern kanonischen Schriften geschöpft werden, sondern nur aus den Werken, deren Inhalt indirekt auf dem verlorengegangenen Kanon beruht.

c8.s1.t1.6

Während also die Shvetâmbaras sich rühmen, noch heute den alten, echten Kanon, wenngleich in unvollständiger Gestalt, ihr eigen zu nennen, sind die Digambaras der Ansicht, der alte Kanon sei endgültig verschwunden, und die heiligen Schriften der Shvetâmbaras seien unecht; als Richtschnur ihres Glaubens dient ihnen eine Sammlung von in später Zeit entstandenen Büchern, die im Hinblick auf die Autorität, die sie genießen, als ein „sekundärer Kanon“ angesehen werden.

2. Der Kanon der Shvetâmbaras

c8.s1.t2.1

Der Kanon der Shvetâmbaras besteht, wie er heute vorliegt, aus 45 Werken, die teils in Prosa, teils in Versen abgefaßt sind. Die folgende Übersicht soll einen flüchtigen Einblick in den Bestand und Inhalt des Kanons ermöglichen; ausführlichere Angaben über den Inhalt der einzelnen Werke wird der Wegweiser durch den Jaina-Kanon bringen, den W. Schubring in seinem Beitrag für den „Grundriß der Indo-arischen Philologie und Altertumskunde“ seit langem zu geben versprochen hat. Wertvolle Einzelheiten findet man auch in Albrecht Webers umfangreichen Abhandlungen „Über die heiligen Schriften der Jainas“ in seinen Indischen Studien, Band 16 und 17 (1883/85).

c8.s1.t2.2

Die aufgeführten Titel sind die sanskritischen; die Pràkrit-Titel stehen in Klammern.

c8.s1.t2.3

1. Die 11 Angas.

c8.s1.t2.4

1. Âcârânga (Prâkrit: Âyâranga) handelt von dem Lebenswandel des Asketen.

c8.s1.t2.5

2. Sûtrakritânga (Sûyagadanga) enthält ebenfalls Anweisungen für das Mönchsleben und bekämpft gegnerische Ketzerlehren.

c8.s1.t2.6

3. Sthânânga (Thânanga) gibt eine kategorienweise Aufzählung und Erläuterung von Hauptbegriffen der Jaina-Lehre.

c8.s1.t2.7

4. Samavâyânga (Samavâyanga) hat einen ähnlichen Inhalt wie das vorhergehende Werk und ist eine Fortsetzung desselben.

c8.s1.t2.8

5. Vyâkhyâprajnaptyanga, auch Vivâhaprajnapti (Vivâhapannatti) oder Bhagavatî genannt, behandelt die ganze Lehre in Dialogen und Legenden.

c8.s1.t2.9

6. Jnâtâdharmakathânga oder Jnâtridharmakathâs (Nâyâdhamma-kahâo) illustriert die Lehre durch Erzählungen und Gleichnisse.

c8.s1.t2.10

7. Upâsakâdhyayanânga oder Upâsakadashâs (Uvâsagadasâo) berichtet Legenden von frommen Hausvätern, die Anhänger des Jaina-Glaubens wurden.

c8.s1.t2.11

8. Antakriddashânga oder Antakritadashâs (Antagadadasâo) erzählt von zehn Asketen, die ihrem Karma ein Ende machen.

c8.s1.t2.12

9. Anuttaraupapâtikadashânga oder -dashâs (Anuttarovavâiya-dasâo) gibt Legenden von Heiligen, welche zu den höchsten Himmelswelten emporstiegen.

c8.s1.t2.13

10. Prashnavyâkaranânga oder Prashnavyâkaranâni (Panhâvâgaranâim) behandelt in dogmatischer Form Gebote und Verbote.

c8.s1.t2.14

11. Vipâkasûtrânga oder Vipâkashruta (Vivâgasuyam) enthält Legenden über die Vergeltung guter und böser Taten.

c8.s1.t2.15

2. Das verlorene zwölfte Anga und die 14 Pûrvas.

c8.s1.t2.16

Über das verlorene zwölfte Anga, das Drishtipravâdânga oder den Drishtivâda (Ditthivâa) finden sich in einigen Werken des heutigen Kanons Angaben über Inhalt und Zusammensetzung. Danach bestand es aus fünf Gruppen von Werken, die im folgenden aufgeführt werden.

c8.s1.t2.17

a) Parikarma.

c8.s1.t2.18

Das Parikarma (Parikamma) zerfällt in 7 Gruppen und gibt nach A. Weber ,,die Vorbereitungen über die richtige Erfassung der Sûtra, nach der Analogie der 16 arithmetischen Operationen, die man innehaben muß, um selbständig rechnen zu können"11.

c8.s1.t2.19

b) Sûtra. Die Sûtras, 88 an der Zahl, befassen sich mit den richtigen und den ketzerischen Lehren.

c8.s1.t2.20

c) Anuyoga behandelt die Legenden der großen Männer der heiligen Geschichte.

c8.s1.t2.21

d) Pûrvagata. Dieser Teil, der wichtigste des ganzen Drishtivâda, enthält die 14 Pûrvas, von denen schon mehrfach die Rede gewesen ist. Dieselben sind:

c8.s1.t2.22

1. Utpâda-pûrva (Uppâya-puvva) behandelt die Substanzen in ihrem Entstehen, Bestehen und Vergehen.

c8.s1.t2.23

2. Agrâyanîya-pûrva (Aggeanîya-puvva) handelt von den Grundwahrheiten, Substanzen u. a.

c8.s1.t2.24

3. Vîryapravâda-pûrva (Vîriyappavâya-puvva) beschreibt die Kräfte der Substanzen, der großen Männer, Götter usw.

c8.s1.t2.25

4. Astinâstipravâda-pûrva (Atthinathippavâya-puvva) bespricht die 7 Arten der Aussage und erörtert das Wesen der Substanzen von den sieben logischen Standpunkten aus.

c8.s1.t2.26

5. Jnânapravâda-pûrva (Nânappavâya-puvva) behandelt die Arten der richtigen und falschen Erkenntnis.

c8.s1.t2.27

6. Satyapravâda-pûrva (Saccappavâya-puvva) behandelt wahre und falsche Rede.

c8.s1.t2.28

7. Âtmapravâda-pûrva (Âyappavâya-puvva) behandelt die Eigenschaften der Seele.

c8.s1.t2.29

8. Karmapravâda-pûrva (Kammappavâya-puvva) handelt vom Karma.

c8.s1.t2.30

9. Pratyâkhyânapravâda-pûrva (Paccakkhânappavâya-puvva) handelt von der zur Tilgung des Karma führenden Entsagung.

c8.s1.t2.31

10. Vidyânupravâda-pûrva (Vijjânuppavâya-puvva) schildert die einzelnen Wissenschaften und wie man sie erlangt.

c8.s1.t2.32

11. Kalyânavâda-pûrva oder Avandhya-pûrva (Avamjha-puvva) beschreibt die Hauptpunkte im Leben der 63 großen Männer.
12. Prânavâda-pûrva (Pânâvâya-puvva) handelt von Medizin.
13. Kriyâvishâla-pûrva (Kiriyâvisâla-puvva) handelt von der Musik, der Dichtung und anderen Künsten sowie von Riten.
14. Lokabindusâra-pûrva (Logavindusâra-puvva) handelt von den Welten, von bestimmten Riten und Handlungen, von der Mathematik und der Erlösung.

c8.s1.t2.33

e) Cûlika. Die Cûlikâs (Cûliyâ) sind Nachträge

c8.s1.t2.34

3. Die 12 Upângas. Die Upângas (Nebenglieder; im Prâkrit: Uvanga) sind dogmatisch-mythologische Werke. Es gibt deren 12, da zu jedem Anga ein Upânga gehören soll; doch besteht kein innerer Zusammenhang zwischen den einzelnen Werken der einen und der anderen Gruppe. Die Upângas sind

c8.s1.t2.35

1. Aupapâtika (Ovavâiya) schildert einleitend die Wallfahrt eines Königs zu Mahâvîra und lehrt dann, wie die Existenz in Götterwelten erlangt werden kann.

c8.s1.t2.36

2. Râjaprashnîya (Râyapasenaijja) erzählt, wie König Pradeshi von Keshi, einem Anhänger Pârshvas, bekehrt wurde und später, zum Gott geworden, dem Mahâvîra huldigte.

c8.s1.t2.37

3. Jîvâbhigama beschreibt die Welt und die lebenden Wesen, welche sie bewohnen.

c8.s1.t2.38

4. Prajnâpanâ (Pannavanâ) behandelt die verschiedenen Formen und Eigenschaften von Lebewesen.

c8.s1.t2.39

5. Sûryaprajnapti (Sûriyapannatti) handelt von der Sonne und anderen Himmelskörpern.

c8.s1.t2.40

6. Jambûdvîpaprajnapti (Jambuddîvapannatti) gibt eine Beschreibung des Kontinents Jambûdvîpa und erzählt im Anschluß Legenden über frühere Weltbeherrscher usw.

c8.s1.t2.41

7. Candraprajnapti (Candapannatti) handelt vom Monde und anderen Himmelskörpern (ist teilweise identisch mit Nr. 5).

c8.s1.t2.42

8. Nirayâvalî berichtet von zehn Prinzen, die mit ihrem Halbbruder Kûnika (s. S. 33) gegen ihren Großvater, König Cetaka von Vaishâlî, zu Felde zogen, in der Schlacht fielen und in Höllen versanken.

c8.s1.t2.43

9. Kalpâvatansikâs (Kappâvadamsiâo) berichtet von den Söhnen dieser Prinzen, die zum Asketentum bekehrt wurden und in verschiedene Himmelswelten eingingen.

c8.s1.t2.44

10. Pushpikâs (Pupphiâo) schildert die Vorgeburten von Gottheiten, welche Mahâvîra huldigten.

c8.s1.t2.45

11. Pushpacûlikâs (Pupphacûliâo) enthält ähnliche Geschichten wie Nr. 10.

c8.s1.t2.46

12. Vrishnidashâs (Vanhidasâo) erzählt von der Bekehrung von Prinzen aus dem Vrishni-Geschlecht durch den Tîrthankara Arishtanemi.

c8.s1.t2.47

4. Die 10 Prakîrnas.

c8.s1.t2.48

Die Prakîrnas (Païnna), d. h. „zerstreute Stücke“, sind in der Hauptsache metrisch abgefaßte Abhandlungen über die verschiedensten Gegenstände.

c8.s1.t2.49

1. Catuhsharana (Caüsarana) enthält Gebete, Beichtvorschriften u. a.

c8.s1.t2.50

2. Âtura-pratyâkhyâna (Âürapaccakhâna) befaßt sich mit dem Sterben des Weisen.

c8.s1.t2.51

3. Bhaktaparijnâ (Bhattaparinnâ) gibt Vorschriften über denselben Gegenstand.

c8.s1.t2.52

4. Samstâra (Santhâra) handelt von dem Kushagraslager, auf welches der freiwillig den Tod suchende Weise sich niederlegt usw.

c8.s1.t2.53

5. Tandulavaitâlika (Tandulaveyâliya) handelt über Embryologie, Anatomie usw.

c8.s1.t2.54

6. Candâvija (Candâvijjhaya) handelt von den Eigenschaften von Lehrer und Schüler, vom Wandel, vom Sterben u. a.

c8.s1.t2.55

7. Devendrastava (Devindatthava) gibt eine Aufzählung der Götterkönige.

c8.s1.t2.56

8. Ganividyâ (Ganivijjâ) ist astrologischen Inhalts.

c8.s1.t2.57

9. Mahâpratyâkhyâna (Mahâpaccakkhâna) ist eine Beichtformel.

c8.s1.t2.58

10. Vîrastava (Vîratthava) zählt die Namen Mahâvîras auf.

c8.s1.t2.59

5. Die 6 Chedasûtras.

c8.s1.t2.60

Die Chedasûtras oder Chedagranthas (Cheaggantha) — das Wort Cheda bedeutet eigentlich „Schnitt“ — befassen sich mit der Ordensdisziplin.

c8.s1.t2.61

1. Nishîtha (Nisîha) handelt von den Pflichten des Mönchs und den Bußen im Falle von Verletzung derselben.

c8.s1.t2.62

2. Mahânishîtha (Mahânisiha) handelt von Vergehen, Beichte und Buße.

c8.s1.t2.63

3. Vyavahâra (Vavahâra) enthält Disziplinarvorschriften.

c8.s1.t2.64

4. Âcâradashâs (Âyâradasâo) oder Dashâshrutaskandha gibt u. a. Vorschriften über den Wandel; der 8. Abschnitt dieses Werkes ist das von Bhadrabâhu verfaßte Kalpa-sûtra, welches Lebensbeschreibungen der Tîrthankaras, Listen von Schulen und Regeln für Asketen enthält.

c8.s1.t2.65

5. Brihat-(sâdhu-)kalpa-sûtra erteilt Vorschriften für Mönche und Nonnen.

c8.s1.t2.66

6. Pancakalpa (Pancakappa) hat ähnlichen Inhalt; andere nennen als 6. Chedasûtra den Jitakalpa.

c8.s1.t2.67

6. Zwei Sûtras.

c8.s1.t2.68

1. Nandî handelt von den Arten der Erkenntnis.

c8.s1.t2.69

2. Anuyogadvâra (Anuogadâra) gibt eine Enzyklopädie der verschiedenartigsten Wissenschaften.

c8.s1.t2.70

7. Die 4 Mûlasûtras¹².

c8.s1.t2.71

1. Uttarâdhyayana (Uttarajjhayana) enthält Legenden, Parabeln, Dialoge, Sprüche und Predigten über die verschiedensten Themen.

c8.s1.t2.72

2. Âvashyaka (Âvassaya) handelt von den täglichen Pflichten, im Anschluß daran aber auch von den verschiedensten anderen Dingen.

c8.s1.t2.73

3. Dashavaikâlika (Dasaveyâliya) gibt Regeln für das Asketenleben.

c8.s1.t2.74

4. Pindaniryukti (Pindanijjutti) erteilt Vorschriften für den Almosenempfang der Asketen; andere nennen statt dessen Oghaniryukti.

c8.s1.t2.75

Zu diesen 45 Werken werden mitunter noch 20 Prakîrnas, 12 Niryuktis und einige andere Bücher hinzugerechnet, wodurch die Gesamtzahl der heiligen Schriften auf 84 gebracht wird.

c8.s1.t2.76

Eine Reihe anderer heiliger Werke, die eine Art von Ergänzung zu den kanonischen Schriften, den „Âgamas“ bilden, sind die „Nigamas“ oder Upanishads, deren 36 gezählt werden¹³.

c8.s1.t2.77

Die hier aufgeführten Werke des Shvetâmbara-Kanons werden nicht von allen Shvetâmbaras als gleich autoritativ betrachtet. Die Shvetâmbara-Sekte der Sthânakavâsîs erkennt die 10 Prakîrnas und das 2. und 6. Chedasûtra sowie Pindaniryukti nicht an. Die Zahl ihrer heiligen Bücher beträgt also nur 32 (vgl. S. 71).

c8.s1.t2.78

Die kurzen Bemerkungen über den Inhalt der kanonischen Schriften zeigen schon, wie außerordentlich vielseitig derselbe ist. Genauere Angaben würden diesen Eindruck noch verstärken, denn viele dieser Bücher enthalten in der Form von Abschweifungen oder Einschüben Erörterungen über Dinge der verschiedensten Art, die nicht eigentlich zu den in ihnen behandelten Themen gehören und die man deshalb gar nicht in ihnen vermuten würde. Trotz dieser Vielseitigkeit des Gebotenen sind nicht alle Werke interessant zu lesen. Denn viele von ihnen ergehen sich in sehr eintönigen Aufzählungen und in der trockenen Aneinanderreihung von Vorschriften, die nur ab und zu durch ein paar hübsche Sprüche oder ein treffendes Gleichnis unterbrochen werden. Auch die Legenden, welche der Kanon enthält, werden zumeist in sehr unlebendiger, langatmiger Weise erzählt. Eine charakteristische Eigentümlichkeit vieler heiligen Schriften ist es, daß sich in ihnen zahlreiche Wiederholungen und zur Schablone erstarrte Wendungen finden. Dies geht so weit, daß die Urheber oder Abschreiber der uns vorliegenden Texte es nicht einmal mehr für nötig hielten, das von ihnen zu Sagende seinem ganzen Umfange nach wiederzugeeben; sie begnügten sich vielmehr damit, gewissermaßen nur ein paar Stichwörter anzugeben und es dem Leser zu überlassen, bestimmte feststehende Sätze und Wendungen aus einem anderen Werke in sinngemäßer Weise einzuschalten. Für die Beschreibungen von Orten, Personen usw. gibt es gleichsam Klischees, die sich an einer bestimmten Stelle im Kanon finden und auf die dann einfach jedesmal verwiesen wird, wenn der betreffende Ort oder die betreffende Person vorkommt. Diese Beschreibungen heißen „Varnakas“ und sind in einem breiten poetischen Stil geschrieben, der sich durch die Verwendung von zusammengesetzten Worten riesigen Umfangs, durch die Häufung von erläuternden Attributen usw. deutlich von dem Grundton der Texte abhebt. Vom literarischen Standpunkt aus betrachtet können die Schriften des Kanons keinen Anspruch auf hohe Wertschätzung erheben. Nicht nur die belehrenden, sondern auch die erzählenden Partien leiden oft an einer „inkurablen Trockenheit“, und nur selten steigert sich die Sprache zu einem Pathos, das den heutigen Leser mitzureißen vermag.

c8.s1.t2.79

Die einzelnen kanonischen Werke stammen nach den Angaben der Shvetâmbaras selbst aus ganz verschiedenen Zeiten. Während die Angas, die Upângas und andere Bücher auf die Ganadharas, vornehmlich auf Sudharmâ zurückgehen sollen, der die Worte Mahâvîras in literarische Form brachte, werden manche Werke späteren Autoren zugeschrieben. So soll das 4. Upânga, Prajnâpanâ, von Âryashyâma herrühren, der mit Kâlakâcârya identifiziert wird (1. Jahrh. v. Chr., s. S. 43), das Nandîsûtra soll von Devarddhi (5. Jahrh. n. Chr.), das Anuyogadvârasûtra von Âryarakshita (1. Jahrh. n. Chr.), das Catuhsharana von Vîrabhadra, das Dashavaikâlikasûtra von Shayyambhava verfaßt sein, letzteres zu dem Zwecke, um einem jungen Asketen, dessen Tod in sechs Monaten zu erwarten stand, den Kern der Lehre in kürzester Zeit zu übermitteln. Auf Bhadrabâhus (300 n. Chr.) Urheberschaft am 4. Chedasûtra wurde bereits hingewiesen, an anderen Texten dieser Gruppe soll er ebenfalls beteiligt gewesen sein¹, und Haribhadra (8. Jahrh. n. Chr.) soll das Mahânishîtha umredigiert haben. Der heutige Kanon stammt also aus verschiedenen Zeiten und von verschiedenen Personen; er ist nicht der Niederschlag des Denkens einer bestimmten Periode, sondern die Arbeit vieler Generationen.

c8.s1.t2.80

Als die ältesten Teile des Kanons gelten die Angas; diese sind jedoch nicht vollständig erhalten, da das 12. Anga, das die 14 Pûrvas enthält, frühzeitig verloren gegangen sein soll. Daß das 12. Anga tatsächlich existiert hat, zu bezweifeln liegt kein Grund vor, da nicht nur alle Angaben sich hierüber einig sind, sondern auch Zitate aus ihm vorkommen und manche Werke als auf ihm beruhend angesehen werden ¹⁵. Warum der Drishtivâda abhanden gekommen ist, wissen wir nicht. Wahrscheinlich enthielt er Dinge, die teils für spätere Geschlechter nicht mehr von Interesse waren, wie Kontroversen mit nicht mehr existierenden gegnerischen Sekten usw., teils in anderen Werken inzwischen besser und klarer auseinandergesetzt worden waren, so daß er nicht mehr studiert wurde und allmählich ganz in Vergessenheit geriet.

c8.s1.t2.81

Die uns vorliegenden 11 Angas, ferner 11 von den 12 Upângas und einige andere Werke sollen, wie schon bemerkt, nach der Tradition von Mahâvîras Schüler Sudharmâ verfaßt worden sein. Sie sollen mündlich weiter überliefert und nach der Schlußredaktion durch Devarddhi, 980 Jahre nach Mahâvîra, schriftlich fixiert und in vielen Handschriften verbreitet worden sein. Angenommen, die Angabe über die späte Fixierung des Kanons ist richtig, so würde es in der Tat höchst fraglich erscheinen, ob uns in den kanonischen Texten wirklich authentische Nachrichten über Mahâvîra und seine Lehre vorliegen. „Man denke sich mal den Fall,“ — sagt Albrecht Weber ¹⁶ — „was würden wir wohl von Christus wissen, wenn das Neue Testament bis zum Jahre 980 A. D. (resp. ca. 950, da wir nach Christi Geburt, die Jainas dagegen nach Vîras Tode rechnen) noch nicht schriftlich existiert hätte und wir dafür auf eine unter Papst Sylvester II. stattgehabte Kodifikation der Traditionen über ihn beschränkt wären, denen keine frühere schriftliche, sondern nur mündliche Überlieferung zugrunde läge!“ Die Angabe über die späte Kodifizierung des Kanons braucht uns jedoch nicht von vornherein mit Mißtrauen gegen die Echtheit seiner Überlieferung zu erfüllen. Denn diese Nachricht braucht nicht zu besagen, daß die heiligen Schriften bis zur Zeit des Konzils von Valabhî niemals niedergeschrieben worden seien, sondern nur, daß ihr Text erst damals endgültig festgelegt und in größerem Umfange durch Abschriften verbreitet worden sei. Diese Auffassung hat viel Wahrscheinlichkeit für sich, weil die Schreibkunst, wie sich aus dem Vorhandensein von Jaina-Inschriften aus dem 2. Jahrhundert vor Chr.

c8.s1.t2.82

ergibt, bei den Jainas schon seit langem in Gebrauch war. Sodann aber darf nicht außer acht gelassen werden, daß in Indien viele Werke jahrhundertelang von Lehrer zu Schüler aufs genaueste überliefert worden sind mit den Mitteln einer hochentwickelten Mnemotechnik, wie sie nur in einer Zeit ohne Zeitungen und Fernsprecher möglich war.

c8.s1.t2.83

Es steht außer Frage, daß auch die ältesten Texte des Kanons spätere Überarbeitung erfahren und mannigfache Interpolationen aufzuweisen haben. Trotzdem darf für sie ein ziemlich hohes Alter in Anspruch genommen werden. H. Jacobi hat überzeugend dargetan¹⁷, daß die Sprache dieser Werke, die Metren, die in ihnen verwendet werden, und gewichtige historische Gründe dafür sprechen, daß die ältesten Schriften des Kanons bis etwa in die Zeit von 300 vor Christus zurückreichen, was für die Geschichtlichkeit des Konzils von Pâtaliputra sprechen würde. Es braucht jedoch nicht angenommen zu werden, daß während der 200 Jahre, die zwischen dem Tode Mahâvîras und der Entstehungszeit der ältesten Partien des Kanons liegen, nur vage Traditionen vorhanden gewesen seien; es ist vielmehr wahrscheinlich, daß die Überlieferungen über das Leben und die Lehren des Propheten schon viel früher im Kreise seiner Schüler eine feste Form gewonnen hatten und daß sie so den Grundstock für die spätere literarische Tätigkeit der Gemeinde bildeten.

c8.s1.t2.84

Wenn somit auch manche Teile des Kanons bis in eine frühe Zeit zurückreichen mögen, so ist doch sicher, daß an den Angas und den anderen angeblich auf Sudharmâ zurückgehenden Schriften der Shvetâmbaras in der Gestalt, wie wir sie heute besitzen, beträchtliche Veränderungen vorgenommen worden sind. Es ist anzunehmen, daß spätere Geschlechter sie überarbeitet haben, um sie in Übereinstimmung mit ihren neuen Anschauungen zu bringen. Daß diese Veränderungen recht beträchtlich gewesen sein müssen, geht daraus hervor, daß die Digambaras sonst wohl kaum die Behauptung hätten aufstellen können, daß der ganze Shvetâmbara-Kanon apokryph sei.

3. Der Kanon der Digambaras

c8.s1.t3.1

a. Der verlorene alte Kanon

c8.s1.t3.2

Wie bereits mehrfach erwähnt, besitzen die Digambaras keinen alten Kanon; sie sind des Glaubens, der alte Kanon sei verloren gegangen und der Kanon der Shvetâmbaras sei unecht. In Digambara-Werken finden sich hingegen mehrfach Angaben über Zusammensetzung und Inhalt der verschwundenen heiligen Schriften¹⁸. Die Titel der Bücher, welche in diesen Aufzählungen genannt werden, stimmen zum Teil mit denen von Werken des heutigen Shvetâmbara-Kanons überein, auch deckt sich das, was über den Inhalt derselben mitgeteilt wird, teilweise mit dem tatsächlichen Inhalt der Shvetâmbara-Werke, in vielen Fällen aber finden sich starke Abweichungen. Ich lasse hier eine kurze Übersicht folgen.

c8.s1.t3.3

Die Werke des Kanons zerfallen in zwei Gruppen, nämlich „Angas“ und „Angabâhyas“ (außerhalb der Angas stehende).

c8.s1.t3.4

I. Angas.

c8.s1.t3.5

Die Angas führen dieselben Namen wie die der Shvetâmbaras. Bedeutende Verschiedenheit besteht hinsichtlich dessen, was den Inhalt des 12 Anga, des Drishtivâda ausgemacht haben soll, insofern als die Angaben über die Parikarmas und Cûlikâs (s. S. 93) differieren.

c8.s1.t3.6

Die 5 Parikarmas:
1. Candra-prajnapti handelt vom Monde,
2. Sûrya-prajnapti handelt von der Sonne,
3. Jambûdvîpa-prajnapti handelt vom Kontinent Jambûdvîpa,
4. Dvîpa-sâgara-prajnapti handelt von den Kontinenten und Meeren.
5. Vyâkhyâ-prajnapti handelt von den Grundwahrheiten Seele, Nichtseele usw.

c8.s1.t3.7

Die 5 Cûlikâs:
1. Jalagata-cûlikâ lehrt, wie man mit Hilfe von Zaubersprüchen usw. Wasser aufhalten, durch Wasser gehen, Feuer verschlingen u. a. tun kann.
2. Sthalagata-cûlikâ lehrt, wie man mit magischen Mitteln sich in ferne Länder begeben kann.

c8.s1.t3.8

3. Mâyâgata-cûlikâ lehrt, wie man allerlei Wunder vollbringen kann.
4. Rûpagata-cûlikâ lehrt, wie man die Gestalt eines Löwen, Elefanten und anderer Tiere annehmen und wie man Pflanzen und Metalle in andere verwandeln kann.
5. Âkâshagata-cûlikâ lehrt, wie man den Luftraum durchfliegen kann.

c8.s1.t3.9

Wie man sieht, werden hier einige Werke astronomisch-geographischer Natur als zu den Parikarmas gehörend angeführt, welche von den Shvetâmbaras zu den Upângas gerechnet werden. Upângas werden von den Digambaras in der Liste der kanonischen Schriften nicht genannt.

c8.s1.t3.10

II. Die Angabâhyas

c8.s1.t3.11

zerfallen in die folgenden 14 Prakirnakas:

c8.s1.t3.12

1. Sâmâyika handelt von den Arten der Andacht,
2. Caturvinshatistava handelt von dem Leben der Tîrthankaras, ihren Kräften, Attributen usw.,
3. Vandanâ handelt vom Tempelkult,
4. Pratikramana handelt von der Beichte,
5. Vinaya handelt von der Zucht.
6. Kritikarma handelt von der den Jinas usw. zu erweisenden Verehrung.
7. Dashavaikâlika gibt Regeln für das Asketenleben,
8. Uttarâdhyayana handelt von den Mühsalen und Störungen des Asketenlebens u. a.,
9. Kalpavyavahâra enthält Disziplinarvorschriften,
10. Kalpâkalpa (vidhânaka) handelt von dem, was ein Mönch gebrauchen darf usw.,
11. Mahâkalpa (sajnaka) handelt von den Regeln und Praktiken der Jinakalpîs und Sthavirakalpîs (d. i. der unabhängigen Mönche und der Mitglieder vom Orden),
12. Pundarîka handelt von den Taten, welche zur Wiedergeburt im Götterhimmel berechtigen,
13. Mahâpundarîka handelt von Taten, welche eine Wiedergeburt als Indra usw. hervorrufen, 14. Nishiddhikâ handelt von den Mitteln zur Reinigung der Seele von Fehlern usw. (andere nennen an dieser Stelle: Ashîtikasama).

c8.s1.t3.13

Von den hier genannten Titeln stimmen einige (7, 8, 9) mit solchen von kanonischen Werken der Shvetâmbaras überein, andere berühren sich mit ihnen (1–4 mit Abschnitten des 2. Mûlasûtra).

c8.s1.t3.14

b. Der moderne sekundäre Kanon

c8.s1.t3.15

Die Stelle des verloren gegangenen alten Kanons vertreten heute bei den Digambaras eine Reihe von Werken, die als autoritative Darstellungen der Lehre gelten. Diese Werke werden in vier Gruppen geschieden, je nachdem sie sich mit Geschichte, Kosmographie, Philosophie und Ethik beschäftigen. Diese vier Gruppen nennen die Digambaras ihre „vier Veden“. Die Zahl der Werke, die zu jeder einzelnen Gruppe gehören, scheint nicht genau festzustehen, wiewohl einige Titel stets in allen Aufzählungen figurieren; da diese alle vor 900 n. Chr. entstanden sind, wäre anzunehmen, daß der sekundäre Kanon zuerst um diese Zeit aufgestellt worden ist. Ich gebe im folgenden eine Übersicht¹⁹.

c8.s1.t3.16

I. Prathamânuyoga (Welthistorie): Ravishenas „Padmapurâna“ (650 n. Chr.?); Jinasenas „Harivanshapurâna“ (783); Jinasenas „Âdipurâna“; Gunabhadras „Uttarapurâna“ (beendet 879).

c8.s1.t3.17

II. Karanânuyoga (Kosmographie): Sûryaprajnapti, Candraprajnapti, Jayadhavalâ.

c8.s1.t3.18

III. Dravyânuyoga (Philosophie): Kundakundas 1. „Pravacanasâra“, 2. „Samayasâra“, 3. „Niyamasâra“, 4. „Pancâstikâya“.

c8.s1.t3.19

Umâsvâmis „Tattvârthâdhigamasûtra“ und seine Kommentare von Samantabhadra (600), Pûjyapâda (700), Akalanka (750), Vidyânanda (800) u. a.

c8.s1.t3.20

Samantabhadras „Âptamîmânsâ“ (600) mit den Kommentaren von Akalanka, Vidyânanda, u. a.

c8.s1.t3.21

IV. Caranânuyoga (Ethik und Ritual): Vattakeras „Mûlâcâra“ und „Trivarnâcâra“.

c8.s1.t3.22

Samantabhadras „Ratnakarandashrâvakâcâra“ (600).

II. Die nichtkanonische Literatur

1. Theologische und wissenschaftliche Werke

c8.s2.t1.1

Zahlreiche Schriftsteller haben es unternommen, die Lehren Mahâvîras darzulegen, zu erläutern und fortzubilden, Asketen und Laien Vorschriften für ihren Wandel zu geben und den Kultus zu regeln. Einer der ältesten von ihnen, der bei Shvetâmbaras und Digambaras noch heutzutage im höchsten Ansehen steht, war Bhadrabâhu, der letzte der Shrutakevalis. Er lebte um 300 v. Chr., und die Tradition verknüpft seinen Namen mit der Auswanderung eines Teils der Mönche nach Maisûr (s. S. 38). Die Überlieferungen über ihn weichen jedoch stark voneinander ab. Während die Shvetâmbaras ihn später nach Nepâl gehen lassen, lassen ihn die Digambaras in Shravana-Belgola sterben, betreut von seinem Schüler, dem ehemaligen Kaiser Candragupta. Ein starker Anachronismus macht ihn zu einem Bruder des Astronomen Varâhamihira, der 587 n. Chr. starb.

c8.s2.t1.2

Bhadrabâhu schrieb „Niryuktis“, d. h. Kommentare zu mehreren heiligen Schriften; sein Kalpasûtra wird von den Shvetâmbaras als so maßgebend angesehen, daß sie es zum Kanon rechnen. Unter seinem Namen geht auch eine Sanhitâ, ein Buch, das sich u. a. mit Rechtsfällen beschäftigt; er soll sich auch als Astronom betätigt haben.

c8.s2.t1.3

Der erste Dogmatiker der Jainas, der das gesamte System in kurze Lehrsätze nach der Art der brahmanischen Philosophen zusammendrängte, war, soviel wir wissen, Umâsvâti. Er schrieb das berühmte Tattvârthâdhigama-Sûtra, den „Leitfaden zum Erfassen des Sinns der Grundwahrheiten“. Dieses Werk gilt beiden Konfessionen als eine autoritative Darstellung ihres Glaubens. Shvetâmbaras wie Digambaras nehmen den berühmten Mann als den ihrigen für sich in Anspruch. Wie Jacobi gezeigt hat, war er aber wahrscheinlich ein Shvetâmbara, da nur die Mitglieder der weißgekleideten Kirche den von ihm selbst zu seinem Werke geschriebenen Kommentar anerkennen, während die Digambaras anderen Erläuterungsschriften den Vorzug geben. Der Umstand, daß die beiden Religionsparteien Umâsvâti gleicherweise als Meister verehren, zeigt, daß zu seiner Zeit der Gegensatz zwischen den beiden Richtungen noch nicht so scharf hervortrat, wie dies später der Fall war. Die Zeit Umâsvâtis steht nicht genau fest. Die Jainas selbst lassen ihn um die Zeit des Beginns unserer Zeitrechnung leben, wahrscheinlich ist er aber erst in das 4. oder 5. Jahrh. n. Chr. zu setzen²⁰.

c8.s2.t1.4

Ein bedeutender Shvetâmbara-Theologe nach Umâsvâti war Siddhasena Divâkara. Von diesem Kirchenlehrer, der ein Zeitgenosse des großen Vikramâditya (vgl. S. 43) gewesen sein soll, der aber wahrscheinlich nach 650 n. Chr. geblüht hat, wissen die Jainas viel Wunderbares zu erzählen. Nach ihren Berichten war Divâkara ursprünglich ein gelehrter Brahmane, der von dem Jaina Vriddhavâdî in einem Redekampf besiegt worden war und sich zum Jainaglauben bekehrt hatte, bei welcher Gelegenheit er den Namen Siddhasena annahm. Einst entwickelte er seinem Lehrer den Plan, alle Jainawerke aus dem Prâkrit in das Sanskrit zu übersetzen; zur Strafe für diese Sünde legte ihm der Meister die Buße auf, alle vorhandenen Jainatempel zu besuchen. Als er diesen Auftrag zwölf Jahre lang getreulich ausgeführt hatte, kam er einst zu dem Linga-Tempel in Ujjain; anstatt das Linga zu verehren, legte er sich jedoch im Tempel nieder, wobei er seine Füße gegen das heilige Symbol Shivas lehnte. Als die Shivaverehrer dies sahen, riefen sie den König Vikramâditya herbei, der den Weisen zur Strafe für sein ungebührliches Verhalten schlagen ließ. Allein kaum war der erste Schlag gefallen, so ertönten Schreie aus dem Harem des Königs, und es stellte sich heraus, daß der Heilige es durch seine Wunderkraft bewirkt hatte, daß nicht er, sondern die Lieblingsgattin des Königs die Schläge empfing. Siddhasena wurde daraufhin freigelassen; als er seine Hand gegen das Linga erhob, brach dieses entzwei, und ein Licht erstrahlte aus ihm, in welchem die majestätische Gestalt Pârshvas sichtbar wurde²¹.

c8.s2.t1.5

Siddhasena war der erste Jaina-Schriftsteller, der ein selbständiges Werk über die reine Logik schrieb, den Nyâyâvatâra, der in 32 Strophen das ganze Gebiet erschöpfend behandelt. Für die Datierung des Werkes ist von Wichtigkeit, daß es, nach H. Jacobi²², eine Kenntnis von dem „Nyâyabindu“ des großen buddhistischen Philosophen Dharmakîrti (7. Jh.) verrät.

c8.s2.t1.6

Die Kodifizierung der heiligen Texte der Shvetâmbaras, die im Jahre 980 nach Vîra (also im 5. Jh. n. Chr.) in Valabhî vorgenommen worden sein soll, ließ in der Folgezeit eine reiche Kommentatorentätigkeit entstehen. Devarddhi, der Präsident des Konzils, scheint an dieser beteiligt gewesen zu sein; von anderen Kommentatoren sind zu nennen: Siddhasena Gani im 7., Haribhadra im 8., Shîlânka im 9., Shântisûri, Devendra und Abhayadeva im 11., Malayagiri im 12. Jahrhundert. Manche dieser Autoren beschränkten sich nicht darauf, die heiligen Schriften zu erklären, sondern verfaßten auch bedeutende selbständige Arbeiten. Der größte von ihnen war unstreitig Haribhadra.

c8.s2.t1.7

Haribhadra war ein Brahmane, der alle Wissenschaften studiert hatte. Er gelobte, Schüler desjenigen Meisters zu werden, der etwas wisse, von dem er noch nichts verstände. Einst hörte er eine Jaina-Nonne einen Spruch rezitieren, dessen Inhalt ihm nicht klar war. Von ihm befragt, wies sie ihn an einen Jaina-Lehrer, und dieser bekehrte ihn zur Lehre Mahâvîras. Haribhadra studierte darauf alle heiligen Schriften und wurde schließlich selbst ein Sûri (Meister). Zwei Neffen von ihm, Hansa und Paramahansa, wurden seine Schüler. Um die Buddhisten mit ihren eigenen Waffen schlagen zu können, gingen sie, als buddhistische Mönche verkleidet, in ein buddhistisches Kloster, damit sie dort die Lehren der Irrgläubigen studierten. Die Buddhisten beargwöhnten jedoch die Zugehörigkeit der beiden jungen Leute zu ihrem Orden; sie malten deshalb Bilder von Tîrthankaras auf die Stufen am Toreingang, so daß niemand hineingehen konnte, ohne auf diese Bilder zu treten. Die beiden verkleideten Jainas nahmen mit Kreide eine kleine Veränderung an den Bildern vor (wodurch diese aus Jaina-Idolen zu ketzerischen wurden) und traten jetzt ohne Furcht auf die Zeichnungen. Von den Buddhisten entdeckt, mußten Hansa und Paramahansa fliehen und wurden von dem sie verfolgenden Heere des buddhistischen Königs getötet. Außer sich über den Verlust seiner Schüler, beschloß Haribhadra sämtliche 1444 Mönche des buddhistischen Klosters zu töten, indem er sie mit Hilfe seiner Zauberkräfte in einem Kessel mit glühendem Öl siedete. Rechtzeitig von diesem Plan durch seinen Guru (oder seine Mutter) zurückgehalten, bereute er die große Sünde, die er hatte begehen wollen, und schrieb, um sie zu sühnen, 1444 dem Ruhm der Jaina-Lehre geweihte Bücher. Neben einigen Darstellungen der Jaina-Dogmatik und Ethik verfaßte Haribhadra auch Schriften, die sich mit den verschiedensten philosophischen Lehren seiner Zeit beschäftigen und diese in objektiver Weise darstellen.

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