Der Jainismus: Eine indische Erlosungsreligion c8.s2.t2.7
Der Jainismus: Eine indische Erlösungsreligion c8.s2.t2.7
- Language
- German
c8.s2.t2.7
Eine äußerst fruchtbare Tätigkeit entfalteten die Jainas von jeher auf dem Gebiete des Märchenromans, der Novelle, der Fabel. Mit den Hindus und Buddhisten wetteiferten sie im Erfinden neuer Stoffe und im Ausgestalten vorhandener. Ihr Schrifttum auf dem Gebiete der Erzählungsliteratur ist so umfangreich, daß es sich vorläufig noch nicht übersehen läßt. Die Jainas besitzen von fast allen bedeutenderen Fabel- und Märchenbüchern Indiens eigene Rezensionen, die sich von den anderen Fassungen gewöhnlich dadurch unterscheiden, daß in ihnen ihre eigenen religiösen Anschauungen zu Worte kommen. So gibt es zahlreiche Jaina-Rezensionen des Pancatantra, der „25 Erzählungen des Leichendämons“ (Vetâlapancavinshati), der „32 Throngeschichten“ (Sinhâsanadvâtrinshikâ), des „Papageienbuchs“ (Shukasaptati) u. a. Werke. Es ist ganz erstaunlich, in wie viel verschiedenen Formen oft ein und dasselbe Buch auf uns gekommen ist. So haben wir z. B. von dem Pancatantra des vishnuitischen Brahmanen Vishnusharmâ, das um 300 n. Chr. entstanden zu sein scheint, eine ganze Reihe von Jaina-Fassungen, die sich inhaltlich und sprachlich zum Teil sehr beträchtlich voneinander unterscheiden. „Der eine erzählt die alten Geschichten in behaglicher Breite, der andere notiert ihren Hauptinhalt in knappen Sätzen zum leichteren Verständnis für die liebe Schuljugend. Der und jener sucht sich nur die Erzählungsstrophen zusammen, deren schauderhaft verstümmeltes Sanskrit er ungefähr errät, und erzählt die zugehörigen Geschichten unabhängig von seinem Grundtext, volkstümlich und in der Volkssprache. . . . Daneben fehlt nicht der Gelehrte, der selbständig einen neuen Sanskrittext nach dem Muster eines älteren schreibt, und der andere, der zum Volke herabsteigt und den Sanskrittext in seiner Muttersprache Gujarâtî wiedergibt. Ein dichtender Jaina-Mönch Ratnasundara, das Haupt einer Dichterschule, kleidet das ganze Werk in Bardenstrophen, um es dem Volke sangbar zu bieten, genau so wie die Spielleute des europäischen Mittelalters ihre Schwänke und Novellen und Fabliaux verbreiteten. Flugs überarbeitet einer seiner Bewunderer sein Werk, indem er Verse und Ausdruck glättet und einige Erzählungen hinzufügt, und ein zweiter, Vaccharâja, schafft in starker Anlehnung an seinen Vorgänger eine ganz ähnliche, an Erzählungen aber viel reichere Dichtung ebenfalls in seiner Muttersprache. Diese Dichtung wieder überträgt ein Dritter in Sanskritverse, und diese Sanskritdichtung verwandelt ein Vierter, Meghavijaya, wiederum in ein dem ursprünglichen Sanskrittext in der Form ähnliches Gemisch aus Prosa und Versen in Sanskrit. Zwischen Ratnasundaras Dichtung und der Bearbeitung Meghavijayas aber liegen noch keine hundert Jahre.“ 39
Linked texts (4)
- Pañcatantra — Viṣṇuśarman, Sanskrit
- Śukasaptati — Sanskrit
- Siṃhāsanadvātriṃśikā — Sanskrit
- Vetālapañcaviṃśatikā — Sanskrit