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Der Jainismus: Eine indische Erlosungsreligion c8.s2.t2: 2. Die Erzählungsliteratur und Dichtung

Der Jainismus: Eine indische Erlösungsreligion c8.s2.t2

Language
German

2. Die Erzählungsliteratur und Dichtung

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Der Kanon ist überaus reich an Erzählungen und Legenden der mannigfaltigsten Art. Die Berichte über die Propheten, Apostel und Heiligen, die er enthält, boten späteren Geschlechtern willkommenen Stoff für ihr literarisches Schaffen. In zahllosen Werken in den verschiedensten Sprachen sind diese, wie es scheint ewig jugendfrischen Sagen in Poesie und Prosa in einfacher, leichtverständlicher sowie in dichterischer, gekünstelt-hochstilisierter Form immer wieder behandelt worden. Es gibt zahlreiche Lebensbeschreibungen des Rishabha, Shântinâtha, Arishtanemi, Pârshva, Mahâvîra und der anderen Tîrthankaras, die sich zumeist mit dem beliebten Thema in der gewohnten schematischen Weise beschäftigen und nur durch Einfügung von neuen Episoden, von Geschichten aus den früheren Geburten des Helden und seiner Anhänger bestrebt sind, ihm neue Seiten abzugewinnen.

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Die Hagiographie der Jainas beschränkte sich von jeher jedoch nicht auf eine Schilderung des Lebens und Wirkens der Religionsstifter und derjenigen Personen, welche zu ihnen sei es als Verehrer, sei es als Gegner in Beziehung gestanden haben sollen, sondern sie zog auch eine große Reihe von anderen sagenumwobenen Gestalten in den Kreis ihrer Betrachtungen. Neben den 24 Tîrthankaras sind 12 Weltbeherrscher und 27 Helden die Hauptpersonen der überlieferten Welthistorie. Zu diesen werden neben anderen, die den Jainas speziell eigen zu sein scheinen, auch Heroen gerechnet, die auch den Hindus bekannt sind, wie Bharata und Sagara, wie Râma, Lakshmana, Râvana, sowie Balarâma, Krishna und Jarâsandha u. a. Die Jainas haben die Geschichten dieser Männer und anderer Personen aus den großen Epen Râmâyana und Mahâbhârata für ihre Zwecke mehr oder weniger stark verändert, die Helden sind bei ihnen selbstverständlich alle fromme Jainas und denken und handeln als solche. Für die starke Beliebtheit der Jaina-Bearbeitungen (und, wie wir oft sagen müssen, Verballhornungen) brahmanischer Sagenstoffe spricht die große Zahl, in der sie auf uns gekommen sind. So besitzen wir ein Harivansha-Purâna von Jinasena (8. Jh.), einen kanaresischen Vikramârjuna-vijaya (auch Pampa-Bhârata genannt) von Àdi-Pampa (10. Jh.), ein Pândava-Purâna von Shubhacandra (16. Jh.) u. a. Werke, in welchen Krishna und andere Mahâbhârata-Helden figurieren, und eine Reihe von Râmâyanas, wie das in Prâkrit abgefaßte Paümacariya des Shvetâmbara Vimalasüri (3. oder 4. Jh. n. Chr.), das Padma-Purâna des Digambara Ravishena (um 660), ein Râmacandra-carita-purâna (kurz als „Pampa-Râmâyana“ bezeichnet) von dem kanaresischen Dichter Pampa dem Jüngeren (1100) und viele andere Dichtungen dieser Art.

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Mehrfach ist auch der Versuch unternommen worden, die Geschichte aller 63 „großen Männer“ oder „Stabmänner“ (Shalâkâ-purusha), wie die Inder sagen, in einem Werke systematisch der Reihe nach zu behandeln, so in dem Àdipurâna des Jinasena und seiner Fortsetzung, dem Uttarapurâna des Gunabhadra (beide 9. Jh.), in dem Trishashti-shalâkâ-purusha-carita des Hemacandra (12. Jh.) u. a.

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Die mythische Vorgeschichte findet ihre Fortsetzung in der Geschichte der Kirche unter den Nachfolgern Mahâvîras. Zahlreiche Schriften beschäftigen sich direkt oder indirekt mit der Darstellung der wechselvollen Geschicke der Jaina-Gemeinde im Laufe der Jahrhunderte. Obwohl in diesen Werken eine Reihe von historischen Tatsachen berichtet werden, sind sie doch so voll von Legenden und Märchen, daß sie nur mit großer Vorsicht als historische Quellenschriften angesehen werden können. Dichtung und Wahrheit verschwimmen in ihnen, ohne daß die Autoren sich dessen bewußt gewesen wären und die stärksten Anachronismen sind in ihnen an der Tagesordnung. Werke dieser Art gibt es in großer Menge. Die Jainas unterscheiden Caritras und Prabandhas ³⁸. Die Caritras sind Biographien von Tîrthankaras, Weltbeherrschern und anderen von den 63 „großen Männern“, aber auch von alten großen Kirchenlehrern bis auf Âryarakshita, der 557 nach Vîra gestorben sein soll. Die Prabandhas befassen sich mit der Lebensgeschichte von hervorragenden Personen der späteren Zeit, Geistlichen sowohl wie Königen, Ministern, Kaufleuten usw. An historische Persönlichkeiten knüpfen auch die in Alt-Gujarâtî metrisch abgefaßten „Râsas“ an, sowie ähnliche Schriften in anderen neuindischen Sprachen. Alle diese Werke wollen nicht nur (allerdings stark märchenhaft ausgeschmückte) Geschichte schreiben, sondern wollen auch durch Mitteilung von Anekdoten usw. der Unterhaltung dienen. Gleichzeitig verfolgen sie zumeist auch noch den Zweck, den Leser religiös und moralisch zu erbauen, den Jainaglauben zu propagieren und den Mönchen Stoff für ihre Predigten zu liefern.

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Eine Art zusammenhängender Geschichte der Jainakirche ist Hemacandras „Parishishtaparva“, der Anhang zu seinem großen Werk über die 63 „großen Männer“, in welchen von den Patriarchen der Gemeinde gehandelt wird. Eine Fortsetzung dieses Buches ist „das Leben der Leuchten des Glaubens“ (Prabhâvakacarita) von Prabhâcandra und Pradyumnasûri (um 1250 n. Chr.), in welchem die Biographien von 22 Jaina-Lehrern, darunter auch die von Hemacandra, gegeben werden. Sammlungen von halbhistorischen Nachrichten und Anekdoten, wie der „Wunschedelstein der Geschichten“ (Prabandhacintâmani) von Merutunga (um 1300), poetische Chroniken wie Hemacandras „Kumârapâla-carita“ und Panegyrika auf freigebige Mäzene verschmelzen in ähnlicher Weise Wahrheit und Dichtung. Von modernen Schriften dieser Art sei nur das kanaresische Kompendium der Jaina-Überlieferungen des Südens genannt, das der Digambara Devacandra 1838 für eine Prinzessin von Maisûr unter dem Titel „Râjâvalikathe“ schrieb, dessen zum Teil auf ältere Quellen zurückgehende Angaben seinerzeit bei den europäischen Forschern lebhafte Diskussionen betreffs ihrer Glaubwürdigkeit hervorriefen.

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Eine bemerkenswerte Eigenschaft der Jaina-Historiker ist es, daß sie sich nicht damit begnügen, das zu schildern, was Geschichte geworden ist, sondern daß sie es auch unternehmen, von der Zukunft zu handeln, die erst Geschichte werden wird. Wie wir weiter unten bei der Darstellung der dogmatischen Welthistorie sehen werden, unternehmen es die Jaina-Theologen sogar, die traurigen Zustände des uns bevorstehenden schlechten Zeitalters eingehend zu beschreiben: sie wissen sogar die Namen der letzten Jaina-Laien und Mönche schon jetzt zu nennen. Ein beliebter Gegenstand literarischen Schaffens ist auch die Schilderung der Lebensgeschichte der zukünftigen Tîthankaras, die nach dem völligen Niedergang des Jainatums dieses aufs neue aufrichten werden.

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Eine äußerst fruchtbare Tätigkeit entfalteten die Jainas von jeher auf dem Gebiete des Märchenromans, der Novelle, der Fabel. Mit den Hindus und Buddhisten wetteiferten sie im Erfinden neuer Stoffe und im Ausgestalten vorhandener. Ihr Schrifttum auf dem Gebiete der Erzählungsliteratur ist so umfangreich, daß es sich vorläufig noch nicht übersehen läßt. Die Jainas besitzen von fast allen bedeutenderen Fabel- und Märchenbüchern Indiens eigene Rezensionen, die sich von den anderen Fassungen gewöhnlich dadurch unterscheiden, daß in ihnen ihre eigenen religiösen Anschauungen zu Worte kommen. So gibt es zahlreiche Jaina-Rezensionen des Pancatantra, der „25 Erzählungen des Leichendämons“ (Vetâlapancavinshati), der „32 Throngeschichten“ (Sinhâsanadvâtrinshikâ), des „Papageienbuchs“ (Shukasaptati) u. a. Werke. Es ist ganz erstaunlich, in wie viel verschiedenen Formen oft ein und dasselbe Buch auf uns gekommen ist. So haben wir z. B. von dem Pancatantra des vishnuitischen Brahmanen Vishnusharmâ, das um 300 n. Chr. entstanden zu sein scheint, eine ganze Reihe von Jaina-Fassungen, die sich inhaltlich und sprachlich zum Teil sehr beträchtlich voneinander unterscheiden. „Der eine erzählt die alten Geschichten in behaglicher Breite, der andere notiert ihren Hauptinhalt in knappen Sätzen zum leichteren Verständnis für die liebe Schuljugend. Der und jener sucht sich nur die Erzählungsstrophen zusammen, deren schauderhaft verstümmeltes Sanskrit er ungefähr errät, und erzählt die zugehörigen Geschichten unabhängig von seinem Grundtext, volkstümlich und in der Volkssprache. . . . Daneben fehlt nicht der Gelehrte, der selbständig einen neuen Sanskrittext nach dem Muster eines älteren schreibt, und der andere, der zum Volke herabsteigt und den Sanskrittext in seiner Muttersprache Gujarâtî wiedergibt. Ein dichtender Jaina-Mönch Ratnasundara, das Haupt einer Dichterschule, kleidet das ganze Werk in Bardenstrophen, um es dem Volke sangbar zu bieten, genau so wie die Spielleute des europäischen Mittelalters ihre Schwänke und Novellen und Fabliaux verbreiteten. Flugs überarbeitet einer seiner Bewunderer sein Werk, indem er Verse und Ausdruck glättet und einige Erzählungen hinzufügt, und ein zweiter, Vaccharâja, schafft in starker Anlehnung an seinen Vorgänger eine ganz ähnliche, an Erzählungen aber viel reichere Dichtung ebenfalls in seiner Muttersprache. Diese Dichtung wieder überträgt ein Dritter in Sanskritverse, und diese Sanskritdichtung verwandelt ein Vierter, Meghavijaya, wiederum in ein dem ursprünglichen Sanskrittext in der Form ähnliches Gemisch aus Prosa und Versen in Sanskrit. Zwischen Ratnasundaras Dichtung und der Bearbeitung Meghavijayas aber liegen noch keine hundert Jahre.“ 39

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Die seit alter Zeit bei den Jainas im Schwange gewesene Übung, gemeinindische Stoffe den Bedürfnissen ihrer Kirche anzupassen, hat vielfach für die Literaturgeschichte die außerordentlich segensreiche Folge gehabt, daß alte Sagen und Erzählungen uns auf diese Weise erhalten geblieben sind, die uns längst verloren wären, wenn die Jainas sich nicht ihrer bemächtigt hatten. Die Spuren der Überarbeitung älterer Vorlagen durch Jaina-Schriftsteller sind oft deutlich erkennbar; vielfach beschränken sie sich auf die rein äußerliche Hinzufügung einer Einleitung, eines Schlusses oder einer Rahmenerzählung, die mit dem eigentlichen Werke nichts zu tun haben. In manchen Fällen erschienen den Jainas aber auch Abänderungen in Details aus religiösen Gründen am Platze. Das in Jaina-Erzählungen häufig vorkommende Motiv, daß ein Prinz bei einem Spazierritt durch ein Pferd von „umgekehrter Dressur“ in den Wald entführt wird, woselbst er eine schöne Königstochter findet oder andere Abenteuer zu bestehen hat, stellt, wie H. Jacobi wahrscheinlich gemacht hat40, offenbar einen Ersatz für das in Märchen sonst so beliebte Motiv der Verirrung auf der Jagd dar, welches den Jainas wegen ihres Abscheus gegen die Tötung lebender Wesen nicht zu Gebote stand.

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Neben der Überarbeitung überkommener alter Erzählungen haben sich die Jainas jedoch auch der Erfindung und Ausgestaltung neuer gewidmet. Es gibt zahllose „Kathâs“ oder „Kathânakas“ rein jainistischer Herkunft. Die Urheber dieser Erzählungswerke wurden zur Abfassung derselben nicht von der bloßen Lust zum Fabulieren geleitet, sondern sie verfolgten gleichzeitig bestimmte Zwecke. Der große Haribhadra teilte die Kathâs in vier Gruppen ein: in Arthakathâs, d. h. Erzählungen, die dem Nutzen (bes. der Lebensklugheit, Erlernung der Staatskunst usw.) dienen, Kâmakathâs, solche, die sich mit der Liebe beschäftigen, Dharmakathâs, solche, die der Religion und Moral gewidmet sind, und Sankîrnakathâs, solche, die gleicherweise die Erlangung aller drei Lebensziele darstellen. Es ist klar, daß die Erzählungen, welche dem Leser in ansprechender Form Regeln der Lebensklugheit vermitteln oder ihn mit den verschiedenen Formen des Liebesgenusses bekannt machen, oft Verhältnisse zu schildern haben, die den moralischen Prinzipien der Jaina-Lehre nicht entsprechen, welche ja den Verzicht auf weltliche Güter und Genüsse und die Führung eines heimat- und besitzlosen Asketenlebens als Ideal verkündet. Die Autoren wurden den Forderungen der Religion dann gewöhnlich in der Weise gerecht, daß sie den Helden der Erzählung am Ende seines abenteuerlichen Lebens, nachdem er alle irdischen Freuden genossen, Mönch werden und so das religiöse Ideal an sich verwirklichen lassen. Die Erzählungen der Jainas sind aber auch noch in anderer Hinsicht mit ihren religiösen Anschauungen durchwoben; nämlich durch die ausgedehnte Verwendung, welche die Seelenwanderungslehre als dichterisches Motiv in ihnen findet. Am Ende vieler Geschichten tritt ein Weiser oder ein Kevalî auf, der dem Helden auseinandersetzt, warum er in dieser seiner gegenwärtigen Existenz gerade diese Menge von Glück und Unglück erfahren habe und alle erfreulichen Erlebnisse auf in früheren Daseinsformen erworbenes Verdienst, alles Leid auf Verfehlungen in einem früheren Leben zurückführt.

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Kathâs und Kathânakas existieren in jeder Form und in jedem Umfange. Neben der kurzen Tierfabel und dem gedrängt erzählten Schildbürgerstreich gibt es lange und vielfach durch Einschachtelung neuer Erzählungen oft allzulange Geschichten in Prosa, in Versen oder in einem Gemisch von beiden Als die literarisch bedeutsamste Gattung ist der Märchenroman bzw. (wenn derselbe in poetischer Form vorliegt) das romantische Epos anzusehen.

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Bei der großen Fülle von Werken dieser Art, welche die Jainas hervorgebracht haben, ist es unmöglich, im begrenzten Rahmen dieses Buches auch nur auf die bedeutendsten von ihnen einzugehen. Ich muß mich daher hier im folgenden darauf beschränken, den Inhalt von einigen von ihnen knapp zu skizzieren.

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Als einer der beliebtesten Epenstoffe ist die Geschichte von Jîvaka (Jivandhara) anzusehen. Derselbe ist wiederholt in Sanskrit bearbeitet worden, so in Gunabhadras Uttarapurâna, das dem 9. nachchr. Jahrhundert entstammt. Am berühmtesten ist aber die kunstvolle Tamil-Fassung, die dem Tiruttakadevar (Sanskrit: Shrîdakshadeva) zugeschrieben wird, der im 10. oder 11. Jahrh. lebte. Über die Entstehung der letzteren weiß die Legende folgendes zu berichten. Tiruttakadevar war Mitglied der berühmten Akademie von Madurâ. Seine Kollegen bemängelten an ihm, daß er mit dem Kâmashâstra (der wissenschaftlichen Erotik) nicht vertraut sei. Er erklärte darauf, er habe zwar bisher noch nichts Erotisches geschrieben, sei aber durchaus in der Lage, dies zu tun, und erbot sich, ein Werk zu schaffen, das Liebe und Lebensgenuß erschöpfend darstelle. Er schrieb dann den „Jîvakacintâmani“, in welchem in 18 Gesängen acht Heiraten Jîvakas, eine Heirat eines Freundes von Jîvaka sowie die allegorische Vermählung des Helden mit Wissenschaft, Erde, Glück und Erlösung behandelt werden. Ein Lästerer behauptete, nachdem er das fertiggestellte Werk kennen gelernt hatte, Tiruttakadevar müsse ein Wüstling gewesen sein und große Erfahrungen auf erotischem Gebiete gesammelt haben, weil er die Liebe so lebenswahr zu schildern wisse. Der Dichter aber, der sein ganzes Leben hindurch keusch gelebt hatte, verteidigte sich gegen diesen Angriff, und zur Beteuerung seiner Unschuld nahm er eine glühende Eisenkugel in die Hand, indem er sagte: „Möge mich diese verbrennen, wenn ich nicht rein bin.“ Der Verlauf des Ordals bezeugte die Richtigkeit der Behauptung: das Feuer konnte dem Mönch nichts anhaben, so daß er glänzend gerechtfertigt dastand.

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Der Inhalt der berühmten Geschichte von Jîvaka oder Jîvandhara, den ich hier nach der ältesten bekannten Fassung, in Gunabhadras „Uttarapurâna“⁴¹ kurz zusammenfasse, ist folgender:

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König Satyandhara von Râjapura wurde von seinem ungetreuen Minister Kâshthângâraka seines Thrones beraubt und getötet. Seiner Gattin Vijayâ, die damals gerade guter Hoffnung war, gelang es, sich zu retten. Auf einem Leichenacker gab sie einem Knaben das Leben. Der Kaufmann Gandhotkara, dessen Kinder infolge einer von ihm in seinem früheren Leben aufgehäuften Schuld alle kurz nach der Geburt starben, kam damals gerade auf den Friedhof, um seinen neugeborenen, sogleich gestorbenen Sohn dorthin zu bringen. Er nahm das Kind der Königin mit sich und zog es wie sein eigenes auf. Da er so, entsprechend einer ihm einst zuteilgewordenen Prophezeiung, einen lebenden Sohn für einen toten erhalten hatte, nannte er den Knaben Jîvandhara (von Jîva, Leben). Jîvandhara wuchs zusammen mit Nandâdhya, einem später geborenen Sohne seines Pflegevaters, und anderen Jünglingen auf und gab frühzeitig Beweise außerordentlicher Klugheit und Kraft. Er bestand dann mancherlei Abenteuer und heiratete acht Jungfrauen, die ihm vom Schicksal bestimmt waren; eine jede von ihnen gewann er vermöge seiner Beherrschung einer anderen Kunst; die eine durch sein Lautenspiel, eine andere dadurch, daß er Elefanten zu bändigen verstand, eine dritte, indem er sie von der Vergiftung durch Schlangenbiß heilte usw. Bei seinen Taten unterstützte ihn ein Yaksha (Geist), der vorher ein Hund gewesen war, welchen er von ihn quälenden Knaben befreit hatte. Schließlich tötete er den bösen Kâshthângâraka und bestieg den väterlichen Thron. Nachdem er dann lange ruhmreich geherrscht, wurde er durch Mahâvîras Predigt der Weltentsagung gewonnen. Er übergab sein Reich seinem Sohne, wurde ein Kevalî und erlangte das Nirvâna.

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Die Schicksale Jîvandharas und der Hauptpersonen sind alle durch das Band des Karma miteinander verwoben und finden als Folgen der Taten in vergangenen Existenzen ihre Erklärung. Jîvandhara z. B. bleibt sechzehn Jahre von seinen Verwandten getrennt, weil er in einem früheren Leben einmal einen jungen Schwan sechzehn Tage von seinen Eltern ferngehalten hatte. Auch sonst spielt die Reinkarnations-Idee in der Erzählung eine große Rolle. So fällt die Prinzessin Shrîcandrâ einmal in Ohnmacht, als sie ein Taubenpärchen schnäbeln sah; sie hatte sich einer vergangenen Existenz erinnert, in welcher sie selbst eine Taube war und mit einem Täuberich in glücklicher Ehe lebte. Die Eltern lassen sich daraufhin von Shrîcandrâ alle ihre Erinnerungen an vergangene Daseinsformen erzählen, und diese von einem Künstler bildlich darstellen. Ein Tänzerpaar wird dann von ihnen damit beauftragt, mit der Leinewand die Märkte zu bereisen und die Bilder auszustellen, um den früheren Gatten zu ermitteln und wieder mit Shrîcandrâ zu vereinigen. Nandâdhya sieht das Bild, erinnert sich selber seiner früheren Existenzen und heiratet schließlich die schöne Jungfrau.

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Ein anderes berühmtes dramatisches Epos ist die „Bhavisatta-Kaha“ des Kaufmanns Dhanavâla, eines Digambara, der wahrscheinlich im 10. Jahrh. lebte. Die Dichtung zerfällt in 22 Gesänge und ist in gereimten Stropen in der Apabhramsha-Sprache (s. S. 85) abgefaßt, deren wichtigstes Literaturdenkmal sie darstellt⁴². Der Inhalt ist kurz folgender: Der Kaufherr Bhavisatta im Königreiche Kurujangala wird auf einer Geschäftsreise zur Goldinsel unterwegs durch eine Intrigue seines Stiefbruders Vandhuyatta auf einem einsamen Eiland ausgesetzt. Unter merkwürdigen Umständen findet er dort eine schöne Prinzessin, die er heiratet. Nachdem das Paar zwölf Jahre lang in Glück und Wonne gelebt hat, kommen zufällig die Schiffe Vandhuyattas wieder an der Insel vorbei. Die Stiefbrüder versöhnen sich, und Vandhu erbietet sich, Bhavisatta nach der Heimat zurückzubefördern. Schon ist alles zur Abfahrt gerüstet, da fällt unserm Helden ein, daß er einen Edelstein vergessen hat; er verläßt deshalb noch einmal das Schiff, um ihn zu holen. Da befiehlt der böse Vandhu, den Anker zu lichten, und läßt jenen verzweifelt zurück. In der Heimat angelangt, verfolgt Vandhu seine Schwägerin mit Liebesanträgen und läßt alles für seine Hochzeit mit ihr vorbereiten. Mit Hilfe eines Geisterfürsten gelangt Bhavisatta im Luftwagen in seine Vaterstadt. Er enthüllt dem Könige die Verbrechen seines Stiefbruders, erhält seine Gattin zurück, dazu noch die Hand der Königstochter und wird zum Kronprinzen ausgerufen. Der böse Vandhu hingegen flieht zum König von Poyana. Dieser sendet an den Fürsten von Kurujangala ein Ultimatum, in welchem er dessen Unterwerfung und die Herausgabe der beiden Frauen Bhavisattas fordert. Der Kurukönig beantwortet diese unverschämte Forderung mit einer Kriegserklärung. Es kommt zu heftigen Kämpfen, die schließlich mit der Niederlage des Herrschers von Poyana enden. Bhavisatta lebt nun lange glücklich mit seinen beiden Frauen. Schließlich aber wird er durch einen Heiligen, der ihm die Geschichte seiner vergangenen Existenzen erzählt, dazu bewogen, dem Weltleben zu entsagen. Er wird Mönch und erlangt nach mehreren Wiedergeburten die Erlösung.

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In diese hier skizzierte Rahmenhandlung sind eine Fülle von anderen Legenden und Erzählungen eingeflochten, zum Teil wieder unter Verwendung des beliebten Seelenwanderungs-Motivs.

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Märchenerzählungen in Poesie und Prosa gibt es in großer Zahl; ich nenne an dieser Stelle nur Pādaliptas „Tarangavatī“, die aus den ersten Jahrhunderten n. Chr. stammt, uns jedoch nur in einer tausend Jahre jüngeren Bearbeitung mit dem Namen „Tarangalolâ“ bekannt ist, die E. Leumann unter dem Titel „Die Nonne“ ins Deutsche übertragen hat⁴³. Weitverbreitet ist ferner Haribhadras „Samarāicca-kahâ“, ein in Prākit-Prosa verfaßter Roman mit eingeschobenen Strophen, von dem wir eine Verdeutschung von W. Kirfel erwarten dürfen⁴⁴. In diesem Werke werden die Schicksale von zwei einander feindlichen Personen neun Existenzen hindurch verfolgt; bald sind sie Vater und Sohn, bald Mann und Frau, bald stehen sie in anderen Beziehungen zu einander. Immer stellt der Böse dem Guten nach, und es gelingt ihm auch, ihn zu Tode zu bringen, bis jener schließlich die Erlösung erlangt.

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Eine Sonderstellung unter den Kathâs nehmen die Allegorien ein. Ihre Aufgabe ist es, die Wahrheit des Jaina-Glaubens in bildlicher Form darzustellen. Derartigen Versuchen begegnen wir schon in der kanonischen Literatur; später finden wir sie in den verschiedensten Erzählungswerken. Ein allegorischer Roman großen Stils ist Siddharshis „Upamiti-bhava-prapancâ kathâ“, die Erzählung, welche das Menschenleben im Gleichnis schildert (vollendet im Jahre 906 n. Chr.). Alle Tugenden und Laster figurieren hier in der Gestalt von Personen der verschiedensten Art und geben durch ihr Zusammenwirken ein buntes Bild des Lebens, gesehen vom Standpunkt eines Jainamönches. H. Jacobi hat das Werk in bezug auf seine literarische Bedeutung Bunyans „Pilgrims Progress“ an die Seite gestellt, mit welcher einst vielgelesenen Dichtung es auch die große Beliebtheit in den Kreisen der Frommen teilte⁴⁵.

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Auch Kunstromane in Bânas Art haben Jainas zu Verfassern. Es sind dies Werke, in denen auf den sprachlichen Ausdruck besonderes Gewicht gelegt ist und die deshalb als nach den Vorschriften der Poetik abgefaßte „Gedichte“ (Kâvya) in Prosa oder in einer Mischung von Versen und Prosa angesehen werden können. Solche Werke sind Somadevas „Yashastilaka“ und Dhanapâlas „Tilakamanjarî“ (beide um 950 n. Chr. verfaßt).

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In allen den Werken der Erzählungsliteratur, von denen bisher die Rede gewesen war, steht der Inhalt im Mittelpunkte des Interesses. Das gilt nicht nur von den in Prosa abgefaßten Geschichten, sondern auch von denen in gebundener Form, ja sogar von den Kunstromanen. Wenn sich auch die Darstellung in manchen von ihnen zu dichterischem Schwunge erhebt, so ist es doch vorzugsweise die spannende Handlung, welche den Leser zur Lektüre veranlaßt, mag auch die oft allzu große Ausführlichkeit und das Sichverlieren in verwirrende Einzelheiten nicht dem Geschmack des europäischen Lesers zusagen. Daneben hat die Jaina-Literatur aber auch eine Reihe von Dichtungen hervorgebracht, bei welchen der Inhalt ganz zurücktritt hinter der Form. In ihnen soll jede Strophe ein in sich abgeschlossenes Ganzes darstellen; in jedem Verse versucht der Autor etwas Geistvolles und Außergewöhnliches zu sagen⁴⁶. Dieses Streben führte natürlich zu allerlei Künsteleien. Wie weit dieses Spiel des Geistes getrieben wurde, lehrt die Tatsache, daß zwei Jainadichter sogar die Aufgabe auf sich nahmen, an Kâlidâsas „Wolkenboten“ das Kunststück der „Strophenergänzung“ (Samasyâpûrana) durchzuführen, indem sie in einer jeden Strophe ihrer die Geschichte Arishtanemis bzw. Pârshvas behandelnden Epen eine Zeile aus Kâlidâsas Meghadûta verwandten und die anderen Verse hinzufügten. Ein noch erstaunlicheres Kunststück vollbrachte der Digambara Shrutakîrti (um 1125): in seinen „Râghavapândavîya“ ist jeder Vers einer doppelten Auslegung fähig und behandelt gleichzeitig den Stoff des Râmâyana und Mahâbhârata⁴⁷.

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Auf dem Gebiet der Lyrik nehmen die Jainas für sich das Verdienst in Anspruch, daß zwei bedeutende Anthologien von sehr wertvollen Einzelstrophen in Prâkrit in ihren Kreisen geschaffen oder zum wenigsten in der uns heute vorliegenden Form gesammelt worden sind — ein Verdienst, das freilich der objektiven Prüfung problematisch bleibt, weil keine dieser beiden Gedichtsammlungen einen klar erkennbaren Jaina-Charakter trägt. Die nach volkstümlichen Mustern gedichteten „Siebenhundert Strophen“ (Sattasaî), die unter dem Namen des Hâla Shâtavâhana oder Shâlivâhana gehen, der als einer der Andhrabhrityafürsten des Dekhans den Jainas als ihr Glaubensgenosse gilt (vgl. S. 44), schildern Liebesleid und Liebeslust in entzückenden Genrebildchen. Der Sage nach sollen sie dadurch entstanden sein, daß Sarasvatî, die Göttin der Rede, sich einmal anderthalb Tage lang im Lager Shâtavâhanas aufhielt und das ganze Heer, bis zu den Roß- und Elefantentreibern herab, zur Abfassung von Prâkrit-Gedichten begeisterte und der König dann die 700 besten von diesen auswählte und sammelte. Ich lasse ein paar Kostproben folgen⁴⁸:

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Stirnschmuck der Nacht! Mond! Diadem des Himmels!
Der du die Nacht durchstrahlst in hellem Schein,
Berühre mich mit deinen Strahlenhänden,
Mit denen du berührst den Liebsten mein.

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„Du wirst kommen“ hofft’ ich und im Fluge
Mir die halbe Nacht verronnen war,
Doch du kamst nicht, und der Rest der Stunden
Währte wie ein langes Schmerzensjahr.
Hartherzig geht mein Liebster fort von hier
Schon morgen, alle Leute sagen’s mir.
So wachse denn, o wachse, süße Nacht,
Daß uns ein Morgen niemals mehr erwacht.
Vor Augen steht mir seine Wohlgestalt,
Noch auf den Lippen seine Küsse brennen
In meinem Herzen ruht sein Herz, im Ohr
Klingt noch sein Wort, kann uns das Schicksal trennen?

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Wenn auch der Inhalt der meisten Strophen ein erotischer ist, so ist doch die ganze Sammlung nicht ausschließlich auf diesen Ton gestimmt: einige Strophen feiern brahmanische Gottheiten, andere geben allgemeine Sentenzen, z. B. die folgenden:

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Zukunftsbilder mit der Hoffnung Pinsel
Malt der Geist wohl auf des Herzens Wand,
Doch das Schicksal, lächelnd wie ein Knabe,
Löscht sie alle aus mit leichter Hand.
So lache du, daß niemand dich verlacht,
Sprich, daß es freundlich klingt in deines Hörers Ohren,
So lebe, daß du Ruhm im Leben dir erwirbst,
Und stirb so, daß du nicht aufs neue wirst geboren.

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Die andere Strophensammlung, die hier zu nennen ist, ist das Vajjâlagga des Shvetâmbara Jayavallabha (Zeit noch unbekannt, jedenfalls vor 1336). Das Vajjâlagga ist insofern umfassender als Hâlas Werk, als es sich nicht hauptsächlich auf die Schilderung der Liebe beschränkt, sondern alle drei Lebensziele, also auch Dharma (Pflicht, Religion) und Artha (Nutzen, Lebensklugheit) darstellt. Der Inhalt ist außerordentlich vielseitig: „Ein interessantes Stück Kulturgeschichte zieht an unserem Auge vorüber; zuerst werden wir bekannt gemacht mit den sittlichen Lebensanschauungen der Inder, ihrem Ideal eines guten Menschen, dem der Bösewicht als etwas Verächtliches gegenübergestellt wird. Treue Freundschaft und guter Lebenswandel finden den Beifall des Dichters, er rühmt Standhaftigkeit und herzhafte Entschlossenheit; begeisterte Verse sind dem tatkräftigen Menschen gewidmet. Der äußere Erfolg aber ist vom Schicksal abhängig. Und damit wird eingeführt das zweite Lebensziel des Menschen: Artha. Die Leiden der Armen werden in bitterer Ironie geschildert; Herr ist der eine, Diener der andere, so sagen weitere Verse, herrlich aber der, der die Sache seines Herren verficht und als mutiger Soldat auf dem Schlachtfelde seinen Tod findet. Zwei Drittel des Vajjālagga beschäftigen sich mit Kāma. Die Liebe von ihren zartesten Anfängen an bis zur wilden Leidenschaft wird in den Versen besungen, der heiße bittere Trennungsschmerz ebenso wie das Schmollen der Geliebten. Mögen die Verse reden von den Bienen, die den Honig aus den Knospen der Blumen saugen, oder den Elefanten, die ihre Freiheit in der Gefangenschaft fern von der Herde verloren, vom Hansa (d. h. Königsgans) oder vom blühenden Jasmin, es sind nur Bilder; ihr eigentlicher versteckter Sinn ist die Liebe des Mannes zum Weibe. Der Inder, der in sexuellen Dingen harmloser, naiver denkt als ein Europäer, wird sich nicht gewundert haben, daß Verse folgen, die die Anomalien des Liebeslebens mit einer uns erschreckenden Deutlichkeit ausführen. In diesem Zusammenhang darf natürlich das Hetärenwesen nicht fehlen. Mit den Schilderungen der anmutigen Spiele Krishnas mit den Hirtinnen lenkt der Dichter in ein ruhigeres Fahrwasser wieder ein, und mit dem Preis der Jahreszeiten klingt das Vajjālagga aus¹⁹.

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Kunstvolle Strophen, in denen die verschiedenen Erscheinungen des Menschenlebens, die Schönheiten der Natur u. ä. geschildert werden, sind von einer großen Anzahl von Jainadichtern auch in Sanskrit und in den neuindischen Sprachen gedichtet worden. Im Kanaresischen z. B. besitzen wir mehrere Sammlungen dieser Art. Von Interesse ist es, daß sich auch Frauen an dieser literarischen Produktion beteiligten; so wird uns eine Nonne Kanti (um 1100) genannt, welche sich durch ihre Geschicklichkeit im Abfassen von Strophen über die verschiedensten Gegenstände hervortat.

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Auch auf dem Gebiete der Gedankenlyrik unterscheiden sich die Schöpfungen der Jaina-Dichter vielfach nicht von denen der Poeten anderer Religionen. Dies erklärt die merkwürdige Tatsache, daß es eine Reihe von Dichtungen dieser Art gibt, deren Verfasser von den Jainas als Jainas betrachtet werden, während die Anhänger anderer indischer Glaubenslehren ihre Zugehörigkeit zu ihrer eigenen Sekte behaupten. Dies ist z. B. bei dem Kurral des tamilischen Webers Tiruvalluvar der Fall, der früher in das 8., jetzt meist in das 1. oder 2. Jahrhundert unserer Zeitrechnung gesetzt wird. Der Kurral enthält 2660 kurze Strophen, die von den drei Lebenszielen: Tugend, Nutzen, Liebe handeln. Da jeder Hinweis auf das Dogma einer bestimmten Religion fehlt, ist es verständlich, daß Vishnuiten, Shivaiten und Buddhisten in gleicher Weise wie die Jainas den Anspruch erheben, das Werk sei von einem Bekenner ihrer Lehre verfaßt. B. Seshagiri Sastriar und M. S. Ramaswami Ayyangar glauben, daß sich in einigen Strophen des Kurral tatsächlich Hinweise dafür finden, daß sein Verfasser ein Jaina war, eine Gleichsetzung desselben (der bei den Jainas auch Elâcârya heißt) mit Kundakunda ist aber wenig wahrscheinlich 50.

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Als Proben aus dieser berühmten Spruchsammlung gebe ich hier die sechs Sprüche wieder, welche unser großer Meisterübersetzer Rückert in deutsche Reime gekleidet hat 51.

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Die nicht Göttern Opfer bringt,
Nur den Gatten treu umschlingt,
Ist von Göttern so gesegnet:
Regne, sagt sie, und es regnet.

c8.s2.t2.32

Wer nicht hat ein Weib getreu,
Darf nicht wandeln wie ein Leu
Vor den Feinden ohne Scheu.

c8.s2.t2.33

Süß wie Ambrosia dir der Bissen schmeckt,
Wonach dein Kind sein Händchen streckt.

c8.s2.t2.34

Wem Flöt’ und Laute lieblich schallen,
Nie hat der gehört seines Kindes Lallen.
Mehr als da sie ihn geboren,
Freut sich eine Mutter dann,
Wenn ihr Sohn vor ihren Ohren
Wird mit Ruhm genannt als Mann.
Wer nicht liebt, der hat alles für sich selber;
Wer liebt, hat selbst für andere seinen Leib.

c8.s2.t2.35

Auch Tiruvalluvars Schwester Avaiyyâr soll ähnliche Strophen moralischen Inhalts verfaßt haben.

c8.s2.t2.36

Eine andere Sammlung gnomischer Sprüche ist das Nâladiyâr⁵². Über dessen Entstehung wird das Folgende erzählt: Einst kamen 8000 Jaina-Asketen, die durch eine Hungersnot aus ihrer Heimat vertrieben worden waren, zum Pândya-König nach Madurâ und wurden von ihm gastlich aufgenommen. Als die Hungersnot vorüber war, rüsteten sie sich zur Rückkehr nach der Heimat; der König aber wollte die Fremdlinge, die seinem Hofe Glanz verliehen, nicht gehen lassen. Da blieb den Mönchen nichts anderes übrig, als heimlich bei Nacht fortzuziehen. Als sie dies taten, ließ jeder von ihnen an dem Platz, an dem er zu sitzen pflegte, einen Vierzeiler zurück. Der König befahl, die Palmblätter, auf denen diese Strophen standen, alle in den Fluß Vaigai zu werfen. Zum großen Erstaunen aller stiegen aber 400 der Blätter im Wasser empor und schwammen gegen die Strömung ans Ufer. Sie wurden gesammelt und unter dem Namen „Nâladiyâr“ herausgegeben. Einige weitere Strophen sollen noch an anderen Stellen das Ufer des Flusses erreicht haben und anderen Sammlungen einverleibt worden sein.

c8.s2.t2.37

Stark ausgeprägt ist das Jainatum bei propagandistischen Lehrgedichten wie der „Sammlung schöner Sprüche“ (Subhâshita-sandoha) des Digambara-Mönches Amitagati (geschrieben 994 A. D.). Amitagati schildert in diesem Werke die Vergänglichkeit aller Sinnenlust, beschreibt das Altern und Sterben, bekämpft die Leidenschaften Zorn, Stolz, Trug, Gier, warnt vor dem Genuß von Alkohol, Fleisch, Honig, vor dem Glücksspiel und dem Besuch von Hetären, und ermahnt zur Erfüllung der Vorschriften der Jaina-Religion. Der Reihe nach werden von ihm alle irdischen Genüsse vorgenommen und in ihrer Wertlosigkeit dargetan. Mit wie starken Realismen er hierbei arbeitet, zeigen die folgenden Proben, in welchen er als echter Asket gegen den Verkehr mit Frauen auftritt:

c8.s2.t2.38

„Zu einem Wurme im Höllenschlunde wird der Gedankenlose, der sich an dem die drei Flüssigkeiten (im menschlichen Körper) affizierenden, einem Abtritte vergleichbaren, eine Würmerschar beherbergenden, überaus widerlich anzusehenden Leibe der Weiber ergötzt, der aus den Stoffen Haut, Fleisch, Knochen, Mark, Blut, Chylus, Fett und Samen erwächst und neun Öffnungen für die Unreinigkeiten, Kot, Harn, Blut, Tränen usw. besitzt.“

c8.s2.t2.39

„Wie können Weise hier der Frau dienen, die die Schatzkammer aller Leiden, die Wohnung der Ungezogenheit, der Riegel vor der Himmelsstadt, der Pfad zur Höllenwohnung, die Quelle der Schmach, die Wohnstätte der Unbedachtsamkeiten, die Axt für den Lusthain der Frömmigkeit, der Reif für den Lotos der Tugenden, die Wurzel des Sündenbaumes, der Erdboden für das Schlinggewächs Betrug ist?“ 53

c8.s2.t2.40

Der Unrast und Unseligkeit derer, die in der von Flammen des Leides verbrannten Welt des Sansâra umherirren, wird die Seelenruhe der friedevollen Büßer gegenübergestellt, die ihre Sinne bezähmt und alle ihre Habe aufgegeben haben. Unbekümmert um die Sonnenglut des Sommers besteigen sie, nur den „Sonnenschirm der Entschlossenheit“ tragend, die steilen Spitzen der Berge, und unberührt von dem strengen Frost der Winternächte verharren sie auf dem Schneegebirge still in frommer Versenkung, während Lawinen herabdonnern und Stürme die Wälder entwurzeln.

c8.s2.t2.41

Ein vielgepflegtes Gebiet der Jaina-Poesie ist die Hymnendichtung. Die Preislieder sind in erster Linie den Tîrthankaras geweiht, sei es einzelnen von ihnen oder allen. Daneben gibt es auch solche, die Göttern und heiligen Männern gewidmet sind. Die Lieder finden im Kultus eine ausgedehnte Verwendung; manchen von ihnen werden auch Zauberwirkungen zugeschrieben. Fast alle großen Jainaschriftsteller haben derartige „Stotras“ verfaßt. Eines der berühmtesten Stotras ist das „Bhaktâmara-stotra“ des Mânatunga. Seine Datierung ist unsicher. Die Überlieferung macht Mânatunga zu einem Zeitgenossen des Königs Bhoja und läßt ihn sein Werk im Wettstreit mit den beiden brahmanischen Dichtern Mayûra und Bâna (beide im 7. Jh.) verfassen. Nach der Legende dichtete Mayûra eine „Zenturie an die Sonne“ (Sûrya-shataka), durch welche er den Sonnengott gnädig stimmte, so daß dieser ihn vom Aussatz befreite, gegen den er bisher vergeblich alle möglichen Heilmittel versucht hatte. Um die Macht der Candî (Durgâ) zu erweisen, ließ sich Bâna die Gliedmaßen abhauen und schrieb dann eine „Zenturie an Candî“ (Candî-shataka), deren Strophen so kraftvoll waren, daß ihm die abgeschnittenen Glieder wieder anwuchsen. Um zu zeigen, daß auch die Jaina-Heiligen gleiche Wunder vollbringen könnten, ließ Mânatunga sich fesseln und einschließen. Als er dann das Bhaktâmara-stotra sang, sprang beim Ertönen einer jeden Strophe eine von den 42 Ketten, die ihn umgaben, so daß er schließlich aller Bande ledig war. Die Kommentare wissen von vielen Fällen zu erzählen, in denen einzelne Strophen des Bhaktâmara-stotra auch später noch ihre wundertätige Macht bewiesen.

c8.s2.t2.42

Das Stotra, das sich an den 1. Tîrthankara, Rishabha, richtet, ist in Sanskrit, im Vasantatilaka-Metrum abgefaßt. Ich lasse einige von seinen Strophen in der Nachbildung meines Vaters folgen:

c8.s2.t2.43

(1) Tief verehre ich des Jina Füße, die den Glanz verbreiten,
Der noch heller strahlt als auf der Götter Haupt ein Edelstein,
Er zerstört die Nacht der Sünde und im Anfang unsrer Zeiten
War er Halt und Hort der Menschen in des Daseins Meer allein.
(2) Preis dem Ersten Jina; Lieder singen seines Ruhmes Kunde
Die durch die drei Welten tönen, allentzückend fort und fort,
Lieder aus der Himmelsherren, aus der höchsten Götter Munde,
Der beredten, die den andern leuchten vor in Sang und Wort.
(3) Du, dess' Schemel zu verehren alle Himmlischen verlangen,
Festentschlossen will ich's wagen, Herr, so sehr mein Herz auch bangt,

c8.s2.t2.44

Dich zu preisen, dich zu rühmen, dich anbetend zu umfangen, Wie ein Kind wohl nach des Mondes Bild im Wasserspiegel langt.
(11) Wer, Erhabener, dich anschaut, unverwandt in dich versunken, Dessen Auge trägt nach keinem andern Anblick mehr Begehr. Wer nur einmal aus der Milchsee mondscheinglänzend Naß getrunken, Wie verlangte der zu trinken bitt'res Wasser aus dem Meer?
(22) Es gebären ungezählte Mütter ungezählte Söhne, Doch nicht eine hat geboren einen einz'gen, der dir gleicht. Jeder Himmelsraum beherbergt Sternenbilder, leuchtend schöne, Aber einzig aus dem Osten strahlend hell die Sonne steigt.
(40) Wo ein unterirdisch Feuer brennt*) im tiefen Weltenmeere, Wo die Ungetüme hausen und der wilde Haifisch lebt, Fahren ohne Furcht die Schiffer, die gedenken deiner Lehre, Ob ihr Fahrzeug auch auf Bergen von bewegten Wogen schwebt.
(42) Wenn in Fesseln sind geschmiedet eines Menschen Haupt und Glieder, Wenn die Füße ihm in tausend starke Ketten eingezwängt, Wird er frei von allen Fesseln, seine Ketten fallen nieder, Wenn an deines hohen Namens heil'ges Zauberwort er denkt.

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