Der Jainismus: Eine indische Erlosungsreligion c8.s2.t2.9
Der Jainismus: Eine indische Erlösungsreligion c8.s2.t2.9
- Language
- German
c8.s2.t2.9
Neben der Überarbeitung überkommener alter Erzählungen haben sich die Jainas jedoch auch der Erfindung und Ausgestaltung neuer gewidmet. Es gibt zahllose „Kathâs“ oder „Kathânakas“ rein jainistischer Herkunft. Die Urheber dieser Erzählungswerke wurden zur Abfassung derselben nicht von der bloßen Lust zum Fabulieren geleitet, sondern sie verfolgten gleichzeitig bestimmte Zwecke. Der große Haribhadra teilte die Kathâs in vier Gruppen ein: in Arthakathâs, d. h. Erzählungen, die dem Nutzen (bes. der Lebensklugheit, Erlernung der Staatskunst usw.) dienen, Kâmakathâs, solche, die sich mit der Liebe beschäftigen, Dharmakathâs, solche, die der Religion und Moral gewidmet sind, und Sankîrnakathâs, solche, die gleicherweise die Erlangung aller drei Lebensziele darstellen. Es ist klar, daß die Erzählungen, welche dem Leser in ansprechender Form Regeln der Lebensklugheit vermitteln oder ihn mit den verschiedenen Formen des Liebesgenusses bekannt machen, oft Verhältnisse zu schildern haben, die den moralischen Prinzipien der Jaina-Lehre nicht entsprechen, welche ja den Verzicht auf weltliche Güter und Genüsse und die Führung eines heimat- und besitzlosen Asketenlebens als Ideal verkündet. Die Autoren wurden den Forderungen der Religion dann gewöhnlich in der Weise gerecht, daß sie den Helden der Erzählung am Ende seines abenteuerlichen Lebens, nachdem er alle irdischen Freuden genossen, Mönch werden und so das religiöse Ideal an sich verwirklichen lassen. Die Erzählungen der Jainas sind aber auch noch in anderer Hinsicht mit ihren religiösen Anschauungen durchwoben; nämlich durch die ausgedehnte Verwendung, welche die Seelenwanderungslehre als dichterisches Motiv in ihnen findet. Am Ende vieler Geschichten tritt ein Weiser oder ein Kevalî auf, der dem Helden auseinandersetzt, warum er in dieser seiner gegenwärtigen Existenz gerade diese Menge von Glück und Unglück erfahren habe und alle erfreulichen Erlebnisse auf in früheren Daseinsformen erworbenes Verdienst, alles Leid auf Verfehlungen in einem früheren Leben zurückführt.