Der Jainismus: Eine indische Erlosungsreligion c9.2
Der Jainismus: Eine indische Erlösungsreligion c9.2
- Language
- German
c9.2
Die Lehre der Jainas, soweit sie uns aus ihren maßgebenden Schriften bekannt ist, unterscheidet sich von denen der meisten anderen Religionen in einem sehr wesentlichen Punkte: sie hat anscheinend keine eigentliche Entwicklung durchgemacht. Im Hinduismus erhielt die Religion der Veden und Upanishaden eine ganz veränderte Gestalt unter dem Einfluß der Offenbarungen des Kali-Zeitalters, der Purânas, Âgamas und Tantras; im Buddhismus tauchten neue Sûtras auf und verkündeten die Heilslehre des „Großen Fahrzeuges“, durch welche die im Tripitaka enthaltenen Verkündigungen des Buddha ergänzt und vervollkommnet werden sollten; im katholischen Christentum erfuhr das geschriebene Wort Gottes durch die kirchliche Überlieferung und die kirchliche Glaubensregel seine sukzessive Anpassung an die Bedürfnisse der Gläubigen, — im Jainismus aber ist das Dogma zu allen Zeiten dasselbe geblieben. Die Vorstellungen, welche dem voll ausgebildeten System von heute eigen sind, finden sich in allem Wesentlichen bereits in den ältesten literarischen Urkunden vor, die uns von den Anschauungen der Jainas Kunde geben. Diese Tatsache, die allen Forschern auf diesem Gebiet aufgefallen ist, läßt sich schwer erklären. Die Jainas selbst erblicken in ihr natürlich einen Beweis für die Unübertrefflichkeit ihrer Lehre, die im Gegensatz zu anderen allein dem Wandel der Zeiten Trotz bot, und für die Genauigkeit der Überlieferung, die das überkommene Erbgut rein und unentstellt bewahrte.