Der Jainismus: Eine indische Erlosungsreligion c9.3
Der Jainismus: Eine indische Erlösungsreligion c9.3
- Language
- German
c9.3
Für uns ist die Lösung des Problems schwieriger. Wir können nur annehmen, daß die Ausbildung und Entwicklung des Dogmas in einer Zeit vor sich gegangen ist, aus der wir keine Dokumente besitzen, daß es bereits in den ältesten Schriften, die auf uns gekommen sind, im wesentlichen abgeschlossen war. Da die beiden Konfessionen der Shvetâmbaras und Digambaras in allen die Hauptpunkte des Systems betreffenden Anschauungen völlig miteinander übereinstimmen, muß es als sicher gelten, daß die Lehre schon vor dem großen Schisma, das zu Beginn unserer Zeitrechnung eintrat, im wesentlichen in der Form bestand, wie sie uns heute vorliegt. Man kann aber mit H. Jacobi¹ noch weiter gehen und behaupten, daß sich schon seit der Zeit Bhadrabâhus (um 300 v. Chr.) wenig in der Lehre verändert haben kann, da die Shvetâmbaras ihn als Verfasser vieler autoritativer Werke anführen und er auch bei den Digambaras im höchsten Ansehn steht. Ob und inwieweit sich die Lehre Bhadrabâhus über die Mahâvîras hinaus entwickelt hat, läßt sich nicht entscheiden, ein Grund dagegen, daß die Hauptpunkte der Dogmatik in ähnlicher Form schon von Mahâvîra gelehrt wurden, läßt sich nicht anführen. Es besteht daher m. E. keine Veranlassung, an einschneidende Veränderungen im Dogma zu glauben, so daß damit die Jaina-Tradition, nach welcher das System bereits in nuce von Mahâvîra verkündet worden sein soll, als zu Recht bestehend anerkannt werden kann. Wenn die Überlieferung weiter behauptet, Mahâvîra habe die Lehre nicht erfunden, sondern von dem 250 Jahre vor ihm lebenden Pârshva übernommen und zeitgemäß umgestaltet, so läßt sich hierfür zwar kein positiver Beweis erbringen, doch spricht die Wahrscheinlichkeit dafür, daß dieser Ansicht etwas Tatsächliches zugrunde liegt. Die Beschaffenheit der Lehre selbst stützt jedenfalls diese Annahme, weil der altertümliche Charakter ihres Grundgedankens — daß das Karma von materiellen Partikeln in der Seele hervorgerufen werde — die Hypothese rechtfertigt, daß sie bis in das 8./9. Jh. v. Chr. zurückgeht. Man wird deshalb annehmen dürfen, daß die Lehre, welche im folgenden zur Darstellung gelangen soll, in ihrem Kern bereits um 800 v. Chr. aufgestellt wurde, daß sie etwa zu Beginn unserer Zeitrechnung im großen und ganzen bereits in der heutigen Gestalt vorlag und daß sie in dem seitdem beinahe verflossenen zwei Jahrtausenden in vielen Einzelheiten weiter ausgestaltet und neu formuliert worden ist, jedoch keine einschneidenden Veränderungen durchgemacht hat².