Die Religion des Veda c5.s3.6
Die Religion des Veda c5.s3.6
- Language
- German
c5.s3.6
Man hat im Atharvaveda die Spur von Verfasserkreisen finden wollen, die von denen des Ṛgveda nicht nur der Zeit nach verschieden sind: neben den Priestern scheinen hier die niederen Volksschichten zu Wort zu kommen. Darin liegt etwas Richtiges; es ist klar, daß der Vorstellungskreis, in dem sich Krankheitszauber oder Liebeszauber oder Hochzeitsgebräuche bewegen, an sich nicht jenen exklusiv priesterlichen Charakter haben kann wie die liturgische Poesie des Somaopfers. Aber der Leser des Atharvaveda wird doch den Eindruck haben, daß auch das ursprünglich Volksmäßige hier durch priesterliche Hände gegangen ist. Wie ist z. B. das große Hochzeitslied und die Masse der Hochzeitssprüche von vedischer Gelehrsamkeit, theologischer Symbolhascherei durchtränkt. Wie verrät sich in Vergleichungen und Beiworten immer wieder der priesterliche Horizont der Verfasser. Der Dichter, der sich durch einen Zauberspruch Verstand (*medhā*) zu eigen machen will, ruft den Verstand „den heiligkeitsreichen, heiligkeitsbewegten, den die weisen Sänger gepriesen, davon die frommen Schüler getrunken haben“ (VI, 108, 2). Der Verfasser von Sprüchen gegen Feldungeziefer treibt dieses fort, daß es das Getreide unberührt lasse, wie der Brahmane unfertige Opferspeise (VI, 50, 2). Und vollends wenn man über die Zauberlieder hinausgeht, findet man auf Schritt und Tritt solche Musterstücke priesterlicher Schulweisheit wie etwa das Lied von den Speiseresten (*ucchiṣṭa* XI, 7) — vermutlich handelte es sich um Reste, die der Priester erhalten hatte oder zu erhalten wünschte —: in den Speiseresten wohnt die Kraft sämtlicher Opfer; und nun folgt eine lange Aufzählung aller möglichen Opfer mit ihren Haupt- und Nebenformen, der verschiedenen Teile des liturgischen Liedvortrages usw.; das alles ist mit seiner geheimen Kraft in die Speisereste eingegangen. Man bedenke weiter die ganze Masse jener unaufhörlichen Anpreisungen des Himmelslohns und der ganzen mystischen Herrlichkeit, die mit der Honorierung und Speisung der Priester verknüpft ist: alles dies und vieles andere muß zu der Meinung führen, daß die Verfasserkreise des Atharvaveda ihrer sozialen Stellung nach nicht weit von denen des Ṛgveda zu suchen sind.
Linked texts (1)
- Atharvavedasaṃhitā — Atharvan & Aṅgiras, Sanskrit