Die Religion des Veda c6.s1.1
Die Religion des Veda c6.s1.1
- Language
- German
c6.s1.1
Die Mächte, auf die sich religiöses oder dem religiösen ähnliches Tun des vedischen Inders bezieht, sind mannigfacher Art. Da sind unpersönliche oder höchstens schattenhafter Persönlichkeit sich nähernde, als Substanzen oder Fluida vorgestellte Kräfte, wie die Festigkeit, die im Stein wohnt, Krankheiten und Schädlichkeiten aller Art, die Heiligkeit und Wirkenskraft des heiligen Worts, der Zauberformel, die geheimen Kräfte der Zahlen und ähnliches: was alles zu Freund und Feind hinzuleiten oder von dort wegzuleiten des Priesters und Zauberers Aufgabe ist. Weiter verlangen die Seelen der Gestorbenen — von Angehörigen oder von Feinden — bald als Beschützer, bald als Schadenstifter Pflege oder Abwehr. Lebendiges Dasein, dem Menschen freundlich oder feindlich, erfüllt die ganze Welt, Himmel und Erde, Berg, Wald, Baum und Getier, das irdische Wasser und das himmlische Wasser der Wolke. Leben wohnt selbst in dem von Menschenhand verfertigten Gegenstand. Der Kämpfer verehrt den Gott Streitwagen, den Gott Pfeil, die Trommel, der Pflüger die Pflugschar, der Spieler die Würfel, der Opferer — über den sind wir natürlich am genauesten unterrichtet — den Preßstein, der den Soma preßt, die Streu, auf der sich die Götter niederlassen, den Pfahl, an den das Opfertier gebunden wird. Sodann wirken auf das menschliche Dasein Dämonen ein, die von der Beziehung auf solche Naturwesenheiten und Gegenstände oder auch vom Ursprung aus Seelen Verstorbener vollständig oder annähernd losgelöst in Menschengestalt, Tiergestalt, irgendwelcher Ungestalt frei sich bewegend Heil und Unheil bringen. Über die niederen Gebilde aller der verschiedenen Gattungen erhebt sich die Welt der höheren Götter. Diese tragen, nicht überall und nicht in jedem Fall gleich stark ausgeprägt, im ganzen aber unbedingt vorherrschend, den Charakter des Anthropomorphismus. Sie sind zu mächtiger Größe und Herrlichkeit gesteigerte Menschen, mit menschlichen Leidenschaften, zwar nicht wie die Menschen dem Tod unterworfen, aber geboren wie Menschen. So waren wohl schon die Götter des indoeuropäischen Volks gestaltet, wenigstens in der Periode, die der Völkertrennung näher voranging: der Vater Himmel, der heldenhafte Gewittergott, die jugendlich schönen Dioskuren.