Die Religion des Veda c6.s1.3
Die Religion des Veda c6.s1.3
- Language
- German
c6.s1.3
Längst ist, durch viele Vorstufen hindurch, im vedischen Indien der typisch ausgeprägte Zustand des religiösen Wesens erreicht, für den das Voranstehen der in der obigen Übersicht (S. 38 f.) an letzter Stelle genannten Wesenheiten, überragend großer, durch Gebet und Opfer verehrter Götter charakteristisch ist. Ganz überwiegend sind diese Götter, oder waren es wenigstens in vorvedischer Zeit, vergöttlichte Naturwesen, die Handelnden in den großen Naturbegebenheiten. So haben wir uns hier mit dem Verhältnis zu beschäftigen, in dem sie zu ihren Natursubstraten stehen. Dies Verhältnis ist bei den verschiedenen Göttern merklich verschieden, die Verselbständigung und Vermenschlichung des Gottes jenem Substrat gegenüber bald zurückgeblieben bald weiter fortgeschritten. Der Feuergott Agni beispielsweise steht in diesen Beziehungen wesentlich anders da als der Gewittergott Indra, der Sonnengott Mitra anders als der Sonnengott Sūrya. Neben mancherlei sonstigen Momenten wie dem Einfluß des Namens, der die Identität des Gottes mit dem Naturobjekt ausdrückt oder nicht ausdrückt, dem Einfluß des Alters der betreffenden Vorstellungen, des Gegensatzes selbstentwickelter und von außen übernommener Götter, endlich — wir kommen darauf noch zurück — des Eingreifens vom Naturdasein abliegender, etwa ethischer Interessen scheint mir für diese Verschiedenheit auch die Gestalt des betreffenden Natursubstrats selbst von erheblicher Bedeutung zu sein. Man vergleiche etwa das des Agni oder der Uṣas (Morgenröte) mit dem Indras. Das Feuer, die Morgenröte bietet eine klare, in sich vollständige Erscheinung; man sieht Agni oder Uṣas. Im Gewitter aber wird die Gestalt Indras¹ nicht sichtbar. Man sieht die dunkeln Berge der Wolken, aus denen Indra die Wasser befreit; man sieht die Wasser; man sieht des Gottes blitzende Waffe: aber wo ist er selbst? Hier bleibt eine Lücke, und diese füllt der mythenbildende Geist mit der Gestalt eines Helden² aus, der um so menschenähnlicher³ vorgestellt wird, je weniger ein von der Natur gegebener Umriß die Einbildungskraft einschränkt. Auch ein zeitliches Moment wird hier mitwirken. Die beständige Gegenwart Agnis, das regelmäßige Kommen und Gehen der Uṣas legt der mythischen Anschauung einen Zügel an, während ihr auch von dieser Seite her in bezug auf Indra Freiheit gelassen ist: es gewittert nicht immer, nicht zu regelmäßigen Zeiten — gewiß hat Indra sich nach unberechenbarer Laune hierhin und dorthin begeben; er vollbringt Taten, die mit dem Gewitter nichts zu schaffen haben und nur denselben Charakter heroischer Erhabenheit zeigen. So ist es möglich, daß über der starken Akzentuierung dieses menschengleichen Wesens, das die mythischen Vorstellungen in eigene, neue Bahnen lockt, der Zusammenhang mit dem ursprünglich im Zentrum stehenden Naturereignis vergessen wird, während das Verständnis etwa für Agnis Wesen angesichts des beständig gegenwärtigen Naturobjekts unmöglich erlöschen konnte.