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Die Religion des Veda c6.s2.26

Die Religion des Veda c6.s2.26

Language
German

c6.s2.26

Ein anerkanntes Oberhaupt hat die Götterwelt nicht, oder es finden sich doch zu einer solchen Vorstellung nur Ansätze¹). Bald erscheint der eine, bald der andere Gott als mächtigster, höchster — wir kommen auf dies Schwanken noch zurück —: besonders aber sind es zwei Götter, die über die anderen hervorragen, Indra und Varuṇa. Ist es schon an sich vollkommen begreiflich, daß aus verschiedenen Sphären des Naturlebens sich Göttergestalten so mächtig emporhoben, daß für keine von ihnen eine geringere Stelle als die erste hoch genug schien, so kommt, um die Konkurrenz zwischen Indra und Varuṇa zu erklären, vielleicht — wenn unten vorzutragende Vermutungen über die Vorgeschichte Varuṇas²) zutreffen sollten — noch ein besonderes Moment hinzu: neben dem aus indoeuropäischer Vorzeit ererbten Indra steht Varuṇa aus der Fremde stammend; der Glaube verschiedener Völker hat in jenem und in diesem eine solche Machtfülle niedergelegt, daß, sobald beide sich begegneten, sie sich als Rivalen die erste Stelle streitig machen mußten. Diese Begegnung fand in indoiranischer Zeit statt, und so liegen die älteren Phasen des Streites, der hier gespielt haben wird, für uns im Dunkel. Was wir sehen ist dies, daß in Iran Varuṇa — der Ahura des Awesta — den Sieg davongetragen hat, der ihm, dem höchsten Herrn von Recht und Reinheit, insonderheit auf dem Boden der zarathustrischen Lehre nicht entgehen konnte. Im Veda dagegen steht Indra im Vordergrund. Wohl erhebt manches Wort in den an Varuṇa gerichteten Liedern auch diesen auf die höchste Höhe, und viele Vergleichungen zwischen beiden Göttern — vor allem das sogleich zu betrachtende Kampfgespräch — zeigen, daß man Varuṇa vor allen anderen als Rivalen der Größe Indras ansieht. Aber der Schwerpunkt des Kultus und der religiösen Poesie fällt doch auf die Seite Indras. Bei den Opfern der kriegerischen Fürsten, für welche die Sänger dichten, muß die Bitte um Macht und Sieg, um diese Gaben Indras, das Verlangen nach Vergebung der Sünden, der Gnade Varuṇas, übertönen. Und die liturgische Poesie gilt vornehmlich dem Somaopfer; der große Somatrinker aber ist Indra. So tritt neben Indras Preis der Gedanke an die Hoheit Varuṇas doch nur im einzelnen Moment für den vedischen Dichter in den Vordergrund, etwa wo Nachsinnen über die höchsten Ordnungen der Welt ihn hervorruft oder das Gefühl des Verfolgtseins durch den Zorn des sündenstrafenden Gottes¹).