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Die Religion des Veda c6.s2.8

Die Religion des Veda c6.s2.8

Language
German

c6.s2.8.1

Anders als bei dieser angeblichen Synonymie etwa von Sūrya („Sonne“) und Savitar („Erreger“), welche beiden Ausdrücke sehr wohl von Haus aus dem Kreis derselben Verehrer angehört haben können, liegt der Fall da, wo sich religiöse Besitztümer verschiedener Familien, Stämme, vielleicht Nationen vermischen²). Daß Derartiges auch in der Vorgeschichte der Vedareligion eine Rolle gespielt haben kann, ja muß, liegt auf der Hand. In den Zeiten der vorgeschichtlichen Wanderungen müssen fremde Elemente in den Arierglauben hineingelangt sein: unten im Abschnitt über die Ādityas wird eine Vermutung in dieser Richtung vorgelegt werden, die, wenn zutreffend, die Dublette einerseits des Sonnen- und Mondgottes Sūrya und Mās, anderseits des — ursprünglichen — Sonnengottes Mitra und Mondgottes Varuṇa erklärt. Weiter muß dann auf indischem Boden der Glaube der Urbewohner Einfluß geübt haben¹). Und Vorstellungen, die unter verschiedenen Arierstämmen heimisch waren, müssen zusammengeflossen sein.

c6.s2.8.2

Wie die vedische Sprache Spuren von Dialektmischungen zeigt und uns gewiß noch mehr solche Spuren zeigen würde, besäßen wir aus dem ältesten Indien so wie aus dem alten Griechenland epigraphische Überlieferung über das Aussehen der Dialekte, so würden wir ohne Zweifel auch Spuren sozusagen religiöser und mythologischer Dialektverschiedenheiten in größerer Reichlichkeit als jetzt der Fall ist finden, gäbe es nur Überlieferungen, die es uns erleichterten solche Spuren herauszuerkennen: Überlieferungen, die wie in Griechenland oder Ägypten so auch in Indien lokale Besonderheiten der Kulte festhielten und auf diese Weise das Zusammentreffen des von verschiedenen Seiten Herstammenden klarzulegen erlaubten. Solche Überlieferungen aber sind eben das, was uns fehlt. Von geringen Ausnahmen abgesehen²) mangeln dem Bilde des vedischen Glaubens und Kultus alle lokalen, bodenständigen Züge. Wir hören nicht vom Kult des Pūru- oder des Turvaśastammes, sondern nur vom Kult der Arier im allgemeinen. Es scheint, daß die brahmanischen Sänger und Sängerfamilien mit den einzelnen Stämmen, im ganzen wenigstens, nicht sehr fest verwachsen waren, sondern wie die wechselnden Zeitläufte es mit sich brachten, bald hier bald dort ihre Kunst übten. Unter diesen Umständen ist es begreiflich, daß ein Auseinanderhalten der von der einen und von der anderen Seite stammenden Faktoren innerhalb des Gesamtkomplexes des vedischen religiösen Wesens schwer gelingen kann.

c6.s2.8.3

Vielleicht urteile ich über die Zukunftsaussichten, die der Forschung hier aufgetan sind, allzu pessimistisch. In jedem Fall halte ich die bisher in dieser Richtung gemachten Versuche für wenig erfolgreich¹). Wenn beispielsweise den Aśvin anscheinend ursprünglich nicht wie dem Indra Soma dargebracht wurde, sondern Honig, dürfte es doch höchst gewagt sein, hierauf die auf einen späten grammatischen Text sich stützende Beobachtung anzuwenden, „daß man Völker in Indien nach Tränken unterschied . . .; verschieden wie der nationale Trank, waren die Götter, denen man ihn weihte“²). Im Fall der Aśvin müßten nun die Beiträge der verschiedenen Nationen schon lange vor der vedischen Zeit zusammengeflossen sein; man bedenke die Daten des Awesta und der Funde von Boghazköi (oben S. 24). Aber wohnt denn wirklich dem Schluß von verschiedenem Trank auf verschiedene Nationalität irgendwelche Überzeugungkraft bei? Kann nicht innerhalb desselben nationalen Vorstellungskreises das verschiedene Wesen zweier Götter, etwa ihr Zusammenhang mit verschiedenen Naturerscheinungen, es mit sich bringen, daß sie, wie sie verschiedene Opfertiere essen, so auch Verschiedenes trinken — der wilde Gewitterer den stürmisch erregenden Rauschtrank, die tauspendenden Morgengötter den dem Tau wesensgleichen Honig?

c6.s2.8.4

Ebenso lebhafte Zweifel bleiben mir, wenn versucht wird, die „Verehrer Pūṣans“ geographisch zu lokalisieren, oder wenn gewisse Elemente des vedischen Kultus „aus den Kreisen der Viṣṇuiten“ hergeleitet werden³). Freilich mag ja in allerletzter Instanz die Konzeption des Pūṣan, des Viṣṇu auf einen bestimmten Kreis von Verehrern, ja auf ein bestimmtes Individuum zurückgehen. Aber welch weiter Schritt ist von da bis zu dem Glauben, daß solche erste Verehrer Viṣṇus nun „Viṣṇuiten“ und nicht ebensogut auch Anbeter Indras und Varuṇas gewesen seien, und vollends bis zu der Überzeugung, daß eine Sonderstellung von Anhängern des einen oder anderen Gottes bis an den Horizont der vedischen Welt heran und in ihn herein reiche, daß etwa aus dem Auftreten von ein paar Pūṣanhymnen mehr oder weniger innerhalb der einzelnen Bücher des Ṛgveda Schlüsse über „den eigentlichen Sitz des Pūṣankultus“¹ gezogen werden können. Es ist gewiß verständlich, daß gegenüber der an Hindeutungen auf Geschichtliches so armen vedischen Überlieferung der Wunsch des Forschers besonders lebendig ist, auch Unscheinbarstes da nicht zu übersehen. Aber ich fürchte, daß dieser Wunsch nur allzu leicht uns als Spur geschichtlicher Vorgänge erscheinen lassen kann, was diesen Namen in Wahrheit nicht verdient. —