Die Religion des Veda c7.s3.50
Die Religion des Veda c7.s3.50
- Language
- German
c7.s3.50
Halten wir uns nun ferner an den oben verfochtenen Ansatz der Ādityas auf sieben, so gelangen wir, scheint es, noch zu einer weiteren Konsequenz. Neben den zwei großen Ādityas stehen fünf kleine. So stehen neben Sonne und Mond die fünf Planeten¹). Daß dieser Götterkreis freilich indoeuropäisches Erbteil sei, wird man schwerlich annehmen wollen. So stark sich auf diesem Gebiet die Übereinstimmung zwischen Indien und Iran akzentuiert, so dürftig steht es hier mit Vergleichungen, die das weitere indoeuropäische Gebiet betreffen²). Man halte daneben die Verhältnisse, die bei altererbten Gestalten wie Indra oder den Aśvin oder den alten Elementen des Soma vorliegen: man wird sich des Eindrucks nicht erwehren können, daß bei so hervortretenden Gottheiten wie Varuṇa und den Ādityas doch sicherere Spuren ihrer Existenz außerhalb Indiens und Irans zu erwarten wären, als wir tatsächlich antreffen. So werden wir annehmen, daß das indoiranische Volk diese Götter entweder selbst geschaffen oder von auswärts aufgenommen hat. Nun erwäge man, daß jenes Volk einen Sonnengott und Mondgott von alters her besaß, die als solche auf das unverkennbarste charakterisiert waren und „Sonne“ und „Mond“ hießen. Hier nun erscheint ein zweiter Sonnengott; hier erscheint ein Mondgott, dessen Naturbedeutung allem Anschein nach schon in indoiranischer Zeit über ethischen Attributen vergessen oder nahezu vergessen war; hier treten weiter, scheint es, in diesem Kreise höchster Herren der Welt, gleichfalls ihrem ursprünglichen Wesen nach unverständlich geworden, Götter der fünf Planeten auf, um die sich das vedische wie das awestische Volk kaum bekümmerte¹), und die überdies im iranischen Glauben zu den bösen Mächten gerechnet wurden. Ist es da nicht wahrscheinlich, daß die Indoiranier hier von einem Volk, das ihnen in der Kenntnis des gestirnten Himmels überlegen war, also aller Vermutung nach von einem Volk, das dem babylonischen Kulturkreis angehörte ¹), entlehnt haben — entlehnt als etwas vielleicht von Anfang an nur halb Verstandenes ²)? Und wenn man die Götterwelt des Veda daraufhin überblickt, empfängt man nicht in der Tat den Eindruck, daß dieser festgeschlossene Kreis von Lichtwesen sich von den übrigen vedischen Göttern als etwas Eigenartiges, Fremdes abhebt? Ist nicht Varuṇa neben Indra, der weltbeherrschende Souverän neben dem starken, durstigen Dreinschläger — wir berührten diesen Gegensatz schon oben (S. 181) — der Repräsentant einer älteren, höheren Kultur, der Zeuge einer belebenden Berührung des Volks, das damals noch vor der Schwelle Indiens stand, mit der Kultur westlicherer Nationen? Früher, scheint es, als die indoeuropäischen Völker waren jene zum Ernst ethischer Lebensbetrachtung herangereift: ist es ein Zufall, daß es gerade diese vielleicht von ihrem Einfluß berührte Stelle ist, wo der Glaube an die gewaltig wirkenden Naturmächte die entschiedenste Richtung auf das Ethische nimmt?