Astronomie, Astrologie und Mathematik c3.s3.9
Astronomie, Astrologie und Mathematik c3.s3.9
- Language
- German
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Eben auf Grund dieses Umstandes, dass augenscheinlich schon in der Brāhmaṇa-Periode auf irgend welche Weise Einklang zwischen Sonnen- und Mondzeit erhalten wurde, erhebt sich nun die Frage, ob sich nicht aus dem System der von den Vollmond-Nakṣatras gebildeten Monatsnamen ein Schluss machen lasse auf die Zeit, in der sich dieses System zuerst ausbildete. Was hier sofort auszuschliessen ist, ist der Gedanke, dass sich aus dem Faktum der Auswahl von 12 bestimmten Nakṣatras zum Behuf der Namengebung (mit Ausschluss der anderen 15) irgend ein Resultat ergeben könne. Der Mond wird weder, noch wurde er in irgend einer Periode gerade nur in diesen Nakṣatras voll, sondern Vollmond findet in allen Nakṣatras statt, in fortwährend wechselnden und sich periodisch wiederholenden Reihenfolgen; die Auswahl der 12 Nakṣatras war daher eine willkürliche, natürlich in gewissen Schranken gehalten durch die Rücksicht auf im ganzen gleiche Abstände. Dagegen verdient die Frage in Erwägung gezogen zu werden, sich etwa aus der Verbindung bestimmter Vollmond-Nakṣatras mit den Jahreszeiten erschliessen lassen möchte.
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Diese Frage ist, in einer besonderen Fassung, schon seit dem Anfang der europäischen Sanskritstudien behandelt worden, nämlich im Anschluss an die im Jyotiṣa-Vedāṅga und ähnlichen Werken enthaltene Angabe — von welcher Varāha-Mihira zuerst bestimmt erklärt, dass sie sich mit den Verhältnissen der Gegenwart nicht mehr im Einklang befinde, — dass die Sonne ihren nördlichen Gang von dem Anfang des Nakṣatra Śraviṣṭhās beginnt. Über das Jyo.Ved. wird unter unserer zweiten Periode berichtet werden; hier müssen wir soviel vorausnehmen, dass dies kleine metrische Werk die Stellung eines autoritären astronomischen Hilfsbuches einnimmt, nach dessen Regeln die richtigen Zeiten für die Opfer zu berechnen sind. Seinen Lehren nach gehört das Werk in die vorgriechische Periode der indischen Astronomie und wird natürlich schon seit vielen Jahrhunderten nicht mehr praktisch benutzt, ist aber aus seiner nominellen Stellung als »Vedāṅga« nie durch andere Werke verdrängt worden. Über seine Ursprungszeit können wir nur vermuten, dass es in der Periode entstand, als das Bedürfnis sich geltend machte, alles auf das Opfer Bezügliche in möglichst festen und concisen Regeln auszuarbeiten, also in der Sūtraperiode und zwar — nach seiner Form zu schliessen — gegen das Ende dieser Periode; und es mag daher als der Vertreter der Ansichten über Sonnen- und Mondlauf und Anordnung des Kalenders angesehen werden, die sich im Laufe der Sūtraperiode in den Priestergemeinden befestigt hatten.
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Dass sich das Alter des Vedāṅga selbst aus der obigen Angabe der Lage der Solstizien erschliessen lassen sollte, sind wir nicht berechtigt anzunehmen, denn solche Angaben pflanzen sich traditionell fort und erhalten sich in Ansehen lange, nachdem sie aufgehört haben richtig zu sein. Es mag hier darauf verwiesen werden, dass noch zur Zeit Varāha-Mihiras im 6. nachchristlichen Jahrhundert ein Paitāmaha-Siddhānta in Geltung war, der genau die erwähnte Angabe über die Lage der Solstizien enthielt. Aber es ist wenigstens wahrscheinlich, dass die ursprüngliche Angabe aus einer Zeit stammt, in der die wirklichen Verhältnisse ihr einigermassen entsprachen. Die Schwierigkeiten aber, die einer Ermittlung jener Zeit im Wege stehen, sind gross. Wo haben wir uns den Anfang von Śraviṣṭhās vorzustellen? Der feste Punkt, den uns die spätere Astronomie der Inder für solche Berechnungen an die Hand gibt, ist, dass in der Periode der Siddhāntas — und bis auf die Gegenwart herab — die Teilung des Zodiaks in Nakṣatras von — oder von einem Punkte ganz nahe bei — dem kleinen Sterne ζ Piscium ausgeht; es endet hier das Nakṣatra Revatī und beginnt das Nakṣatra Aśvinī. Wir können daher, von diesem Punkte aus rechnend, bestimmen, wo der Anfang des Nakṣatra Śraviṣṭhās liegt und können dann mit Hilfe unserer Kenntnis des Wertes der Präcession leicht berechnen, um welche Zeit das Wintersolstitium an letzterem Punkte lag;
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schon die früheren Forscher im Gebiete der indischen Astronomie haben, in dieser Weise vorgehend, die in Rede stehende Bestimmung dem 12. vorchristlichen Jahrhundert zugeschrieben. Es ist nun aber schon seit langem darauf hingewiesen worden, dass es höchst misslich scheint, sich des von den Siddhāntas anerkannten Ausgangspunktes zu bedienen, wo Bestimmungen aus viel früheren Jahrhunderten in Frage kommen. Es ist nicht zweifelhaft, dass der kleine Stern ζ Piscium zum Anfangspunkt der Sphäre erhoben wurde um die Zeit, als er mit dem Punkte des Frühlingsäquinoctiums zusammenfiel, d. h. etwa im Laufe des 6. nachchristlichen Jahrhunderts; dass er aber schon in einer früheren Periode, wo dieser Grund noch nicht vorlag, den Anfang von Aśvinī gebildet haben sollte, ist sehr wenig wahrscheinlich; und der erste Punkt dieses Nakṣatra liesse sich mit viel grösserer Plausibilität mehr nach Osten, nahe bei beiden Sternen, welche Aśvinī ausmachen, ansetzen. Weiter aber ist zu bedenken, dass wirklich gar kein Grund vorliegt, bei der Angabe des Jyo. Ved. über den Ort des Wintersolstizes überhaupt Aśvinī in Betracht zu ziehen; da sich diese Angabe direkt auf Śraviṣṭhās bezieht, scheint es jedenfalls geratener, sich an dies Sternbild zu halten. Wann der Punkt des Solstizes etwa mit dem Mittelpunkt dieses Sternbildes gleiche Länge hatte, lässt sich ohne Mühe bestimmen;
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aber hier müssen wir uns wieder fragen, ob denn die Leute, von denen die Angabe herrührt, überhaupt daran dachten, ausserhalb der Ekliptik liegende Konstellationen vermittelst von dem Pole der Ekliptik ausgehender Kreise auf die Ekliptik zu beziehen, und ob, wenn sie daran dachten, sie im stande waren, dies mit irgend welcher Genauigkeit zu thun. Dass wir überhaupt mit dem Sternbild Śraviṣṭhās in dieser Weise operieren dürfen, ist ein weiterer zweifelhafter Punkt; denn es ist ganz klar, dass das Vedāṅga und ähnliche Texte unter ihren Nakṣatras künstliche Abteilungen der Sphäre von gleichem Umfang verstehen, und der »Anfang« eines Nakṣatra mag demnach einen ganz beträchtlichen Abstand in Länge von dem Sternbild gehabt haben. Dazu kommen dann schliesslich noch die Schwierigkeiten einer irgendwie genauen Bestimmung des Ortes des Wintersolstizes in jener alten Zeit, als sich eine wissenschaftliche Astronomie noch nicht entwickelt hatte. Ziehen wir all dies in Betracht, so können wir nicht umhin, mit WHITNEY zuzugestehen, dass die Bestimmung des Solstizes in Jyo. Ved. möglicherweise ein halbes Jahrtausend früher oder ein halbes Jahrtausend später gemacht sein worden mag als im 12. vorchristlichen Jahrhundert.