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Indische Palaographie von circa 350 a. Chr. – circa 1300 p. Chr. c32.s3: § 8. Suśruta

Indische Paläographie von circa 350 a. Chr. – circa 1300 p. Chr. c32.s3

Language
German

§ 8. Suśruta

c32.s3.1

— Die Bowerhs. (§ 13) zeigt, dass schon im 5. Jahrhundert Suśruta (Su.) nicht nur wie Ātreya und Hārīta als einer der ältesten Ṛṣis auf dem Gebiet der Medicin, sondern auch als der sagenhafte Autor einer Schrift über den Knoblauch und andere Heilmittel galt, deren Inhalt sich (wie auch die anderen medicinischen Werke der Bowerhs.) mit dem Inhalt der bekannten, von Su., dem Sohne des Viśvāmitra, verfassten Suśrutasaṃhitā (Āyurvedaśāstra) nahe berührt. In Hinterindien war zur Zeit des Königs Yaśovarman von Kamboja (889—910) der Name des Su. als der eines ausgezeichneten Arztes (*vaidya*) sprichwörtlich, wie ein Wortspiel in den Inschriften dieses Königs beweist¹. Ebenfalls um 900 wird Su. nach einer arabischen Übersetzung von dem berühmten arabischen Arzt Rāzī (Rhazes) in einer Weise citirt, dass man sieht, diese Übersetzung kann wirklich auf der Suśrutasaṃhitā² basirt haben, wie auch das indisch-arabische Werk von Sānāq über die Gifte (c. 910—20) stark an Su. 5, 1 erinnert³. Schon der Barmekide Yaḥyā ibn Chālid († 805), der von Buddhisten abstammte, ordnete die Übersetzung des Su. an. Auch die Nachrichten des Chinesen I-tsing (§ 10) beweisen die Existenz eines unserem Su. ähnlichen Werkes mindestens im 7. Jahrhundert n. Chr. Durch diese auswärtigen Zeugnisse werden die in § 5 f. angeführten Daten, denen man noch Su.s Erwähnung im Mahābh. beifügen kann, bestätigt.

c32.s3.2

¹ BERGAIGNE, Inscr. sanscrites de Campā et du Cambodge (Paris 1893) 2, 218, p. 398

c32.s3.3

² LIÉTARD, »Suçruta« (Dict. Encycloped. des Sciences Médicales). — Nach der verbesserten 3. Auflage von JĪB. VIDY.s Ausgabe (Calcutta 1889, 12, 915 S.). Über andere Ausgaben (erste Ausgabe Calcutta 1835 f.) s. die Kataloge von HAAS-BENDALL und ROST und die OB.

c32.s3.4

³ A. MÜLLER, ZDMG. 34, 475, 544 ff.

c32.s3.5

Für den jetzigen Bestand des ganzen Su. bürgen allerdings nur die Commentare, insbesondere die Bhānumatī des Cd. (11. Jahrh.?) und der Nibandhasaṃgraha des Ḍallaṇa (Ḍ., etwa 12. Jahrh.)⁴. Als der älteste ihrer Vorgänger wird gewöhnlich Jaiyyaṭa (Jaijjaṭa) betrachtet⁵. Auf Grund seines Commentars nahm Candraṭa, der Sohn des Tisaṭa (§ 3), eine Revision (*pāṭhaśuddhi*) des Textes des Su. vor⁶. Auch aus Ḍ. (z. B. zu Su. 3, 2, 43) kann man entnehmen, dass Jaiyyaṭa manche Stellen anders las und überhaupt grosse Discrepanzen in den Hss. bestanden. Aus der Bhānumatī lassen sich nach HOERNLE manchmal noch die ursprünglichen Lesarten herstellen. Die textkritischen Fragen sind oft sehr schwierig. So kann man aus Su. 1, 1, 29 und 1, 4, 4 den Schluss ziehen, dass es ursprünglich nur 120 *adhy.* in 5 *sthāna* waren und dass das letzte Buch (*uttarasthāna*) eine spätere Zuthat ist, wie auch A. nur aus 120 *adhy.* besteht. Allein in A. kommen die 120 *adhy.* nur heraus, wenn man das *uttarasthāna* dazu rechnet, und einen solchen 6. Teil enthält auch schon S. Für das hohe Alter unseres Werkes spricht auch das Fehlen des Opiums unter den Heilmitteln, des Pulsfühlens bei den ärztlichen Untersuchungen, der Pocken als besonderer Krankheit; auch sind die Arzneien grösstenteils vegetabilischer Natur und die wenigen Stellen über Quecksilbermittel⁷ vielleicht interpolirt. Die aus Prosa und Versen gemischte Sprache ist nicht so altertümlich wie in der Bowerhs., erinnert vielmehr an Varāhamihira (6. Jahrh.), kann aber modernisirt worden sein.

c32.s3.6

⁴ Bhānumatī und Nibandhasaṃgraha zusammen in den Ausgaben von GANGAPRASAD SEN (15 Hefte, bis Su. 1, 43, 5 reichend, Calcutta 1888 ff., 648 S., die in HOERNLES Übersetzung

c32.s3.7

Über den Inhalt orientirt die Inhaltsübersicht Su. 1, 3. Der erste Teil (*sūtrasthāna*) ist grundlegend und handelt von allgemeineren Fragen wie Entstehung und Einteilung der Medicin, Ausbildung der Ärzte, Arzneimittellehre, Diätetik u. dgl., aber auch speciell von der Chirurgie und Wundbehandlung, die nach Su. der wichtigste Teil der Medicin ist, weshalb Dhanvantari, der Wundarzt der Götter, als der eigentliche Verfasser gilt. Der 2. Teil (*nidānasth.*) handelt über Pathologie, der 3. (*śārīrasth.*) über Anatomie und Embryologie, der 4. (*cikitsāsth.*) über Therapie, der 5. (*kalpasth.*) über Toxikologie, der 6., ergänzende Teil (*uttarasth.*) über Ophthalmologie und andere vorher noch nicht erledigte Teile der Therapie, sowie ganz kurz über Hygiene u. s. w.⁸ benutzte Ausgabe) und Bijayaranta Sen und Nishikanta Sen (14. Heft 1893). Eine vollständige Ausgabe des Nibandhas. veröffentlichte Jib. Vidy. (Calcutta 1891, 1377 S., dazu Roth, ZDMG. 49, 138—40), eine bis Su. 4, 20, 4 reichende, auch den Text des Su. umfassende Abinash Chunder Kaviratnya und Chunder Coomar Goopta (Calcutta 1885 ff., 1074 S.). — 5 Vgl. Roth l. c. 139; Hemādri, IO. 932. — 6 IO. 928. — 7 Cordier, Quelques données nouvelles 2; Jolly, ZDMG. 54, 263. — 8 Übersetzungen: Hessler, Suśrutas (Erlangen 1844 ff., 3 Bände und 2 Hefte, 206, 208, 186, 24, 10, 106 S.), lateinisch: verfehlt, vgl. Weber, IStr. 2, 87—90; A. M. Kunte, Charaka edited and Suśruta translated (Bombay 1876 f., 216, 68 S., bis Su. 1, 8 reichend), dazu Weber, l. c. 3, 591—3; The Suśruta-Saṃhitā, transl. by U. C. Dutt (Calcutta 1883 ff., Bibl. Ind., 192 S., bis Su. 1, 42); Fortsetzung hierzu von A. C. Chattopadhyaya (Calcutta 1891, p. 193--288, bis Su. 1, 46). The Suçruta-Saṁhitā, transl. by A. F. R. Hoernle (Calcutta 1897, Bibl. Ind., 98 S., bis Su. 1, 14). Vgl. auch Haas, Über die Ursprünge der indischen Medizin, mit besonderem Bezug auf Suśruta, ZDMG. 30, 617--70; Derselbe, Hippokrates und die indische Medizin, l. c. 31, 647—66; Weber, I. Lit.² 286, Nachtr. 13; A. Müller, l. c. 464—556; Dutt, Mat. Med. VIII f.; Liétard, Suçruta (s. o.); Cordier, Nāgārjuna et l'Uttaratantra de la Suçrutasaṃhita (Anantarivo 1896, 7 S.).

c32.s3.8

§ 9. Caraka. — In chinesischen Quellen erscheint Caraka (C.) als der Leibarzt des berühmten Königs Kaniṣka (c. 100 n. Chr.), dessen Gemahlin er bei einer schweren Entbindung als Geburtshelfer beisteht¹. Die arabischen Quellen kennen C. auch als medicinischen Autor, der zuerst aus dem Indischen in das Persische, dann (c. 800) aus dem Persischen in das Arabische übersetzt worden war². Was Alberuni nach dieser Übersetzung aus C. anführt, z. B. über sein Verhältnis zu Agniveśa und über die Entstehung des Āyurveda³, stimmt mit unserem C. überein. Nach der indischen Überlieferung, die auch Alberuni kennt, ist C. der älteste Autor⁴. So bildet Vāgbhaṭa das Compositum *Caraka-Suśrutau* (nicht umgekehrt); im Bh. ist C. eine mythische Figur, älter als Dhanvantari, der Arzt der Götter, und Su.; auch der Prasthanabheda (IS. 1, 21) nennt C. vor Su.; H. (§ 7) versetzt C., Su. und Vāgbhaṭa, die auch als die »Trias der Alten« (*vṛddhatrayī*) bezeichnet werden, successive in die drei späteren Weltalter. Ausserhalb der medicinischen Litteratur wird C. dreimal von dem durch I-tsing fixirten Grammatiker Bhartṛhari citirt, was ihn mindestens in die Zeit vor 650 n. Chr. bringt⁵. Der Name C. erinnert an die alte vedische Schule der Caraka (vgl. auch Kapiṣṭhala C. 1, 1, 3). Chronologisch wäre also gegen die Identificirung mit Kaniṣkas Leibarzt nicht viel zu sagen.

c32.s3.9

Für den jetzigen Bestand der Carakasaṃhitā garantirt freilich, gerade wie bei Su., nur ein von Cd. im 11. Jahrh. verfasster Commentar, die Āyurvedadīpikā oder Carakatātparyaṭīkā⁶. Der ältere, von Cd. und anderen alten Autoren citirte Commentar des Haricandra⁷ oder Hariścandra⁷ ist anscheinend verloren. Trotz der alten Commentare ist der Text noch schlechter überliefert als bei Su., wie die grossen Differenzen zwischen den Hss. und den jetzt ziemlich zahlreich vorhandenen Ausgaben⁸ beweisen. Die zwei letzten *sthāna* und der Schlussteil des 5. (zusammen 41 *adhy.*) rühren gar nicht von C. selbst her, sondern sind von dem aus dem Punjab (*pañcanada*) gebürtigen Dṛḍhabala ergänzt, »aus vielen Büchern«⁹. Im Ganzen macht aber doch C. nach Form und Inhalt einen noch altertümlicheren Eindruck als Su., den er trotz des völligen Fehlens der Chirurgie in seinem Werke an Umfang übertrifft, was sich aus seiner naiven Breite und Ungeordnetheit erklärt. In seiner Terminologie und seinen allgemeinen Anschauungen, in dem Wechsel zwischen Poesie und Prosa, in dem Fehlen des Opiums, des Pulsfühlens und der Quecksilberpräparate trifft er mit Su. zusammen. Den archaischen Ausdruck *rājamātra* hat er mit der sehr alten Macartney-Handschrift gemein¹⁰.

c32.s3.10

Eine Inhaltsübersicht gibt C. selbst in 1, 30. Das Werk besteht aus 8 *sthāna*¹¹: 1. *sūtrasthāna* über Pharmakologie, Nahrungsmittel, Diätetik, gewisse Krankheiten, Kurmethoden, Ärzte und Pfuscher, aber auch über Physiologie, Psychologie und die verschiedensten anderen Dinge. 2. *nidānasth.* über acht Hauptkrankheiten. 3. *vimānasth.* über Geschmack, Ernährung, allgemeine Pathologie, ärztliches Studium. 4. *śārīrasth.* über Anatomie und Embryologie. 5. *indriyasth.* über Diagnostik und Prognostik. 6. *cikitsāsth.* über specielle Therapie. 7. *kalpasth.* und 8. *siddhisth.* über allgemeine Therapie¹².

c32.s3.11

Sehr nahe verwandt mit C., vielleicht nur eine andere Recension dieses Werkes, ist die noch ungedruckte Bheḍa- oder Bhelasaṃhitā¹³. C. selbst gilt nur als Bearbeiter eines älteren, von Agniveśa verfassten Werkes und Agniveśa als ein Mitschüler des Bhela (C. 1, 1), so schon in der Bowerhs. 1, 8.

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