Indische Palaographie von circa 350 a. Chr. – circa 1300 p. Chr. c32.s9: § 15. Vedische Medicin
Indische Paläographie von circa 350 a. Chr. – circa 1300 p. Chr. c32.s9
- Language
- German
§ 15. Vedische Medicin
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Diese Vorstufe der Medicin ist schon in BLOOMFIELDS Atharvaveda in diesem Grundriss dargestellt¹, auch hat HILLEBRANDT einen Überblick über die vedischen Krankheitszauber gegeben², daher soll hier nur auf einige neuere Arbeiten hingewiesen und das Verhältnis der vedischen zu der späteren Medicin kurz erörtert werden.
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CALAND hat durch die Bearbeitung und Erklärung des Kau. Sū. in seinem wichtigen Werke über »Altindisches Zauberritual«³ dieses ebenso interessante als schwierige Buch dem allgemeinen Verständnis näher gerückt und die indische Volksmedicin auch mit den ähnlichen Vorstellungen und Gebräuchen der nordamerikanischen Indianer, der alten Römer und Deutschen und anderer Völker parallelisirt. Freilich erwecken diese oft überraschenden Parallelen keine hohe Meinung von der vedischen Medicin, vielmehr sieht das Kau. Sū. den Zauberbüchern nordamerikanischer Indianerstämme oft zum Verwechseln ähnlich; die Besprechungen und Beschwörungen der Atharvans sind aber doch als die Grundlage der späteren medicinischen Wissenschaft zu betrachten⁴. Auch WINTERNITZ kommt in einer kurzen, aber übersichtlichen Darstellung der altindischen Volksmedicin zu dem Ergebnis, dass in Indien wie anderwärts der Arzt der directe Nachkomme des Hexenmeisters und Zauberers ist⁵. Schon früher hat ein französischer Arzt, Dr. P. CORDIER, die medicinischen Stellen im RV. und AV. sowohl als in den Upaniṣads, Epen und Gesetzbüchern sorgfältig zusammengestellt und besprochen⁶.
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In den medicinischen Saṃhitās selbst wird der AV. öfter erwähnt. So bezeichnet Su. 1, 1 die Heilkunde als einen Anhang (*upāṅga*) zum AV., wie sie sonst auch ein *upaveda* genannt wird⁷. Der Hinweis auf die 101 Todesarten der Atharvans Su. 1, 34, 4 scheint ein directes Citat aus AV. 8, 2, 27 zu sein⁸. Nach C. 4, 8, 42 muss ein mit dem AV. vertrauter (*atharvavidavid*) Brahmane in dem Hause der Wöchnerin (*sūtikāgṛha*) dämonische Einwirkungen durch *śānti* abwehren. Bezeichnend ist C. 4, 8, 26, wo bei einer Totgeburt entweder ärztliche Behandlung oder Besprechung und sonstige im AV. angeordnete Methoden empfohlen werden. A. 4, 5, 83 verordnet gegen Schwindsucht am Schluss einer längeren Aufzählung von Mitteln auch *atharvoktam* d. h. Opfer u. dgl. (Ar.). Die Zaubersprüche der Atharvans kommen aber auch als gefürchtete Krankheitserreger vor, so Su. 1, 24, 2; A. 6, 39, 53. Man muss also wohl annehmen, dass schon lange vor der Abfassung der medicinischen Saṃhitās sich ein Gegensatz zwischen den veda- und zauberkundigen Brahmanen und der auch bei Manu auftretenden Kaste der Ärzte (*vaidya, bhiṣaj, cikitsaka, Ambaṣṭha*) ausgebildet hatte.
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Auch inhaltlich fehlt es nicht an Beziehungen zwischen vedischer und späterer Medicin, so in der Bezeichnung der Krankheiten⁹ mit der allerdings wichtigen Ausnahme des Fiebers (*jvara* = ved. *takman*), in dem Namen der Heilkräuter, die auch im Veda neben den Beschwörungen schon eine grosse Rolle spielen¹⁰, in den physiologischen Anschauungen, die namentlich in den Upaniṣads¹¹ schon sehr den späteren ähneln. Weitere Übergangsstufen bilden ausser der buddhistischen Medicin, wie z. B. dem ganz an den AV. erinnernden Schlangenzauber der Bowerhs., die Gṛhya- und Dharmasūtras, die namentlich in den *saṃskāra*, der Hygiene, Embryologie, Anatomie und Wiedergeburtslehre oft wörtliche Übereinstimmung mit den medicinischen Werken zeigen, die beiden Epen und einige Purāṇas.
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¹ Grdr. II, 1 b, § 50—53.
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² Grdr. III, 2, § 92.
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³ Amsterdam 1900, XII, 196 S. Gr. 8. Vgl. OLDENBERG, DL. 6. April 1901.
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⁴ l. c. IX, 67.
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⁵ Nature vom 7. Juli 1898, 233—5.
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⁶ Étude sur la Médecine Hindoue (Temps védiques et historiques), Paris 1894, 116, v S. 4.
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⁷ WEBER, IS. 1, 9. 20.
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⁸ Vgl. PW. s. v. *atharvan*.
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⁹ BLOOMFIELD, SBE. 42, Index s. v. diseases.
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¹⁰ l. c. s. v. plants and trees; CALAND l. c. 187 f., Pflanzenliste.
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¹¹ CORDIER l. c. 37 ff. ¹ 2 Teile, 41, 90 S. (Berlin, Leipzig 1900). — ² l. c. 15. Vgl. Liétard, Hist. de la Méd. 38 f. — ³ Über ein apokryphes Werk dieses Namens s. Geiger, Grdr. I, 10, § 1. Vgl. auch Ainslie, Mat. 2, 525 ff. — ⁴ Geiger § 5. — ⁵ Haas, ZDMG. 30, 631. — ⁶ Wickremasinghe, Catal. Sinhal. MSS. Brit. Mus. 1900, 55 ff. (Geiger). — ⁷ Forchhammer, The Jardine Prize (Rangoon 1885) 21, 104. — ⁸ Vgl. Weber, Über Bāhlī, Bāhlīka (Sitzungsber. 1892). — ⁹ Vgl. die Litteratur zu § 5, 8 f. — ¹⁰ Übersetzung von Achundow in Koberts Histor. Studien 3, 137—481. Zu meiner dort 294 ff. gedruckten Identificirung von 21 indischen Droguen bei Muwaffaq liessen sich manche Nachträge geben, z. B. roter und weisser sandal = *raktacandana, candana*. — ¹¹ Vgl. Royle (s. u.), deutsch von Wallach 81 ff. — ¹² Vgl. A. Webb, The Historical Relations of Ancient Hindu with Greek Medicine (Calcutta 1850, 34 S.); Roth, ZDMG. 26, 448; Haas, l. c. 31, 659 ff.; Weber, Die Griechen in Indien (Sitzungsber. 1890); Fasbender (§ 39) 62—70; Liétard, La doctrine humorale (Janus II, 1897 f.).
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