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Indische Palaographie von circa 350 a. Chr. – circa 1300 p. Chr. c4.s1: § 1. Die indische Tradition

Indische Paläographie von circa 350 a. Chr. – circa 1300 p. Chr. c4.s1

Language
German

§ 1. Die indische Tradition

c4.s1.1

Die Tradition sowohl der orthodoxen als der heterodoxen Secten Indiens schreibt die Erfindung der Schrift oder wenigstens ihrer Hauptgattung dem Schöpfer Brahmā zu und nimmt dieselbe damit als eine nationale Erfindung der grauesten Vorzeit für Indien in Anspruch. Die erstere Angabe findet sich in der Nārada-Smṛti², einer Bearbeitung der Manusaṃhitā (erwähnt von Bāṇa ca. 620 p. Chr.) und in Bṛhaspati's Vārttika zu Manu³, sowie bei Hiuen Tsiang⁴ und im Samavāyāṅga-Sūtra (trad. Dat. ca. 300 a. Chr.) dessen Bericht im Paṇṇavaṇā-Sūtra (trad. Dat. 168 a. Chr.) wiederholt wird.⁵ Dieselbe wird auch in den Darstellungen des Brahmā zu Bādāmī (ca. 580 p. Chr.) dadurch angedeutet, dass der Gott ein Bündel Palmblätter in der Hand hält⁶, wofür später ein beschriebenes Blatt eintritt⁷.

c4.s1.2

Die Sage, dass insbesondere die rechtsläufige indische Schrift eine Erfindung des Brahmā (*Fan*) ist, wird im chines.-buddh. Fawanshulin erzählt.⁸ In den beiden erwähnten Schriften der Jaina und im Lalitavistara⁹ wird sie dadurch angedeutet, dass die erste Schriftgattung *bambhī* oder *brāhmī* genannt wird. Es empfiehlt sich, deshalb diesen Namen für die rechtsläufige Schrift der Aśoka-Edicte und deren Abarten einzuführen.

c4.s1.3

Berūnī¹⁰ erwähnt eine Variante zu diesen Traditionen, nach der die Schrift einmal von den Indern vergessen und von Parāśara's Sohne, Vyāsa, in Folge göttlicher Eingebung wieder erfunden wurde. Hienach würde die Geschichte der jetzigen Alphabete im Anfange des Kaliyuga, 3101 a. Chr., beginnen.

c4.s1.4

Während diese Mythen beweisen, dass die Inder, vielleicht schon um 300 a. Chr., jedenfalls aber schon in vorchristlicher Zeit, den Ursprung ihrer Schrift vergessen hatten, besitzen einige andere traditionelle Notizen einen grösseren positiven Wert. Die erwähnten Werke der Jaina enthalten eine Liste von 18 Alphabeten, und das Lalitavistara¹¹ zählt deren 64 auf, die zu Buddha's Zeiten existirt haben sollen. Unter den Namen der beiden Listen stimmen mehrere überein und sind besonders vier vorhanden, die, wie schon jetzt erkennbar ist, sicher auf historische Glaubwürdigkeit Anspruch haben. Neben der *brāhmī*-*bambhī* lassen sich noch zwei mit bekannten Schriftarten identificiren. Die *kharoṣṭhī*-*kharoṭṭhī* ist nach dem Fawanshulin¹² die von *Kharoṣṭha* »Eselslippe«¹³ erfundene linksläufige Schrift, welche früher »die Bactrische, Indobactrische, Arianische« u. s. w. genannt wurde. Die *drāviḍī*-*dāmiḷī* ist wahrscheinlich die teilweise unabhängige Abart der *brāhmī*, welche kürzlich auf den Reliquiengefässen aus dem Stūpa zu Bhaṭṭiprolu im Kistna-Districte¹⁴ gefunden ist. Ausser diesen drei ist der Name *puṣkarasārī-pukkharasāriyā* sicher historisch, da er sich augenscheinlich an das bei Pāṇini, Āpastamba u. a. vorkommende N. Gent. *Puṣkarasādi* oder *Pauṣkarasādi*, nordbuddhistisch stets *Puṣkarasāri*, anschliesst, womit ein oder mehrere alte Lehrer über Grammatik und Recht bezeichnet werden. Es ist nicht unglaubwürdig, dass ein Mitglied der Familie des *Puṣkarasad* sich in alter Zeit um die indische Schrift verdient gemacht und vielleicht das Alphabet umgestaltet hat.

c4.s1.5

Die Liste der Jaina enthält auch den Namen *yavaṇāliyā* oder *yavaṇāṇiyā*, der mit Pāṇini’s (trad. Dat. ca. 350 a. Chr.) *yavanānī* »die Schrift der Yavana oder Griechen«¹⁵ identisch ist. Eine frühe Bekanntschaft der Inder mit der griechischen Schrift kann durch die Forschungsreise des Skylax (509 a. Chr.) im nordwestlichen Indien, oder durch die Teilnahme indischer und gandharischer Contingente¹⁶ an Xerxes’ Zuge gegen die Griechen oder auch durch alte Handelsbeziehungen vermittelt sein. Auf jeden Fall zeugen die Funde von indischen Nachahmungen attischer Drachmen mit griechischen Inschriften für den Gebrauch des griechischen Alphabetes im nordwestlichen Indien in der Zeit vor Alexander d. Gr.¹⁷

c4.s1.6

Die teilweise Bestätigung der Liste der Jaina durch die Resultate der epigraphischen Forschung und durch Pāṇini, sowie ihre teilweise Übereinstimmung mit den unabhängigen Angaben der späteren nordbuddhistischen Tradition, macht es durchaus wahrscheinlich, dass dieselbe einen gesunden Kern enthält. Wenn auch die Zahl 18, welche die Jaina nennen, hier, wie in andern Fällen, nur als eine conventionelle aufgefasst werden kann, so wird es doch sehr wahrscheinlich, dass um 300 a. Chr. eine grössere Anzahl von Alphabeten in Indien teils gebraucht wurde, teils wenigstens bekannt war.

c4.s1.7

Auch über den Character der *brāhmī* gibt ein Auszug aus dem verlorenen Dṛṣṭivāda der Jaina Auskunft. Es heisst dort, dass dieses Alphabet (statt der gewöhnlichen 50 oder 51) nur 46 *mātṛkā* oder Grundzeichen besitze. Gemeint sind ohne Zweifel: *a*, *ā*, *i*, *ī*, *u*, *ū*, *e*, *ai*, *o*, *au* (10), *aṃ*, *aḥ*; *ka*, *kha*, *ga*, *gha*, *ṅa*; *ca*, *cha*, *ja* (20), *jha*, *ña*, *ṭa*, *ṭha*, *ḍa*, *ḍha*, *ṇa*, *ta*, *tha*, *da* (30), *dha*, *na*, *pa*, *pha*, *ba*, *bha*, *ma*, *ya*, *ra*, *la* (40), *va*, *śa*, *ṣa*, *sa*, *ha*, *ḷa* (46), mit Ausschluss von *ṛ*, *ṝ*, *ḷ* und *ḹ*, sowie der in späterer Zeit fälschlich als *mātṛkā* betrachteten Ligatur *kṣa*. Die vier liquiden Vocale fehlten auch in dem fragmentaren Alphabete der Steinmetzen Aśoka’s, welches nach Cunningham’s Reconstruction die 22 Zeichen *a*, *ā*, *i*, *ī*, *u*, *ū*, *e*, *ai*, *o*, *au*, *aḥ*, *ka*, *kha*, *ga*, *gha*, *ṅa*, *ca*, *cha*, *ja*, *jha*, *ña*, *ṭa* bot¹⁹, im Alphabete des Lalitavistara²⁰, bei Hiuen Tsiang, der dem indischen Alphabete, ohne Zweifel mit Einschluss von *kṣa*, 47 Zeichen zuschreibt²¹, und in dem der modernen Elementarschulen Indiens. In den letzteren wird die auf die 12 Vocale gegründete *bārākhaḍī*, Skt. *dvādaśākṣarī*, d. h. »Tafel der Verbindungen der Consonanten mit den 12 Vocalen«, z. B. *ka*, *kā* — *kaṃ*, *kaḥ*, dem Unterrichte zu Grunde gelegt. Hiuen Tsiang erwähnt die *dvādaśākṣarī*²² unter dem Namen »Zwölf-Tafel« (*chang*), und bemerkt, dass auch zu seiner Zeit der Unterricht mit derselben begann. Nach dem der Tafel voranstehenden Maṅgala, *oṃ namaḥ siddham* »Oṃ Verehrung, Erfolg!« wird die *bārākhaḍī* in buddhistischen Werken auch *siddhavastu*²³ und jetzt *siddhamātṛkāmnāya* oder *siddhākṣarasamāmnāya* »das Siddha-Buch« oder »das Siddha-Alphabet« genannt.

c4.s1.8

Es ist somit ersichtlich, dass das volkstümliche Brāhma-Alphabet, wie die Tradition der Jaina behauptet, seit dem 3. Jahrhundert a. Chr. 46 Grundzeichen enthielt, und dass es, wie besonders »die Vocale« *ai*, *au*, *aṃ*, *aḥ* beweisen, zunächst für das Sanskrit bestimmt war. Es ist jedoch nicht ausgeschlossen, dass die Brahmanen schon damals besondere Zeichen für die liquiden Vocale in ihren Werken über Grammatik und Phonetik verwendeten. Die Bildung dieser Buchstaben weicht indess von der der übrigen Vocalzeichen ab, indem zuerst mittleres *ṛ*, *ṝ* und *ḷ* und später die Initialen entwickelt sind, während bei *a*, *ā* u. s. w. der Vorgang der umgekehrte war, und es existirt noch eine von den Chinesen aufbewahrte indische Tradition, der zufolge *ṛ*, *ṝ* und *ḷ* später erfunden sind (s. § 4 B und § 24 A. 6—7).

c4.s1.9

¹ B.IS. III, 22—34, vgl. Anecdota Oxon. Ary. Ser. I, 3, 67; B.ESIP 6; A. LUDWIG, Yavanānī, Sitz. Ber. Böhm. Ges. d. Wiss. 1893, IX, und die von BURNELL citirten Werke.

c4.s1.10

² SBE 23, 58 f.

c4.s1.11

³ SBE 23, 304.

c4.s1.12

⁴ Siyuki 1, 77, BEAL.

c4.s1.13

⁵ W.IS 16, 280, 399.

c4.s1.14

⁶ IA 6, 366, Pl.

c4.s1.15

⁷ MOORE, Hindu Pantheon, Pl. 1; As. Res. 1, 243.

c4.s1.16

⁸ BOR 1, 59.

c4.s1.17

⁹ Sansk. Text, p. 143 Calc. und chines. Übersetzung von 308 p. Chr.

c4.s1.18

¹⁰ India, 1, 171 f., SACHAU.

c4.s1.19

¹¹ loc. cit.

c4.s1.20

¹² BOR 1, 59.

c4.s1.21

¹³ Vgl. WZKM 9, 66.

c4.s1.22

¹⁴ EI 2, 323 ff.

c4.s1.23

¹⁵ MBh. 2, 220, KIELHORN.

c4.s1.24

¹⁶ HERODOT, VII, 65, 66.

c4.s1.25

¹⁷ B. V. HEAD, Cat. of Greek Coins: Attica, p. XXXI f., p. 25—27.

c4.s1.26

¹⁸ W.IS 16, 281.

c4.s1.27

¹⁹ C.MG p. 8, Pl. V, 3, XI.

c4.s1.28

²⁰ P. 145, Calc. ed.

c4.s1.29

²¹ Siyuki, 1, 77.

c4.s1.30

²² Siyuki, 1, 78.

c4.s1.31

²³ ST. JULIEN, Mémoires, 1, 72.

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