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Indische Palaographie von circa 350 a. Chr. – circa 1300 p. Chr. c4.s2.2.1

Indische Paläographie von circa 350 a. Chr. – circa 1300 p. Chr. c4.s2.2.1

Language
German

c4.s2.2.1

Wenn die allgemeine Anerkennung dieser Punkte wohl noch längere Zeit auf sich warten lassen wird, so steht zu hoffen, dass der Gebrauch des *argumentum ex silentio*, der Schluss auf Nichtexistenz der Schrift aus ihrer Nichterwähnung, schon jetzt vollständig aufgegeben wird. Derselbe ist schon deshalb unberechtigt, weil der Inder selbst heutigen Tages trotz eines nachweislich sehr langen Gebrauches der Schrift, das geschriebene Wort geringer achtet als das gesprochene, seinen ganzen wissenschaftlichen und litterarischen Verkehr auf mündliche Mitteilung gründet und besonders in wissenschaftlichen Werken die Schrift und MSS. sehr selten erwähnt. Unbeschadet der Verehrung, welche den MSS. als *sarasvatīmukha* »dem Antlitze der Göttin der Rede« gebührt und zu Teil wird, existiren für den heutigen Inder die heiligen Schriften und alle Wissenschaften nur im Munde des Lehrers, dem gegenüber ein geschriebener Text keine Autorität besitzt, und können nur von einem Lehrer, nicht aus MSS., richtig gelernt werden. Noch heute wird bei dem Gelehrten nur die *mukhasthā vidyā* geschätzt, das dem Gedächtnis eingeprägte Wissen. Noch heute nimmt die gelehrte Discussion nur auf das lebendige Wort Rücksicht, und selbst die modernen Dichter wünschen nicht gelesen zu werden, sondern hoffen, dass ihre Poesien ein »Schmuck für die Kehlen der Kenner« (*satāṃ kaṇṭhabhūṣaṇa*) werden mögen. Dieses Verhältnis ist, so weit unsere Beobachtung reicht, in der Vorzeit stets dasselbe gewesen.