Indische Palaographie von circa 350 a. Chr. – circa 1300 p. Chr. c4.s2.42
Indische Paläographie von circa 350 a. Chr. – circa 1300 p. Chr. c4.s2.42
- Language
- German
c4.s2.42
Die Existenz von localen Varianten, sowie von sehr zahlreichen cursiven Nebenformen beweist auf jeden Fall, dass die Schrift der Edicte eine lange Geschichte gehabt haben muss und dass sie sich in einem Übergangsstadium befindet. Möglicherweise ist der häufige Gebrauche von späteren Cursivformen dadurch zu erklären, dass zur Zeit Aśoka's verschiedene, teils altertümlichere, teils weiter entwickelte Alphabete im Gebrauch waren, und dass die Schreiber (wie in späteren Inschriften auch geschieht) aus Nachlässigkeit die Lapidarschrift mit den ihnen geläufigeren Cursivzeichen vermischten. Hiefür kann man die oben, S. 1, besprochene Überlieferung aus dem Dṛṣṭivāda verwerten, der zufolge schon in früher Zeit eine grössere Anzahl von Alphabeten in Indien gebraucht oder bekannt war. Die Vermutung, dass ein oder mehrere stark cursive Schriftarten schon im 3. Jahrhundert existirten, würde zur Gewissheit werden, wenn es sich nachweisen liesse, dass das Wort *seto* »der weisse (*Elephant*)«, welches in Dhauli am Ende von Edict VI zur Erklärung des über der Mittelcolumne stehenden Reliefs nachgetragen ist, zugleich mit den vorstehenden Edicten eingemeisselt wurde. *Seto* zeigt die Typen, welche in den Kuṣana- und Gupta-Inschriften erscheinen¹⁰. Obschon es schwer verständlich ist, wie man später dazu gekommen sein sollte, die Erklärung des Reliefs nachzutragen und bei der Nachfügung genau die Linie der Buchstaben des Edicts einzuhalten, so bleibt doch die Möglichkeit der letzteren Annahme nicht ausgeschlossen.