Indische Palaographie von circa 350 a. Chr. – circa 1300 p. Chr. c5.s3: § 8. Ursprung
Indische Paläographie von circa 350 a. Chr. – circa 1300 p. Chr. c5.s3
- Language
- German
Contents
- c5.s3.1 — 4 parts
§ 8. Ursprung
c5.s3.1.1
Die Richtung der Kharoṣṭhī von rechts nach links liess von Anfang an keinen Zweifel darüber, dass die Grundlagen derselben von den Semiten entlehnt sind, und die grosse Ähnlichkeit mehrerer Buchstaben, wie *da*, *na*, *ba*, *ra* und *va*, mit aramäischen Zeichen veranlasste E. Thomas, eine engere Verbindung der Kharoṣṭhī mit diesen zu vermuten¹. Diese Ansicht ist unbestritten geblieben, neuerdings aber durch I. Taylor und A. Cunningham genauer gefasst, indem sie die Einführung der aramäischen Schrift in Indien den ersten Achämeniden zuschreiben². Hiefür sprechen folgende Gründe. 1) Die A. Ed. aus dem Panjab gebrauchen für »Schrift, Edict« das Wort *dipi*, eine Entlehnung aus dem Altpersischen, und bilden daraus für »schreiben« und »schreiben lassen«, *dipati* und *dipapati*, vgl. o. § 2, B. 2) Das Gebiet, auf welchem, insbesondere in der älteren Zeit, die Kharoṣṭhī vorkommt, umfasst gerade die Teile von Indien, die wahrscheinlich den Persern von ca. 500—331 a. Chr., sei es mit oder ohne Unterbrechung, unterworfen waren. 3) Unter den persischen *Sigloi* finden sich solche mit einzelnen Buchstaben sowohl der Kharoṣṭhī als auch der Brāhmī³, was auf Prägungen in Indien während der Perserzeit schliessen lässt, sowie auf einen längeren Gebrauch der Kharoṣṭhī im 4. Jahrh. a. Chr., wofür auch einige starke Varianten der Buchstaben des 3. Jahrh. und die stark abgeschliffenen Formen mehrerer Ligaturen, wie *sta* und *spa*, deutlich zeugen, s. u. § 11.
c5.s3.1.2
4) Die neueren Resultate der semitischen Epigraphik machen es durchaus wahrscheinlich, dass das Aramäische, welches schon während der Herrschaft der Assyrer und Babylonier officiell und für Geschäftssachen neben der Keilschrift gebraucht wurde, unter den Achämeniden eine weite Verbreitung im ganzen persischen Reiche erlangte. Zahlreiche Inschriften sind in Egypten, Arabien, Kleinasien und Persien gefunden. Egypten hat ausserdem eine Anzahl officieller Papyri geliefert und Kleinasien viele Satrapenmünzen mit aramäischen Legenden⁴. Fügt man zu diesen Zeugnissen noch die auffällige Notiz im Buche Esra IV, 7, der zufolge die Samaritaner einen Brief an Artaxerxes in *ārāmī*-Schrift und -Sprache abfassten, so ergeben sich Anhaltspunkte genug für die Behauptung, dass das Aramäische in der königlichen Kanzlei zu Susa und in den Kanzleien der Satrapen vielfach gebraucht wurde. Der Grund für den officiellen Gebrauch des Aramäischen während der Achämenidenzeit liegt ohne Zweifel darin, dass zahlreiche Aramäer im persischen Verwaltungsdienste als Schreiber, Rechnungsführer, Münzmeister u. s. w. verwendet wurden. Bei dem raschen Aufbau des persischen Weltreiches auf den Trümmern der älteren semitischen Monarchien war die Übernahme geschulter Subalternbeamten der früheren Regierungen gewiss unvermeidlich.
c5.s3.1.3
Unter diesen Umständen liegt es nahe, zu vermuten, dass die persischen Satrapen aramäische Schreiber auch in die indische Provinz mit sich nahmen und so ihre indischen Unterthanen, insbesondere die Schreiber der eingeborenen Fürsten, Stadt- und Dorfhäupter, zwangen, das Aramäische zu erlernen. Zunächst führte der Verkehr zwischen den persischen und den indischen Kanzleien wahrscheinlich zum Gebrauche der unveränderten aramäischen Schrift für das nordwestliche Prakrit und weiterhin zu Modificationen derselben, die mit Hülfe der Principien der älteren indischen Brāhmī gemacht wurden⁵ und denen die Kharoṣṭhī ihre Entstehung verdankt. Analog ist die Verwendung des arabischen Alphabetes im Mittelalter und der Neuzeit für eine grössere Anzahl von indischen Dialecten, teils in seiner ursprünglichen Form, teils mit mehr oder weniger starken Veränderungen. 5) Mit diesen Ausführungen stimmt, dass die Kharoṣṭhī ein Schreiber- und Geschäftsalphabet ist (s. o. § 7). 6) Endlich kann dafür geltend gemacht werden, dass die entlehnten Zeichen der Kharoṣṭhī sich am besten mit den aramäischen Typen von 500—400 a. Chr. vereinigen lassen, welche auf den späteren assyrischen Gewichten und den Siegeln und Gemmen aus Babylon, sowie in den Inschriften von Saqqārah (482 a. Chr.) und Teima (ca. 500 a. Chr.), auf der Stele Vaticana und dem Libationsgefässe des Serapeum finden.
c5.s3.1.4
Der ganze Ductus der Kharoṣṭhī mit seiner Vorliebe für langgezogene und langgestielte Zeichen ist der der mesopotamischen Gewichte, Siegel und Gemmen, der auch in den Inschriften von Saqqārah, Teima und aus dem Serapeum wiederkehrt. Die von andern herbeigezogene Schrift der aramäischen Papyri⁶, welche wenigstens zum Teil, (z. B. der Taurinensis) der persischen Zeit angehören, passen für die Ableitung lange nicht so gut. Viele ihrer Zeichen sind so weit abgeschliffen, dass sie nicht mehr als die Vorbilder der Kharoṣṭhī angesehen werden können, und ihr Ductus ist der einer Minuskelschrift. Einige specielle Ähnlichkeiten erweisen sich bei genauerer Vergleichung als Folgen einer analogen Entwicklung. Hiernach wird die Ausbildung der Kharoṣṭhī in dem 5. Jahrh. a. Chr. stattgefunden haben⁷.
c5.s3.2
¹ P.IA 2, 144 ff. Hörnle hat kürzlich auf einigen späten Münzen rechtsläufige Kharoṣṭhī gefunden. J.ASB, Proc. May 1895.
c5.s3.3
² I. Taylor, The Alphabet, 2, 261 f; C.CAI 33.
c5.s3.4
³ WZKM 9, 65; J.RAS, 1895, 865 ff.
c5.s3.5
⁴ Clermont-Ganneau, Revue archéologique 1878—79, Ph. Berger, Hist. de l'Écrit. dans l'Antiquité 214, 218 ff.
c5.s3.6
⁵ Weber, Ind. Skizzen, 144 f.; E. Thomas, P.IA II, 146; C.CAI 33, und u. § 9, B. 4.
c5.s3.7
⁶ J. Halévy, JA 1885, 243—267, setzt die Entwicklung der Kharoṣṭhī in die makedonische Zeit nach 330 a. Chr. und leitet dieselbe aus 16 Zeichen der Papyri und einer kilikischen Münze ab.
c5.s3.8
⁷ Vgl. WZKM 9, 44—51.