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Indische Palaographie von circa 350 a. Chr. – circa 1300 p. Chr. c7.s3: § 23. Der spitzwinklige und der Nāgarī-Typus

Indische Paläographie von circa 350 a. Chr. – circa 1300 p. Chr. c7.s3

Language
German

§ 23. Der spitzwinklige und der Nāgarī-Typus

c7.s3.1

Um den Anfang des 6. Jahrh. erscheinen in den nördlichen Inschriften des Ostens wie des Westens, T. IV, C. X—XII¹, deutliche Ansätze zu einer neuen Entwicklung, welche zunächst zu den Formen der Gayā-Inschrift von 588/9 p. Chr., T. IV, C. XIII—XIV, und der wahrscheinlich nicht viel späteren Praśasti von Lakkha-maṇḍal, T. IV, C. XV—XVI, führt². Characteristisch für dieselbe ist, dass die Zeichen meist schräg von links nach rechts gelegt sind und am unteren oder rechten Ende spitze Winkel zeigen, sowie dass auf die oberen Enden der Verticalstriche durchweg kleine Keile aufgesetzt sind und auch die unteren Enden verticaler oder schräger Striche, wie oft im Bower-MS., keilförmig gemacht oder doch von links nach rechts abgeschrägt werden. Diese Eigentümlichkeiten finden sich in einer grossen Anzahl von Inschriften der nächsten vier Jahrhunderte wieder und ich möchte danach die Charactere der ganzen Gruppe unter dem Namen des »spitzwinkligen« Typus zusammenfassen. Früher³ ist derselbe oft »Nagelkopftypus« (nailheaded) genannt worden. FLEET dagegen sagt in seiner Ausgabe der Gayā-Inschrift⁴ nur, dass die Zeichen der nördlichen Classe von Alphabeten angehören. Vielleicht hiess dieser Typus in Indien selbst Siddhamātṛkā (*lipi*). Denn Bērūnī⁵ berichtet, ein Alphabet dieses Namens sei zu seiner Zeit (ca. 1030 p. Chr.) in Kashmīr und Benares gebräuchlich gewesen, während die Nāgarī in Mālva verwendet sei. Wenn die in Benares gewöhnliche Schrift der von Kashmīr ähnlich war, so kann sie die langen Deckstriche nicht gehabt haben, welche die Nāgarī stets characterisiren. Bērūnī's Angaben sind leider zu ungenau, um die Frage mit voller Sicherheit zu entscheiden.

c7.s3.2

Die beiden zuletzt erwähnten Inschriften, welche, wie die gleichzeitigen verwandten Documente, sich an den westlichen Gupta-Typus anschliessen, markiren die erste Stufe des »spitzwinkligen« Typus, die des 6. Jahrh., und mit ihnen hängen unter den MSS. die Horiuzi-Palmbl., T. VI, C. V—VI, eng zusammen, die der japanischen Tradition zufolge⁶ sicher in der 2. Hälfte des 6. Jahrh. existirten. Wären die Facs. der Inschriften von Gayā und Lakkhamandal vor 12 Jahren zugänglich gewesen, so hätte der einfache Hinweis auf dieselben genügt, um die Richtigkeit der japanischen Angaben zu erhärten.

c7.s3.3

Die weitere Entwicklung des spitzwinkligen Typus im 7. Jahrh. veranschaulichen die Charactere der Inschriften des Aṁśuvarman (T. IV, C. XVII) von 635 p. Chr. und der nur wenig späteren Aphsaḍ-Praśasti des Ādityasena, T. IV, C. XVIII—XIX. Es ist jedoch zu bemerken, dass die Inschriften Aṁśuvarman's und andere nepalesische Documente derselben Zeit sich an den östlichen Gupta-Typus anschliessen, in dem sie das runde *śa* desselben bewahren, während die Aphsaḍ-Inschrift und alle ihre Verwandten aus dem eigentlichen Indien mit dem westlichen Gupta-Typus zusammenhängen⁷. Fleet nennt diese zweite Stufe des spitzwinkligen Typus, wegen der stärker hervortretenden Drehung der Endstriche »die Kuṭila-Abart des Māgadha-Alphabetes« des 7. Jahrh.⁸ Ich kann mich mit dem zuerst von Prinsep⁹ und nachher häufig gebrauchten Namen »Kuṭila« nicht befreunden, da derselbe auf einer falschen Erklärung des Ausdrucks *kuṭila akṣara* in der Dewal-Praśasti beruht, und möchte denselben aus der paläographischen Terminologie entfernen¹⁰. Kielhorn wendet denselben in seinen paläographischen Bemerkungen über verschiedene Inschriften dieser Periode gleichfalls nicht an¹¹.

c7.s3.4

Im 8.—10. Jahrh. schreitet die Entwicklung des spitzwinkligen oder Siddhamātṛkā-Typus immer weiter in der Richtung seiner Nachfolgerin, der Nāgarī, vor, die sich in ihrer älteren nordindischen Form nur durch den Gebrauch von langen Deckstrichen, statt von Keilen über den Verticalstrichen, unterscheidet. Es kommen auch nicht selten Documente mit Mischungen von Keilaufsätzen und langen Deckstrichen vor, sodass es mitunter schwierig ist, zu entscheiden, zu welchem Typus eine bestimmte Inschrift zu rechnen ist.

c7.s3.5

Zu dieser dritten und letzten Stufe¹² des spitzwinkligen Typus gehören die Charactere der Kupfertafeln von Multai¹³, T. IV, C. XX, von 708/9 p. Chr., der von Dighwa-Dubaulī¹⁴ wahrscheinlich von 761 p. Chr., T. IV, C. XXI, der Gwalior-Inschrift von 876 p. Chr., T. V, C. II, der Ghosrāwa-Inschrift, T. V, C. VI, aus dem 9. oder 10. Jahrh.¹⁵, sowie unter den MSS. die des Cambridge-MS. Nr. 1049¹⁶, T. VI, C. VII, vom Jahre 252 wahrscheinlich der von Aṁśuvarman gebrauchten Aera von 594 p. Chr.¹⁷, d. h. von 846 p. Chr. Auf der Grenze zwischen dem spitzwinkligen und Nāgarī-Typus stehen die Charactere der Pehoa-Praśasti von ca. 900 p. Chr., T. V, C. III, der Dewal-Praśasti, T. V, C. VIII, von 992 oder 993 p. Chr., und der Kupferplatten des Paramārakönigs Vākpati II., T. V, C. X, von 974 p. Chr.¹⁸ Sie zeigen zwar die Keilaufsätze; diese sind aber oben so breit, dass sie dieselben Effecte wie die langen Decklinien hervorbringen und dass z. B. die offenen Köpfe von *A*, *Ā*, *gha*, *pa* u. s. w. wie im Nāgarī-Typus geschlossen sind. Von den oben erwähnten Documenten mit einer Mischung von Keilaufsätzen, kurzen und langen Deckstrichen geben die Kupferplatten des Rāṣṭrakūṭakönigs Govinda III., T. V, C. IV, von 808 p. Chr.¹⁹, und die Harṣa-Inschrift des Cāhamānakönigs Vigraha II., T. V, C. IX, von 973 p. Chr.²⁰ einige Proben.

c7.s3.6

Die zuletzt erwähnten beiden Inschriften sind aber keineswegs die ältesten, welche Nāgarībuchstaben aufweisen. Die ersten unbestritten echten²¹ Proben finden sich in den Namensunterschriften der Gurjarakönige auf den Kupferplatten von Kaira in den Jahren 628 und 633, von Nausarī aus dem Jahre 705 und von Kāvī aus dem Jahre 736²², deren Texte in südlichen Alphabeten geschrieben sind. In den ersten beiden Unterschriften sind die Nāgarībuchstaben sehr in der Minderzahl, indem die meisten Zeichen teils ältere nördliche, teils südliche Formen zeigen. Erst in der dritten Unterschrift erscheinen sie durchweg und sind sie gut ausgeprägt. Die älteste Inschrift aber, welche ganz in diesem Alphabete geschrieben ist, findet sich auf den Kupferplatten des Rāṣṭrakūṭakönigs Dantidurga²³ von 754 p. Chr., aus Sāmaṅgaḍh im südlichen Marathenlande (Kolapur), T. IV, C. XXII. Nahe verwandt mit ihren Characteren sind die Kaṇheri-Inschriften Nr. 15 u. 43, T. V, C. V, die 851 und 877 p. Chr.²⁴ während der Regierungen der Śilāharafürsten Pullaśakti und Kapardin II. verfasst sind.

c7.s3.7

Die Charactere dieser und einiger anderer²⁵ Inschriften des 9. Jahrh. markiren die erste Stufe der südlichen Varietät der Nāgarī, deren vollständig ausgebildete Gestalt die Kupferplatten von Kauthem, T. V, C. XVII, aus der Regierungszeit des Cālukyakönigs Vikramāditya V., 1009—10 p. Chr., zeigen²⁶. Die südliche Varietät der Nāgarī, welche sich von der nördlichen des 8.—11. Jahrh. vorzüglich durch das Fehlen der nach rechts gedrehten Schwänzchen an den Verticalstrichen und überhaupt steifere Formen auszeichnet, kommt noch in vielen Inschriften der Śilāhāra und Yādava aus dem Marathenlande und dem Konkan, sowie eines Raṭṭafürsten aus dem Collectorat von Belgām vor²⁷. Ihre letzte Entwicklung im 13.—16. Jahrh. zeigen die Inschriften der Könige von Vijayanagara oder Vidyānagara in Kāṇara²⁸. Dieselbe lebt in dem Bālbodh oder der Devanāgarī der Marathendistricte fort und hat in Südindien die sogenannte Nandināgarī hervorgebracht, die noch jetzt für MSS. verwendet wird²⁹. Im nördlichen und centralen Indien erscheint die Nāgarī zuerst auf der Kupferplatte des Mahārāja Vināyakapāla von Mahodayā, T. IV, C. XXIII, wahrscheinlich von 794 p. Chr., mit einigen Eigenthümlichkeiten in den Zeichen für *kha*, *ga* und *na*, die sich in späteren Inschriften aus dem östlichen Indien wiederfinden und mit Spuren von Archaismen³⁰. Für das nächste Jahrhundert sind ausser den oben erwähnten Inschriften mit breiten Keilaufsätzen, T. V, C. III, nur wenige Beispiele nachweisbar³¹. Vom 10. Jahrh. an dagegen werden die Beispiele häufiger und vom 11. an gelangt die Nāgarī in dem grössten Teile von Indien zur Alleinherrschaft. Die Formen des 10. Jahrh. veranschaulichen die Charactere der Inschriften von Sīyaḍonī in Centralindien, T. V, C. VII, von 968 p. Chr. und der Kupferplatte des ersten Caulukyakönigs von Gujarat, Mūlarāja I., T. V, C. XI, von 987 p. Chr.³² Proben der Nāgarī des 11. Jahrh. geben die Kupferplatten des Rāṣṭrakūṭakönigs Madanapāla von Kanauj in Nordindien, T. V, C. XII, von 1097 p. Chr. und die Udepur-Praśasti der Paramārakönige von Mālva im westlichen Centralindien, T. V, C. XIII, von ca. 1060, die Kupferplatten des Cāndellakönigs Devavarman aus Nanyaura, T. V, C. XIV, von 1050 p. Chr., und die des Kalacurikönigs Karṇa von Tripura, T. V, C. XV, von 1042 p. Chr., aus dem östlichen Centralindien, sowie die des Caulukyakönigs Bhīma I. von 1029 p. Chr., T. V, C. XVI, aus dem Westen³³. Die Nāgarī des 12. Jahrh. und des Anfangs des 13. veranschaulichen endlich die Alphabete einer Kupferplatte des letzten Rāṣṭrakūṭakönigs Jayaccandra von Kanauj, T. V, C. XX, aus dem Jahre 1175 p. Chr., der Kupferplatten des letzten Caulukyakönigs von Gujarat, Bhīma II., T. V, C. XXI, aus den Jahren 1199 und 1207 p. Chr., der Kupferplatte des Paramārafürsten Udayavarman von Mālva, T. V, C. XXII, aus dem Jahre 1200, und der Ratnapur-Steininschrift aus der Zeit des Kulacurikönigs Jājalla von Tripura, T. V, C. XXIII, von 1114 p. Chr.³⁴

c7.s3.8

²⁵ Vgl. die Ambarnāth-Inschr. J.BBRAS, 9, 219; 12, 334; IA, 19, 242. —

c7.s3.9

²⁶ IA, 16, 15 ff. —

c7.s3.10

²⁷ Vgl. Facs. IA, 7, 304; 9, 32; 14, 141; 17, 122; J.BBRAS, 13, 1; 15, 386; EI, 3, 272, 300 f., 306 f. —

c7.s3.11

²⁸ Vgl. Facs. EI, 3, 38 f., 152 ff.; B.ESIP, Pl. 30; Alphabet, op. cit. Pl. 20. —

c7.s3.12

²⁹ B.ESIP, 52 (wo die Nandināgarī unrichtig aus d. Siddhamātṛkā abgeleitet ist) u. Pl. 21. —

c7.s3.13

³⁰ IA, 15, 140. —

c7.s3.14

³¹ Vgl. Facs. IA, 13, 64. —

c7.s3.15

³² S. § 21, Note 1; vgl. Facs. IA, 12, 250, 263; 16, 202; EI, 1, 122; J.BBRAS, 18, 239. —

c7.s3.16

³³ S. § 21, Note 1; vgl. Facs. IA, 6, 53—54; 8, 40; 12, 126, 202; 15, 36; 16, 208; 18, 34; EI, 1, 216, 316; 3, 50. —

c7.s3.17

³⁴ S. § 21, Note 1; vgl. Facs. IA, 11, 72; 17, 226; 18, 130. —

c7.s3.18

An die Charactere dieser Nāgarī-Inschriften schliessen sich die der jetzt zahlreichen alten Palmblatt-MSS. aus Gujarat, Rajputana und dem nördlichen Dekhan, deren Daten vielleicht vom 10., sicher vom 11. Jahrh. an laufen. T. VI, C. XV—XVII, bietet das Alphabet des ältesten, sicher datirten, der Viśeṣāvaśyakabhāṣyaṭīkā von 1081 p. Chr. nach Leumann's Photographien und Durchzeichnungen, mit einigen Ergänzungen aus dem Palmblatt-MS. des Gaṇaratnamahodadhi von 1229 p. Chr.³⁵ Mit der nördlichen Nāgarī des vorhergehenden Jahrhunderts stimmt dagegen eine Anzahl der MSS. aus Nepal, die dem 11. und der ersten Hälfte des 12. Jahrh. angehören. C. XIII giebt eine Probe aus dem ältesten, Cambridge Nr. 866, von 1008 p. Chr.³⁶ Zu derselben Classe gehört das Alphabet in C. XIV aus S. 1 von Mr. Wylie's MS. der Vajraccedikā, vgl. An. Ox. Ary. Ser. 1, 1, Pl. 4.

c7.s3.19

³⁵ KIELHORN, Rep. 1880/1, p. VII u. 37; J.RAS, 1895, 247, 504; vgl. Facs. Pal. Soc., Or. Ser., Pl. 1, 2—3, 58; Cat. Berl. Sanskr. u. Prakr. Hdschft., Bd. 2, 3, Taf. 1. —

c7.s3.20

³⁶ BENDALL, Catalogue, p. XXIV u. 1 f.; vgl. Facs. Pal. Soc., Or. Ser., Pl. 16.

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