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Indische Palaographie von circa 350 a. Chr. – circa 1300 p. Chr. c8.s3: § 32. Tamil und Vaṭṭeluttu

Indische Paläographie von circa 350 a. Chr. – circa 1300 p. Chr. c8.s3

Language
German

§ 32. Tamil und Vaṭṭeluttu

c8.s3.1

Von den Sanskritalphabeten unterscheidet sich das Tamil, sowie seine südliche und westliche cursive Abart, das Vaṭṭeluttu, »die Rundschrift«, durch das Fehlen sowohl der Ligaturen als auch der Zeichen für die Aspiraten, für die Medien (welche durch die entsprechenden Tenues ausgedrückt werden), für die Zischlaute (von denen der palatale durch *ca* vertreten wird), für die Spirans, für Anusvāra und Visarga und ferner durch die Entwicklung neuer Zeichen für finales *ṉ*, *ṟa*, *ḻa* und *ḷa*, welche drei letztere keine Ähnlichkeit mit denen für die entsprechenden Laute im Kāṇara-Telugu-Typus haben. Die grosse Einfachheit des Alphabets stimmt genau mit den phonetischen Theorien der Tamil-Grammatiker und erklärt sich durch die eigentümliche Phonetik der Tamilsprache. Wie alle älteren dravidischen Sprachen entbehrt dieselbe der Aspiraten und der Spirans. Sie hat ferner kein *ja* und nur einen Zischlaut, der nach Caldwell zwischen *śa*, *ṣa* und *ca* liegt, und bei Verdopplungen zu deutlichem *cca* wird.

c8.s3.2

¹ IA, 5, 50, 154, vgl B.ESIP, 36, Note 2. ---

c8.s3.3

² Die Facs. dieser Inschr., sowie der in T. VII, C. XXIV und VIII, C. XIII benutzten aus SII, 2, Pt. 3 verdanke ich Hultzsch's Güte. ---

c8.s3.4

³ IA, 9, 100 (Nr. 82), 102 (Nr. 85); 13, 48; EI, 1, 397. ---

c8.s3.5

⁴ Bombay, Gazetteer, 1, 328. ---

c8.s3.6

⁵ SII, 1, 144 ff.; Bombay Gaz., 1, 322 f. ---

c8.s3.7

⁶ Bombay Gaz., 1, 329. ---

c8.s3.8

⁷ Op. cit., 1, 323 ff. ---

c8.s3.9

Eine Scheidung der übrigen Tenues und Medien wurde durch die gegenseitige Convertibilität derselben unnöthig und unzweckmässig gemacht. Das Tamil gebraucht im Anfange der Wörter nur die Tenues, in der Mitte nur doppelte Tenues und einfache Medien. In Folge dieser Lautgesetze besitzen die Wörter und Suffixe mit Gutturalen, Lingualen, Dentalen und Labialen durchweg doppelte Formen¹. Eine Kenntnis der einfachen Lautregeln macht Zweifel über die jeweilige Aussprache von *ka*, *ṭa*, *ta* und *pa* unmöglich. Der Gebrauch der Ligaturen wird aufgegeben sein, weil das Tamil selbst in entlehnten Wörtern keine andere Consonantenverbindungen als Verdopplungen gestattet, und weil es deshalb bequemer erschien, bei diesen den Virāma zu verwenden².

c8.s3.10

Die Entwicklung von Zeichen für die dravidischen Liquiden, welche, obwohl die entsprechenden Laute im älteren Kānaṛa und Telugu vorkommen, von den in letzteren gebrauchten Buchstaben abweichen, deutet an, dass die Tamilschrift unabhängig ist und aus einer anderen Quelle als das Alphabet jener stammt. Hultzsch's wichtige Entdeckung der Kūram-Kupfertafel mit einem grösseren Abschnitte in Tamilschrift und Sprache aus dem 7. Jahrh.³ bestätigt die letztere Folgerung. Das Tamilalphabet dieser Inschrift stimmt nur zum Teil mit ihrem Grantha und die Mehrzahl seiner Buchstaben zeigt die Merkmale der nördlichen Alphabete. Specifische Granthaformen zeigen *U* (VIII, 6, XVI; vgl. U, VII, 4, XXIV), *O* (VIII, 9, XVI; vgl. C. XV), *ta* (VIII, 25—28, XVI; vgl. VII, 22, XXIV), *na* (VIII, 29, XVI, vgl. VII, 26, XXIV), *ya* (VIII, 35, XVI, vgl. VII, 32, XXIV), mittleres *u* in *ku* (VIII, 14, XVI, vgl. VIII, 44, XIII), mittleres *e* (*khe*, VII, 9, XXIV, *te* VIII, 28, XVI) und der vertikale Virāma, der meist über dem vocallosen Consonanten, bei *n* und *r* schräg daneben steht (vgl. *ṅ*, VIII, 15, XVI, *m*, 34, *ḷ*, 43, *ḻ*, 49). Eine separate Entwicklung aus dem Grantha *ai* liegt im Tamil *ai* in *nai* (VIII, 29, XVI) vor, indem die beiden Mātrā hinter statt über einander stehen. Unveränderte oder wenig veränderte nördliche Formen finden sich in *A*—*Ā* (VIII, 1—2, XVI) mit dem einfachen Verticalstrich ohne Curve (vgl. IV, 1—2, I ff.) und der Schleife links, die in kürzlich gefundenen Inschriften aus Swāt, aber auch im Grantha vorkommt, in *ka* (VIII, 11—14, XVI, vgl. IV, 7, I ff.), *ca* (VIII, 16—18, XVI, vgl. III, 11, III), *ṭa* (VIII, 20—22, XVI, vgl. IV, 17, VII—VIII), *pa* (VIII, 30—33, XVI, vgl. IV, 27, I ff.), *ra* (VIII, 36, XVI, vgl. IV, 33, I ff.), *la* (VIII, 37, XVI, vgl. IV, 34, VII ff.), in dem mittleren *u* von *pu*, *mu*, *yu* und *vu* (VIII, 32, 40, XVI, vgl. IV, 27, IV), ebenso von *ru* (VIII, 36, XVI, vgl. IV, 33, III) und in dem mittleren *ū* von *lu* und *lū* (VIII, 44, 46, XVI, vgl. *pu*, IV, 27, IV). Stärker verändert ist *ṅ* (VIII, 15, XVI), durch Anfügung eines Aufstriches rechts, aus dem eckigen nördlichen *ṅa* (IV, 11, I ff.) und *ma* (VIII, 34, XVI), das wahrscheinlich als eine stark cursive Umbildung des sogenannten Gupta *ma* (IV, 31, I ff.) anzusehen ist. Auch die Zeichen für die dravidischen Liquida dürften aus nördlichen Formen entwickelt sein. Der obere Teil von *ḻa* scheint ein kleines cursiv gemachtes nördliches *la* zu sein, an das rechts ein langer Verticalstrich angehängt ist; *ṟa* (47—48, XVI) ist als ein schief gelegtes kleines nördliches *ra* mit einem Häkchen am Kopfe aufzufassen und *ḷa* (45—46, XVI) ist vielleicht ein nördliches *ḷa* (IV, 40, II), in dem das Ende der Horizontallinie mit dem unten herabhängenden Striche verschleift ist, vgl. auch das fälschlich *ḍha* gelesene, verschleifte *ḷa* des K.-T.-Typus in der Amarāvati-Inschrift J.RAS, 1891, Taf. z. p. 142.

c8.s3.11

Die übrigen Zeichen sind zweifelhaften Ursprungs, indem sie entweder wie *va* (38—40, XVI) und mittleres *ā* (*kā*, 12, XVI), sowohl im Norden als im Süden vorkommen, oder Umbildungen solcher gemeinsamen Zeichen sind, oder endlich ganz für sich stehen. Das finale *ṉ* (VIII, 49, XVI) ist nur eine geringe Modification des sowohl nördlichen als südlichen *ṇa* mit zwei Haken (III, 20, V, XX; IV, 21, VII f.; VII, 21, IV ff.) und hieraus ist das linguale *ṇa* des Tamil (VIII, 24, XV) durch Anfügung einer Curve neu entwickelt. Die eigentümliche Rundform von *E* (VIII, 8, XVI) kann sowohl aus dem *E* von IV, 5, X ff. oder von VII, 5, XXIII entstanden sein; ebenso ist das eckige mittlere *u* in *tu* (VIII, 27, XVI) und *ṛu* (48, XVI) eine specielle Umbildung der sowohl nördlichen als südlichen aufwärts gedrehten Curve. Das stark cursive *I* (VIII, 3, XVI) ist durch eine Verschleifung von drei Curven entstanden, die für die alten Punkte eingetreten, aber bis jetzt nicht nachweisbar sind. Diese Zusammensetzung des Tamil des 7. Jahr. führt zu der Annahme, dass die Grundlage desselben ein nördliches Alphabet des 4.—5. Jahrh. ist, dass dieses aber im Laufe der Zeit stark durch die daneben gebrauchten Grantha-zeichen beeinflusst ist. In dem zweitältesten Specimen des Tamil in den Kaśākūdi-Kupfertafeln von ca. 740⁴, welches in T. VIII nicht vertreten ist, zeigt die Schrift, ausser in dem Auftreten des spätern *ma*, keinen wesentlichen Fortschritt. In den Inschriften aus dem 10., 11. und späteren Jahrh.⁵ (T. VIII, C. XVII—XX) dagegen zeigt sich eine zweite Stufe des Tamilalphabets, auf der der Einfluss des Grantha stärker wird, und für *ṭa*, *pa* und *va* die specifischen Granthaformen gebraucht werden. Umgekehrt erhält das Grantha *ṇa* die Tamilform. Ausserdem beginnt im 11. Jahrh. die Entwicklung der links an den Köpfen von *ka*, *ṅa*, *ca*, *ta* und *na* herabhängenden Striche. Im 15. Jahrh. (VIII, C. XIX—XX) sind die letzteren vollständig ausgebildet und *ka* zeigt links eine Schleife. Zu beachten ist, dass in den Inschriften der zweiten Stufe der Gebrauch des Virāma (Pulli) seltener wird und zuletzt ganz verschwindet⁶, während in der ganz modernen Schrift wieder regelmässig ein Punkt für denselben erscheint.

c8.s3.12

B. Unter den Inschriften in Vaṭṭeḷuttu sind bis jetzt nur die Śāsana des Bhāskara-Ravivarman zu Gunsten der Juden (T. VIII, C. XXI—XXII) und der Syrer⁷ von Kocin und die Tirunelli-Kupfertafeln desselben Königs⁸ veröffentlicht. Burnell nimmt im Vertrauen auf nur schwache Gründe an, dass die erstgenannten Inschriften aus dem 8. Jahrh. stammen⁹. Die in dem Śāsana der Juden vorkommenden Granthabuchstaben gehören aber der dritten Stufe dieser Schrift an und das von Hultzsch hervorgehobene Nāgarī *śa* oder *śrī* (für *śrīḥ*) am Ende der Inschrift¹⁰ kommt den nördlichen Formen des 10.—11. Jahrh. sehr nahe (vgl. T. V, 39 u. 47, VIII; 48, X). Paläographisch ist das Vaṭṭeḷuttu eine Cursivschrift, die sich zu dem Tamil ebenso verhält wie die modernen nördlichen Schriften der Kanzlisten und Kaufleute zu ihren Originalen z. B. die Moḍī der Marāṭhen zum Bālbodh, die Ṭākarī der Dogra im Panjab zur Śāradā¹¹. Alle seine Zeichen, mit Ausnahme von *I*, sind in einem Zuge von links nach rechts gemacht und meist schief nach links gelegt. Mehrere, wie das *na* (VIII, 15, XXI) mit der Schlinge links, das oben offene *va* mit dem Häkchen links (VIII, 38, XXI—II, vgl. C. XVII—XX), *pa* mit dem Häkchen links (VIII, 30—32, XXI—II, vgl. C. XIV) und das rundliche *ra* (VIII, 45—46, XXI—II, vgl. 47, XVII—XX), zeigen die Merkmale der zweiten Stufe des Tamil, und mit dem Gebrauche der späteren Inschriften dieses Typus stimmt das constante Fehlen des Virāma. Andere, wie das runde *ṭa* (VIII, 20—23, XXI—II, vgl. C. XVI), *ma* mit seiner Curve rechts (VIII, 34, XXI—II, vgl. C. XVI) und *ya* (VIII, 35, XXI—II, vgl. C. XVI) scheinen direct aus Formen der ersten Stufe des Tamil abgeleitet zu sein, und drei, das unten runde *U* (VIII, 4, XXI,) das oben spitze *E* (VIII, 8, XXI) und das *ṇa* mit nur einer Einkerbung (VIII, 26, XXI—II) gehen vielleicht auf noch ältere Formen als die des Tamil des 7. Jahrh. zurück. Vielleicht darf man hienach annehmen, dass die Rundschrift schon vor dem 7. Jahrh. entstand, aber im Laufe der Zeit durch die weitere Entwicklung des Tamil und des Grantha beeinflusst wurde. Die sehr geringe Zahl der zugänglichen Inschriften macht diese Annahme jedoch unsicher. Für die starke Veränderung des *ka* (VIII, 11—14, XXI—II, vgl. T. IX, 4) bietet die Umgestaltung des alten Zahlzeichens für 4 im decadischen Ziffersysteme eine Analogie. Das curiose *ta* (VIII, 25, 30) ist durch die Verwandlung der Schleife des *ta* (in C. XVII f.) in eine Kerbe mit Zapfen und durch die Verlängerung des Schwanzes bis zum Kopfe des Zeichens entstanden und das noch auffälligere *na* (VIII, 29, XXI) dürfte eine Cursiventwicklung aus einem Tamil *na* der zweiten Stufe mit links am Kopfe herabhängenden Striche sein.

c8.s3.13

¹ CALDWELL, Compar. Gram. of the Dravidian Lang., 21—27.

c8.s3.14

² Anders BURNELL ESIP, 44, 47 ff., der das Vaṭṭeluttu-Alph. für unabhängig von der Brāhmī der A. Ed., aber gleichfalls für semitischen Ursprungs erklärt und das Tamil-Alph. als eine brahmanische Adaptation der Grantha-Buchst. an das phon. System des Vaṭṭeḷuttu auffasst; mit Recht bestritten als »hardly in accordance with the facts« von CALDWELL op. cit. 9.

c8.s3.15

³ SII, 1, 147, vgl. 2, Pl. 12; ganz gleich ist der Typus der Inschr. der Höhle von Vallam, op. cit. Pl. 10.

c8.s3.16

⁴ SII, 2, Pl. 14—15.

c8.s3.17

⁵ Vgl. Facs.: 10. u. 11. Jahrh. EI, 3, 284, SII, 2, Pl. 2—4; 15. Jahrh. SII, 2, Pl. 5; ungewiss, SII, 2, Pl. 8; IA, 6, 142; Alph. bei B.ESIP, Pl. 18—19.

c8.s3.18

⁶ Vgl. Venkayya in EI, 3, 278 ff.

c8.s3.19

⁷ Journ. Madras Lit. Soc., 13, 2, 1; IA, 3, 333; B.ESIP, Pl. 32 a; EI, 3, 72; Alphabet: IA, 1, 229; B.ESIP, Pl. 17.

c8.s3.20

⁸ IA, 20, 292.

c8.s3.21

⁹ IA, 1, 229; B.ESIP, 49; dagegen HULTZSCH IA, 20, 289.

c8.s3.22

¹⁰ EI, 3, 67.

c8.s3.23

¹¹ Vgl. § 25, Note 8.

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